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Sonntag, 2. Februar 2025

Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman
Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a.
Stimmen von Eva Gabor, Bob Newhart, Geraldine Page u.a.


Der abenfüllende handgezeichnete Trickfilm The Rescuers (dt.: Bernhard und Bianca - die Mäusepolizei) ist der Film an der Bruchkante; nach diesem Film zog sich die alte Garde von Walt Disneys Mitstreitern (wie Wolfgang Reithermann, Ollie Johnston und Frank Marshall) in den Hintergrund zurück, bevor sie dann in den Ruhestand traten.

So ist hier zeichnerisch und animationstechnisch und auch dramaturgisch nochmals alles allererste Sahne, bevor dann die nächste Generation übernahm - welche einem Hardcore-Disney-Fan wie mir, der mit Uncle Walts originalen Werken gross geworden ist, nicht immer zur Freude gereichte.


In "The Rescuers", wie der Film im Original heisst, sind all die subtilen erzähltechnischen Finessen, die man aus den früheren Disney-Werken kennt, noch vorhanden. Und mit Madame Medusa betritt eine der stärksten Bösewichtfiguren die Disney-Bühne. Medusa ist vor Gier halb wahnsinnig und hält das Waisenmädchen Penny in den Teufelssümpfen gefangen, weil es in die Höhle passt, in der Medusa einen riesigen Diamanten vermutet.


Es sind Details, teils winzige Details, die den Figuren und damit auch dem Film Leben einhauchen: Die Art, wie sich Mr. Snoops immer an der Säule des Treppengeländers festhält, wenn er dort um die Ecke biegt; die Art, wie sich Madame Medusa abschminkt; Bernhards abergläubische Anwandlungen und viel Anderes mehr. Hier ist der segensreiche Einfluss der begnadeten Animatoren Frank Marshall und Ollie Johnstons deutlich zu spüren. Ihre Kunst, Trickfiguren mittels scheinbar beiläufigen Ticks, Gesten, Eigenheiten zum Leben zu bringen ist einmalig in der Geschichte des Animationsfilms und ihr Fehlen war nach dem Abgang der beiden schmerzlich spürbar.


Die Exposition ist zwar etwas
umständlich - doch sobald die durchgeknallte Madame Medusa auf der Bildfläche erscheint, geht die Post ab. Aber hallo!

"The Rescuers" brachte die alte Disney-Magie nochmals so richtig zum Strahlen, bevor sie dann mit den Nachfolgefilmen und der Nachfolgegeneration langsam erlöschte.

PS: Was ich da über die Disney-Trickfilme nach "The Rescuers" schreibe, ist mit Vorsicht zu geniessen, da ich den Befund schon lange nicht mehr nachgeprüft habe. Ich gelobe hiermit, dies nach und nach zu tun, indem ich alte und neue Disneyfilme völlig un-chronologisch einmal genauer unter die Lupe nehme. Dies war der Anfang.


Der Film ist im deutschsprachigen Raum auf DVD/Blu-ray erschienen - beide sind noch erhältlich.
Im stream kann der Film bei verschiedenen Anbietern geschaut werden - Liste siehe hier.

Samstag, 25. März 2023

Dornröschen (Sleeping Beauty, 1959)


Walt Disney Produktion
Supervising Director: Clyde Geronimi
Mit den Stimmen von Mary Costa, Bill Shirley, Eleanor Audley, Verna Felton, Barbara Luddy, Barbara Jo Allen u.a.

Sleeping Beauty war der letzte Märchenfilm unter Walt Disneys Aegide. Das Studio arbeitete acht Jahre daran. Der frühere Trickzeichner Clyde Geromini, der schon seit den frühen 50er-Jahren für Disneys Langfilme Regie führte (Cinderella, Peter Pan, Alice in Wonderland), koordinierte die verschiedenen am Film beteiligten Abteilungen. Doch wie immer hielt Meister Disney selbst im Hintergrund die Fäden in der Hand und achtete penibel darauf, dass der Film nach seinen Vorstellungen gefertigt wurde. Disneys Perfektionismus führte dazu, dass die Sequenz, in welcher Prinzessin Aurora den Prinzen zum ersten Mal trifft, vier Mal von Grund auf neu begonnen werden musste, was das Studio gemäss Berichten beinahe in den Ruin trieb.

Disneys Hartnäckigkeit hatte sich - wie immer - gelohnt: Sleeping Beauty ist auf allen Ebenen von einer Schönheit und Perfektion, wie man sie im heutigen Animationsfilm kaum mehr findet. Für das künstlerische Design engagierte Disney den Künstler Eyvind Earle, der Sleeping Beauty einen Look verpasste, wie man ihn bislang in keinem Disneyfilm gesehen hatte.
Alles passt perfekt zusammen, das Art Design, die Musik (nach Tschaikowsky), die herausragende Animation, die einfallsreich gezeichneten Figuren. Obwohl Sleeping Beauty immer als zweitrangiges Disney-Werk angesehen wurde, war ich von dessen effektiver Qualität positiv überrascht. Es gibt keine tote Minute darin, sogar die beiden Liebenden wirken lebendig und sympathisch - und die oben erwähnte schwierige Sequenz, in der die Prinzessin ihrem Prinzen zum ersten Mal begegnet, ist ein Lehrstück an filmischer Erzählkunst. Sie ist so bezaubernd und erfrischend, dass man sie getrost als beste Szene des ganzen Films und als einen Highlight in Disneys Werk bezeichnen kann.

Dornröschen lässt sich im deutschsprachigen Raum problemlos im Stream oder auf Blu-ray/DVD finden.

Ferner liefen:
Unter diesem Titel werden hier andere von mir geschaute Filme kurz besprochen, Filme, die in meinem Empfinden gegenüber dem oben beschriebenen weniger gut abschnitten. Doch Achtung: Auch hier können Perlen dabei sein!
Wer sich näher über die einzelnen Werke informieren möchte, möge auf den jeweiligen Link klicken, der zur englischsprachigen Internet Movie Database führt.

Leider flach: Last Vegas (2013)
Morgan Freeman, Michael Douglas, Robert DeNiro, Kevin Kline und Mary Steenburgen: Ein hochkarätiges Quintett - in einem mittelmässigen Film.
Vier Jugendfreunde kommen nach Jahren wieder zusammen, um eine Jungesellenparty zu feiern. Billy (Michael Douglas), der erfolgreichste des Quartetts, heiratet in Las Vegas seine viel jüngere Freundin. Alte Querelen flackern wieder auf, das Altwerden wird thematisiert und eine bejahrte Clubsängerin (Mary Steenburgen) verdreht zweien von ihnen den Kopf.
Man schaut dank der tollen Schauspieler gerne zu, doch eigentlich ist die Besetzung Perlen vor die Säue geworfen, denn Dan Fogelmans Drehbuch kommt nach einem gelungenen Start einfach nicht in die Gänge und mäandert von einer Platitüde zur nächsten.

Schön, aber..
. Ein liebenswerter Schatten (Follow Me! 1972)
Regie: Carol Reed, Drehbuch: Peter Shaffer - was kann da schiefgehen? Tja, leider... Hier gilt das umgekehrte wie oben: Tolles Drehbuch, solide Regie, aber ein schlechter Hauptdarsteller, der derart stört, dass man den Film nicht so richtig geniessen kann.
Der damals unbegreiflicherweise gefeierte israelische Schauspieler Chaim Topol tritt hier als einen Privatdetektiv auf, der die Gattin (Mia Farrow) eines eifersüchtigen Anwaltes (Michael Jayston) beschatten muss und sich auf Distanz in sie verliebt. Sein Schauspiel ist einfach nur schlecht und weil er im Zentrum steht, ruiniert er einen Film, der das Zeug zum Klassiker gehabt hätte. Farrow und Jayston geben ihr Bestes, doch leider hilft das auch nichts mehr.
Ich hatte mich schon über Topols Ruhm gewundert, als ich mir das gefeierte Musical Anatevka mit ihm angeschaut hatte...


Montag, 17. Januar 2022

Seh-Empfehlung 32: Encanto (2021)

 

Beim neusten Computeranimationsfilm aus dem Hause Disney zog ich bereits nach den ersten fünf Minuten die Flucht in Erwägung. Da wird in einer kurzen Rückblende die tragische Geschichte des vor bösen Eroberern flüchtenden Ehepaares Madrigal berichtet. Als der Ehemann vor ihren Augen umgebracht wird und seine Gattin Alma mit drei Babys allein zurückbleibt, ereignet sich sogleich ein Wunder, welches dafür sorgt, dass Almas Nachkommen beschützt und behütet bleiben. Das wird mittels einer sinnlähmenden bildnerischen Kitsch-Explosion so explizit dargestellt, dass man kaum mehr dran denkt, sich zu fragen: Woher? Weshalb? Wozu? Und wieso schliesst das Wunder ein selbständig denkendes, lebendes Haus mit ein?
Diese Fragen werden auch später, im Verlauf der Handlung, nicht beatwortet.

Ich wollte mich schon aus dem Kinositz erheben, da wurde der erste Song geschmettert. Ach ja, ich vergass, Encanto ist ein Musical. Ganz in der guten, alten Disney-Tradition.
Im Lied "The Family Madrigal"  werden die einzelnen Familienmitglieder und deren Wunderkräfte vorgestellt. Und plötzlich platzt eine entwaffnende Verspieltheit der Inszenierung, eine Einfälle-Fülle und ein Witz ins Geschehen hinein, der mich das Vorhaben des Mich-Erhebens auf später verschieben liess.

Um es kurz zu machen: Ich bin dann bis zum Abspann sitzen geblieben.

Hat man lebendige Häuser und unerklärliche Wunder einmal akzeptiert - und der Film erleichtert einem diesen Schritt mit einer in hohem Tempo vorwärts dreschenden Handlung (will heissen: er lenkt damit geschickt von der Schwachstelle ab) - dann kann man sich dem entwaffnenden Charme nicht mehr entziehen.
Disneys Leute entfachen ein visuelles Feuerwerk, das wohl nicht zufällig an den Disney-Klassiker The Three Caballeros von 1943 erinnert, der auch in Südamerika spielte. Über den Zuschauer wird ein Füllhorn von Einfällen, Gags und Bildern ausgeleert, das schlicht wehrlos macht. Muss man das bemängeln?

Nein, die Lebensfreude in Encanto ist ansteckend und tut gut. Man kann zurücklehnen, den Film geniessen und sich am Einfallsreichtum der Inszenierung freuen (Jared Bush, Byron Howard & Charise Castro Smith) - im Wissen, dass am Ende sowieso alles gut kommt.

Bevor ich bei Encanto hängen geblieben bin habe folgende Filme wegen "nicht gut" abgebrochen:
- Ghostbusters
(1984)
Der originale Ghostbusters - mir gefiel der schon damals nicht: Ich fand ihn weder lustig noch originell. Der gleiche Effekt stellte sich bei der erneuten Visionierung fast 30 Jahre später wieder ein. Wieder empfand ich die Hauptfiguren als unsympathisch (Bill Murray) und fad (Dan Ayckroyd und Harold Ramis), und Sigourney Weaver erachte ich in diesem Film noch immer als fehl am Platz.
Schade. Es gibt Filme, die gewinnen mit den Jahren - Ghostbusters gehört nicht dazu.

Encanto läuft zur Zeit noch in einigen Kinos - die Blu-ray/DVD erscheint am 22. Februar.

Donnerstag, 15. April 2021

Seh-Empfehlung 26: Drei Caballeros (1944)


USA 1944
Originaltitel: The Three Caballeros
USA 1943
Mit Aurora Miranda, Carmen Molina, u.a.
Regie: Norman Ferguson (Gesamtleitung), Clyde Geroninmi, Jack Kinney, Bill Roberts und Harold Young
Produktion: Walt Disney

Vor der Sichtung:
Über die meisten Filme Walt Disneys wurde schon genug gesagt und geschrieben. Ausser über Three Caballeros, den ich als Disneys unterschätztes Meisterwerk bezeichnen möchte (im Gegensatz zu Fantasia, der den semi-offiziellen Titel „Disneys anerkanntes Meisterwerk“ trägt).
Tatsächlich sticht Three Caballeros bereits auf den ersten Blick aus dem Gros von „Uncle Walts“ familientauglichen animierten Abendfüllern heraus: Durch seine Aufmachung, seinen Inhalt, sein Artwork und seinen sexuellen Unterton.
Wir haben es hier mit einem Epiosodenfilm zu tun, dem zweiten aus Disneys Schaffensbereich, der sich mit den „südamerikanischen Freunden“ befasst. Bereits ein Jahr zuvor entstand der ähnlich gelagerte Saludos Amigos, quasi als Nebenprodukt einer politisch motivierten „Good Neighbours“-Tour  des Studiochefs und einiger Mitarbeiter nach Südamerika (man suchte nach Einigkeit gegen Hitlerdeutschland).
Einer Not folgend verlegte man sich während des Krieges auf die Produktion von Episodenfilmen. Viele wertvolle Mitarbeiter waren eingezogen worden, zudem brach der europäische Markt weg – das Studio sah sich aus personellen und finanziellen Gründen ausserstande, weiter Langfilme im Stil von Pinocchio zu produzieren. Ein Episodenfilm brachte den Vorteil, dass mehrere kleine Teams gleichzeitig an je einem Kurzfilm arbeiten konnten und der immense Koordinationsaufwand der Langfilme wegfiel. So konnte innert nützlicher Frist ein „neuer Disney“ in die Kinos gebracht werden.
Saludos Amigos verband seine vier „Shorts“ mehr schlecht als recht, indem man alle unter das gleiche Motto (Südamerika) stellte. Hüben wie drüben hatte der Film Erfolg, und so beschloss man, nachdem sich die Arbeitssituation im folgenden Jahr noch nicht verbessert hatte, mit Three Caballeros nochmals auf dasselbe Pferd zu setzen. Doch irgendwie geriet das Projekt aus der vorgegebenen Fassung; die Episoden begannen zu wuchern, es wurden viel mehr als vier und die Übergänge wurden so fliessend, dass das Etikett „Episodenfilm“ dem fertigen Film gar nicht mehr gerecht wird. 

Inhalt / Nach der Sichtung:
Three Caballeros
beginnt mit einem riesigen Geschenk, das Donald Duck aus Südamerika erhält. Im Paket befindet sich ein Filmprojektor, der den Zuschauer mitnimmt ins amerikanische Nachbarland. Es folgen zwei Kurzfilmepisoden und man wähnt sich im gleichen Konzept, das bereits im Vorgängerfilm angewendet wurde. Doch dann wird einem buchstäblich der Boden unter den Füssen weggezogen. Mit dem Auftauchen des brasilianischen Papageis José Carioca, der bereits in Saludos Amigos einen denkwürdigen Auftritt hatte, kippt der Film in den Surrealismus, der für die restliche Filmdauer mit überraschender Konsequenz durchgehalten wird. Da wird ein animationstechnisches Feuerwerk abgebrannt, das es in dieser psychedelischen Abgefahrenheit bei Disney vorher und nachher nie mehr gab – der Folgefilm Alice in Wonderland und der sich „seriöser“ gebende Fantasia kommen dem noch am nächsten, doch dort scheint der Irrsinn immer nur partiell und in eher abgemilderter Form auf.
In Three Caballeros vervielfältigt sich eine Figuren plötzlich zu einem aus ihr selbst bestehenden Chor, um sich gleich darauf zu einer riesenhaften Ausgabe seiner selbst wieder zu vereinen, da geraten Charaktere in die Tonspur, werden von ihr „eingesogen“, grotesk deformiert und wieder ausgespuckt, da rast die verliebte Zeichentrickente Donald wie ein Verrückter an der Copacabana hinter real gefilmten Mädchen her, die ob seiner Liebestollheit kreischend die Flucht ergreifen, Züge rasen in irrem Tempo über absurd geführte Schienenstränge, die ein verrückter Vogel vorneweg in die Landschaft malt, die realen Schattenrisse tanzender Männer verwandeln sich in jene kämpfender Zeichentrick-Hähne, und immer wieder tauchen Real-Life-Schauspielerinnen auf (u.a. die bezaubernde Aurora Miranda, Schwester der bekannten gleichnamigen Carmen), die von einem weibstollen Donald durch die surrealen Dekors gejagt werden, bis auch letztere nicht mehr bleiben, was sie waren und anfangen, in immer wilderem Reigen zu mutieren. Das alles verbindet sich nach den beiden noch recht konventionellen Anfangsepisoden zu einem visuellen Wahnsinnstrip, wie er im Populärfilm selten oder gar nicht zu sehen ist. Three Caballeros, das ist „Disney auf Drogen“. Kaum zu glauben, aber wahr.
Die visuelle Fantasie, die hier aufgewendet und von „Uncle Walt“ zugelassen wurde, scheint grenzenlos, und so ist Three Caballeros vor allem ein Fest fürs Auge, das von exzellenten Ohrwürmern aus der Feder des mexikanischen Komponisten Manuel Esperon angeheizt wird. Ward Kimball, einer der Chefzeichner des Disney-Studios, gab zu Protokoll, dass Three Caballeros der einzige Film sei, mit dessen Ergebnis er vollkommen zufrieden sei.

Ein Unikum im Werk des globalen Märchenonkels; es erstaunt nicht, dass Three Caballeros die wahrscheinlich am wenigsten populäre Trickfilmschöpfung Walt Disneys ist. Er wurde als einziger Disney-Film nach seiner Uraufführung später nicht mehr als Re-Edition in den Kinos gezeigt.
Gleichzeitig ist der Film aber ein eindrückliches Zeugnis – das letzte – für Disneys ursprüngliche Experimentierlust, die nach vielversprechenden Anfängen (von der Silly Symphony-Serie über den ersten langen Animationsfilm Snow Withe und den singulären Fantasia bis zu den Three Caballeros) nach dem Misserfolg der beiden letztgenannten endgültig dem Hang zur Popularisierung gewichen ist.

Den Film gibt's auf DVD oder bei Disney+ zu sehen.




Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...