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Donnerstag, 25. Februar 2021

Meine Film-Woche (18. bis 25. Februar)

Alle geschauten Filme der letzten Tage...
1. Der Galgenstrick (Goin' South, 1978)
2. That Good Night (2017)
3. Greedy (1994)
4. Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin (Ruby Sparks, 2012)
5. Mary und der Millionär (The Devil and Miss Jones, 1941)

...und deren kurze Besprechung:
Als Der Galgenstrick entstand, war Jack Nicholson bereits eine feste Grösse in Hollywood - die Grosserfolge Chinatown und Kuckucksnest hatte da bereits hinter sich. Im Galgenstrick inszenierte er sich als Regisseur gleich selbst. "Das hätte er besser bleiben lassen", war ich versucht, zu schreiben. Allerdings hätte wohl auch ein anderer Regisseur das schwache Drehbuch nicht oder nur geringfügig aufzuwerten vermocht. Die Geschichte um einen glücklosen Banditen, der von einer Frau vorm Galgen gerettet wird, weil sie ihn als Arbeitstier in ihrer Mine braucht, zieht sich endlos dahin; Nicholson versucht, sein fehlendes Gespür für Dramaturgie mit wildem Grimmasieren wett zu machen, was natürlich kein Ersatz ist.

Fast noch öder kommt das Drama That Good Night des Briten Eric Styles daher. John Hurt - in seinem vorletzten Film - spielt einen todkranken egozentrischen Schriftsteller, der sich mit seinem erwachsenen Sohn versöhnen möchte. Das haben wir schon unzählige Male besser gesehen. That Good Night ist eine zähe Mischung aus Soap Opera und Trivialroman; John Hurt brilliert schauspielerisch, der ganze Rest gelangt aber nie übers Mittelmass hinaus.

Greedy ist eine peinliche Klamotte um eine dysfunktionale Familie, die auf das Ableben des reichen Onkels Joe (Kirk Douglas) wartet. Als zu dessen Geburtstag der verschollen geglaubte Lieblingsneffe des Alten (Michael J. Fox) auftaucht, läuft der von Gier getriebene Irrsinn der anderen vollends aus dem Ruder. Plumper, aufdringlicher "Humor", der zudem ohne inszenatorisches Gespür durchgepeitscht wird.

Ruby Sparks - Meine fabelhafte Freundin beginnt interessant, fällt aber nach ca. 20 Minuten ab, in ganz un-fabelhafte Gefilde. Die Geschichte ist alles andere als neu: Einem ideenlosen Jung-Autor erscheint eines Nachts ein Mädchen im Traum, das ihn zur Niederschift eines neuen Romans inspiriert. Als er über sie schreibt, erscheint sie plötzlich leibhaftig, als Teil seines Lebens.
Woody Allen (mit The Purple Rose of Cairo) und Marc Forster (mit Stranger Than Fiction) haben Ähnliches ungleich besser gemacht, Drehbuchautorin Zoe Kazan dagegen fällt nichts Neues oder Packendes zum selben Thema ein: Ruby Sparks fällt dank eindimensionaler Charaktere und mangelndem Witz flach.

Auch Mary und der Millionär erzählt eine Geschichte mittels Uralt-Mustern, die schon 1941 nicht mehr frisch waren: Ein reicher Geschäftsmann mischt sich in einem seiner Läden als Verkäufer getarnt unter das einfache Volk, mit dem Ziel, eine kommunistische Agitation gegen ihn aufzudecken. Natürlich wird er vom Charme der kleinen Leute bekehrt und auf den richtigen Weg gebracht. Flach, unglaubwürdig und vorhersehbar, zudem holprig inszeniert und mittelmässig gespielt - Frank Capra hat sowas um Klassen besser gemacht!

Fazit: Diesmal war kein Film dabei, den ich als Seh-Empfehlung bezeichnen möchte.

Montag, 4. Januar 2021

Toy Story 4: Alles hört auf mein Kommando (Toy Story 4, 2019)

Regie: Josh Cooley
Drehbuch: Andrew Stanton und Stephany Folsom
Mit den Originalstimmen von Tom Hanks, Tim Allen, Annie Potts, Tony Hale u.a.

Inhalt: Im nunmehr vierten Teil der bekannten Pixar-Serie leben unsere Spielzeugfiguren im Heim der kleinen Bonnie, welche ihrem Kindergarten-Schnuppertag mit Panik entgegensieht. Als es soweit ist, bastelt sie sich dort aus Wegwerfmaterial eine Figur zusammen, die sie "Forky" nennt und zu ihrem Lieblingsspielzeug erklärt. Cowboy Woody und seine Mit-Spielzeuge führen Forky sorgsam in ihre Welt ein. Auf einer Campingfahrt kommt Forky allerdings abhanden, was für Bonnie einer Katastrophe gleichkommt. Woody schickt sich an, den verlorenen Kameraden heim zu holen, geht dabei fast verloren und gerät in seltsame Verwicklungen.

Figurenzeichnung: Woody und seine Spielzeugfreunde bleiben auch im vierten Teil eher formelhaft - allerdings wird dieser Mangel auf anderen Ebenen wettgemacht. 

Gehalt: Mit Toy Story 4 kommt ein weiterer Pixar-Film, der sich mit der Kindheit und der Psychologie der Kleinen befasst. Diesmal wird die Wichtigkeit von Spielsachen für deren Menschwerdung und die psychische Gesundheit auf anrührende Weise thematisiert. Der Film regt in dieser Hinsicht zu vertiefteren Gedanken und Einsichten an. Witzigerweise ist sich Woody dieser Wichtigkeit und der immensen Verantwortung, die er trägt, bewusst und er handelt dementsprechend verantwortsvoll und selbstlos. Dadurch erhält er Vorbildcharakter, ein Vorzug des Films, der nicht genug gewürdigt werden kann.

Detailreichtum: Man merkt auch diesem Pixar-Film die Liebe und Freude der Macher für ihr Projekt an. Es gibt zahlreiche erzählerische Vignetten und liebevoll platzierte Nebensächlichkeiten, welche überraschen, die Erzählung beleben und die Freude bereiten.

Originalität: Toy Story 4 kommt - im Vergleich zu anderen Pixar-Werken - inhaltlich und erzählerisch eher konventionell daher.

Unterhaltungswert: Dank gut aufgebautem Spannungsbogen, Detailfreude und erzählerischem Geschick wird Toy Stroy 4 keinen Moment langweilig.

Abschliessend möchte ich bemerken, dass hier - anders als in vorausgehenden Pixar-Werken - nicht wilde, cliffhanger-befrachtete Action überhand nimmt; die Erzählung bleibt in relativ ruhigen Bahnen und konzentriert sich auf ihre Kernaussage.

Toy Story 4 ist hierzulande auf DVD, Blu-ray und im Stream einfach zugänglich.

Sonntag, 20. Dezember 2020

Kurzkritiken: Greenland, Filmverrückt, Schöne Bescherung

Greenland (2020) Mit Gerard Butler, Morena Baccarin, Roger Dale Floyd, Scott Glenn u.a.
Regie: Ric Roman Waugh
Drehbuch: Chris Sparling
E
in US-Film, in dem eine weisse Familie im Zentrum steht und - das gibt es also noch, obwohl Hollywood sich gerade im Diversity-, Gender-, Frauenquoten- und Black-Lifes-Matter-Hype gefällt.
Ist der Grund für die vielen Kritiker-Verrisse vielleicht darin zu finden? Im Umstand, dass Greenland nicht ins vom Zeitgeist vorgeschriebene Gesinnungsmuster passt? Wirklich schlecht ist Ric Roman Waughs Film nämlich nicht. Es gibt darin ein paar Logiklöcher, zudem kann ich nicht überprüfen, ob der Streifen den neusten Stand der Wissenschaft wiederspiegelt oder nicht - aber das will ich auch gar nicht, da sich wissenschaftliche Exaktheit und stringente filmische Dramaturgie eigentlich gar nicht vertragen.
Greenland
 ist ein Katastrophenfilm - und somit dem Unterhaltungsgenre zuzuordnen. In seinem Zentrum steht eine amerikanische Familie, die dank Ehemüdigkeit der Eltern kurz davor steht, auseinanderzubrechen - für den neunjährigen Nathan (Roger Dale Floyd) eine Katastrophe. Die innere Katastrophe wird gespiegelt durch eine äussere - der riesige Komet, der laut Berechnungen eigentlich an der Erde hätte vorbeizischen sollen, rast direkt auf sie zu. Nichts kann ihn und seine tausende von Splittern stoppen, die Welt ins Chaos zu stürzen.
Fast von einem Moment zum nächsten kippt die saubere kleinstädtische Fassaden-Idylle in einen Albtraum aus Zerstörung und Chaos, die hirnerweichende Zufriedenheit des allgemeinen Wohlstandes weicht dem Kampf ums nackte Überleben. Für die beiden Eheleute im Streit (Gerard Butler und Morena Baccarin) zählt, nachdem jegliche Sicherheit und Perspektive weggebröckelt ist, plötzlich nichts anderes mehr als der Zusammenhalt der Familie und die Unversehrtheit ihrer Mitglieder. Die Beziehungskrise erscheint vor dem Hintergrund des drohenden Weltenbrandes als Luxusproblem.
Man rauft sich zusammen und durchlebt all die schrecklichen Momente, die so eine existentielle Bedrohung mit sich bringt - die meisten haben mit Mitmenschen zu tun, denen die drohende Katastrophe Tugenden wie Nächstenliebe und Mitgefühl ausgetrieben hat. Jeder ist sich selbst der nächste - davor sind auch unsere beiden Hauptfiguren nicht gefeit, und das ist auch gut so, denn alles andere wäre unglaubwürdig.
Greenland
ist somit auf zwei Schienen spannend: Einerseits dank der inneren Entwicklung der Hauptfiguren, andererseits dank der Action, die so ein Katastrophenszenarium mit sich bringt. Und diese ist hier sehr gut in Szene gesetzt!
Natürlich bleibt vieles oberflächlich, was in erster Linie mit der Kürze zu tun hat, mit der das schwierige Thema in einem Kinofilm abgehandelt werden muss. Als TV-Miniserie hätte derselbe Stoff wesentlich tiefer und umfassender ausgearbeitet werden können.
Greenland ist gut geschrieben und gespielt und solide inszeniert. Kein schlechter Film!
Greenland
lief vor dem Lockdown in den Kinos; dort würde er noch immer laufen...
 

Filmverrückt (Movie Crazy, 1932)
Mit Harold Lloyd, Constance Cummings, Kenneth Thomson, Spencer Charters u.a.
Regie: Clyde Bruckman & Harold Lloyd
Drehbuch: Vincent Lawrence
Der filmverrückte Tollpatsch Harold Hall (Lloyd) fährt nach Hollywood, im Irrglauben, für den Film entdeckt worden zu sein. Dort hinterlässt er nichts als Chaos und verliebt sich in eine hübsche Schauspielerin...
Harold Lloyds dritter Tonfilm zählt für viele zu seinen besten Nicht-Stummfilmen. Das mag sein, aber einem Vergleich zu seinen grandiosen Stummfilm-Komödien hält er trotzdem nicht stand; die Gründe dafür habe ich in meiner Besprechung seines ersten Tonfilms (Welcome Danger) bereits erläutert. Drei Jahre danach besann er sich zwar verstärkt auf seine Fähigkeiten im visuellen Bereich und es gibt Sequenzen, die funktionieren, doch die grandios inszenierte dialoglose Prügelsequenz am Schluss leidet darunter, dass jegliche Musikuntermalung fehlt. Der fast lautlos ausgefochtene Kampf erscheint auf diese Weise ernsthaft statt komisch und das Fehlen von Prügelgeräuschen - die 1932 noch nicht entdeckt worden waren - bremst seine Dynamik erheblich.
Wie bereits Welcome Danger krankt zudem auch Movie Crazy an zu vielen und zu langen schlechten Dialogsequenzen, welche den Film künstlich in die Länge und in die Langeweile ziehen. So ist die Liebesgeschichte zwischen Lloyd und Constance Cummings ein unergiebiges, ermüdendes Hin- und Her ohne wirkliche Komik.
Movie Crazy befindet sich in der hierzulande erschienen, inzwischen aber vergriffenen 10-DVD-Box "Harold Lloyd Edition", in welcher neben fast allen Tonfilmen des Komikers auch die grandiosen Stummfilm-Klassiker zu finden sind.

Schöne Bescherung (National Lampoon's Christmas Vacation, 1989)
Mit Chevy Chase, Beverly D'Angelo, Juliette Lewis, Johnny Galecki, Randy Quaid, Diane Ladd, E.G. Marshall u.a.
Regie: Jeremiah Chechik
Drehbuch: John Hughes
Im Jahre 1929 erschien ein Film namens Big Business, in welchem Stan Laurel und Oliver Hardy als Weihnachtsbaumverkäufer auftraten. Trotz der weihnachtlichen Thematik handelt der Film von Chaos und Zerstörung. Genau 70 Jahre später entstand mit
National Lampoon's Christmas Vacation ein Film im Geiste des alten Stan & Ollie-Klassikers. Hier versucht ein braver Familienvater (Chevy Chase), eine schöne Familienweihnacht auf die Beine zu stellen - am Schluss liegt das Haus praktisch in Trümmern. Gekonnt inszenierter Slapstick à la Stan & Ollie ist in dieser Komödie ebenso zu finden wie feines schauspielerisches Understatement, hier wie dort halten sich das Grobe und das Feine die Waage. Das funktioniert wunderbar, nicht zuletzt dank eines gut gearbeiteten Drehbuchs, das mit einigen köstlichen Episoden und einer guten Portion anarchischem Humor aufwartet, hervorragenden schauspielerischen Leistungen und einer Regie, die das alles inszenatorisch schnörkellos auf den Punkt bringt.
In den USA gehört der Film zu den Festtagsklassikern - ein Blick lohnt sich auch für Nicht-Amerikaner. Er ist bei uns auf DVD und Blu-ray erhältlich, zudem führen ihn mehrere Streaming-Dienste in ihrem Programm. Fröhliche Festtage!


Sonntag, 22. November 2020

Meine Filmwoche (Kurzkritiken: Einsame Entscheidung, Schloss des Schreckens, weisser Teufel)

Einsame Entscheidung (Executive Decision, 1996) ist der beste Film, den ich diese Woche gesehen habe. Der Actionfilm, von dem ich bislang nie etwas gehört hatte, entpuppte sich als Überraschungshit!
Ein Passagierflugzeug wird von islamistischen Terroristen gekapert und zur Landung in Washington gezwungen - vorgeblich, um einen in den USA festgehaltenen Terroristen-Boss freizupressen; doch gemäss dem Terrorspezialisten David Grant (Kurt Russell) verfolgen die Entführer einen ganz anderen Plan. Grant vermutet richtig: An Bord ist eine Bombe mit einem tödlichen Nervengas versteckt, und die soll bei der Landung in Washington gezündet werden. Tod den Ungläubigen - so lautet die Mission des Anführers Nagi Hassan (David Suchet).
Mittels eines militärischen Spezialflugzeugs wird während des Flugs von allen Flugzeuginsassen unbemerkt eine militärisches Sonderkommando an Bord geschleust. Dieses nistet sich in den Zwischenräumen um die Passagier-Einheit herum ein, sucht fieberhaft und vor allem mucksmäuschen-leise nach der Bombe und einer Gelegenheit, die Terroristen unschädlich zu machen. Das Unternehmen wird allerdings durch zahlreiche unvorhergesehene Erschwernisse behindert...
Executive Decision ist zum Nägelkauen spannend. Die Spannung reisst keinen Moment ab, praktisch bis zur letzten Minute. So findet man kaum Zeit, zu bemerken, dass die Charaktere eindimensional gezeichnet und ziemlich flach sind und dass das Drehbuch die Spannung künstlich forciert. Die Story ist aber derart geschickt konstruiert, dass dies kaum ins Gewicht fällt. Man kommt bei all den Beinahe-Katastrophen, Rettungen in letzter Sekunde und tatsächlichen Unglücken kaum zum Luftholen. Dass mit Grant/Russell ein bisweilen recht linkisch agierender Anti-Held im Mittelpunkt steht, macht den Film zudem sympathisch.
Eine gute Portion Unernst und die ausnahmslos punktgenau passend besetzten Schauspieler und Schauspielerinnen runden das Vergnügen ab. Der Regie-Erstling des Cutters Stuart Baird kann sich sehen lassen!
Dass Exekutive Decision 9/11 praktisch vorweg genommen hat, wirkt im Nachhinein unheimlich.
Eine ausführliche Kritik dieses Films folgt möglicherweise demnächst auf diesem Blog...

Ferner liefen...

Schloss des Schreckens (The Innocents, 1961) Bei diesem über jeden erdenklichen cinéastischen Klee gelobten Film waren meine Erwartungen naturgemäss gross...
...und fast ebenso gross die Ernüchterung.

Als die Gouvernante Miss Giddens (Deborah Kerr) im riesigen englischen Herrenhaus ankommt, wo sie ihre beiden minderjährigen neuen Schützlinge zu beaufsichtigen hat, spürt sie schon, dass auf dem Landsitz etwas nicht stimmt: Die Kinder sind höflich, aber seltsam und sie Haushälterin Miss Grose (Megs Jenkins) scheint mehr zu wissen, als sie herauszurücken gewillt ist. Nach und nach kommt heraus, dass die vorherige Gouvernante unter schrecklichen Umständen verstorben ist, ebenso ihr Liebhaber, der ehemalige Diener. Die beiden Toten scheinen keine Ruhe zu finden. Nach einigen unheimlichen Erscheinungen keimt in Miss Giddens der Verdacht, die Geister der Verstorbenen hätten sich der Kinder bemächtigt...

Diese Henry-James-Adaption (von dessen Novelle The Turn of the Screw) fasziniert seine Betrachter mit erlesener Ausstattung, sublimer Lichtregie und geschmeidigem Erzählfluss. Regisseur Jack Clayton - das fiel mir bereits bei der Visionierung von The Great Gatsby auf - hat ein Auge fürs Bildnerische. Auch The Innocents ist grandios inszeniert!

Doch leider wirkt das Ganze artifiziell, leblos, blutleer. Man hat das Gefühl, jedes Detail sei mit der Pinzette drapiert worden, jedes Bild sei ein wertvolles Gemälde, das man nur aus Distanz betrachten dürfe. Distanziert - und distanzierend - wirkt denn auch der Film. In die Figurenentwicklung wurde nicht mal ein Drittel des Efforts investiert, der für die Ausstattung verwendet wurde.

Leider gehen mangelnde Charakterzeichnung und aseptischer Ästhetisierungs-Overdrive Hand in Hand und entrücken den Film in Gefilde jenseits des Publikumsinteresses. Er beietet zwar ein beträchtliches Schauvergnügen, besitzt aber weder Erkenntniswert noch vermittelt er Emotionen.

Der weisse Teufel von Arkansas (Ride A Crooked Trail, 1958) Dieser kaum bekannte Western bringt Audie Murphy und Walter Matthau zusammen - ein seltsames Paar. Deshalb wollte ich ihn mir ansehen.
Bankräuber Joe Maybe (Murphy) reitet auf der Flucht durch eine Kleinstadt, in der gerade ein Sheriff gesucht wird. Weil Maybe dem ihn verfolgenden Gesetzeshüter den Stern abgenommen hat, wird er von Richter Kyle (Matthau) für den idealen Anwärter auf die Stelle angesehen - er nimmt sie zu Tarnzwecken an, interessiert sich am neuen Ort aber vor allem für die Bank.
Als eine alte Bekannte von ihm auftaucht (Gia Scala), gibt er sie für seine Frau aus. Sie kommt allerdings als Teil einer Bande, die es ebenfalls auf die Bank abgesehen hat. Während Maybe und seine "Gattin" Tessa im Städtchen heimisch werden, nähert sich Tessas "Freund" (Henry Silva) und seine Böse-Buben-Truppe...
Die Story klingt interessant und ist es streckenweise auch - das Drehbuch ist das beste an dem Film; besonders gut ist es aber auch nicht: Die Figuren bleiben eindimensional und schablonenhaft. Regisseur Jesse Hibbs inszeniert das ganze solide, aber schleppend.
Die Hauptdarsteller können diese Mängel auch nicht ausbügeln: Audie Murphy war nie ein besonders guter Schauspieler, Gia Scala ist einfach schlecht und Walter Matthau übertreibt schauerlich beim Versuch, den anderen die Show zu stehlen.
So ist Ride A Crooked Trail ein Western, den man getrost überspringen kann.

Montag, 16. November 2020

Meine Filmwoche (Kurzkritiken: Reise, Terminator, Ich liebe dich,)

Reise aus der Vergangenheit (Now, Voyager, 1942) ist der beste Film, den ich diese Woche gesehen habe!
Charlotte Vale (Bette Davis), Tochter einer einflussreichen Bostoner Familie, ist das hässliche Entchen der Familie. Jahrelanges Leiden unter der Fuchtel einer herzlosen, erdrückenden Mutter (Gladys Cooper) haben Charlotte zu einem nervlichen Wrack und einer alten Jungfer gemacht. Als ihre Schwester Lisa (Ilka Chase) ihr den Psychiater Dr.Jaquith (Claude Rains) vorstellt, beginnt für Charlotte eine Reise in die Unabhängigkeit. Auf einer Kreuzfahrt lernt sie zudem in Jeremiah Durrance (Paul Henreid) den Mann ihres Lebens kennen - der allerdings verheiratet ist und zwei Töchter hat...
Nein, Now, Voyager ist nicht die Schmonzette, als die sie sich in der Zusammenfassung präsentiert! Die Liebesgeschichte nimmt einen vergleichsweise kleinen Teil dieses überraschenden Films ein. Am Schluss geht es drum, wie die Liebe zwischen zwei Menschen sich in etwas Grösseres verwandelt; die Heldin ist nicht, wie in Filmen aus jener Zeit üblich, das schmachtende Heimchen, dass sich nichts sehnlicher wünscht, als sich einem Mann unterzuordnen. Charlotte ist am Ende des Films eine starke, unabhängige Frau, die ihre Liebe in grösseren Dimensionen sieht als nur bis zum Happy End mit dem Mann ihrer Träume. 
Now Voyager hat Grösse - eine Grösse, die der Film wohl zum Teil der Romanvorlage von Olive Higgins Prouty verdankt. Doch Casey Robinson (Drehbuch) und Irving Rapper (Regie) erreichen eine wunderbar ausbalancierte, von A bis Z packende filmische Umsetzung des Stoffes, indem sie vorhersehbare Wendungen und Clichées geschickt vermeiden.
Unterstützt werden sie von einer fabelhaften Schauspieler-Truppe. Bette Davis und Paul Henreid funktionieren wunderbar zusammen, beide strahlen echte Zuneigung zueinander aus. Sämtliche Co-Stars sind erstklassig - und so wurde "Now, Voyager" zum Kassenhit des Jahres 1942. 
Man kann ihn noch heute mit Gewinn ansehen. 
Eine ausführliche Kritik dieses begeisternden Films folgt demnächst auf diesem Blog...

Ferner liefen...

Terminator (The Terminator, 1984) Aus einer düsteren Zukunft, in welcher Maschinen die Herrschaft übernommen haben und die Menschheit auszulöschen drohen, reisen zwei Gestalten durch die Zeit zurück ins Los Angeles des Jahres 1984 -  die eine gut, die andere böse.
Der Böse ist ein Roboter in Menschengestalt, Terminator genannt (Arnold Schwarzenegger) - er hat es auf eine gewisse Sarah Connor (Linda Hamilton) abgesehen mit dem Auftrag, sie zu töten. Der Gute heisst Kyle Reese (Michael Biehn), ein Söldner und Wiederstandskämpfer - er muss Sarah Connor um jeden Preis beschützen.
Nun ist aber Sarah Connor nichts weiter als eine ganz gewöhnliche junge Frau - was um alles in der Welt wollen die beiden Irren aus der Zukunft bloss von ihr?
James Camerons Low Budget Action-Film The Terminator katapultierte Arnold Schwarzenegger und den Regisseur zu Starruhm. Millionen wollten das Spektakel sehen, in welchem zwei berserkerhafte Typen aus der Zukunft durch die Grossstadt-Strassen karriolen und halb Los Angeles in Schutt und Asche legen. Der Film ist hervorragend gemacht, man sieht ihm sein kleines Budget selten an. Die Action reisst kaum ab und man kommt fast nicht zum Atem holen, geschweige denn, zur Erkenntnis, dass die Charaktere sehr flach und eindimensional gezeichnet sind. Aber es ist gerade das Holzschnittartige, welches einen Teil des Reizes von Camerons Erstling ausmacht: Hier Gut, da Böse und dazwischen das nette Mädchen von nebenan, das nicht weiss, wie ihm geschieht. Damit bestreiten Cameron und seine Mit-Autorin Gale Ann Hurd einen ganzen Filmabend.
Und dass der Witz in dem ganzen Spass nicht zu kurz kommt, ist ein weiteres Plus: The Terminator nimmt sich nie wirklich ernst und tischt den Zeitreise-Schmarrn mit launigen Sprüchen und grotesken Einfällen auf.
Man kann sich dem kruden Baller-Charme dieses futuristischen Blödsinns einfach nicht entziehen...
Eine ausführliche Kritik auch dieses Films folgt demnächst auf diesem Blog...

Ich liebe dich - I love you - je't aime (A Little Romance, 1979) Zwei Teenager, Daniel (Thelonious Bernard) und Lauren (Diane Lane in ihrem Filmdebüt) verlieben sich auf einem Filmset in Paris. Er ist Franzose und Filmkenner, sie ist Amerikanerin und liest Heidegger.
Die beiden machen die Bekanntschaft des alten Emile (Laurence Olivier), der von der jungen Liebe so angetan ist, dass er ihr zu Verweigung verhelfen will...

Dieser durch eine Veröffentlichung innerhalb der Criterion Collection geadelte, von George Roy Hill (Der Clou) inszenierte Film ist aus verschiedenen Gründen unerträglich. Massgeblich ruiniert wird er vom jungen französischen Hauptdarsteller Thelonious Bernard, der nicht nur ein miserabler Schauspieler ist sondern auch eine unsympathische Ausstrahlung besitzt; man glaubt keinen Moment, dass sich die Heldin für diesen aufgeblasenen, selbstverliebten kleinen Idioten auch nur interessiert. Heute arbeitet Thelonious Bernard übrigens als Zahnarzt...

Dann das Drehbuch: It stinks! Es stammt von Allan Burns, dem Erfinder einer Frühstücksflocken-Werbespot-Figur namens Cap'n Crunch - und genauso wirkt es auch. Burns schrieb vornehmlich Episoden für verschiedene Fernsehserien, was der Grund sein mag, dass die Charaktere in A Little Romance punkto Glaubwürdigkeit nicht übers Seifenopern-Niveau hinausgelangen. Sie sind flach, eindimensional, papieren - und somit uninteressant. Da hilft es auch nicht, dass Lauren über Heidegger diskutierten kann und Daniel über Hollywoodfilme besser Bescheid weiss als deren Protagonisten - im Gegenteil: Klugscheissende Teenager sind etwa das Letzte was man braucht, um dem Alltag für ein paar Stunden zu entfliehen!

Dass nicht einmal Laurence Olivier den Film aufwertet, sagt eigentlich alles aus. Mit lächerlichem Akzent spielt er hier einen romantisch verklären Franzosen - und er macht es unfassbar schlecht! Wie zu seinen Zeiten als Filmdebütant trägt er viel zu dick auf und reisst jede Szene an sich. Olivier bietet hier ein Schmierentheater, das eines grossen Mimen unwürdig ist.

Und wer hätte dies verhindern können? Der Regisseur natürlich. Schauspielerführung scheint nicht die Stärke George Roy Hills gewesen zu sein (und ich vermute nicht, dass er hier einfach mal einen schlechten Tag hatte...)!

Diane Lane ist gut. Nur hilft das auch nichts mehr.

Sonntag, 8. November 2020

Meine Filmwoche (Kurzkritiken: Eine Braut, Mrs. & Mrs. Smith, Enola Holmes)

Eine Braut für sieben Brüder (Seven Brides for Seven Brothers, 1954) Der beste Film, den ich in dieser Woche gesehen habe, heisst Seven Brides for Seven Brothers.
Zu Filmbeginn wähnt man sich in einem dieser typischen, gesichtslosen MGM-Musicals der 50er-Jahre, die alle nicht nur ähnlich aussehen, sondern auch ähnlich klingen.
Adam Pontipee (Howard Keel) ein Farmer aus den Hinterwäldern Oregons, kommt auf seinem monatlichen Einkaufs-Ausflug in die Stadt. Neben Tierfutter und Vorräten bräuchte er auch noch eine Frau, nein, am besten gleich sieben, denn er lebt mit seinen seinen sechs Brüdern in einer einsamen Hütte in den Bergen. Millie, eine junge Servierdame (Jane Powell) verliebt sich auf den ersten Blick in den stattlichen Adam, heiratet ihn rasch und fährt mit ihm zur Hütte zurück. Dass da noch sechs weitere Pontipees wohnen, samt und sonders grässlich ungehobelte Burschen, davon wusste sie nichts.
Nach einem gehörigen Schrecken verschafft sich Millie Respekt und bringt der Saubande Manieren bei, damit auch sie einmal erfolgreich auf Brautschau gehen können.
Die ersten 20 Minuten sind mühsam. Die beiden Hauptdarsteller verkörpern eindimensionale Figuren, singen einige laue Songs, bewegen sich durch eine lächerliche Studiolandschaft mit im Hintergrund aufgemalten Kulissen - alles sieht ganz nach typischer MGM-Dutzendware aus.
Als dann aber Adams Brüder auftauchen, wendet sich das Blatt, nun kommt Komödie ins Spiel. Plötzlich steht eine unbändige Spielfreude im Vordergrund, die mitreissender wird, je länger der Film dauert. Es folgen Tanzsequenzen, die derart lebendig und virtuos in Szene gesetzt sind, dass man die anfäglichen Vorbehalte vergisst. Man merkt deutlich, dass Regisseur Stanley Donen gelernter Choreograf war.
Die sechs Brüder sind herrlich anarchisch gezeichnet, und der Film kommt dadurch immer wieder von seinem Weg der Betulichkeit ab.
Auch wenn die Hauptcharaktere flach bleiben, Howard Keel und Jane Powell schauspielerisch gegenüber den anderen abfallen, die Lieder schwach sind und viele Wendungen völlig unglaubwürdig bleiben, Seven Brides for Seven Brothers macht dank der Spielfreude, seiner schwungvollen Inszenierung und seinen Ausbrüchen in die Anarchie nach einigen Anfangsschwierigkeiten grossen Spass!
Den Film gab's hierzulande auf DVD (nur noch antiquarisch erhältlich) und er kann auch online angeschaut werden - hier die Liste der Anbieter.


Ferner liefen...

Enola Holmes (2020) Enola Holmes (Millie Bobby Brown), Sherlocks und Mycrofts kleine Schwester auf der Suche nach ihrer verschwundenen Feministen-Mutter (Helena Bonham Carter). Unterwegs stolpert sie über den Fall eines flüchtigen jungen Lords (Louis Partridge), dem ein Mörder auf den Fersen zu sein scheint.
Ein streckenweise zwar spannender, aber unsensibler und kruder Literatur-Verschnitt. Das Drehbuch schafft den Bezug zu Sherlock Holmes derart oberflächlich, dass man sich fragt, ob der berühmte Name nur Verkaufszwecken diente.
Oberflächlich - und damit langweilg - bleiben auch sämtliche Charaktere; darüber helfen auch formale Spielereien wie das In-die-Kamera-Sprechen oder die mittels witzigen Scherenschnitt-Animationen erzählten Rückblenden nicht hinweg.
Der Film ist zwar schön anzuschauen und streckenweise originell, doch er gibt nichts her und wird dort zum Ärgernis, wo er dem heutigen Zeitgeist huldigt und den militanten Feminismus in die Handlung hineinwürgt, der wie ein Fremdkörper wirkt und allzudeutlich auf die Publikumszahlen abzielt.
Die einzige Erkenntnis, die mir Enola Holmes beschert hat, ist mit der aufstrebenden Hauptdarstellerin und Produzentin Millie Bobby Brown verbunden: Ich weiss nun, dass sie auch eine komödiantische Ader hat und dass sie eine eher mittelmässige Schauspielerin ist.
Den Film kann man bei Netflix streamen.

Mr & Mrs. Smith (1941) Dies ist nicht nur der untypischste von Alfred Hitchcocks amerikanischen Filmen, in meinen Augen ist er auch der schwächste - noch vor dem berüchtigten "Paradine Case".
Der "Master of Suspense" drehte hier eine reine Komödie.
Die einen Historiker behaupten, dies sei auf eigenen Wunsch geschehen, die anderen meinen zu wissen, er sei auf Drängen von Hauptdarstellerin Carole Lombard zum Projekt gestossen, weil sie unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte.
Hitchcock selbst sagte im berühmten Interview mit François Truffaut: "I more or less followed Norman Krasna's screenplay. Since I didn't really understand the type of people who were portrayed in the film, all I did was photograph the scenes as written."
Und genauso wirkt der Film! Gesichtslos. Niemand käme bei einem Blindtest darauf, wer der Regisseur gewesen sein könnte.
Das wäre ja noch kein Unglück, wenn das Drehbuch gut wäre. Leider ist es schwach. Der erste Akt lässt sich noch ganz gut an: Mr. und Mrs. Smith (Carole Lombard und Robert Montgomery) sind seit drei Jahren verheiratet und streiten sich oft - nicht zuletzt, weil sie sich geschworen hatten, immer ehrlich zueinander zu sein. Eines Morgens äussert er, er wüsste nicht, ob er nochmals heiraten würde, könnte er die Zeit zurückdrehen. Kurz darauf kommt heraus, dass die Heitratsurkunde der Smiths ungültig ist. Zu so kommt es erneut zum Streit, sie schmeisst ihn aus der Wohnung, und wendet sich beleidigt seinem Geschäftspartner zu...
Das Portrait der beiden Titelfiguren fällt zunächst ganz witzig aus, obwohl sie schablonenhaft und unentwickelt bleiben. Nachdem die Handlung in Gang gekommen ist und eine vertieftere Figurenentwicklung unerlässlich würde, biegt Drehbuchautor Krasna ab und führt mit Smiths Kompagnon (Gene Raymond) eine dritte Hauptfigur ein, die ebenso langweilig und eindimensional geschrieben ist. Mit der Dreiecksgeschichte franst schliesslich auch noch die Handlung aus und besteht nur noch aus bemüht "lustigen", mühsam zusammengeschusterten Episoden, die nirgends hin führen. Deutlich wird dies in der von Truffaut zitierten Sequenz auf dem Rummelplatz: Da wird Spannung aufgebaut, die aber verpufft, weil die Episode keinerlei Funktion im Ganzen bekommt und auf den Rest der Handlung komplett folgenlos bleibt.
So wird Mr. und Mrs. Smith, der eigentlich vielversprechend begann, immer langweiliger. Schade um das Potential, das hier verschwendet wird: Die drei Hauptdarsteller sind hervorragend und stellen ihre komödiantische Ader eindrücklich unter Beweis. Dass daraus kein Ganzes wird, ist ein Jammer. Der Haupschuld liegt beim Drehbuch - doch Hitchcock ist nicht ganz unschuldig. Man spürt eine gewisse Unsicherheit in der Führung; es schien es ihm bei diesem Projekt nicht wohl zu sein. Komödie ohne Krimi war wohl wirklich nicht sein Ding.

 

Mittwoch, 4. November 2020

Meine Filmwoche (Kurzkritiken: Meer der Gefühle, Dialog, Long Riders, Le Mans)

Ein Meer der Gefühle (Passion Fish, 1992)
Der beste Film, den ich in dieser Woche gesehen habe, heisst Passion Fish und stammt vom heute leider in Vergessenheit geratenen Autorenfilmer John Sayles. Der kreuzdämliche deutsche Titel, Ein Meer der Gefühle, weckt Assoziationen an etwas, was Sayles Film meisterhaft vermeidet: Gefühlduseligkeit; Passion Fish ist alles andere als eine Schmonzette!
Im Zentrum steht May-Alice Culhane (Mary McDonnell), Star einer berühmten Soap-Opera, die nach einem Autounfall zur Paraplegikerin wird. May-Alice zieht sich in ihr Elternhaus in Louisiana zurück, beginnt zu trinken und verbringt ganze Nachmittage vor dem Fernseher. Bis die verschlossene junge afroamerikanische Pflegerin Chantelle (Alfre Woddard) bei ihr aufkreuzt und bei ihr einzieht. Langsam, Schrittchen für Schrittchen, öffnen die beiden Frauen sich der jeweils anderen gegenüber. Dabei wird deutlich, dass auch Chantelle ein schweres Schicksal zu tragen hat.
Passion Fish ist ein Film, der in jeder Nacherzählung wie eine Soap Opera klingt. Doch in John Sayles fähigen Händen wird das genaue Gegenteil daraus - ein erfrischendes, gänzlich unsentimentales Meisterstück, eine eindringliche Filmerzählung, die von den lebendig gezeicneten Charakteren vorangetrieben wird.
Ein hervorragendes Ensemble unterstützt ihn dabei - besonders die beiden Hauptdarstellerinnen glänzen mit ihren intensiven Darstellungen der sperrigen Hauptfiguren.
Passion Fish ist mit Abstand der beste Film, den ich diese Woche sehen konnte, ein vergessenes Meisterstück, das ich allen wärmstens empfehle, welche offen für sensible Charakterstudien sind.
Bei uns auf DVD erschienen, und auch online kann er bei einigen Anbietern geschaut werden.


Ferner liefen...

Der Dialog (The Conversation, 1974): The Conversation ist der berühmteste Film, den ich diese Woche geschaut habe, ein ausgefeiltes Werk mit einem hervorragenden Drehbuch und guter Regie, beides von Francis Ford Coppola. Er will aufzeigen, wie die Verbreitung der elektronischen Kommunikationsmittel das Recht eines jeden Menschen auf Privatsphäre untergräbt.
Coppola erzählt die Geschichte des Überwachungsexperten Harry Caul (Gene Hackman), einer der besten seines Fachs. Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, erfindet Coppola ein Worst-Case-Szenario, das mir für eine alltägliche Überwachungsgeschichte doch recht übertrieben erscheint, da Harrys ausgefeilte Überwachung zu einem brutalen Mord führt.
Einige Teile des Films sind recht nebulös, Coppola lässt sein Publikum immer mal wieder im Dunkeln tappen. Das ist beabsichtigt, und es erscheint logisch im Zusammenhang mit dem, was Coppola anstrebt, aber genau damit hat mich The Conversation abgehängt. Außerdem baut die Hauptfigur, die so völlig zurückhaltend ist, eine Distanz zwischen Publikum und Film auf, die zu einem weiteren Interesseverlust seitens der Zuschauer führen kann.
The Conversation will die Entfremdung des Menschen durch die Mittel der modernen Technik zeigen. Coppola übersetzt dieses Gefühl so gekonnt auf die Leinwand, dass ich mich komplett von seinen Figuren und seiner Geschichte entfremdet gefühlt habe. Man muss ihm also eigentlich attestieren, dass The Conversation rundum gelungen ist - der Schuss aber nach hinten losgeht: Ich mochte den Film in seiner düsteren Distanziertheit nicht und werde ihn mir bestimmt kein weiteres Mal ansehen.

Long Riders
(The Long Riders, 1980) Dieser Neo-Western ist ungewöhnlich: Die darin portraitierten Banditen (die Brüder James, Younger, Miller und Ford) werden alle von echten Brüdern gespielt: David, Keith und Robert Carradine, Stacey und James Keach, Randy und Dennis Quaid, Christopher und Nicholas Guest.
Die ersten 20 Minuten sind echt interessant, weil man versucht, die Ähnlichkeiten in den Gesichtern der Brüder zu finden (ich fand viele bei den Keaches und den Guests, aber fast keine bei den Carradines und den Quaids).
Nachdem das geklärt ist, gibt The Long Riders (Regie: Walter Hill) nur noch wenig Interessantes her. Es gibt einfach zu viele Hauptfiguren (sieben!), und der Film kann sich nicht entscheiden, auf welche er sich konzentrieren soll. Dies war wohl das Hauptproblem, mit dem die Autoren zu kämpfen hatten, denn keiner der vielen Brüder ist voll entwickelt; der Film hakt einen Handlungspunkt nach dem anderen ab, was ziemlich langweilig wird, weil er sich nicht auf die Charaktere einlässt...

Le Mans (1971) Lee H. Katzins Film begleitet mehrere Autorennteams durch das 24-Stunden-Rennen von Le Mans, zudem erlaubt er mittels dokumentarischem Filmmaterial einen Blick hinter die Kulissen. Dabei sind die Dokumentar- und die Spielfilmsequenzen so geschickt ineinander verwoben, dass der ganze Film einen realistischen Anstrich bekommt. Die Dokumentar-Teile sind das Interessanteste am Film.
Der Rest besteht aus langgezogenen Rennsequenzen, welche für Fans von Autorennen spannend sein mögen, für den Rest der Welt aber von tödlicher Langeweile. Die eingefügten fiktiven Charaktere sind weder interessant noch gut gespielt – sie sind flach und wirken wie ein Vorwand, ein Autorennen aus ungewohnten Blickwinkeln zeigen zu können.
Meine Hoffnung, nach der Sichtung zu verstehen, was an stundenlang im Kreis herumrasenden Autos faszinierend sein soll, hat Le Mans nicht erfüllt.


Montag, 26. Oktober 2020

Ferner liefen... (Kurzkritiken: verlorene Seelen / Dieb mit Klasse / Bunny Lake)

Ich möchte in meinem Blog mehr und mehr die cinèastischen Highlights vorstellen, denen ich begegne. Unter der Rubrik "ferner liefen" handle ich in Zukunft jene Filme kurz ab, die qualitativ mehr oder weniger abfallen.

Insel der verlorenen Seelen (Island of Lost Souls, 1932)
Ein Schiffbrüchiger (Richard Arlen) gerät auf die nicht kartografierte Insel eines gewissen Dr. Moreau (Charles Laugton), der dort mit Tieren experimentiert, die er operativ zu menschenähnlichen Wesen umwandelt. Recht freie Verfilmung von H.G. Wells Romanklassiker "Die Insel des Dr. Moreau".
Ich muss zugeben, dass ich diesen Film verabscheue. Ich kann ihm nicht nur nichts abgewinnen, sein Sadismus widert mich an. Was ist überhaupt der Sinn der Geschichte? Nichts Substantielles, Horror um des Horrors Willen. Natürlich kann man alles Mögliche hineininterpretieren - wie in jeden Film: Kritik am Kolonialismus, an der Religion, an der Wissenschaft... Doch für solche Raffinessen ist der Film zu krud und zu plump.
Immerhin bin ich mit meiner Abneigung in guter Gesellschaft: H.G. Wells, der Autor der Vorlage, hat den Film ebenfalls gehasst.
Allerdings ich muss zugeben, dass ich die Vorzüge des Streifens sehe, die da wären:
Charles Laughton - er ist einfach ein grandioser Schauspieler; sein Dr. Moreau ist völlig anders als jeder andere Bösewicht, den Laughton je porträtiert hat - und als jede andere Figur, die ich ihn habe spielen sehen.
Die Sets: Sie  sehen unglaublich aus. Hans Dreier hat wunderbare Arbeit geleistet und eine unheimliche Atmosphäre des Verfalls, tropischer Schwüle und fiebriger Alpträume geschaffen.
Das Make-up: Wally Westmore und Charles Gemora schufen alptraumhafte Bestien, die auch heute noch erschreckend wirken!
Die Regie: Erle C. Kenton, heute noch am besten bekannt für diesen Film und für einige frühe Abbott & Costello-Streifen, leistete tadellose Arbeit, um all die oben genannten Komponenten zur Geltung zu bringen.
Der Rest der schauspielerischen Besetzung ist zum Vergessen. Zudem: Keiner der Charaktere ist ausgearbeitet - sie alle sind platte, leblose Karikaturen. Mit anderen Worten: langweilig.
Meine Bewertung: 4 / 10


Ein Dieb mit Klasse (Jewel Robbery, 1932)
Wien 1932: Ein Juwelendieb (William Powell) geht um in der Stadt, kein Juwelier scheint vor ihm sicher.
Baronin Teri (Kay Francis) ist verwöhnt und ist verrückt nach teurem Schmuck. Deshalb hat sie einen viel älteren, dafür reichen Mann (André Luguet) geheiratet. Als Teri mit ihrer Entourage gerade beim Schmuckgeschäft Holländer weilt, um einen 50‘000 Dollar-Ring abzuholen, wird der Laden auf äusserst unkonventionelle Art ausgeraubt. Der Dieb und Teri verlieben sich ineinander…
Jewel Robbery glänzt mit witzigen Einfällen und unkonventionellen Wendungen. Diese sind grösstenteils dem Verfasser der Vorlage, Theaterautor Ladislas Fodor zu verdanken. Die Verfasser des Drehbuch setzen die Vorlage leider in den Sand – es wirkt so, als hätte jemand eine Reihe vorgegebener prickelnder Dialogzeilen in stümperhafter Weise und ohne Gefühl für den dramaturgischen Fluss zusammengefügt. Ja, der ganze Film erweckt diesen Anschein; es gibt kein richtiges Timing, einige Szenen werden über Gebühr in die Länge gezogen während andere brüsk abgehandelt werden.
Kommt dazu, dass die Figuren allesamt flach und eindimensional sind; sie entwickeln trotz guter Hauptdarsteller keinerlei Leben und weckten folglich beim Betrachter keinerlei Interesse.
Es ist nicht auszudenken, was Ernst Lubitsch aus diesem schönen Stoff gemacht hätte! Sein ebenfalls deutscher Kollege William Dieterle filmt die Vorlage fantasielos ab, Jewel Robbery wirkt, als hätte Dieterle das Projekt nicht im Mindesten interessiert.
Schade – umso mehr, weil die Vorlage deutliches Potential für eine grandiose Komödie gehabt hätte.
Meine Bewertung: 3 / 10

 

Bunny Lake ist verschwunden (Bunny Lake is Missing, 1965)
Bunny Lake is Missing ist eigentlich ein handwerklich hervorragend gemachter, sehr spannender Film.
Das Kind amerikanischer Neuzuzüger, „Bunny“ Lake, verschwindet an seinem ersten Schultag aus einer Privatschule in London. Niemand will es gesehen haben, dafür tauchen im Zug der Ermittlungen zahlreiche äusserst seltsame Charaktere auf, die alle als potentielle Entführer in Frage kommen könnten.
Trotzdem keimt aufgrund einiger Ungereimtheiten bei Superintendent Newhouse (Laurence Olivier) der Verdacht, dass „Bunny“ nie wirklich existiert hat, ja, dass das Kind der Fantasie der überspannt wirkenden Mutter (Carol Linley) entsprungen sei…
Regisseur und Produzent Otto Preminger hatte bereits zwei Drehbuchentwürfe zurückgewiesen, die Evelyn Pipers gleichnamigen Roman in Filmform umzugiessen versuchten, bevor er jenen des Ehepaares John und Penelope Mortimer als passend akzeptierte.
Wie konnte er nur? Waren die anderen beiden Entwürfe noch schlechter?
Ich kenne den Roman nicht und weiss nur, dass sich die Auflösung des Rätsels im Film von jener des Romans unterscheidet.
Die Film-Auflösung ist derart bescheuert, dass sie den ganzen schönen Film rückwirkend kaputt macht. Was zunächst solide aufgebaut erscheint, erweist sich am Ende als bewusste Irreführung des Publikums, einzig um des Effekts Willen.
Tolle Regie, tolle Schauspielerleistungen (jedenfalls Seitens der Engländer, die beiden Amerikaner, Keir Dullea und Carol Linley, fallen ihnen gegenüber deutlich ab), tolle Kameraarbeit – aber ein Drehbuch, das so ärgerlich ist, dass man kaum glaubt, dass eine solche Qualitäts-Diskrepanz im selben Film überhaupt möglich ist.
Meine Bewertung: 4 / 10

Dienstag, 8. September 2020

Das Königsspiel (Searching for Bobby Fischer, 1993) - Kurzkritik



Searching for Bobby Fischer (dt.: Das Königsspiel, 1993)
Mit Max Pomeranc, Joe Mantegna, Ben Kingsley, Joan Allen, Laurence Fishburne, Robert Stephens, David Paymer u.a.
Drehbuch: Steven Zaillian nach dem Buch von Fred Waitzkin
Regie: Steven Zaillian
Produzent: William Horberg und Scott Rudin

Kamera: Conrad L. Hall
Musik: James Horner
Studio: Mirage Enterprises

Kino/TV/DVD-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Juni 1994
Dauer: 109 min

Farbe: color


Bewertungen: 
imdb.com: 7,4 / 10 (28'814 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,5 / 5 (4'935 Stimmen)
Meine Wertung: 3 / 10



Josh Waitzkin (Max Pomeranc) ist sieben Jahre alt, als er sich plötzlich nicht nur für Schach zu interessieren beginnt, sondern darin auch gleich erstaunliche Fähigkeiten an den Tag legt. Im Park spielt er Schnellschach gegen den Arbeitslosen Vinnie (Laurence Fishburne) - und gewinnt. Als Vater Fred (Joe Mantegna) beim Schachgenie Bruce Pandolfini (Ben Kingsley) um Unterricht für seinen scheinbar genialen Sprössling anfragt, ahnt er noch nicht, dass dies für Josh praktisch das Ende seiner Kindheit bedeutet. Pandolfini sieht in ihm nämlich einen zweiten Bobby Fischer und eröffnet ihm die Welt der Junior-Schachturniere.

Searching for Bobby Fischer ist ein frühes Beispiel der Junior-Genie-Filme wie etwa Gifted (dt.: Begabt - Die Gleichung eines Lebens, 2017), wie sie in der neueren Filmgeschichte immer mal wieder auftauchen. Sie stellen einen Kinderdarsteller in den Mittelpunkt, der neben gestandenen Schauspieler-Stars zu bestehen hat. Dass dies nicht immer gut geht, zeigt dieser Film. Der zur Zeit der Dreharbeiten neunjährige Max Pomeranc macht wenig mehr als grossäugig in die Gegend starren, ab und zu mal lächeln und seinen Text relativ emotionslos herunterlispeln. Natürlich ist er noch ein Kind. Aber damit trägt man keinen Film. Und auf seinen Schultern ruht die gesamte Last des Drehbuchs.

Offenbar wurde Pomeranc gewählt, weil er tatsächlich Schach spielen konnte. Somit wirkt immerhin sein Schachspiel authentisch (was ich als Nicht-Spieler nicht überprüfen kann). Weil er nicht überzeugend schauspielern konnte, wurde er angewiesen, so wenig wie möglich zu machen. Das ergibt allerdings eine langweilige Hauptfigur mit Schlaftabletten-Wirkung.
Was die anderen Figuren des Film anbelangt: Sie sind allesamt eindimensional gezeichnete Plattitüden. Der ehrgeizige Vater, die besorgte Mutter, der genialische Schachmeister... Mehr als Abziehbilder sind die Figuren, die Drehbuchautor Steve Zaillian zum Leben zu erwecken versucht, nicht.

Damit sind wir beim Drehbuch. Ich würde es als durchwegs problematisch bezeichnen. Ja, ich weiss, dass auch der vielgelobte The Irishman (2019) von Martin Scorsese aus Zaillians Feder stammt. Ich kenne den Film nicht und kann mich dazu nicht äussern. Schindler's List - ebenfalls von Zaillian - kenne ich; deshalb war ich so erstaunt über die gravierenden Schwächen, die Searching for Bobby Fischer aufweist. 
Bis der zentrale Konflikt der Geschichte endlich erkennbar wird, vergehen 50 zähe Minuten, während derer man sich mehrmals fragt, worauf der Film eigentlich hinauswill. Zaillian schafft es bis dorthin nicht, Joshs erstaunliche Fähigkeit in irgendeiner Weise glaubhaft zu machen. Er kann einfach plötzlich Schach spielen. Punkt. Vielleicht ist das ja möglich. Aber dann hätte ein guter Drehbuchautor einen Weg gefunden, uns das zu verkaufen. Zaillian verlässt sich zu sehr auf die Tatsache, dass sein Film auf einer wahren Geschichte beruht. Weiss er nicht, dass die Realität und die artifizielle Film-Wirklichkeit sich nicht vertragen?

Als der zentrale Konflikt im Film endlich etabliert ist, lässt Zaillian ihn nebulös mal aufscheinen und mal wieder wegdämmern. Am Schluss, nicht zuletzt dank dem Happy-End, bleibt unklar, was das jetzt eigentlich war: Ein Film über die Wichtigkeit, sich die Kindheit zu bewahren? Über den Leistungsdruck der modernen Gesellschaft? Über die Willkürlichkeit und Rätselhaftigkeit von Genialität? Man darf sich von allem etwas aussuchen, der Film macht keine Aussage.
Er wirkt, als hätte der Autor aus übertriebenem Respekt oder vorauseilendem Gehorsam vor den noch lebenden Vorbildern sich auf keine Äste hinauswagen wollen.
Zusammen mit der profillosen, bisweilen konfusen Regieführung ergibt das einen Film, den man sich als Normalsterblicher getrost schenken kann.
Schachexperten werden vielleicht ihre Freude daran haben. Wie man hört, soll Zaillian zahllose Schach-Interna eingebaut haben.
 
Hierzulande kann der Film im Stream geschaut werden - hier die Liste der Anbieter.



Donnerstag, 3. September 2020

Little Princess - Die kleine Prinzessin (A Little Princess, 1995) - Kurzkritik



A Little Princess (dt.: Little Princess - Die kleine Prinzessin, 1995)
Mit Liesel Matthews, Eleanor Bron, Liam Cunningham, Vanessa Chester, Rusty Schwimmer, Errol Sitahal, Arthur Malet u.a.

Drehbuch: Richard LaGravense und Elizabeth Chandler nach dem Roman von Frances Hodgson Burnett
Regie: Alfonso Cuarón
Produzent: Mark Johnson

Kamera: Emmanuel Lubezki
Musik: Patrick Doyle
Studio: Warner Brothers

Kino/TV/Video-Auswertung im deutschsprachigen Raum: 1995
Dauer: 97 min

Farbe: color


 

Bewertungen: 
imdb.com: 7,7 / 10 (31'514 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,7 / 5 (12'869 Stimmen)
Meine Wertung: 5 / 10
 

Frances Hodgson Burnetts 1888 verfasster, noch heute populärer Kinderroman A Little Princess (dt.: Sara, die kleine Prinzessin) wurde schon unzählige Male verfilmt, u.a. mit Mary Pickford oder Shirley Temple in den Titelrollen.
Der Mexikaner Alfonso Cuarón (Gravity, Roma) fertigte 1995 für Warner Brothers eine Version, welche die schöne Geschichte durch forcierte Artifizialität fast unter sich begräbt.


Die kleine Halbwaise Sara Crewe (Liesel Matthews) reist mit ihrem Vater von Indien nach New York, wo sie in Madame Minchins Mädcheninternat eine neue Bleibe finden soll, weil der allein erziehende Vater (Liam Cunningham) in den ersten Weltkrieg ziehen muss.
Die Leiterin des Hauses (Eleanor Bron) entpuppt sich als hinterhältige Schlange, die Sara zum Dienstmädchen degradiert, als bekannt wird, dass deren Vater im Krieg gefallen ist und seine Zahlungen folglich ausbleiben. Sara schliesst Freundschaft mit dem anderen Dienstmädchen (Vanessa Chester) und fährt trotz Miss Minchins Verbot fort, die Mädchen des Internats mit ihren spannenden Geschichten zu unterhalten. Eines Tages wird im Nachbarhaus ein verwundeter Soldat mit Gedächtnisverlust einquartiert...


Cuaróns Film beweist vor allem eins: Miss Hodgson Burnetts Geschichte ist nicht totzukriegen! Der Regisseur gibt sich diesbezüglich zwar alle Mühe, scheitert aber glücklicherweise an der Vorlage und am gelungenen Drehbuch. Mit ausgeklügelt schiefen Kamerawinkeln, artifiziellen Lichtspielen, unmotivierten Kamerafahrten, nerviger aetherischer Hintergrundsmusik (von Patrick Doyle), permanent flüsternden Schauspielerinnen und dramatischen Special Effects rückt er der Vorlage zu Leibe und ertränkt deren zarten Zauber im bombastischen Inszenierungs-Kitsch. Damit nervt er gehörig, weil er dem Geist der Geschichte zuwiderläuft. Sie leuchtet aus sich heraus und bedürfte keinerlei Regie-Mätzchen. Angesichts der Tatsache, dass A Little Princess Cuaróns erster Hollywood-Film war, kommt der Verdacht auf, er hätte damit Eindruck schinden und nachhaltig auf sich aufmerksam machen wollen.

Die Schauspielerinnen und wenigen Schauspieler vermochten mich nicht zu überzeugen, vielleicht, weil sie vom Regisseur konsequent zum Flüstern angehalten wurden. Grosse Schauspieler können dramatische Zeilen auch flüsternd überzeugend abliefern, aber Kinder?
Bemerkenswert war für mich die Entdeckung, dass nicht nur permanentes Gebrüll auf der Leinwand schwer erträglich ist, sondern auch permanentes Geflüster.

Dienstag, 1. September 2020

Der Ladenhüter (Who's Minding the Store?, 1963) - Kurzkritik



Who's Minding the Store (dt.: Der Ladenhüter, 1963)
Mit Jerry Lewis, Jill St.John, Agnes Moorehead, John McGiver, Ray Walston, Francesca Bellini, Peggy Mondo u.a.
Drehbuch: Frank Tashlin und Harry Tugend
Regie: Frank Tashlin
Produzent: Paul Jones

Kamera: W. Wallace Kelley 
Studio: Paramount

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Februar 1964
Dauer: 90 min

Farbe: color




Bewertungen: 
imdb.com: 6,8 / 10 (2211 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,3 / 5 (511 Stimmen)
Meine Wertung: 6 / 10





Nach dem Bürotrottel nun also Der Ladenhüter - mein kleiner Jerry-Lewis-Wiederentdeckungs-Versuch kommt hier mangels Begeisterung zu einem vorläufigen Ende. Die beiden oben genannten und von mir willkürlich ausgewählten Filme bieten nicht viel mehr als eine Kette von lose aneinandergehängten, mehr oder weniger lustigen Gag-Sequenzen, die zudem mit für meinen Geschmack allzu brachialem Humor ausgeführt werden.

Immerhin erzählt Who's Minding the Store? eine Geschichte, auch wenn diese nur den Rahmen für Lewis' Lachnummern-Revue bildet.
Die Tochter (Jill St.John) der reichen Kaufhaus-Besitzerin Phoebe Tuttle (Agnes Moorehead) hat sich einen armen Schlucker (Jerry Lewis) als Verlobten angelacht. Um ihn zu vergraulen und ihn der Tochter madig zu machen, stellt Frau Tuttle den Verlobten in einem ihrer Kaufhäuser ein und teilt ihm nur die schlimmsten und gefährlichsten Aufgaben zu. Sie rechnet damit, dass er bald aufgibt und sich vor ihrer Tochter als Versager blamiert - doch das Gegenteil ist der Fall. 

Die Rahmenhandlung besitzt einigen Charme, der mit dem brachialen Comic-Stil des Regisseurs scharf kontrastiert. Frank Tashlin arbeitete früher als Regisseur des Warner-Trickfilmstudios und war dort für Bugs Bunny & Co. zuständig. Das merkt man dem quietschbunten Film deutlich an, der nicht nur Anleihen beim Cartoon macht, sondern auch mit absurdem Slapstick à la Mack Sennett angereichert ist (u.a. einem rasenden Staubsauger, der alles schluckt, was ihm in den Weg kommt, bis er schliesslich expoldiert). Jene Sequenzen sind, zusammen mit der Rahmenhandlung das beste an Who's Minding the Store? Sie stellen Lewis Blödeleien deutlich in den Schatten.

Den Ladenhüter gab es bei uns mal auf DVD - jetzt nur noch antiquarisch.
¨

Donnerstag, 27. August 2020

Die Teufelspuppe (The Devil-Doll, 1936) - Kurzkritik



The Devil-Doll (dt.: Die Teufelspuppe, 1936)
Mit Lionel Barrymore, Maureen O'Sullivan, Henry B. Walhall, Rafaela Ottiano, Frank Lawton, Robert Greig, Lucy Beaument, Pedro De Cordoba,  u.a.
Drehbuch: Garrett Fort, Guy Endore und Erich von Stroheim nach einem Roman von Abraham Merritt
Regie: Tod Browning
Produzent: Tod Browning und E. J. Mannix

Kamera: Leonard Smith
Musik: Franz Waxman
Studio: MGM

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: unklar
Dauer: 78 min

Farbe: schwarzweiss



Bewertungen: 
imdb.com: 7,0 / 10 (3647 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,3 / 5 (1129 Stimmen)
Meine Wertung: 9 / 10
 
Ein irrer Film, der sich keinem Genre richtig zuordnen lässt!
Banker Paul Lavond (Lionel Barrymore) sass 17 Jahre unschuldig im Gefängnis, weil drei seiner ehemaligen Compagnons ihm einen Raubmord angehängt hatten. Seine Frau überlebte die Schmach nicht und seine geliebte Tochter Lorraine (Maureen O'Sullivan) wandte sich von ihm ab. Doch nun ist Lavond dem Gefängnis entflohen und sinnt auf Rache.
Lavonds Ausbruchsgenosse, der verrückte Wissenschaftler Marcel (Henry B. Walthall) will mit einer neuen Erfindung die Versorgungsprobleme der Welt lösen. Er hat eine Methode entdeckt, Lebewesen auf einen Bruchteil ihrer Grösse zu verkleinern.
Als Marcel stirbt, übernimmt Lavond dessen Erfindung, um an seinen Compagnons Rache zu üben...


Der zweitletzte Film von "Dracula"-Regisseur Tod Brownig ist eine überraschungsreiche, absolut unkonventionelle Krimi-Märchen-Travestie-Komödie, garniert mit Elementen des Horrorfilms. Die Besetzung ist auf den Punkt perfekt - ohne die differenzierte Exzentrik Lionel Barrymores, Henry B. Walthalls und Rafaela Ottianos hätte das Ganze niemals funktioniert. Lucy Beaumont und Maureen O'Sullivan als Lavonds Mutter und Tochter sind zudem eine perfekte Ergänzung auf der Seite der "normalen" Charaktere.
Und Regisseur Tod Browning bringt genau die richtige Mischung aus Verspieltheit und Ernst in die Inszenierung, in genau der Dosis, die The Devil-Doll in die Sphären des Kultfilms erhebt.


Ein Glücksfall also - die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Um seine Opfer und die Polizei zu täuschen, läuft Lavond in Paris ständig in der Verkleidung einer gütigen alten Spielzeugmacherin herum. Auf diese Weise kann er seinen Widersachern die "Puppen" - verkleinerte Menschen - andrehen, die den Auftrag haben, sie zu paralysieren. Die Sequenzen, in denen die "Puppen" durch nächtliche Zimmer (wunderschön gefertigte Kulissen mit überdimensional vergrösserten Möbel) schleichen, sind noch heute eindrücklich anzusehen und verströmen einen ganz eigenen Charme.

Wie Barrymore den Rächer spielt, ist ein Ereignis für sich. Er ist eine gequälte, von Rachegefühlen zerfressene Seele, gleichzeitig bleibt er zutiefst menschlich und trotz aller fragwürdigen Selbstjustiz sympathisch. Ein Widerspruch, den gerade der offenbar geänderte versöhnliche Schluss nicht auflöst. Barrymores fliegender schauspielerischer Wandel vom Rächer zur harmlosen alte Frau ist zudem schlicht sensationell. Wer den gütigen Grossvater aus Frank Capras "You Can't Take it with You" (dt.: Lebenskünstler) und den verbitterten Mr. Potter aus "It's A Wonderful Life" (dt.: Ist das Leben nicht schön?) nochmal ganz anders sehen will, sollte nach diesem Film Ausschau halten.

Ob er je im deutschsprachigen Raum zu sehen war, ist nicht zu eruieren, obwohl offiziell ein deutscher Titel vorhanden ist.
Auf DVD ist The Devil-Doll in der 6-Filme-Box "Hollywood Legends of Horror Collection" der Warner Archive Collection aus den USA erhältlich.





Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...