Freitag, 29. Mai 2020

Seh-Empfehlung 2: Das alte finstere Haus (The Old Dark House, 1932)



The Old Dark House (dt.: Das alte finstere Haus / Das Haus des Grauens; USA 1932)
Mit Boris Karloff, Melvyn Douglas, Ernest Thesiger, Gloria Stuart, Charles Laughton, Eva Moore, Raymond Massey, u.a.
Drehbuch: Benn W. Levy und E.C. Sheriff nach dem Roman "Benighted" von J.B. Priestley
Regie: James Whale
Genres: Komödie, Horror
Studio: Universal
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: TV-Premiere im März 1989
Dauer: 73 min

Farbe: s/w

Eine Gruppe von Menschen sucht in einer gottverlassenen Gegend Unterschlupf vor einem sintflutartigen nächtlichen Unwetter. Die nächstmögliche Gelegenheit ist ein einsames altes, schiefes unheimlich finsteres Haus. Die Schutzsuchenden werden widerwillig eingelassen - und bald nimmt das Unheil seinen Lauf.
Nein, ich beschreibe nicht die Eingangssequenz der Rocky Horror Picture Show. Diese war eine Parodie auf die vielen Geisterhaus-Filme, die durch die gesamte Kinogeschichte... geistern. Nicht selten beginnen diese Werke mit dem obligaten Gewitter.
James Whales Version, The Old Dark House, die hier näher betrachtet werden soll, war nicht die erste dieses Horrorfilm-Subgenres, wie oft vermutet wird. Bereits in der Stummfilmzeit wurde das Sujet gerne benutzt, um dem Publikum einen wohligen Schauer über den Rücken zu jagen. Doch Whales Version gehört zu dessen aussergewöhnlichsten und prägnantesten Vertretern; einige halten es sogar für die beste.


Ein eigenes Filmgenre?
Lange Zeit galt der Film als verschollen. Er flopte 1932 an der Kinokasse, verschwand kurz nach seiner Premiere aus den Kinos und wurde im Archiv vergessen. In den 70er-Jahren entdeckte der
Regisseur Curtis Harrington die Rollen wieder, der Film wurde restauriert und erneut zugänglich gemacht. Seither gilt er bei Horrorfans als wiederentdecktes Meisterwerk. Er blieb aber stets im Schatten der berühmteren Genre-Werke seines Machers: Frankenstein (1931), Der Unsichtbare (1933) und Frankensteins Braut (1935).

The Old Dark House unterscheidet sich in vielem von anderen Erzeugnissen des Genres. Einer der Unterschiede liegt im Umstand, dass er gar nicht richtig ins Horror-Genre passt. Dafür steckt zu viel Komödie drin. Aber auch in die Komödien-Schublade lässt er sich nicht einordnen - dafür ist er zu düster. Eigentlich passt er in kein Genre richtig.
Die markante Handschrift des Regisseurs hält das Werk trotzdem zusammen und fügt es zu einer Einheit - wenn nicht gar zu einem eigenen Genre (das somit nur aus diesem Film bestünde). James Whale inszeniert die alte Geschichte mit britischem Witz und Understatement, dicker Grusel-Atmosphäre, und vor allem mit viel Sinn fürs Bizarre. Man könnte The Old Dark House durchaus und mit einigem Recht als frühe Parodie des Haunted-House-Genres bezeichnen - aber auch dies greift zu kurz und liegt leicht daneben, obwohl es Szenen gibt, welche 
diese Behauptung deutlich unterstreichen. Einmal etwa sehen wir Gloria Stuart das Wohnzimmer betreten, ihr Schatten an der Wand wächst dabei ins riesenhafte - was in der Frühzeit des Films ein probates Mittel war, um eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen. Stuart wendet sich langsam dem Schatten zu - und fängt an, alberne Schattenspielchen zu machen.  

Das Personal
Die Gegenüberstellung des Personals in diesem Film ist interessant und erzeugt eine seltsame Spannung: Die beiden Menschengruppen, die sich zu verschiedenen Zeiten am selben Abend in das alte, finstere Haus flüchten, bestehen aus insgesamt fünf Leuten, drei Männer und zwei Frauen. Hinzu kommen zwei Hausbewohner (später sollen noch zwei weitere dazukommen). Die Flüchtlinge sind als ganz normale Filmfiguren konzipiert, sie könnten einer der damals populären Gesellschaftskomödie entsprungen sein, ebenso ihre Dialoge, die vor Witz und Geist sprühen.
Die Hausbewohner hingegen, gespielt von Ernest Thesiger und Eva Moore, scheinen aus einem anderen Genre zu stammen - aus jenem der Karikatur oder der Comics. Sie heben sich optisch von den anderen ab: Er bleich, hohlwangig und glotzäugig, sie pummelig, verkrüppelt, verkniffen. Ihr Haus mit seinen hohen Räumen, den langen, leeren Gängen, den verwinkelten Treppenfluchten, in dem der Film bis auf ein paar wenige Szenen spielt, scheint ebenfalls nicht von dieser Welt. Wo sind die fünf Leute da bloss hineingeraten? Das scheint sie nicht weiter zu kümmern, ihr Leben ist eine nie endende Party, die auch in ihrem seltsamen Nachtlager weitergeht.


Im Grunde setzt The Old Dark House der arglosen Geld-Klasse jener Zeit die Nachwehen des ersten Weltkrieges entgegen. Diese Gegenüberstellung ist bereits in der Vorlage so angelegt. Der Autor des titelgebenden Romans, J.B. Priestley sagte über die Hausbewohner, die Familie Femm: "Tatsächlich handelt es sich [bei den Femms] um als Menschen verkleidete Nachkriegs-Pessimismen".
Aus dieser Gegenüberstellung zweier Extreme - hier die zwanghafte Fröhlichkeit der Nachkriegsgeneration, da der Irrwitz und das Groteske der (verdrängten) Vergangenheit - bezieht Whales Film einen grossen Teil seiner Faszination. Es ist, als würde er mit dem Autor sagen: Jetzt jagen wir diesen jungen Gecken mal einen tüchtigen Schrecken ein.


Das gelingt sogar, denn mit zunehmender Filmdauer verwandelt sich die Notunterkunft in ein Tollhaus. Es beginnt mit kleinen Irritationen und steigert sich über bedrohliche Situationen und kurze Schreckmomente bis zum Ausbruch des Wahnsinns.
Am Ende ist die Jugend zwar etwas belämmert, doch ein strahlender Morgen bricht an und der Irrsinn scheint gebannt. Jedenfalls kann man weiterziehen, das alte Haus hinter sich lassen und hoffen, dass man nie wieder etwas davon hören wird.
Wenn nur der Hausherr beim Abschied nicht so überaus zufrieden grinsen würde...


Vorlage und Umsetzung
Nachkriegs-Pessimismen: Ernest Thesiger & Eva Moore
Von Priestley ist heute noch vor allem ein Bühnenwerk bekannt: An Inspector Calls; obwohl Benighted, Priestleys zweites literarisches Werk und Grundlage von 
The Old Dark House als Roman konzipiert ist, haftet dem Film und der Vorlage etwas Bühnenhaftes an. Stellenweise hat man den Eindruck, die Autoren von Arsen und Spitzenhäubchen hätten die Niederschrift nach der Sichtung von Whales Film oder der Lektüre von Priestleys Roman begonnen. 


The Old Dark House ist ein filmischer Spass, der mit seinem altmodischen Gruselkonzept
auf moderne Zuschauer zunächst befremdlich wirken mag. Wer sich aber darauf einlässt,

bekommt eine herrlich originelle Schauer-Schnurre serviert, die auf allen Ebenen bestens funktioniert. Die Regie ist schlicht grandios - was Whale alles einfällt, um die Irritation des Publikums noch im Kleinsten subtil zu evozieren! Verzerrende Spiegel sind da noch das gängigste Mittel. Etwas anderes sind die absonderlichen Verhaltensweisen der Hausherrin und ihre seltsam anmutende Hassliebe für die hereingeschneiten jungen Frauen. Dann lässt Whale den 102-jährigen sterbenden Patriarchen von einer Frau spielen - die noch dazu im Abspann unter einem männlichen Namen aufgeführt wird.
Erst am Ende rührt der Regisseur mit der grossen Kelle an, und auch das gelingt ihm, weil er den Witz und das Groteske nie aus den Augen verliert.

Unterstützt wird er dabei von einer hervorragenden Schauspieltruppe, die den Spass, den der Regisseur bei der Sache offenbar hatte, sichtlich teilt. 


Das Haus ist der Star
Vor und hinter der Kamera
Es fällt auf, dass der Film keine Hauptfigur hat. Die
(neben dem titelgebenden Haus) eigentliche, heimliche Hauptfigur, welche für die unheimliche Atmosphäre verantwortlich ist, tritt erst ganz am Ende in Erscheinung. Ansonsten teilen sich alle die Auftrittszeit ungefähr paritätisch.
Vor diesem Hintergrund erstaunt die prominente Erwähnung Boris Karloffs im Titelvorspann; sein Name steht an oberster Stelle - übrigens auch auf den Plakaten. Dabei hat er eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Im Film erscheint er als hünenhafter, taubstummer, höchstens Grunzlaute ausstossender, bedrohlich wirkender Diener. Melvyn Douglas, dessen Name an zweiter Stelle folgt, hat da mit seinen unablässigen ironischen Kommentaren schon wesentlich mehr zu tun.
Das Glanzstück des Films ist aber der britische Charakterdarsteller Ernest Thesiger als verängstigter, leicht tuntenhafter Horace Femm. Mit mimischer Präzision erreicht er das

Kunststück, banale Sätze wie "Have a potato" zu komödiantischen Kabinettstückchen umzumünzen.

Ich vermute, The Old Dark House ist James Whales persönlichster, weil kompromisslosester Film. Es finden sich Sequenzen und Einfälle darin, die auch im Hollywood vor dem Hays-Code ungewöhnlich waren. So scheint das (absichtlich schlecht kaschierte) Spiel mit den geschlechtlichen Identitäten und Vorlieben direkt Whales selbstverständlich und kompromisslos gelebte Homosexualität zu spiegeln oder zu kommentieren. Sicher ist allerdings nur: Dieses Spiel findet statt. Was Whale damit ausdrücken wollte ausser dem Spass, den er daran hatte, bleibt im Dunkeln des alten finsteren Hauses verborgen.

Gloria Stuart (und Karloffs Hand)
Zwei Nachbemerkungen
Die amerikanische Theaterschauspielerin Gloria Stuart hatte ihr Filmdebüt im Drehjahr von The Old Dark House. Sie brachte es zu einigem Ruhm, zog sich aber 1946 aus dem Filmgeschäft zurück, um sich wieder ausschliesslich dem Theater zu widmen.
Dass ihr Name heute kaum mehr jemandem etwas sagt, liegt allerdings eher daran, dass er etwas nichtssagend ist, denn praktisch jeder kennt Gloria Stuart. Sie war als gealterte Rose in der Rahmenhandlung von James Camerons Megahit Titanic prominent besetz.
Nach einigen weiteren Filmrollen verstarb Gloria Stuart 2010 im Alter von 100 Jahren. 


Im hier besprochenen Film gibt es gegen Ende eine deftige Prügelei - die aber seltsam plump und sogar läppisch wirkt. Der Grund: Die Kinnhaken und Faustschläge sind nicht hörbar. Es knallt nicht, wenn eine Faust in einem Gesicht landet. Dasselbe ist mir im vor ein paar Wochen geschauten Film Night Court ebenfalls aufgefallen. Beide Filme haben dasselbe Erscheinungsjahr. Das führt mich zur These, dass die für uns heute selbstverständlichen, jeweils im Nachhinein beigefügten Prügel-Geräuscheffekte damals noch nicht erfunden waren.

Wo schaut man den Film?
Eine deutsche DVD dieses alten Filmes ist zwar greifbar, Bild- und Tonqualität lassen aber offenbar zu wünschen übrig. Da empfehle ich lieber die wunderschön restaurierte Doppel-Edition (DVD und Blu-ray) von Masters of Cinema aus England, die neben einem restaurierten Bild in 4k-Qualität auch mit einer ganzen Wagenladung schöner Extras aufwartet.

Dienstag, 26. Mai 2020

Weihnachten im Juli (Christmas in July, 1940)


Ein Komödien-Klassiker.

Christmas in July (dt.: Weihnachten im Juli / Das grosse Los, USA 1940)
Mit Dick Powell, Ellen Drew, Raymond Walburn, Ernest Truex, Georgia Cain, Franklin Pangborn, William Demarest u.a.
Drehbuch: Preston Sturges nach einem eigenen Theaterstück
Regie: Preston Sturges
Studio: Paramount
Genre: Komödie

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Kinopremiere 1948
Dauer: 62 min
Farbe: s/w


Jimmy, ein armer Schlucker, Angestellter im Rechnungsbüro einer Kaffeefirma (Dick Powell), hofft darauf, das grosse Los beim Slogan-Wettbewerb möge ihm zufallen. Drei Bürokollegen, die von seiner Teilnahme erfahren, spielen ihm einen Streich und fälschen ein Gratulationstelegramm. Damit lösen sie eine Kette von immer verrückteren Ereignissen aus, denn Jimmy erhält das Preisgeld vom überforderten Konzern-Chef tatsächlich. Als dieser den Irrtum bemerkt, hat Jimmy bereits die ganze Nachbarschaft mit Geschenken eingedeckt...

Nicht Sturges' Bester
Bereits nach dieser seiner zweiten Regiearbeit wurde Preston Sturges vom damaligen Strakritiker der New York Times, Bosley Crowther mit Frank Capra verglichen - was einer Erhebung in den Adelstand gleichkam. Capras Stern als Komödienmeister stand damals gerade mit Filmen wie You Can't Take it with You (dt.: Lebenskünstler, 1938) und Mr.Smith Goes to Washington (dt.: Mr. Smith geht nach Washington, 1939) im Zenith und sollte es noch für einige Jahre bleiben.

Sturges' Werke beweisen ein vergleichbar sicheres Gespür fürs komödiantische Timing und halten noch heute jedem Vergleich mit aktuellen Komödien stand. Im Unterschied zu den Capra-Komödien bricht in fast jedem Sturges-Film irgendwann der Irrsinn aus, was sich in Sequenzen mit sich bis zur Atemlosigkeit steigerndem Tempo manifestiert.

Christmas in July allerdings fällt, so konnte ich vor kurzem feststellen, im Kanon der
Preston Stuges' (Mitte) kurzer Auftritt im Film
zwischen 1940 und 1945 gedrehten Sturges-Klassiker etwas ab. Der Film basiert auf einem Theaterstück des Regisseurs von 1931, das vor dem Dreh allerdings nie aufgeführt worden war. Obwohl die Bühnenherkunft des Stoffes und die damit einhergehende Statik weitgehend kaschiert werden konnten, leidet der erste Teil des Films doch an einer für Sturges untypischen Wortlastigkeit und der Zwang der Bühne zum Verharren an einem Schauplatz lässt die für spätere Sturges-Filme typische Dynamik in der ersten Filmhälfte schmerzlich vermissen. Da können auch Raymond Walburn und William Demarest mit extra exaltiertem Spiel und Stakkato-Sprache nichts daran ändern - im Gegenteil, der Mangel tritt dadurch noch deutlicher zutage.


Walburn & Demarest
Konsumkritik? Nicht wirklich...
Nach diesen Anfangsschwierigkeiten läuft Christmas in July dann aber zur Sturges-typischen Hochform auf; die Höchstform, die sich in späteren Werken wie etwa dem 1944 entstandenen Miracle of Morgan's Creek offenbart, erreicht er allerdings noch nicht.


Man kann in Christmas in July Ansätze zu Konsumkritik erkennen, wenn man unbedingt will. Von der Filmkritik wurden und werde diese gerne herausgestrichen und aufgeblasen, obwohl der Film in dieser Beziehung nie wirklich konkret wird - die "Kritik" gelangt in keinem Moment über treuherzige Sinnsprüche wie "Geld allein macht nicht glücklich" oder "Wer hat, dem wird gegeben" hinaus. Für ein konsum - und kapitalismuskritisches Werk wäre das denn doch etwas dürftig.
Doch da werden Sturges kritische Absichten unterstellt, wo primär der Wille, gute Unterhaltung zu schaffen im Vordergrund stand. Viele Filmkritiker brauchen offenbar eine moralisch richtige Gesinnung, um einen Film gut finden zu können; und ist eine solche nicht vorhanden, wird sie aus jedem noch so dünnen Vorwand konstruiert, um die pure Freude an einem "nur" der Unterhaltung dienenden Film zu rechtfertigen.


Ein Star von damals: Dick Powell
Der Hauptdarsteller des Films gehört zu den heute vergessenen, nur noch unter Filmkennern bekannten Stars von Old Hollywood. Dabei war seine Karriere ziemlich ungewöhnlich. Schon ganz zu Beginn seiner Filmlaufbahn konnte er sich einen Namen machen, nämlich als Sänger und Tänzer im Studio der Warner Bors., namentlich in Busby Berkeleys extravaganten Musicalfilmen der Dreissigerjahre. Bereits in seinem fünten Film - dem berühmten und gefeierten 42nd Street - spielte er neben Warner Baxter die männliche Hauptrolle und von da weg ging's steil aufwärts.
1940 wechselte er zu Paramount Pictures, im Bestreben, andere Rollen zu bekommen. Bei Warner wurde er aufs leichte Musicalfach festgenagelt und er wollte zeigen, dass er auch anders konnte. Sein Kommentar: "I'm not a kid anymore but I'm still playing boy scouts."
Christmas in July war sein zweiter Film für Paramount, auch dort setzte man ihn zunächst in leichteren Gefilden ein.
Erst 1944 konnte er endlich den ersehnten Imagewechsel vollziehen: Er spielte den hartgesottenen Detektiv Philip Marlowe in Edwad Dmytryks Film-Noir Murder My Sweet (dt.: Leb wohl', Liebling).
Der Erfolg des Film bestärkte Powell in seinem Bestreben - fortan war er in weiteren Noirs, in Krimis, Kriegsfilmen und Western zu sehen - und nicht immer auf der Seite der Guten.
In den Fünfzigerjahren fing er an, selbst Regie zu führen, was zu fünf beachtlichen Filmen führte.
1962 starb Dick Powell 58-jährig an einer Krebserkrankung, die möglicherweise auf Dreharbeiten in der Nähre eines Atomwaffentestgeländes zurückzuführen war.

Weitere bekannte Filme mit oder von Dick Powell:
Gold Diggers of 1935 (dt.: Die Goldgräber von 1935, Busby Berkeley, 1935)

It Happened Tomorrow (dt.: Was morgen geschah, René Clair, 1944)
The Bad and the Beautiful (dt.: Stadt der Illusionen, Vincente Minelli, 1952)
The Enemy Below (dt.: Duell im Atlantik, Dick Powell, 1957)


Christmas in July war auch bei uns auf DVD erhältlich, resp. ist es immer noch; allerdings zu horrenden Sammlerpreisen, denn die DVD ist vergriffen.
Eine Alternative für Leute mit guten Englischkenntnissen ist die Blu-ray von Kino International (Region A) mit sehr guter Bild- und Tonqualität und einem Audiokommentar von Filmjournalistin Samm Deighan.


Michael Scheck 

Freitag, 22. Mai 2020

Seh-Empfehlung: Reporter des Satans (Ace in the Hole, 1951)



Ein berühmter Klassiker


Mit Kirk Douglas, Jan Sterling, Robert Arthur, Porter Hall, Frank Cady, Ray Teal, Richard Benedict u.a.
Drehbuch: Billy Wilder, Lesser Samuels und Walter Newman
Regie: Billy Wilder
Genre: Drama
Studio: Paramount
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Kinopremiere im Februar 1952
Dauer: 111 min

Farbe: s/w


Billy Wilders Ace in the Hole gehört zweifellos zum Kanon der grossen amerikanischen Film-Klassiker - obwohl er eines der am wenigsten bekannten Werke Wilders ist. Seinerzeit flopte er an der Kinokasse und wurde dadurch zum finanziellen Desaster. Paramount änderte zwar noch kurzerhand den Titel (zum griffigeren The Big Carnival), das änderte aber nichts. Der Film fristet seither ein Schattendasein im Kanon der Wilder-Oeuvres.

Eine sensationelle Story
Der abgehalftere New Yorker
Star-Journalist Charles Tatum (Kirk Douglas) ist bei einem Provinzblatt in Albuquerque, New Mexiko gestrandet und wartet auf sein grosses journalistisches Comeback.
Dieses bahnt sich an, als Tatum und der junge Fotograf Herbie (Robert Arthur) auf dem Weg zu einer lokalen Klapperschlangen-Jagd zufällig von einem Unfall in einer indianischen Kultstätte erfahren, der sich kurz vor ihrem Eintreffen ereignet hat. Der Ladenbesitzer Leo Minosa (Richard Benedict) wurde auf der Suche nach Fundstücken in einer Höhle verschüttet und sitzt nun dort fest, die Beine eingeklemmt. Wegen drohender Einsturzgefahr kann er sich nicht rühren.
Wie ein Bluthund wittert Tatum die grosse Story, das Comeback rückt in greifbare Nähe. Er entlockt Leo ein paar persönliche Informationen und schon ist eine erste Story fertig. Sie schlägt in dem verschlafenen Kaff ein, wie eine Bombe. Prompt lockt sie erste Gaffer an. Und Tatum hat vor, die Geschichte auszumelken... 

Dazu muss er allerdings das Bergungsteam, das Leo in 16 Stunden zu befreien verspricht, davon überzeugen, besser einen Stollen von oben in den Berg zu treiben. Das ist angeblich der sicherere Weg. Diese Aktion wird mehrere Tage dauern - und die  braucht Tatum, um seine Story gross zu machen...

Zuerst erscheint die Familie um den freundlichen Al Federber (Frank Cady) am Schauplatz, angelockt von den Zeitungsberichten. Weitere Schauslustige tauchen auf, mit Campingwagen. Die Menschenansammlung lockt Schaubudenbesitzer an, ein Rummelplatz entsteht - wo viele Menschen sind, lässt sich was verdienen. Der Rummel lockt weitere Menschen an. Am Schluss findet vor der Höhle ein Volksfest statt, während Leo drinnen sein Leben aushaucht. Und keiner trägt die Schuld...
Ein
verblüffend passendes Bild, mit dem Wilder hier Tatums Tun spiegelt: Es ist genau dieselbe Spirale, die Tatum im Griff hat. Er schreibt, wenn etwas Schlimmes geschieht. Je schlimmer, desto mehr Menschen kaufen die Zeitung, desto höher wird die Auflage, desto
grösser wird der Druck nach mehr.
Tatum die alleinige Schuld an der Tragödie zu geben, greift zu kurz. Wilder macht klar, dass es in dieser Sache keine Unschuldigen gibt. Möglicherweise war dies der Grund, weshalb den Film keiner sehen wollte, löst er doch beim Betrachter ein ungutes Gefühl aus...
So gesehen, greift das Attribut "Mediensatire", mit dem der Film gemeinhin bedacht wird, zu kurz. Billy Wilder ist mit Ace in the Hole nicht weniger gelungen als ein treffende Allegorie auf die Natur des Menschen des 20. Jahrhunderts - und sie gilt noch heute. 

Kleine, dumpfe Individuen
Trotzdem war die Presse offensichtlich beleidigt von dem Bild, welches da von ihr gezeichnet wurde. Es hagelte schlechte Kritiken. Ace in the Hole war aber beileibe nicht der erste Film, der Journalisten mit Aasgeiern verglich. Es gibt zahlreiche vergleichbare Darstellungen im Film-Noir.
Er war aber wohl der erste, der dies als zentrales Thema einrückte - und es direkt in den zugehörigen gesellschaftlichen Kontext stellte.

Tatum ist kein "Reporter des Satans" - da verfällt der deutsche Verleihtitel in genau jene Sensationsmache, die der Film anprangert. Am Ende realisiert der Reporter, was er angerichtet hat, er verabscheut den Teufelskreis, in den ihn seine Arbeit immer wieder manövriert. Charles Tatum ist angewidert, von sich, von seinen Mitmenschen. Aber er liebt seine Arbeit - das macht der Film zwischendurch nuanciert deutlich. Sie macht ihn stumpf, er ist längst zum Objekt der Sensationslust der Massen, zu deren Held und Hofnarr geworden. Tatum ist schwach, obwohl er laut und selbstbewusst auftritt. Er weiss um seine Schwachheit und dafür hasst er sich. Und alle anderen.


Dem sensationsgeilen Pulk, der sich da zu tausenden vor der Höhle volksfestartig versammelt und einen rauschhaften Tanz um das goldene Kalb namens Sensation veranstaltet, stellt Billy Wilder die Eltern des Verschütteten und deren Glaube entgegen - deren Glaube an das Gute im Menschen und an eine übergeordnete Macht. Es ist nichts Lächerliches an deren Portraits, im Gegenteil. Wilder macht sich nicht über ihre "Naivität" lustig, sondern er setzt diese Figuren kommentarlos als moralische Instanz ein. Ihre Arglosigkeit steht in scharfem Kontrast zum sonstigen Geschehen und lässt es uns - durch ihre Augen - als das sehen, was es ist: Als monströsen Götzendienst einer entmenschlichten Gesellschaft.


Die schrecklichste Figur des Films ist Leos Ehefrau (Jan Sterling), ein egomanisches,

gefühlloses und boshaftes Wesen, das nur auf seinen Vorteil und Gewinn bedacht ist. Bis zum bitteren Ende ist sie zu keinem anderen Gedanken als an ihren eigenen Gewinn fähig. Gegen sie ist Tatum der reinste Chorknabe.
Sie wird zur zentralen Figur des Films: Solche Typen, scheint Wilder zu sagen, sind die Ursache allen Uebels: Kleine dumpfe Individuen, gefangen in ihrem unzufriedenen kleinen Selbst und derart strohdumm, dass sie sich als Nabel der Welt verstehen; die mit ihrer gefühl- und masslosen Gier auf die Verheissungen der Konsumgesellschaft - Spass und Sensationen - reagieren und diese damit anstachelt, zwecks Gewinnmaximierung weitere Bedürfnisse zu wecken, die dann von der Werbung zum Nennwert erhoben werden.
Es diese von Dummheit und Gier in Gang gehaltene Spirale, die Ace in the Hole mit bewundernswerter Konsequenz und erzählerischer Rafinesse aufdeckt. Der Spiegel den Wilder der gesamten modernen Menschheit da vorhält, zeigt die Wahrheit - und bis heute
hat sie Gültigkeit behalten. Billy Wilder ist kein Zyniker, wie mit Blick auf dieses Werk immer
wieder behauptet wird, sondern ein Moralist.
Es gibt zahlreiche Momente im Film, stumme Hinweise, welche diese These erhärten. Die Eltern des Opfers etwa, ich hatte sie bereits erwähnt. Oder das Kreuz, das im Hintergrund immer mal wieder ins Bild gerückt wird; es spricht im Zusammenhang mit den Ereignissen Bände - sofern man es denn beachtet.


Nach dem Flop
Der Film habe seiner Karriere geschadet, sagte Regisseur Billy Wilder einmal über Ace in the Hole - gleichzeitig hielt er ihn für eines seiner besten Werke.
Gedreht wurde er kurz nach dem riesigen Erfolg von Sunset Blvd. Nach dessen Erfolg gab das Paramount-Studio Wilder praktisch freie Hand. Dieser schrieb, inszenierte und produzierte Ace in the Hole mit unlimitierter künstlerischer Freitheit.
Nach dem ernüchternden Misserfolg stellte Wilder Stalag 17 fertig - danach drehte er praktisch nur noch Komödien: Von Manche mögen's heiss über Das Apartement bis zu Avanti, Avanti. Der seltsam distanzierte und untypische The Spirit of St.Louis und der dramatische Krimi Zeugin der Anklage bilden zwischen 1954 bis 1981 die einzigen Ausnahmen.

In den Credits späterer Neuauflagen des Films erscheint die Zeile "nach einer Story von Victor Desny". Victor Desny war ein Schauspieler jugoslawischer Abstammung, der in Hollywood kleine Nebenrollen in unbedeutenden Filmen spielte.
Mit Wilders Film hatte der Kerl trotz der Erwähnung im Vorspann gar nichts zu tun. Er war so gerissen, Wilder zu verklagen, weil er, Desny, das Copyright auf einer wahren Geschichte aus den Zwanzigerjahren besass, die gewisse Aehnlichkeiten mit dem Berwerksunglück im Film hatte. Kirk Douglas nimmt in einer Dialogzeiles des Films sogar expilzit auf den Fall Bezug, nennt den Namen des damals Verunglückten und betont die
Aehnlichkeit der Fälle.
Desny behauptete, Wilders Drehbuch sei eine unauthorisierte Version "seiner" Geschichte, zog (interessanterweise erst 1957) vor Gericht und gewann den Prozess. Wilder musste ihm 15'000 Dollar bezahlen. Desnys Name musste von da anin eine neu gestaltete Titelse-

quenz eingerückt werden.
Es sind weitere Fälle mit Desny als Kläger und Plagiatsopfer bekannt - offenbar konnte der Mann davon besser leben als von der Schauspielerei (er spielte zwischen 1949 und 1954 in exakt 17 Filmen mit, in 16 davon wurde sein Name nicht mal in den Credits erwähnt).
Victor Desnys Name, der bis heute stets im Zusammenhang mit diesem Film auftaucht, ist der einzige Zynismus, den ich in Ace in the Hole entdecken kann.
 



Ace in the Hole ist bei uns nicht offiziell auf DVD oder Blu-ray erschienen. Es gibt zwar eine DVD von der Firma Endless Classics, die auch bei Amazon erhältlich ist, von der man aber die Finger lassen sollte; unbestätigen Berichten zufolge soll es sich da um eine Raubkopie handeln.
Als Alternative gibt es eine Doppeledition (sowohl DVD als auch Blu-ray) von Masters of Cinema aus England (Region B/2) mit hervorragender Bild- und Tonqualität und tollen Extras.


Michael Scheck 

Mittwoch, 20. Mai 2020

Hotel Berlin (1945)



Ein vergessener Film


USA 1945
Mit Faye Emerson, Helmut Dantine, Raymond Massey, Peter Lorre, Andrea King u.a.
Drehbuch: Jo Pagano und Alvah Bessie nach einem Roman von Vicki Baum
Regie: Peter Godfrey
Studio: Warner Bros.
Genres:Drama, Krieg

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine 
Dauer: 98 min 
Farbe: s/w

Hotel Berlin ist bei uns nicht auf Blu-ray/DVD/VHS erschienen.
In den USA ist er auf einer DVD-R (manufactured on demand) der Warner Archive Collection in sehr guter Bild- und guter Tonqualität greifbar


Dies ist die Hollywood-Verfilmung der Roman-Fortsetzung von Vicki Baums berühmtem "Menschen im Hotel":
Im deutschen "Hotel Berlin" kreuzen sich, in den letzten Tagen vor dem Fall des 1000-jährigen Reichs die Wege der unterschiedlichsten Menschen: Nazis, Dissidenten, Spione, Filmstars und eines Konzentrationslager-Flüchtlings.



Gefilmt unter Zeitdruck

Es musste alles sehr schnell gehen.
Vicki Baums in den USA verfasster Roman erschien 1944; dessen Verfilmung ein Jahr danach.
Schon zu Beginn der Dreharbeiten war deutlich, dass das dritte Reich jeden Tag fallen könnte. Die Vorgabe des Studios war: Der Film musste vorher erscheinen. Um jeden Preis.


Man merkt dem Streifen deutlich an, dass er in grösster Eile entstand: Er wirkt hingeschludert - eine Seltenheit für ein Produkt eines grossen US-Studios jener Zeit.
Bereits die Drehbuchautoren mussten unter Zeitdruck gestanden haben - die Erzählung wirkt unausgegoren, ungelenk zusammengestoppelt, wie ein nicht überarbeiteter Entwurf. Dasselbe gilt für den fertigen Film; man wird den Eindruck nicht los, als hätte der Regisseur die Auflage gehabt, für jede Szene nur ein Take zu verwenden.


Gerade noch geschafft
Hotel Berlin
erschien im März 1945 in den amerikanischen Kinos - gerade noch rechtzeitig! Einen Monat später war Hitler tot.
Man hatte es geschafft, der Film war brandaktuell - aber zu welchem Preis?
Heute ist Hotel Berlin mit seinen vielen dem Tempo geschuldeten Mängeln schwer auszuhalten. Es macht sich ein eklatanter Magel an konzeptioneller Vorarbeit bemerkbar, die Kulissen wirken zusammengestoppelt, die Schauplätze gleichen sich.
Der grösste Teil der Schauspielerinnen und Schauspieler sind englischsprachig; nur gerade Helmut Dantine, Peter Lorre, Helene Thimig und Kurt Kreuger stammten aus deutschsprachigen Ländern. Durchgängig sprechen alle englisch - obwohl der Film in Deutschland spielt. Die einen mit deutschem Akzent, die anderen ohne.
Besonders nervig ist in diesem Zusammenhang Faye Emerson, die in jeden zweiten Satz das Wort "Schnucki" einbaut, wohl, um besonders authentisch zu wirken.


Fazit: Hotel Berlin gehört zu jenen Filmen, die nicht ganz zu Unrecht vergessen sind.

Michael Scheck

Montag, 18. Mai 2020

Stöckchen: Über den magischen Ort für Filme, #Kinoliebe

Dieses Stöckchen habe ich bei Wortmann im Blog gefunden; ursprünglich stammt es von Nadine drüben bei Wörter auf Reisen. Als Filmfan muss ich da einfach mitmachen, deshalb hier mein Senf.

Das Kino als magischer Ort - früher stimmte die Bezeichnung für mich durchaus. Damals gab es in der Schweiz (wo ich aufgewachsen bin und noch immer lebe) noch "Landkinos"; fast jedes zweite Dorf besass ein Lichtspielhaus. Das war in Siebzigerjahren.
Heute sind sie alle verschwunden, bis auf wenige Ausnahmen, die aber nur dank gewitzen Geschäftsmodellen überleben können (eines dieser Kinos hat z.Bsp. ein dazugebautes Hotel, aus dessen Zimmern man einen exklusiven Blick auf die Kinoleinwand hat).
Heute gibt es Kinos fast nur noch in den Städten, doch die sind architektonisch alle ziemlich vereinheitlicht: Langweilig quadatisch, mit quietschbunten Foyers, die Markthallen gleichen.
Charme kann ich da kaum mehr finden. Zauber schon gar nicht.
Ich kenne tolle, charmante, höchst originelle Kinos in Deutschland. Keine Ahnung, ob diese da "Alltag" sind - in der schweizerischen Kinoszene herrscht jedenfalls Einfalls- und Lieblosigkeit.
Auch das Programm scheint mir vereinheitlicht und gesichtslos- überall laufen dieselben Kassenknüller.
Das war früher noch etwas anders - da konnte ein Kinobetreiber sein Programm noch bis zu einem gewissen Grad selbst bestimmen. Es gab noch richtig schöne, alte "Kinotempel" aus den 50er- oder gar den 30er-Jahren. Fast alle abgerissen!
Die Filmkultur wurde noch lebendig gehalten (ich erinnere mich, dass in meinen Kindertagen immer wieder auch alte Filmklassiker gespielt wurden: Frankenstein etwa von 1931, African Queen oder Lawrence of Arabien). Das ist heute vorbei - damit lockt man kaum mehr Leute ins Kino.
Die Zeit der magischen Kinotempel ist vorbei. Die Magie des Filmes nicht.

Was war dein erster Kinofilm?
Das war eine Kompilation von Disney-Kurzfilmen zum Thema Musik; ich habe mal nach dem Titel geforscht, aber nichts gefunden. Aber ich war damals schwer beeindruckt. Da waren einige der grandiosen Silly Symphony-Cartoons dabei und ein oder zwei Cartoons mit Donald Duck und Mickey Mouse. Seither bin ich ein Fan der alten (1928 - 1972) Disney-Trickfilme.
Dieser hier (hergestellt 1935), der in der Kompilation mit dabei war, hatte mich besonders schwer beeindruckt:


Was war dein letzter Kinofilm?
Hmm... Hmmm...
Achso, ja: Der neue Star Wars. Ist schon verblasst. Hat mich nicht begeistert... Aber mein Sohn (20) ist Fan.

Wie oft gehst du ins Kino?
Immer seltener. Gründe siehe weiter unten.
Früher war ich wohl täglich im Kino. Wegen der Filme. Heute ist der Kinogang eher ein sozialer Anlass. Aber ich lade die Freunde lieber zum Essen ein - im Kino kann man sich so schlecht unterhalten... ;-)

Bist du als Kind/Jugendliche in einen Film gegangen für den du nach FSK zu jung warst?
Nö. Nie. Pfadfinderehrenwort!

Welcher war der schlechteste Film, den du im Kino gesehen hast?
Au, jetzt wird's schwierig. In meinen Kritikertagen habe ich derart viel Mist anschauen müssen...

Multiplexkino oder Programmkino?
Ganz klar: Programmkino. In Zürich gibt es das Filmpodium, das sich der Filmgeschichte verschrieben hat - das ist genau meine Wellenlänge! Die Inneneinrichtung stammt aus den 50er-Jahren und wurde vor kurzem restauriert.

Dort drin hockt man meist mit lauter Kino-Nerds zusammen, Popcorn und ähnliche Gräuel sind streng verboten.
Es gibt wiederkehrende Filmreihen wie etwa die jährlichen Stummfilmwochen (mit Livemusik-Begleitung) oder die jährliche Filmschau des afrikanischen Kinos.
Und sonst: Reihen mit Filmen bekannter oder unbekannter Regisseure, Schauspielerinnen, Schauspieler - das Filmpodium ist lebendige Filmgeschichte von den Anfängen des Kinos bis heute. Ein wahrlich magischer Kino-Ort.

Hast du schon ein Filmevent im Kino besucht?
Stummfilmvorführungen mit Live-Musik-Begleitung.
Früher ab und zu Filmpremieren für die Presse im Beisein einiger Stars oder des Regisseurs.

Hast du schon eine Sneak Preview besucht? Magst du sie?
Nein, noch nie.

Warst du schon auf einem Filmfestival?
Ja, ich habe das Trickfimfestival "Fantoche" im schweizerischen Baden besucht - irre!
Und vor zwei Jahren war ich am Filmfestival in Locarno.

O-Ton oder Synchro?
O-Ton!
O-Ton!
O-Ton!
O... äh, ok.
Die Stimme der Schauspielerin, des Schauspielers ist ein genauso wichtiges Ausdruckmittel wie die Mimik oder die Gestik. Deren Nuancen verschmelzen mit der Rolle, die verkörpert wird. Das lässt sich nicht ersetzen. In keinem Fall! Ich habe noch nie eine Synchronisation gehört, die das geschafft hat.
Es ist natürlich von Vorteil, wenn man gut Englisch versteht. Aber die Synchro ist und bleibt eine Krücke.
Gibt es Filme, in denen es keine Rolle spielt? Höchstens schlechte Filme mit schlechten Schauspielern.

Bist du schon mal im Kino eingeschlafen?
Einmal. Das lag aber nicht am Film.
Es war Woody Allens "Broadway Danny Rose" (1984). Ich war auf dem Nachhauseweg nach einer anstrengenden Woche Militätrdienst (der in der Schweiz obligatorisch ist) und machte in Zürich Zwischenhalt, weil ich diesen Film sehen wollte.
Plötzlich habe ich nichts mehr verstanden und fand, die Handlung vollführe wilde Sprünge...
Ich war einfach völlig übermüdet.
Ist mir danach nie mehr passiert.

Was war dein schönster Moment im Kino?
Als an meinem zehnten Geburtstag ausgerechnet mein Lieblingsfilm (Disneys "Pinocchio") im Kino in der Nähe gespielt wurde - und ich von einem Freund, der mitgekommen war auch noch zwei Asterix-Bände geschenkt gekriegt habe.

Popcorn oder Nachos?
Nichts von beidem!!! Ich hasse es!!
Weshalb müssen im Kino alle mampfen, knuspern, knistern?! Und dann der Geruch - Nachos? Uäääähh!!
Ich weiss nicht, wann sich das eingebürgert hat. Es geschah schleichend.
Zu meiner Zeit konnte man in der Pause Eis oder Bonbons kaufen. Aber doch nicht schon vor dem Film!!
Mich lenkt das pausenlose Gemampfe mancher Kinobesucher total vom Film ab. Ich weiss, für die Jugend gehört das heute zum  Kinoerlebnis. Das haben die Kinobetreiber schlau eingefädelt und etabliert - deren Hauptverdienst machen die Verkäufe von Esswaren und Getränken aus.
Dieser Umstand hat mir das Kino verleidet - traurigerweise. Es ist zum lieblosen Konsumtempel geworden, in dem der Film zur Nebensache geworden ist.
Die gesichtslose moderne Kinoarchitektur unterstreicht diesen Eindruck: Heute sieht - zumindest in meiner Umgebung - jedes Kino gleich aus; nur die Wandleuchten hängen jeweils etwas anders.

Der letzte Film bei dem du im Kino geweint hast?
Der neuste Star Wars - weil der so schlecht war.
Nein, im Ernst: Das letzte Mal war wohl im Pixar-Film "Alles steht Kopf", als das Kuscheltier Bing Bong "starb"...

Dein nervigster Kinomoment?
Vor kurzem, als sich in den Sitzen neben mir drei Jugendliche ständig lautstark miteinander unterhielten - und auch während des Hauptfilms nicht damit aufhörten.
Ich hatte sie dann freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass andere sich gern auf den Film konzentrieren möchten. Hat sogar genützt.

Gehst du auch öfter für den gleichen Film ins Kino?
Selten; früher ja, wenn ich einen Film so toll fand, dass ich ihn unbedingt meinen Freunden zeigen wollte. Der erste "Zurück in die Zukunft" war so einer (ja, so alt bin ich schon...). ET; Der Elefantenmensch; Zelig; The Purple Rose of Cairo....

Hast du auch schon Filmklassiker auf der Leinwand gesehen?
Viele (siehe unter "Multiplex oder Programmkino?").

Was bedeutet Kino für dich?
Vor allem  und meist Enttäuschung. Tut mir leid, ist inzwischen aber so.
Ich habe oben schon ausgeführt, dass die Kinos zu billigen Konsumtempeln verkommen sind. Die Liebe zum Film ist, wenn überhaupt, noch in kleinen Programmkinos spürbar. Die heutige Verleihsituation mit ihren elenden Knebelverträgen verunmöglicht für eine individuelle Programmation, den Kinobetreibern wird das Programm regelrecht diktiert.
Vielleicht ist das einigen zu pessimistisch; die Kinolandschaft in der Schweiz ist - bis auf wenige Ausnahmen - nunmal eine Wüste. Ich hoffe, das sei in Deutschland besser...!

So, und bist Du an der Reihe; wer das Stöckchen aufhebt und in seinem Blog einbaut, möchte doch so nett sein und bitte auf die Urheberin Nadine (s. oben) und auf mich verlinken. Danke - und viel Spass mit Nadines Fragen!

Sonntag, 17. Mai 2020

Der Jazzsänger (The Jazz Singer, 1927)



Ein berühmter Klassiker
Dieser Artikel erschien zuerst in meinem Blog "Hauptsache (Stumm)Film"



The Jazz Singer (dt.: Der Jazzsänger)
USA 1927

Darsteller: Al Jolson, Mary McAvoy, Warner Oland, Eugenie Besserer, Otto Lederer
, Jossele Rosenblatt u.a.
Adaption: Alfred A. Cohn nach dem Bühnenstück von Samson Rahaelson

Regie: Alan Crosland
Studio: Warner Bros.
Genres: Drama, Musical
 
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Kinopremiere im November 1926 
Dauer: 90 min
Farbe: s/w


The Jazz Singer kann bei Maxdome gestreamt werden. Die deutsche DVD ist leider vergriffen.

The Jazz Singer – stets wird er als der erste Tonfilm bezeichnet. Dass es sich dabei im Grunde um einen Stummfilm mit einigen Gesangseinlagen und wenigen gesprochenen Sätzen handelt, wissen die wenigsten. Der Film dauert 90 Minuten – davon sind ca. 15  bis 20 Minuten mit Ton versehen.  Der Rest trägt sämtliche Kennzeichen eines Stummfilms: Zwischentitel, Begleitmusik, pathetische Mimik und Gestik.

Die Schallplatte im Kino
Ist das also tatsächlich der erste Tonfilm? Ich erkannte beim Ansehen, dass dieses Prädikat äusserst heikel ist. Denn Versuche, einen Film mit Gesang und gesprochenem Text zu versehen gab es schon lange vor dem Jazz Singer, der erste wurde bereits im Jahre 1893 gemacht.  Folgendes Beispiel zeigt eine Gesangszene aus einem Film aus dem Jahre 1908 (zu finden auf der DVD Discovering Cinema von Flicker Alley).

 
Genau wie im Jazz Singer wurde hier der Ton bei der Vorführung mittels Schallplatte synchron zum Film abgespielt. Der Unterschied zum Jazz Singer besteht darin, dass auf eine bereits existierende Schallplattenaufnahme zurückgegriffen wurde, die bei der Filmaufnahme im Hintergrund abgespielt wurde. Die Schauspieler passten ihre Lippen- und Körperbewegungen der Aufnahme an.
Beim Jazz Singer wurde der Gesang live und zeitgleich mit der Filmaufnahme aufgezeichnet und dann auf Schallplatte gebannt.

Aber auch dieses Verfahren war nicht neu. Warner Bros. hatte bereits im Jahr zuvor erste Versuche mit dem Tonsystem Vitaphone, einer Kombination von Film und Schallplatte, gemacht, u.a. im von mir an anderer Stelle besprochenen Film The First Auto.

Der erste Tonfilm?
So war es nicht primär der Ton, der The Jazz Singer so berühmt machte, sondern eine

Al Jolson
Verkettung verschiedener anderer Umstände.
Der riesige, ungeahnte Erfolg, den der Streifen beim damaligen Publikum erzielte, und der die Firma Warner gerade noch vor dem drohenden Ruin rettete, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass seine Geschichte den damaligen Zeitgeist traf - und dass mit Al Jolson ein Broadway-Mega-Star für die Hauptrolle verpflichtet werden konnte.
Dies und die Tatsache, dass die fortgeschrittene Technik inzwischen weitere Tonexperimente erlaubte, führte dazu, dass der Wunsch des Publikums nach klingende Filmen im Gegensatz zu früheren Jahren schneller erfüllt werden konnte. Und weil er nun immer öfter erfüllt werden konnte, wurde er immer fordernder gestellt.
Und jetzt, genau an diesem Punkt der Filmgeschichte erlaubte die Technik der Filmindustrie, auf den “Hype” aufzuspringen und dranzubleiben, bevor er wieder abklang, wie das früher stets der Fall gewesen war.
Der Siegeszug des Tonfilms war somit nicht mehr aufzuhalten.


Wenn The Jazz Singer schon nicht der erste Tonfilm war, so war er immerhin der endgültige Wegbereiter des Siegeszugs des Tonfilms. Je nach Sichtweise könnte man ihn auch den Totengräber des Stummfilms nennen.

Dabei ist der Film nicht mal besonders gut. Die Handlung ist schwülstig, absehbar, die Behandlung des darin enthaltenen Konflikts oberflächlich; der Hauptdarsteller ist aus heutiger Sicht schwer erträglich, die Jazz-Darbietungen durchschnittlich.
Damals aber schlug der Film über den abtrünnigen Sohn eines jüdischen Kantors ein wie eine Bombe. Jolson war längst und schon seit Jahren ein grosser Name am Broadway. In zahlreichen Bühnenshows riss er das damalige Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Nun war er auch im Film zu bewundern und sogar zu hören, zudem in einem, der autobiografische Parallelen zur Vita des Stars aufwies. Und weil Jolson beim Dreh improvisierte, fanden unvorhergesehenerweise auch einige Dialogstellen Eingang in den Film, in dem eigentlich nur Musik hätte erklingen sollen. Gerade diese paar Sätze sollen die Leute fast von den Sitzen gerissen haben, mehr noch als die Musiksequenzen.


Tradition versus Moderne
Jolson spielt Jacob Rabinowitz, den jazzbegeisterten Sohn des strenggläubigen Kantors Rabinowitz (hinter einem dicken Bart kaum zu erkennen: Charlie-Chan-Darsteller Warner Oland). Jacob, der dereinst in des Vaters Fussstapfen treten soll, ist gänzlich dem Jazz verfallen: Schon als Dreikäsehoch tritt er singenderweise in Cafés und Restaurants auf, was dem Vater derart missfällt, dass er ihn verstösst.
Hier finden sich - offenbar zufällig - deutliche Parallelen zum Leben des in Litauen geborenen jüdischen Kantorensohnes Al Jolson (eigentlich Asa Yoelson), der in jungen Jahren ebenfalls auf sich allein gestellt war (allerdings wegen des frühen Tods der Mutter).
Zur Mutter, die er regelrecht vergöttert, hat der verstossene Jacob Rabinowitz im Film weiterhin Kontakt. Sie ist es denn auch, die ihm erklärt, dass es dem inzwischen an gebrochenem Herzen erkrankten Vater besser gehen würde, wenn er für ihn an Jom Kippur in der Synagoge das Kol Nidre singen würde. Doch Jacob, der sich inzwischen Jack Robin nennt und unaufhaltsam zum Broadway-Star avanciert, zögert. Seine Karriere ist ihm wichtiger. Vorerst jedenfalls…


Wie bereits in The First Auto, einer weiteren Warner-Produktion, die zwei Monate vor dem Jazz Singer Premiere hatte, wird auch hier der Grundkonflikt zwischen Tradition und Moderne in ein Vater-Sohn-Drama verpackt. Hier entbrennt der Konflikt auf dem Gebiet der Musik. Er wird, wie bereits erwähnt, an der äussersten Oberfläche abgehandelt.
Bemerkenswert bleibt aber, dass er nicht als billiger Vorwand dafür dient, einfach einige populäre Jazz-Nummern auf die Leinwand zu bringen. Der “Gegenseite”, den rituellen geistlichen Gesängen der jüdischen Gemeinschaft wird fast ebensoviel Ton-Filmzeit eingeräumt! So kommt auch der damals bekannte jüdische Kantor Jossele Rosenblatt zu einem eindrucksvollen Gesangsauftritt und das Kol Nidre erklingt gleich zwei Mal, am Anfang und am Ende des Films. Den Platz, den es im Film einnimmt und seine Verdopplung weist auf die eigentliche Thematik des Films hin: Versöhnung.


Ich habe die starke Vermutung, dass jemand, der mit dem jüdischen Glauben vertraut ist, in diesem Film mehr sehen und entdecken wird, als ich dies zu tun imstande bin. Mir erscheint er oberflächlich, schwülstig. Ich könnte mir aber denken, dass meine Sichtweise – die Sichtweise der christlich geprägten Europäer – diesem Film nicht wirklich gerecht wird.

Natürlich kann man den Tradition-Moderne-Konflikt im Film – rückwirkend – auf die Meta-Ebene ausweiten: The Jazz Singer ist der Film am Scheideweg zwischen Stumm- und Tonfilm. Doch während der Produktion konnte niemand ahnen, dass er entscheidend zur Beendung des Konflikts beitragen und die Moderne im Kino einläuten würde.

Zum Schluss bleibt anzumerken, dass für die stummen Sequenzen des Films eine Musikbegleitung komponiert und ebenfalls im Vitaphone-Verfahren aufgenommen und während der Filmvorführungen damals abgespielt wurde.
Diese von Louis Silvers und James V. Monaco komponierte, sehr stimmige und stimmungsvolle Begeleitung ist auch auf der (inwischen leider vergriffenen) DVD zu hören.


Michael Scheck

Samstag, 16. Mai 2020

Botschafter der Angst (The Manchurian Candidate, 1962)



Ein bekannter Klassiker


The Manchurian Candidate (dt.: Botschafter der Angst, USA 1962)
Mit Laurence Harvey, Frank Sinatra, Angela Lansbury, James Gregory, Leslie Parrish, John McGiver u.a.
Drehbuch: George Axelrod
Regie: John Frankenheimer

Studio: United Artists
Genres: Drama, Thriller
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Kinopremiere im März 1963
Dauer: 126 min
Farbe: s/w


The Manchurian Candidate ist seit diesem Monat bei uns in einer (diesmal ) ungekürzten DVD-Neuausgabe und auf einer Blu-ray wieder im Hadel erhältlich.
  
Es gibt einige wenige Filme, die man nicht unvorbereitet schauen sollte.
The Manchurian Candiate
ist einer davon.
Er gilt als grosserer US-Klassiker der Nach-McCarthy-Aera. Auf den arglosen Betrachter wirkt er konfus, einige Sequenzen erscheinen geradezu bescheuert.


Krude Mischung
Mitten auf dem koreanischen Schlachtfeld wird ein Trupp US-Soldaten per Helikopter von den Russen entführt, um an ihnen eine Gehirnwäsche durchzuführen und einen von ihnen zur Tötungsmaschine umzufunktionieren. Major Shaw (Laurence Harvey), ein ansonsten friedfertiger Mensch, kann fortan mittels eines Solitär-Kartenspiels von den bösen Russen zum Killer aktiviert werden.
Als mehrere von Shaws alten Kameraden Nacht für Nacht von genau demselben Alptraum geplagt werden, schöpft einer von ihnen (Frank Sinatra) Verdacht und schafft es mit viel Hartnäckigkeit tatsächlich, das böse Spiel der bösen Russen aufzudecken. Es steht nicht weniger auf dem Spiel als die Rettung der Unabhängigkeit Amerikas.


Ich schaute mir den Streifen ohne Vorwissen und ohne vorbereitende Lektüre an, wie ich es oft tue, um unbeeinflusst von bereits gefällten Urteilen anderer an ein Kinowerk heranzugehen. Diese Vorgehensweise erwies sich in diesem Fall als kontraproduktiv.
Einerseits war ich zwar gepackt und fasziniert von der Machart des Films; andererseits konnte ich mich während der Visionierung der ständig bohrenden Frage nicht erwehren, ob der Drehbuchautor während des Schreibprozesses vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig gewesen war.

Nach der Sichtung verstand ich die (Film-)Welt nicht mehr. Den jahrzehntelangen Hype um den Streifen schon gar nicht.
The Manchurian Candidate
, diese krude Mischung aus Kalter-Krieg-Paranoia, Polit-Thriller, Film-Noir und billigem Groschenroman soll zu den besten Politfilmen der Sechzigerjahre gehören? Eine solch grotesk schlechte Story ist die Basis eines gefeierten Klassikers? Wie ist es möglich, dass Inszenierung (brilliant) und Drehbuch (trashig) derart auseinanderklaffen?

Und endlich: Der Schlüssel
Da dieses Konglomerat sich mir auch nach langem Drehen und Wenden nicht erschliessen wollte, suchte ich nach Erklärungen. Sie waren nicht einfach zu finden, die Suche hatte zunächst nur neue Rätsel und Irritationen zur Folge, denn die Rätselhaftigkeit des Film lässt die Interpretationsfreudigkeit der Filmexperten wild wuchern.
Die meisten Filmhistoriker und Kritiker jubeln, dass The Manchurian Candidate den damaligen Zeitgeist Amerikas genau abbilde - demnach muss es damals wirklich schlimm gestanden haben um die geistige Verfassung des Landes! Ich habe Filmwissenschaftler gelesen, die jeder noch so bescheuerten Wendung des Film Bedeutung zuordneten - und damit fast noch bescheuerter 'rüberkamen, als der Film selbst.
Konsens herrscht darüber, dass The Manchurian Candidate als Satire zu verstehen sei. Nach meinem Verständnis gehört zu einer Satire Humor. Der Film besitzt nicht nicht ein Fünkchen davon!


Schliesslich fand ich eine einleuchtende und brauchbare Erklärung, sie stellte sich als der Schlüssel heraus, den man braucht, um The Manchurian Candiate schätzen zu können. Ohne ihn muss man entweder blind an den Status des Films glauben oder die Filmhistoriker für verrückt erklären. Von selbst drauf zu kommen, ist ohne profunde Vorbildung in amerikanischer Geschichte ist praktisch unmöglich. Ein Text von Jonathan Rosenbaum hat mir geholfen, den Film als das zu würdigen, was er ist: Die Visualisierung des Weltbildes eines Kommunistenjägers.

Sehr amerikanisch
Zunächst: Was macht The Manchurian Candidate für uns so schwer verständlich?
Frankenheimers Film ist durch und durch amerikanisch; er spiegelt den amerikanischen Zeitgeist und die amerikanische Politik der Sechzigerjahre. Er erschwert einem europäischen Publikum den Zugang dadurch, dass er wenig erklärt und viel Hintergrundwissen voraussetzt - was die damaligen US-Kinogänger möglicherweise mitbrachten.
Ich vermute, The Manchurian Candidate war schon damals für europäische Zuschauer nich leicht zugänglich. Aus zeitlicher Distanz ist er für uns nur noch mit einer Anleitung vollumfänglich goutierbar. 


Rosenbaums Schlüssel ist folgender: Man sollte The Manchurian Candidate als Innenansicht des Gehirns eines der damaligen Verschwörungstheoretiker um Senator McCathy sehen. Oder anders: So würde ein Film aussehen, wäre er von einem unterbelichteten McCarthy-Anhänger geschrieben und gedreht worden. Betrachtet man den Film unter dieser Prämisse, ergibt plötzlich alles einen Sinn, von der dämlichen Story über die lächerlichen Dialoge bis zu den drehbuchtechnischen Monstrositäten.

Das Erstaunliche am Film ist, dass er dank John Frankenheimers Regie trotz allem Befremden, das er ohne Vorwissen auslöst, packt: Die Regie ist derart furios gut und gewagt, dass die Verwunderung über den Inhalt einem das Zuschauen nie richtig vergällt. Die Traumsequenz etwa ist derart irre in Szene gesetzt, dass man fasziniert zuschaut. Solch erstaunliche, inszenatorisch teils stark überzeichneten Momente gibt es immer wieder, man ist fasziniert von der nicht nur für die damalige Zeit unerhörte Art, wie da einer Regie führt. 

The Manchurian Candidate wurde von Frank Sinatra in den frühen Siebzigerjahren aus dem Verkehr gezogen; Sinatra erwarb die Rechte am Film und nahm ihn aus dem Verleih. Spekulationen über seine Gründe gibt es etwa so viele wie es Interpretationen des Films gibt. Fakt ist, dass Sinatra mit John F. Kennedy befreundet war, dieser ein Jahr nach der Filmpremiere erschossen wurde und der Film eine Sequenz enthält, die den Kennedy-Mord vorweg zu nehmen scheint.
Aber dies ist ein Rätsel, das wohl nie ganz gelöst werden wird.


Abschliessend möchte ich bemerken, dass The Manchurian Candidate zwar ein äusserst anregender, handwerklich gewagter Film ist, mit dem ich aber auch nach intensiver Beschäftigung nicht warm werde. Er ist interessant, aber eiskalt, seine handwerkliche Brillianz verblüfft, doch seine zeitliche Distanz macht sich deutlich bemerkbar. Zu behaupten, er sei heute noch oder wieder so aktuell wie damals, scheint mir doch sehr gewagt. Nur weil ein republikanischer Dummschwätzer drin vorkommt, ist er noch nicht "brandaktuell"! Die politischen Gegebenheiten und Begleitumstände haben sich seit damals doch dramatisch verändert; sinnvolle Parallelen lassen sich da kaum ziehen - höchstens gewollte.

Listen, Listen...
Ich weiss nicht, ob es nur mir so geht, aber nach der Sichtung dieses Films wurde mir klar, dass Janet Leigh ein blinder Fleck in meiner Filmschauspielerinnen-Liste ist. Hat die Frau eigentlich neben Psycho und The Manchurian Candidate noch in anderen signifikanten Filmen mitgewirkt?
Ihre bekannteste Rolle ist die des Dusche-Opfers in Hitchcocks Psycho - dort verschwindet sie allerdings nach 30 Minuten schon wieder aus dem Film; im Manchurian Candiate hat sie eine völlig bedeutungslose Rolle, die man genau so gut hätte weglassen können.
Dass sie von von 1947 bis zu ihrem Tod 2004 regelmässig in Filmen zu sehen war, entging mir völlig. Ebenso, dass sie auch schriftstellerisch tätig war und eine Tochter namens Jamie Lee Curtis hatte!
Hier ein paar durchaus bekannte Filme mit Janet Leigh:
The Naked Spur (dt.: Nackte Gewalt; Anthony Mann 1953)
Touch of Evil (dt.: Im Zeichen des Bösen; Orson Welles 1958)
Harper (dt.: Ein Fall für Harper, Jack Smight 1966)
The Fog (dt.: The Fog - Nebel des Grauens; John Carpenter 1980)


Weitere Filme von John Frankenheimer:
The Young Savages (dt.: Die jungen Wilden, 1961)
Birdman of Alcatraz (dt: Der Gefangene von Alcatraz, 1962)
Seven Days in May (dt.: Sieben Tage im Mai, 1964)
The Train (dt.: Der Zug, 1964)
Seconds (dt.: Der Mann, der zweimal lebte, 1966)
French Connection II (1975)
Black Sunday (dt.: Schwarzer Sonntag, 1977)

Weitere bekannte Filme von 1962:
To Kill A Mockingbird (dt.: Wer die Nachtigall stört; Robert Mulligan)

Lawrence of Arabia (dt.: Lawrence von Arabien; David Lean)
The Man who shot Liberty Valance (dt.: Der Mann, der Liberty Valance erschoss; John Ford)
Dr. No (dt.: James Bond jagt Dr. No; Terence Young)
What Ever Happened to Baby Jane? (dt.: Was geschah wirklich mit Baby Jane?; Robert Aldrich)
Jules et Jim (dt.: Jules und Jim; François Truffaut)
Vivre sa vie (dt.: Die Geschichte der Nana S.; Jean-Luc Godard)


Michael Scheck



Children of Divorce (1927)

Mit Clara Bow, Esther Ralston, Gary Cooper , Einar Hanson, Norman Trevor, Hedda Hopper, Edward Martindel u.a. Drehbuch: Hope Loring und Lou...