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Donnerstag, 18. Juli 2024

Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft (Honey, I Shrunk the Kids, 1989)

Mit Rick Moranis, Jared Rushton, Matt Frewer, Marcia Strassman,  u.a.
Drehbuch: Stuart Gordon, Brian Yuzna, Ed Naha
Regie: Joe Johnston

Heute stelle ich eine Science-Fiction-Komödie vor, die bereits 35 Jahre auf dem Buckel hat und frage: Hat sie dem Zahn der Zeit standgehalten?


Inhalt: Der Schrumpfstrahler des Erfinders Wayne Szalinski (Rick Moranis) will einfach nicht funktionieren - bis zu dem Tag, als ein Baseball aus der Hand des Nachbarsjungen ins Labor im Dachgeschoss fliegt und das Gerät einschaltet.
Szalinskis Kinder plus jene der Nachbarn werden verkleinert, während von den Erwachsenen gerade niemand zu Hause ist.
So geschieht es, dass Szalinski die minimierten Kinder später unbemerkt zusammenkehrt und in einem Müllsack an die Strasse stellt...
In einem waghalsigen Unternehmen versuchen sie nun von dort aus den Weg zurück zum Haus zu finden.


Urteil:
Honey, I Shrunk the Kids
ist so richtig typisch amerikanisches Unterhaltungskino: Ohne Scheu werden (und wurden) dort immer wieder die bescheuertsten Ideen filmisch verwertet - ob mutierte Riesenameisen in den 50er-Jahren, menschliche VWs in den 60ern oder weltrettende Superhelden, vor nichts schreck(t)en die Amis zurück.
Joe Johnstons drehte das Schrumpf-Spektakel für Disney, es atmet aber deutlich den Geist Spielbergs, der zur selben Zeit (in den Achzigerjahren) als Produzent mit ähnlichen Kindereien Furore machte (Gremlins, Goonies, Back to the Future).

Was diese herrlich unterhaltsamen Filme von heutigen Produktionen unterscheidet, ist das Fehlen von CGI. Und das erweist sich - nicht nur in diesem Fall - als Bonus! Die fantasievollen Studiobauten sind mit das beste an Honey, I Shrunk the Kids, sie versprühen noch immer zeitlosen Charme. Und an Wirkung haben sie nichts eingebüsst.


Auch die mittels hervorragend gehandhabter Animatronics- und Stop-Motion-Technik animierten Insekten tragen das ihre dazu bei, dass der Film einen bleibenden Eindruck hinterlässt.
Die Odysee der verkleinerten Kinder, deren Weg zurück ins Haus sich als Horrortrip durch einen überdimensionierten Vorgarten erweist, besitzt grossen Schauwert und wirkt lebendig; die aseptische Perfektion heutiger CGI-Technik kann da nicht mithalten. 

Johnstons durchwegs erfreulicher Film bietet sehr gute Unterhaltung; er lehnt sich stark an Jack Arnolds Science-Fiction-Klassiker The Incredible Shrinking Man an (dt.: Die unglaubliche Geschichte des Mr. C, 1957), erweitert dessen Grundidee aber mit viel schrägem Humor und gelungenen Wendungen.


Hintergrund:
- Der Bau der Kulissen und Requisiten dauerte mehr als neun Monate. In einem Artikel des Disney Channel Magazine vom Mai/Juni 1989 wurde berichtet, dass zwölf Häuser mit Vorder- und Hinterhöfen gebaut wurden, dazu ein drei Meter hoher Haferflockenkeks aus Polyurethanschaum und echter Sahnefüllung, vierzig Meter hohe Grashalme aus Urethanschaum und eine riesige mechanische Ameise, die von einem Dutzend Puppenspielern bedient werden musste. Die Ameise wurde aus Latexschaumkern und Pferdehaar konstruiert und für Stop-Motion-Sequenzen nachgebaut, in denen die Kinder auf dem Insekt ritten.
- Joe Johnston war ein hoch angesehener Art-Director und Spezialist für Spezialeffekte, aber ein unerprobter Regisseur mit nur einem Studentenfilm in seinem Namen. Als er sich mit dem Produzenten Jeffrey Katzenberg traf, fragte er ihn, ob er wegen dieses Films eingestellt worden sei. Katzenberg antwortete: „Nein, wir stellen Sie trotz dieses Films ein.“
Weitere bekannte Filme, die unter Johnstons Regie entstanden: Jumanji (1995), October Sky (1998), Captain America: The First Avenger (2011)


Der Film ist hierzulande auf einer DVD erhältlich (zusammen mit dem schwächeren Fortsetzungsfilm); im Stream bei verschiedenen Anbietern - siehe hier.


Sonntag, 12. November 2023

Drei Amigos (Three Amigos, 1986)


Originaltitel: Three Amigos
Regie: John Landis
Drehbuch: Steve Martin, Lorne Michaels und Randy Newman
Mit Steve Martin, Chevy Chase, Martin Short, Alfonso Arau, Patrice Martinez u.a.

Amerika in den 20er-Jahren. "The Three Amigos" ist der Titel einer (fiktiven) Stummfilm-Serie um drei Helden, die in Südamerika gegen allerlei Unrecht kämpfen. Im wahren Leben sind Lucky Day, Dusty Bottoms und Ned Netherlander (Steve Martin, Chevy Chase und Martin Short) alles andere als Heldenhaft - sie verhalten sich eher wie drei verwöhnten Kinder.
Im real existierenden Südamerika sind zwei Einwohner eines von Banditen geknechteten Dorfes auf der Suche nach Hilfe. Als sie zufällig einen Three-Amigos-Film sehen, schicken sie den drei Helden einen Telegramm-Hilferuf. Dieser wird auf der anderen Seite allerdings als Show-Engagement missverstanden.

Die erste Hälfte dieses Hollywood-Klamauks, den John Landis ("Die Blues Brothers") inszeniert und an dessen Drehbuch Steve Martin mitgewerkelt hat, weist eklatante Parallelen zur heutigen Politik auf. Die drei Amigos gleichen in ihrem dummdreisten Gehabe eher verwöhnten Kindern als Helden (was bereits von ihrem lächerlichen Kleidungsstil gespiegelt wird): Sie sind restlos egozentrisch und leben in ihrer kindlichen Traum- oder Wunschwelt; die bittere Realität blenden sie einfach aus: Die Banditen und deren unterdrückerische Haltung nehmen sie als Filmkulisse wahr, und die anderen Menschen sind da, um sie zu bewundern.

So endet ihr Einsatz schliesslich im Fiasko für alle - ausser für die Bösewichte: Das Dorf wird dem Erdboden gleichgemacht, die Dorfschönheit entführt und die drei Helden werden von der Dorfbevölkerung schmählich zum Teufel gejagt.
Datiert man das Geschehen und das Personal dieses Streifens auf die heutige Zeit auf, bekommt man hier einen verblüffenden Einblick in die Geisteshaltung und -kapazität jener grünen und linken Politiker, die gerade Deutschland (oder u.a. auch die Schweiz) mit ihrer dummdreisten Realitätsverweigerung an die Wand fahren. Konkret: Die geistig-psychologische Determiniertheit von Egomanen wird hier schlüssig aufgezeigt.

Was in der aktuellen Politik leider nicht passiert, geschieht im Film: Nach der Katastrophe dämmert es den drei "Amigos", langsam erkennen sie die Realität und öffnen sich ihr, indem sie ihre Selbstverliebtheit überwinden.
Das ergibt zwar einen partiell witzigen, aber ungleich schwächeren zweiten Teil, der nur noch wie ein Apendix wirkt, ein Anhängsel, das der Standardlänge eines Kinofilms geschuldet ist.
Natürlich müssen die drei "Helden" nun traumfabrikgerecht über sich hinauswachsen und am Schluss der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen.
War der erste Teil der brutalen Realität verpflichtet, driftet er hier in die hollywood-übliche Traumwelt ab und mäandert mit leichter Schlagseite dem Happy-End zu.
Komödiantische Glanzstücke wie der singende Busch und der unsichtbare Schwertkämpfer lassen die Schwächen zumindest partiell vergessen.

Fazit: Die erste Hälfte von Landis' Film ist ein geistreiches und gut aufgebautes Spiel um Sein und Schein (die Dorfbewohner verwechseln das Treiben im Stummfilm mit der Realität, die drei Stummfilmdarsteller verwechseln die Realität mit einem Filmsets); nachdem der konsequenten Durchgeführung dieser Thematik wäre der Film nach 60 Minuten eigentlich zu Ende. Was drangehängt wurde, fällt deutlich hinter den ersten Teil zurück.

Mein Prädikat: Herausragend / sehenswert / kann man auch sein lassen / schlecht

Dienstag, 9. Mai 2023

Flucht oder Sieg (Victory, 1981)



Regie: John Huston

Drehbuch: Evan Jones und Yabo Yablonsky
Mit Sylvester Stallone, Michael Caine, Max von Sydow, Pelé, Daniel Massey, Carole Laure u.a.



V.l.n.r.: Regisseur Huston, Sylvester Stallone, Michael Caine

Ein Film der in prominenten Rollen mit Sylvester Stallone, Michael Caine und Star-Fussballer Pelé besetzt ist, der sich um Nazi-Fussball dreht und in dem Altmeister John Huston (Asphalt-Dschungel) Regie führt... Was soll man bloss davon halten?

Als Victory anfangs der Achtzigerjahre in die Kinos kam, wurde er von den Kritikern mit Häme und Spott übergossen und fast einhellig verrissen.
Grund genug, sich den Streifen nach 42 Jahren nochmals vorzunehmen.

Victory beginnt in einem Kriegsgefangenenlager der Nazis. Michael Caine spielt John Colby, einen ehemaligen englischen Fussballer, der im Camp zum Zeitvertrieb Spiele organisiert. Stallone tritt als Gefangener Hatch auf, ein Amerikaner, der sich im Camp auf gut geplante Ausbrüche verlegt hat.
Pelé ist auch irgendwie dabei. Er ist dafür verantwortlich, dass die Fussballfans ins Kino gehen.

Die Konstellation funktioniert nicht besonders gut. Stallone und Caine kommen aus zwei völlig unterschiedlichen schauspielerischen Schulen, Pelé kommt aus gar keiner. Gut, letzterer bekommt nicht soviel Leinwandzeit wie die anderen beiden, doch das Grundproblem tritt hier bereits zutage: Es kommt vieles nicht zusammen in diesem Film.


Es gibt weitere Fussballstars ohne schauspielerische Erfahrung, die in Nebenrollen auftreten: Bobby Moore, Osvaldo Ardiles, Mike Summerbee, Co Prins,
Kazimierz Deyna, Hallvar Thoresen und andere.
Die Strategie hinter dieser Besetzung ist klar: Man wollte auch die Fussballfans anlocken. Unter diesen ist der Film übrigens nach wie vor sehr beliebt.

Die Fussballspiele der Gefangenen werden von Major Karl von Steiner (Max von Sydow) beobachtet, der früher selbst Fussballer war. Schliesslich tritt er mit einer Idee an Colby heran: Wie wäre es, wenn dieser aus sämtlichen in deutschen Lagern inhaftierten Profifussballern eine "Alliierten-Mannschaft" zusammenstellte und diese dann gegen eine deutsche Mannschaft antreten würde? 


Colby willigt ein; doch leider finden auch von Steiners Nazi-Vorgesetzte den Plan gut und wollen ihn für Propagandazwecke missbrauchen: Das Spiel soll an die grösstmögliche Glocke gehängt werden, um der Welt die Überlegenheit der Deutschen zu demonstrieren. Paris wird als Austragungsort festgelegt.

Das britische Kommando im Camp hat ebenfalls seine Pläne: Das Spiel soll dazu benutzt werden, die Nazis vor aller Welt blosszustellen; zu diesem Zweck soll Hatch einen Plan ausarbeiten, der die Flucht der alliierten Mannschaft während der Spielpause vorsieht - vor der Nase der Deutschen sozusagen.

Parallel zum Fussballtrainig im Camp werden Hatchs Flucht-Vorbereitungen geschnitten, für die er aus dem Camp ausbrechen und nach Paris reisen muss, wo er mit örtlichen Résistance-Mitgliedern zusammentrifft. 

Ab hier gerät Victory aus dem Tritt, weil er sich nicht entscheiden kann, wo der Fokus liegen soll - bei der Flucht oder beim Fussball. Bis zum Spiel in Paris - und auch während diesem - werden die aufwändigen Flucht-Vorbereitungen immer wieder parallel geschnitten und bekommen so grosses Gewicht.



Und da macht der Film dann einen m.E. entscheidenden Fehler. (Achtung, jetzt kommt ein  Spoiler!) Als Colby die Mannschaft in der Halbzeit in den Fluchttunnel unter dem Stadion führt, überreden ihn seine Mannen, das Spiel zu Ende zu führen.
Wozu, so fragte ich mich, wurde derart viel Filmmaterial und Dramturgie auf die Flucht verwendet, wenn sie am Schluss doch nicht stattfindet? Ich kam mir getäuscht vor, das war ein Plot-Twist der negativen Art, denn man erwartet eine spannende Ausbruchssequenz und kriegt statt dessen ein vorhersehbares Ende - den bereits im (grauslichen) US-Filmposter vorweggenommenen Fussball-Sieg der Alliierten

(Spoiler Ende).

Max von Sydow und Arthur Brauss spielen Nazis
 
Das Drehbuch, so muss man feststellen, ist nicht besonders ausgefeilt. Trotzdem ist die Handlung so konzipiert, dass Victory von Anfang bis Ende spannend und interessant bleibt. John Hustons Regie ist solide, und die Beratung der beteiligten Fussballprofis sorgt dafür, dass die Fussballsequenzen zum Ereignis werden. Pelé war für die Choreografie des abschliessenden grossen Matchs verantwortlich und man merkt fast nicht, wie schwierig es ist, ein Fussballspiel überzeugend auf die Leinwand zu bringen.
So ist Victory ein Film geworden, der zwar viele Schwächen aufweist, der aber trotzdem gut unterhält - auch Nicht-Fussballfans.

 
Man kann den Film online ansehen - hier eine List der Anbieter.

 

Donnerstag, 30. Juni 2022

Steel Magnolias (Magnolien aus Stahl, 1989)


Regie: Herbert Ross
Drehbuch: Robert Harling
Mit
Sally Field, Julia Roberts, Daryl Hannah, Dolly Parton, Shirley MacLaine, Olympia Dukakis u.a.

Als der Film damals in unsere Kinos kam, wurde er von den Kritikern derart verrissen, dass ich keine Lust hatte, ihn mir anzusehen. Von "steifer Inszenierung" war da die Rede, "kitischigen Farben", "Unechten Gefühlen", mit anderen Worten: Man liess keine Gelegenheit aus, via diesem Film dem verhassten US-Kino stellvertretend ans Bein zu pinkeln.
Jetzt habe ich ihn endlich doch noch geschaut, in erster Linie wegen der fantastischen Besetzung.
Es hat sich gelohnt!

Die "kitschigen Farben" passen perfekt zu einigen der Hauptfiguren, vor allem zur Beauty-Salon-Besitzerin Truvy (Dolly Parton); "steif" ist überhaupt nichts an diesem Film, ausser der von Daryl Hannah verkörperten Figur, ständig ist alles in Bewegung, Menschen und Kameras. Und "unechte Gefühle"... im Ernst?! In einem Spielfilm ist ja nicht mal der Regen echt!
Es wurden somit völlig ungerechtfertigt Dinge bemängelt, die zum Konzept des Ganzen gehören. Was Teil des Konzepts ist, kann doch nicht negativ kritisiert werden - ausser das Konzept wäre komplette stumpfsinnig. Ist es in diesem Fall aber nicht.

Muss man zur Ehrenrettung von Steel Magnolias ausholen? Nein, das Publikum hat dies längst getan, indem es Herbert Ross' bittersüsses Portrait einer amerikanischen Kleinstadt ins Herz geschlossen hat.
Es basiert auf dem erfolgreichen gleichnamigen Theaterstück von Robert Harling, welches von ihm selbst für die Leinwand adaptiert wurde. Darin verarbeitete er den Tod seiner Schwester Susan. Das Drehbuch weist auf einen Autoren mit aussergewöhnlichem Talent hin!
Im Mittelpunkt des Geschehens stehen sechs Frauen, gespielt von Sally Field, Julia Roberts, Daryl Hannah, Dolly Parton, Shirley MacLaine und Olympia Dukakis. Die Vorlage wechselt glaubhaft vom Komödienton in die Tragödie und wieder zurück, mit der - zugegeben simplen - Botschaft: "That's Life!"

Die grosse Stärke von Regisseur Herbert Ross ist die Schauspielerführung! Was er aus dem Ensemble herausholt ist fantastisch: Sämtliche Aktricen vermögen ihre Charaktere so mit Leben zu füllen, dass sie einem noch lange nach Filmschluss nachgehen. Sally Fields hat eine zentrale Szene, die den Atem stocken lässt, mit der sie sich für mich schnurstracks in die Gilde der herausragendsten Darstellerinnen aller Zeiten katapultiert hat. Wieso bekam sie dafür einen Oscar?!
Auch Julia Roberts (noch sehr jung) hat einige Szenen, welche die US-Kritiker aufhorchen liessen.

Steel Magnolias ist kein Meisterwerk (muss jeder Film ein Meisterwerk sein?), es gibt einige irritierende Oberflächlichkeiten darin, aber es ist ein durchwegs interessanter, witziger, berührender und handwerklich herausragend gezimmerter Wohlfühl-Film - im besten Sinne. Und wem das nichts sagt, der sollte sich den Streifen wegen der schauspielerischen Leistungen anschauen. Da zeigt er wirklich Grösse!

Der Film ist als Magnolien aus Stahl auf Blu-ray und DVD erschienen; beide können nur noch antiquarisch bezogen werden. Im Stream ist er bei zahlreichen Anbietern online zu finden.

imdb-Wertung: 7,7 / 10
Meine Wertung: 8 / 10

Der Film kann hier in der englischsprachigen Originalfassung online angeschaut werden (ohne Werbung oder Gebühren). 

 

Wo weitergucken? Weitere empfehlenswerte Filme...

...von Regisseur Herbert Ross:
Play it Again, Sam (1972)
The Turning Point (1977)
The Goodbye Girl (1977)

...mit Sally Field:
The Cannonball Run (1973)
Norma Rae (1979)
Places in the Heart (1984)

...mit Julia Roberts:
Notting Hill (1999)
Ocean's Eleven (2001)
Closer (2004)


 

Sonntag, 1. Mai 2022

Stirb langsam (Die Hard, 1988)

Stirb Langsam - der deutsche Titel ist mal wieder eine dumpfbackige Verballhornung des Originaltitels, welcher richtig übersetzt etwa "nicht totzukriegen" oder "nicht aufgeben" bedeutet. Stirb Langsam klingt eher nach einem Sado-Folter-Filmchen als nach dem Action-Kracher, der Die Hard in Wahrheit ist.

Nicht totzukriegen ist der hartgesottene New Yorker Polizist John McClane (Bruce Willis), der durch Zufall Zeuge eines grossangelegten Raubüberfalls in einem Hochhaus in LA wird. Eine bis an die Zähne bewaffnete und mit allerlei Explosiva hochgerüstete Bande deutscher Krimineller um Mastermind Hans Gruber (Alan Rickman in seiner legendären ersten Filmrolle) überfällt eine geschäftliche Weihnachtsfeier in der Mitte des noch halb im Bau befindlichen und sonst leerstehenden Nakatomi Plaza Tower und verlantg Zugang zu den reichhaltigen Tresorräumen des Chefs.

Von McClanes Anwesenheit wissen die bösen Deutschen zunächst nichts; dieser versucht den ganzen Film über, unter höchster Lebensgefahr und mit zunehmend schwereren Blessuren, die Bösewichte auszutricksen und auszuschalten. Die wilde Hatz tobt durch's halbe Hochhaus, durch schwindelerregende Liftschächte, Lüftungsrohre, auf dem Dach, an der Fassade und durch die im Bau befindlichen Stockwerken.

Das war die Kurzfassung (es ginge noch kürzer: "bumm, bumm, baller, schepper, krach").
Die Hard ist aber mehr als das: John McTiernans Werk ist einer jener seltenen Filme, die es schaffen, inmitten einer atemlos sich abspulenden Thriller-Handlung scharf gezeichnete Nebenfiguren zu integrieren und diese mit einer eigenen Geschichte auszustatten. Das geschieht zwar alles Skizzenhaft, aber diese Skizzen sind so präzise, so auf's Wesentliche eingedampft, dass sie lebendig wirken. Die Macher brauchen nur etwa drei Minuten, und schon kommt uns der Titelheld wie ein alter Bekannter vor. Alles dank kleiner Gesten, knapper Dialogzeilen und kleiner, beiläufig eingestreuter Beobachtungen.

Die Drehbuchautoren Jeb Stuart und Steven E. de Souza haben hier punkto Erzähl-Ökonomie und dramaturgischer Verknappung grandiose und vorbildhafte Arbeit geleistet. Jede Drehbuchklasse täte gut daran, diese Vorlage zu studieren und zu analysieren.
Die Inszenierung ist so gradlinig und dynamisch wie es das Drehbuch verlangt, filmhandwerklich ebenso vorbildlich und studierwürdig wie das Drehbuch. 

So ist Die Hard trotz einiger Abstriche ein perfekter Actionfilm, wie man ihn sich besser nicht vorstellen oder wünschen kann - auch die nötige Prise Humor fehlt nicht. (Die Abstriche wären: Gut-Böse-Schema ohne Zwischentöne; das Finale ist so richtig "over the top" und somit schon recht unglaubwürdig - aber das ist schon Jammern auf hohem Niveau).
Schöngeister werden wegen fehlendem Feinsinn die Nase rümpfen - doch ich meine, von diesem Streifen könnten sich viele anämische europäische, Subventionen empfangende Filmemacher eine Scheibe abschneiden: So sieht gutes Erzählkino aus!

Der Film ist auf Blu-ray und DVD im Handel erhältlich. Zudem ist er bei vielen Streaming-Anbietern zu finden.

Ferner liefen
Unter diesem Titel werden jene drei anderen im Voraus zur Sichtung erkorenen Filme kurz angerissen, die gegenüber dem oben beschriebenen weniger gut abschnitten. 

Die Sage von Anatahan (Anatahan, 1953)
Ein lange verschollener Film: Josef von Sternbergs letztes, zur Gänze im Studio gedrehtes Werk, mit ihm als Autor, Regisseur, Kameramann und Erzähler in Personalunion. Und mit Japanischen Schauspielern.
Anatahan lässt mich relativ unbeeindruckt zurück. Von Sternberg mit seinen ewigen Femme Fatales... Ächz!
Er inszeniert eine Art "Prä-Herr-der-Fliegen" auf einer einsamen japanischen Insel (namens "Anatahan"), wo ein ganzer Trupp Männer strandet, auf der jedoch bereits eine (einzige) Frau lebt.
Klar, was da abgeht... Klar, dass sie ihre Position ausspielt... Klar, dass wir uns in einem von-Sternberg-Film befinden.
Wie gewohnt bei diesem Regisseur: Tolle Ausstattung, ein ganzer Dschungel im Studio nachgebaut, aber wie üblich misst von Sternberg dem Look mehr Gewicht bei als der Dramaturgie: Es schleppt.
Sternbergs Narration klingt gestelzt und geschraubt, genauso, wie man sich einen Regisseur in der Rolle eines Schauspielers vorstellt.
Trotz des vielen Zuspruchs, der diesem Film unter Filmspezialisten zuteil wird: Ich werd' nicht warm damit. Genauso wenig, wie ich mit vielen anderen Filmen dieses Regisseurs warm werde...

The Muppets Most Wanted (2014)
Als Jungendlicher verpasste ich keine Muppet Show im Fernsehen. Die 20-minütigen Folgen spielten alle in der abgezirkelten Puppen-Welt eines kleinen Theaters, in welche jeweils ein Gaststar aus Fleisch und Blut eingeladen wurde.
Die Filme - jedenfalls die beiden neusten und ich spreche nur von denen (die anderen kenne ich alle nicht) - also, die Filme drehen dieses Prinzip um und die Puppen kommen in die reale Welt. Und das funktioniert einfach nicht. Respektive, es funktioniert nur, wenn man die "reale Welt" grotesk überzeichnet und daraus einen Ort macht, an welchem das Auftauchen von Handpuppen auch nicht weiter auffällt.
Aber dann stellt sich die Frage: Wozu die Welt soweit verfremden, dass sie zu den Muppets passt? Eine Welt, in der auch die Menschen wie Muppets agieren? Antwort: Damit man die Muppet-Truppe auch im Kino ausschlachten kann.
Damit ist gesagt, dass das Kino-Konzept nicht wirklich
funktioniert; die Muppets gehören in "ihre" Welt, am besten ins 20-Minuten-TV-Format.
James Bobins Film ist zwar streckenweise ganz lustig, aber die Puppen entwickeln kein Eigenleben, das abendfüllend wäre. Die von echten Schauspielern verkörperten Figuren auch nicht. Somit läuft sich Muppets Most Wanted nach ca. 30 Minuten tot. Einige der schmissigeren Gesangsnummern wecken die Lebensgeister der Zuschauer zwar zwischenzeitlich, aber im Grunde vermag die behämmerte Geschichte um ein verbrecherisches Kermit-Double herzlich wenig Interesse zu wecken - jedenfalls nicht bei mir.
Einzig der singende Danny Trejo ist Gold wert - und der verbale Gag mit dem Muppet-Werbeplakat in Berlin ("Die Muppets"). Rowlf: "Die Muppets? Somebody really doesn't like us here!"

Den Sternen so nah (The Space Between Us, 2017)
Was passiert mit einem Menschen, der in einer Kolonie auf dem Mars aufgewachsen ist und zur Erde reist? Diese Frage steckt in der Synopsis von Peter Chelsoms The Space Between Us drin. Sie war der Grund, weshalb ich mir diesen Film angeschaut habe.
Der Streifen verschenkt sein Potential allerdings, und das ziemlich ausgiebig.
Zunächst spult er eine ellenlange Vorgeschichte ab und leitet her, wie es zur Geburt eines Jungen auf dem Mars kommt; sie ist derart unglaubwürdig, dass mich der Film bereits während der Exposition verloren hatte.
Was danach folgt, ist eine rührende Liebesgeschichte, bei der sich allerdings immer mehr die Erkenntnis in den Vordergrund drängt, dass der ganze Science-Fiction-Überbau ein ausufernd konstruierter, weit hergeholter Vorwand für eine tragische Teenie-Schnulze ist: Eine gute Prise von "ich fühl' mich hier wie ein Ausserirdischer" gehört schliesslich in jeden Teenie-Film.
Für Teenager ist er möglicherweise geeignet, alle anderen Altersgruppen können The Space Between Us getrost überspringen

Nach diesem kurzen Versuch kehre ich wieder zurück zu meiner ursprünglichen Veröffentlichungspolitik: Es erscheint erst wieder ein Blogartikel, wenn ich einen wirklich guten Film zu sehen bekommen habe; die weniger guten werden unter "ferner liefen" nach dem Hauptartikel kurz abgehandelt.


Montag, 8. Februar 2021

Seh-Empfehlung 20: Terminator (The Terminator, 1984)


Originaltitel: The Terminator
Deutscher Titel: Terminator
USA 1984
Mit Arnold Schwarzenegger, Linda Hamilton, Michael Biehn, Lance Henriksen, Bill Paxton, Paul Winfield
u.a.
Drehbuch: James Cameron und Gale Ann Hurd

Regie: James Cameron

Aus einer düsteren Zukunft, in welcher Maschinen die Herrschaft übernommen haben und die Menschheit auszulöschen drohen, reisen zwei Gestalten durch die Zeit zurück ins Los Angeles des Jahres 1984 - die eine gut, die andere böse.
Die Böse ist ein Roboter in Menschengestalt, Terminator genannt (Arnold Schwarzenegger) - er hat es auf eine gewisse Sarah Connor (Linda Hamilton) abgesehen mit dem Auftrag, sie zu töten. Der Gute heisst Kyle Reese (Michael Biehn), ein Söldner und Wiederstandskämpfer - er hat den Auftrag, Sarah Connor vor dem Terminator zu beschützen.
Nun ist Sarah Connor nichts weiter als eine ganz gewöhnliche junge Frau - was um alles in der Welt wollen die beiden Irren aus der Zukunft bloss von ihr?

Regisseur James Cameron gehört heute zu den grössten seines Fachs, er drehte einen Blockbuster nach dem anderen: Aliens, Titanic, Avatar - die einflussreichsten Filme der letzten zwanzig Jahre stammen alle aus seiner Filmwerkstatt. Am Anfang seines Ruhms stand The Terminator. Inspiriert von einem eigenen Gemälde (ein Roboter entsteigt einem Flammenmeer) schrieb er mit seiner Studienkollegin Gale Ann Hurd eine Science-Fiction-Schnurre über einen Krieg in der Zukunft und zwei Zeitreisende, welche den Konflikt in unsere Gegenwart hineintragen. Arnold Schwarzenegger, dessen Filmkarriere zu jener Zeit schwächelte, war ursprünglich für die Rolle des Guten vorgesehen und der magere Lance Henriksen (der im fertigen Film in einer Nebenrolle als Polizist zu sehen ist) hätte den Terminator geben sollen.
Alles kam anders. Plötzlich stand die Erkenntnis im Raum, Schwarzenegger wäre der wirkungsvollere Bösewicht. Nach kurzen Image-Bedenken willigte dieser ein - und so wurde aus Arnold Schwarzenegger ein Markenzeichen: Mit schwarzer Sonnenbrille, Lederjacke und Knarre hat er einen Platz unter den Unsterblichen des Films gefunden. In dieser Aufmachung steht er heute neben Charlie Chaplin, Marilyn Monroe und James Dean - als Ikone des Kinos.

Der Film schlug damals ein wie eine Bombe, zur grössten Überraschung der Studioverantwortlichen, die glaubten, lediglich einen weiteren schnellen und billigen Action-Kracher produziert zu haben. Billig war er, aber so schnell wie sie dachten, verschwand er nicht wieder aus den Kinos. The Terminator katapultierte Arnold Schwarzenegger und Regisseur James Cameron zu Starruhm. Millionen wollten das Spektakel sehen, in welchem zwei berserkerhafte Typen aus der Zukunft durch die Grossstadt-Strassen toben und halb Los Angeles in Schutt und Asche legen. 

Der Film ist hervorragend gemacht, man sieht ihm sein kleines Budget selten an. Die Action reisst kaum ab und man kommt fast nicht zum Atem holen, geschweige denn, zur Erkenntnis, dass die Charaktere sehr flach und eindimensional gezeichnet sind. Aber es ist gerade das Holzschnittartige, welches einen Teil des Reizes von Camerons Erstling ausmacht: Hier Gut, da Böse und dazwischen das nette Mädchen von nebenan, das nicht weiss, wie ihm geschieht. Damit bestreiten Cameron und seine Mit-Autorin Gale Ann Hurd einen ganzen Filmabend.

The Terminator ist eine Art Blaupause eines guten Action-Films: Er ist einerseits spannend, laut und aggressiv - wobei sich die gezeigte Brutalität in engen Grenzen hält; andererseits liegt ihm ein handwerklich hervorragendes, erzählerisch geschickt gearbeitetes Drehbuch zugrunde. Die nötigen Hintergrundinformationen zur Handlung erhält man bröckchenweise, teils sogar während den Verfolgungsjagden, nebenbei geliefert, durch hoch konzentrierte Dialoge, die sich auf das Nötigste beschränken. Damit und mit seinem atemlosen Tempo setzte The Terminator neue Masstäbe im Actiongenre.
So primitiv, wie er bei seiner Erstaufführung hingestellt wurde, ist er nicht. Arnie ballert zwar pausenlos in der Gegend 'rum und nietet mit verwerflicher Gleichgültigkeit alle um, die sich ihm in den Weg stellen, doch ist er ja ein seelenloser Roboter und somit ein Geschöpf der blinden Technologie- und Computergläubigkeit, vor der die Autoren ausdrücklich warnen. Bei allem Raudi- und Gauditum, dem die Macher frönen, verlieren sie ihre Botschaft in keinem Moment aus den Augen.

Dass der Witz nicht zu kurz kommt, ist ein weiteres Plus: The Terminator nimmt sich nie wirklich ernst und tischt den Zeitreise-Schmarrn mit launigen Sprüchen und grotesken Einfällen auf.
Man kann sich dem kruden Charme dieses futuristischen Blödsinns einfach nicht entziehen...

The Terminator ist auf DVD und Blu-ray erhältlich; er kann bei verschiedenen Anbietern auch gestreamt werden.

 

Montag, 2. November 2020

Seh-Empfehlung 14: Willow (1988)

Originaltitel: Willow
Deutscher Titel: Willow (hierzulande erstmals im Kino gezeigt im Dezember 1988)
USA 1988
Mit Warwick Davis, Val Kilmer, Joanne Whalley, Jean Marsh, Patricia Hayes, Billy Barty u.a.
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Bob Dolman nach einer Story von George Lucas
Kamera: Adrian Biddle
Musik: John Barry
Dauer: 125 min
Farbe:color

Willow spielt in einer fernen Fantasywelt. Die böse Königin Bavmorda (Jean Marsh) lässt das Land nach einem Baby durchkämmen, das sie gemäss einer alten Prophezeihung dereinst entmachten wird. Die kleine Prinzessin wird von einem Zwergenvolk in dessen Dorf versteckt, doch als der Dorfälteste die Gefahr nahen sieht, beauftragt er den Zauberlehrling Willow (Warwick Davis), das Kind in die Menschenwelt zu bringen. Dies ist der Beginn einer Reihe von haarsträubenden Abenteuern, die Willow zusammen mit dem Dieb Madmartigan (Val Kilmer) bestehen muss, um das Kind von Bavmordas Kriegern zu retten...

Gedanken vor dem Film:
Eigentlich habe ich keine grossen Erwartungen an diesen Film. Fantasy ist nicht so mein Ding, zudem sieht Willow aus, als hätte man sich bei Lucasfilms Ltd. an den Hype des ein Jahr zuvor entstandenen Fantasy-Opus Die Braut des Prinzen von Rob Reiner drangehängt - einem Film, dem ich auch bei nochmaliger Sichtung rein gar nichts abgewinnen konnte. Da ich aber Ron Howard als Regisseur sehr schätze, gebe ich Willow eine Chance. 


Gedanken nach dem Film:

Da hatt ich mich wieder einmal gründlich getäuscht! Schon nach ein paar Minuten war klar, dass Willow in einer gänzlich anderen Liga spielt als Rob Reiners überschätzter Schinken. Schon mit den ersten atemlosen Einstellungen wird man in die Fantasiewelt des Films regelrecht hineingeschubst, und weil da - noch vor dem Titelvorspann - ein herziges Baby vor dem Zorn einer bösen Königin gerettet werden soll, ist man bereits emotional involviert, bevor man weiss, wie einem geschieht.
Und alles, was dann folgt, allem voran die überaus sympathisch gezeichneten und besetzten Hauptfiguren, halten die emotionale Beteiligung die ganze Filmdauer über aufrecht.

Die Geschichte stammt aus der Feder (und dem Studio) von George Lucas. Offenbar plante der Meister zwei Fortsetzungen; nach dem lauen Erfolg des Films erschienen diese aber nur in Buchform. Das Fantasygenre hatte es dem Vernehmen nach gegen Ende der Achtzigerjahre offenbar schwer - anders kann ich mir das fehlende Interesse an Willow nicht erkären, denn der Film ist ein einziges Fest! Neben der packend erzählten Story gibt es soviele parodistische Elemente und Anspielungen auf andere Filme und Bücher darin, dass er auch auf der Metaebene funktioniert und Film- und Fantasy-Cracks zusätzliche Freude bereitet.
Die Darsteller sind samt und sonders perfekt gewählt und spielen ihre Parts mit soviel Verve, dass man aus dem Grinsen nicht herauskommt, und mit soviel Wärme, dass man ihnen noch lange zuschauen möchte. Der zwergwüchsige, damals 17-jährige Hauptdarsteller Warwick Davis ist eine Wucht, er ist das Herz des Films, im wahrsten Wortsinn. Sein Partner Val Kilmer überbordet als pompöser Haudegen Madmartigan schier vor Spielfreunde; einen grossen Teil seines Textes hat er während des Drehs improvisiert. Wenn er über die Figur, die von seiner damaligen Geliebten und späteren Ehefrau Joanne Whalley verkörpert wird, herzieht und seine Tirade mit dem verzweifelten Ausruf "I hate this women!" beendet, dann ist das unglaublich lustig, obwohl es im Kontext des Films gar nicht so gemeint ist.  


Wer mit Disneys Klassikern bekannt ist, wird ständig Bildzitate und Versatzstücke aus Disneyfilmen entdecken, Kenner des Romans "Herr der Ringe" werden Anspielungen und Zitate finden, und auch "Star Wars"-Bewanderte kommen auf ihre Kosten. Die Reminszenzen und Persiflagen sind aber so beiläufig und mit soviel Understatement plaziert, dass sie den Fluss der Handlung, der unaufhaltsam auf ein actionreiches Finale zusteuert, nie stören. Wer sie bemerkt, freut sich, alle anderen finden in der Handlung genügend Aufregung. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass auch die Filmmusik (John Barry) das Zitate-Spiel munter mitmacht: Das Hauptthema von Willow ist ein unverhülltes Zitat des Hauptmotivs aus dem ersten Satz von Robert Schumanns dritter Sinfonie!
Willow wirkt wie aus einem Guss, packt, unterhält glänzend, begeistert mit erstklassiger Regieführung, tollen Effekten, einem hervorragend geschiebenen Drehbuch und engagierten schauspielerischen Leistungen.
Natürlich läuft die Handlung nach einem simplen Muster ab (hier die Guten, dort die Bösen); doch Willow beweist, dass es durchaus möglich ist, auch innerhalb der guten alten Schwarzweiss-Malerei interessante und differenziert gezeichnete Figuren zu entwerfen.

Anschauen? Nicht anschauen? Wer ältere Filme aufgrund der Perfektion moderner Tricktechnik als minderwetig bezeichnet, sollte die Finger von Willow lassen, wer alle Fantasy-Filme ausschliesslich an Peter Jacksons Herr der Ringe misst, ebenso. Wer flott erzählte, spannende Geschichten mit einer guten Portion Humor mag, sollte sich Ron Howards Film aber unbedingt ansehen. Für mich war er eine schöne Entdeckung!
Willow gibt's auf Blu-ray und DVD - streamen kann man ihn bei Disney+


Personelles:

Warwick Davis
hatte seinen ersten Auftritt in George Lucas' zweitem Star Wars-Film (Return of the Jedi); dort spielt er die Figur des Ewok Wicket. Lucas' schrieb ihm Willow auf den Leib; seither war der englische Schauspieler in zahlreichen Kinohits zu sehen, u.a. in weiteren Star Wars Episoden und in sämtlichen Harry Potter-Verfilmungen. Willow soll demnächst als TV-Serie weitergeführt werden - wieder mit Warwick Davis in der Titelrolle.
Val Kilmer erreichte in den Achzigerjahren Starruhm, vor allem durch seine Darstellung des Jim Morrison in Oliver Stones Biopic The Doors, der drei Jahre nach Willow entstand. Vor Willow spielte er neben Tom Cruise in Top Gun eine wichtige Nebenrolle. Er ist heute noch immer sehr aktiv, allerdings in weniger prestigeträchtigen Werken, deshalb hört man hierzulande auch nicht mehr viel von ihm. In einem seiner neusten Filmen, Cinema Twain, in dem er auch Regie führte, spielte er den Dichter Mark Twain. Es ist die Verfilmung seines eigenen Theaterstücks, "Citizen Twain".
Billy Barty: siehe die Ergänzung von Manfred Polak in Kommentare!
Ron Howard gehört heute zu den aktivsten und versiertesten Regisseuren der USA. Zuvor machte er im Fernsehen als Kinderdarsteller Karriere; die Schauspielerei pflegte er über die Jahre bis heute weiter, indem er kleinere Rollen in TV-Serien übernahm. Howard trat aber auch in Kinofilmen auf, u.a. an der Seite John Waynes (The Shootist, 1976). Seine zweite Karriere als Regisseur begann - nach drei Kurzfilmen - unter den Fitichen von Roger Corman mit Grand Theft Auto (1977), in dem er auch die Hauptrolle spielte. Vor Willow drehte die Satire Gung Ho, danach folgte mit Parenthood ein witziger Blick auf die amerikanische Familie. Ron Howard ist in vielen Genres zu Hause, und wenn er ein gutes Drehbuch hat, kann man sich auf einen lohnenden Filmabend freuen. Seine besten Filme, neben Willow: Apollo 13 (1995), A Beautiful Mind (2001), Rush (2013).
Sein neustes Werk ist der Dokumentarfilm Rebuilding Paradise über die 2018 vom grossen Feuer ruinierte Kleinstadt Paradise in Kalifornien.



Donnerstag, 15. Oktober 2020

Seh-Empfehlung 11: Nuts... Durchgedreht (Nuts, 1987)

 

Originaltitel: Nuts
Deutscher Titel: Nuts... Durchgedreht (Deutsche Kinopremiere März 1988)
USA 1987
Mit Barbara Streisand, Richard Dreyfuss, Karl Malden, Maureen Stapleton, Eli Wallach, James Withmore, Robert Webber, Leslie Nielsen, u.a.
Regie: Martin Ritt
Drehbuch: Tom Topor, Alvin Sargent und Darryl Ponicsan nach dem gleichnamigen Theaterstück von Tom Topor
Studio: Warner Bros.
Kamera: Andrzej Bartkowiak
Musik: Barbara Sreisand
Dauer: 116 min
Farbe: color

Bewertungen: 
imdb.com: 6,6 / 10 (5'805 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,1 / 5 (743 Stimmen)
Meine Wertung:
10 / 10

Claudia Draper, eine New Yorker Edelprostituierte (Barbara Streisand) hat einen ihrer Freier (Leslie Nielsen) brutal ermordet.
Nun soll ihr Fall vor Gericht rasch abgehandelt werden, da sie vom Gefängnispsychiater (Eli Wallach) für unzurechnungsfähig erklärt wurde. Sie kämpft allerdings für ihr Recht auf eine anständige Verhandlung und zieht das Gutachten des Psychiaters in Zweifel. Vom Gericht wird ihr dazu der zunächst unwillige Anwalt Aaron Lewinsky (Richard Dreyfuss) zugeteilt, der aber bald von Claudias Fall gepackt ist. 

Der Film zeigt die Verhandlung, die sich um Claudia Drapers Fähigkeit dreht, sich einer gerichtlichen Untersuchung ihrer angeblichen Mordtat zu stellen. Er beruht auf einem Theaterstück von Tom Topor.

Gedanken vor dem Film:
Nuts
lief auch bei uns in den Kinos, auch eine DVD kam auf den Markt. Ich hatte den Film bei seiner Premiere gesehen und fand ihn ziemlich gut, konnte mich aber nur noch an Einzelheiten erinnern. Als ich einige Kritiken im Netz durchstöberte, stiess ich auf einhellige Ablehnung. Von "schlechter Regie" und "lächerlichem Drehbuch" war da die Rede, und auch die Theatervorlage von Tom Topor sei "magelhaft". So empfand ich lange Zeit keinerlei Lust, mir den Film anzusehen. Ich tat es doch, mit dem Vorsatz, ihn bei Nichtgefallen nach 30 Minuten auszuschalten.

Gedanken nach dem Film:
Entweder spinne ich oder das Gros der Kritiker! Nach der Visionierung von Nuts kann ich mich über die vernichtende Presse nur wundern. Der Film ist perfekt! Nicht nur das: Er ist herausragend!
Ich vermute, da lag wieder einmal ein Fall von Kritiker-Herdentrieb vor. Bislang war mir nicht klar, dass es auch Film-Mobbing gibt, doch hier scheint ein solcher Fall vorzuliegen.


So versuche ich hier eine Rehabilitierung.
Von mir bekommt Nuts nur Lob: Angefangen bei der Drehbuchvorlage, die nicht nur ein spannendes, gut geschriebenes Gerichtsdrama mit tollen Dialogen beinhaltet, sondern auch gewichtige Themen wie Selbsverantwortung und Selbstbestimmung des Menschen aufs Tapet bringt und diese mit zahlreichen Formen der Fremdbestimmung kontrastiert; sie macht deutlich, wie verwundbar
ein Kind dank seinem Bedürfnis nach Liebe ist und welch verheerende Auswirkungen eine solche Verwundung noch auf sein Leben als Erwachsener haben kann.
Diese geballte Ladung ist in ein zwar altmodisches, deshalb aber nicht minder wirkungsvolles und packendes dramturgisches Konzept verpackt. Nach und nach wird in der Befragung von Zeugen eine Lebensgeschichte enthüllt, die dank ihrer Verankerung im Prinzip der menschlichen Natur allgemeine Gültigkeit erhält.


Regisseur Martin Ritt setzt dies grandios um! Indem er jeder Figur, auch den weniger zentralen,
ihre klaren Umrisse gibt, stattet er sie mit Glaubwürdigkeit und Hintergrund aus. Seine Bilder sind so konzipiert, dass auch in den vielen Dialogsequenzen eine konstante Spannung da ist, denn er inszeniert die Schauspieler im Hintergrund so, dass ihre Reaktionen auf das Gesagte eigene, stumme Geschichten erzählen. Ich hatte Ritt bislang kaum wahrgenommen, aber dieser Film überzeugt mich von der Notwendigkeit, mehr von ihm zu sehen.
Seine Schauspielerführung ist von traumwandlerischer Sicherheit.



Alles steht und fällt in diesem Film mit der Besetzung der Hauptrolle - und in dieser Beziehung hatte ich zu Beginn Bedenken. Doch Barbara Streisand verwächst mit der Rolle, je länger der Film dauert. Ich kenne zwar nur wenig von dieser multitalentierten Dame, aber derart überzeugend habe ich sie bislang noch nie gesehen. Verglichen mit dem Rest der Schauspieler-Crew fällt sie zwar leicht ab, doch sie meistert den schwierigen Part mit Bravour und vermag zu bewegen. Auch Richard Dreyfuss als ihr quirliger Anwalt ist hier so gut, wie ich ihn nie zuvor gesehen habe.
Karl Malden, Robert Webber (beide in ihren letzten Filmrollen), Maureen Stapleton, Eli Wallach, James Whitmore - sie alle glänzen und fügen sich nahtlos in eine grandiose Ensembleleistung ein.

Es gibt, wie bereits erwähnt, verschiedenste Vorwürfe gegen diesen Film: Schlechte Regie, banales Drehbuch, unglaubwürdige Hauptdartellerin, altmodische Machart. Halbwegs gelten lassen kann ich nur das letztere Argument, und das ist kein Qualitätskriterium. Oder ist - im Umkehrschluss - etwas automatisch gut, nur weil es up to date ist?
Allen anderen Anwürfen muss ich vehement widersprechen und mutmassen, dass da ein Film Opfer einer wie auch immer motivierten Anti-Kampagne geworden ist, die mit seiner Qualität gar nichts zu tun hat. Sogar viele heutige Kritiker käuen die Verriss-Argumente von damals treudoof wieder.


Ansehen? Nicht ansehen? Ansehen! Nuts ist einer der vielen verkannten und zu Unrecht vergessenen Filme, dazu einer, der ausnahmslos aus Bestleistungen besteht. Da darf er meinetwegen so altmodisch sein, wie er will. Das ist angesichts der wichtigen Gedanken, die er anregt, so nebensächlich wie der Stuhl, auf dem man dabei sitzt. Quatsch: noch nebensächlicher!
Die im deutschsprachigen Raum erschienene DVD kann nur noch antiquarisch erworben werden. Im Stream ist er bei zahlreichen Anbietern leih- oder kaufbar: Amazon, Google Play, Microsoft, iTunes (in der Schweiz nur auf iTunes)



Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...