Montag, 19. April 2021

Gold nach Singapore aka Abenteuer im gelben Meer (1935)

 

 
Originaltitel: China Seas
Mit Clark Gable, Jean Harlow, Wallace Beery, Rosalind Russell, Lewis Stone, C. Aubrey Smith, Robert Benchley, Dudley Digges, Akim Tamiroff u.a.
Drehbuch: Jules Furthman und James Kevin McGuinness nach dem Roman von Crosbie Garstin
Regie: Tay Garnett


Inhalt:
Captain Gaskell (Clark Gable) hat das Kommando über ein Schiff, das mit einer Ladung Gold und einer bunten Schar illustrer Gästen an Bord von Honkong nach Singapur unterwegs ist. Auch Gaskells alte Flamme Dolly (Jean Harlow) ist mit von der Partie, in der Hoffnung, an die alte Liebschaft anknüpfen zu können, doch der Käpten hat nur Augen für eine noble junge Engländerin (Rosalind Russell). Aus Enttäuschung darüber tut sich Dolly mit dem zwielichtigen Jamesy McArdle (Wallace Beery) zusammen, nicht ahnend, dass sie Gaskell und mit ihm die ganze Schiffsgemeinschaft damit in Lebensgefahr bringt...


Pressebild mit drei Stars: Beery, Harlow & Gable

Hintergrund:
Produzent Irving Thalberg konnte mit China Seas ein weiteres seiner seit Grand Hotel (1932) bekannten und beim Publikum beliebten All-Star-Vehikel in die Kinos bringen. Bis es soweit war, durchlief das Projekt allerdings schier endlose Stadien der Veränderung und Anpassung, mehrere Drehbuchautoren wurden drangesetzt, die Dialoge und die Handlung aufzupolieren. Herausgekommen ist ein Abenteuerfilm mit pointierten Dialogstrecken und glänzender Ensembleleistung. Er wurde ein grosser Publikumserfolg, der Clark Gables Starruhm ein gutes Stück weiter nach oben schnellen liess.
Heute ist China Seas nur noch hartgesottenen Fans des alten Hollywood bekannt.

Regisseur Tay Garnett (sitzend) mit Gable, Beery und dessen
Adoptivtochter Carol-Anne bei den Dreharbeiten zu "China Seas".
Carol Anne hatte eine ganz kleine Rolle im Film.

Clarke Gable und Jean Harlow funktionierten gut zusammen
und wurden damals gern als Leinwandpaar eingesetzt


Szenenbilder / Aushangfotos:

Kritik:
Obwohl er keinen Moment langweilt, vermag China Seas den Betrachter nicht gänzlich zu überzeugen. Das liegt in erster Linie daran, dass er sich nicht recht entscheiden kann, ob er Komödie, Gesellschaftsstück oder Abenteuerschnurre sein will.

Der Abenteuer- und Actionaspekt kommt erst im letzten Drittel so richtig zum Tragen und erweist sich inszenatorisch als schwächstes Glied des Films. Das kann zu einem grossen Teil den damals noch rudimentären technischen Möglichkeiten angelastet werden, welche manche Sequenzen - zumindest aus der zeitlichen Distanz betrachtet - etwas lächerlich aussehen lassen. Die unkontrollierte Raserei einer an Bord befindlichen Dampfwalze während des grossen Sturms etwa gehört dazu.

Das grosse Plus des Streifens sind aber die durchs Band hervorragenden Schauspieler und Schauspielerinnen und die sehr gut geschriebenen, farbigen Charaktere, die sie verkörpern. Sogar das Liebespaar hat Charakter und trumpft mit beträchtlichem Wortwitz und sichtlicher Spielfreude auf. Auch Wallace Beery, für den ich in meiner Besprechung des Films Beggars of Life kürzlich kein gutes Wort übrig hatte, überzeugt, weil er hier auf lauter gleichgesinnte "Rampensäue" trifft und nicht, wie dort, auf feinsinnige Charakterdarsteller.
Obwohl von Filmfans immer wieder die stimmige Chemie zwischen Clark Gable und Jean Harlow herausgestrichen wird, bin ich der Meinung, diese sei nicht der Rede wert angesichts der offensichtlichen Chemie zwischen Harlow und Beery! Die Szenen mit den beiden gehören zu den besten und unterhaltsamsten des Films, denn da scheinen sich zwei Vollblut-Komödianten gefunden zu haben.

Die Darstellung der Malayischen Piraten würde heute natürlich Anstoss zu Rassismus-Protesten geben; doch gehören diese einfach zum unverzichtbaren Inventar des exotischen Abenteuerfilms - oder gehörten bis vor kurzen noch dazu. Inzwischen werden uns solche Versatzstücke nachdrücklich und nachhaltig von linken Möchtegern-Saubermännern madig gemacht.
Die Piraten werden allerdings weder lächerlich dargestellt noch werden sie von weissen Komparsen verkörpert - zudem gibt es in diesem Film weisse Männer, die ungleich lächerlicher dargestellt werden - etwa der von Robert Benchley verkörperte dauerbesoffene Erfolgsautor.

China Seas ist im deutschsprachigen Raum weder auf Blu-ray, DVD oder online verfügbar. Er kann hier in mittelmässiger Bildqualität in der englischen Originalfassung angeschaut werden oder als DVD (RC0) der Warner Archive Collection bestellt werden.



Donnerstag, 15. April 2021

Seh-Empfehlung 26: Drei Caballeros (1944)


USA 1944
Originaltitel: The Three Caballeros
USA 1943
Mit Aurora Miranda, Carmen Molina, u.a.
Regie: Norman Ferguson (Gesamtleitung), Clyde Geroninmi, Jack Kinney, Bill Roberts und Harold Young
Produktion: Walt Disney

Vor der Sichtung:
Über die meisten Filme Walt Disneys wurde schon genug gesagt und geschrieben. Ausser über Three Caballeros, den ich als Disneys unterschätztes Meisterwerk bezeichnen möchte (im Gegensatz zu Fantasia, der den semi-offiziellen Titel „Disneys anerkanntes Meisterwerk“ trägt).
Tatsächlich sticht Three Caballeros bereits auf den ersten Blick aus dem Gros von „Uncle Walts“ familientauglichen animierten Abendfüllern heraus: Durch seine Aufmachung, seinen Inhalt, sein Artwork und seinen sexuellen Unterton.
Wir haben es hier mit einem Epiosodenfilm zu tun, dem zweiten aus Disneys Schaffensbereich, der sich mit den „südamerikanischen Freunden“ befasst. Bereits ein Jahr zuvor entstand der ähnlich gelagerte Saludos Amigos, quasi als Nebenprodukt einer politisch motivierten „Good Neighbours“-Tour  des Studiochefs und einiger Mitarbeiter nach Südamerika (man suchte nach Einigkeit gegen Hitlerdeutschland).
Einer Not folgend verlegte man sich während des Krieges auf die Produktion von Episodenfilmen. Viele wertvolle Mitarbeiter waren eingezogen worden, zudem brach der europäische Markt weg – das Studio sah sich aus personellen und finanziellen Gründen ausserstande, weiter Langfilme im Stil von Pinocchio zu produzieren. Ein Episodenfilm brachte den Vorteil, dass mehrere kleine Teams gleichzeitig an je einem Kurzfilm arbeiten konnten und der immense Koordinationsaufwand der Langfilme wegfiel. So konnte innert nützlicher Frist ein „neuer Disney“ in die Kinos gebracht werden.
Saludos Amigos verband seine vier „Shorts“ mehr schlecht als recht, indem man alle unter das gleiche Motto (Südamerika) stellte. Hüben wie drüben hatte der Film Erfolg, und so beschloss man, nachdem sich die Arbeitssituation im folgenden Jahr noch nicht verbessert hatte, mit Three Caballeros nochmals auf dasselbe Pferd zu setzen. Doch irgendwie geriet das Projekt aus der vorgegebenen Fassung; die Episoden begannen zu wuchern, es wurden viel mehr als vier und die Übergänge wurden so fliessend, dass das Etikett „Episodenfilm“ dem fertigen Film gar nicht mehr gerecht wird. 

Inhalt / Nach der Sichtung:
Three Caballeros
beginnt mit einem riesigen Geschenk, das Donald Duck aus Südamerika erhält. Im Paket befindet sich ein Filmprojektor, der den Zuschauer mitnimmt ins amerikanische Nachbarland. Es folgen zwei Kurzfilmepisoden und man wähnt sich im gleichen Konzept, das bereits im Vorgängerfilm angewendet wurde. Doch dann wird einem buchstäblich der Boden unter den Füssen weggezogen. Mit dem Auftauchen des brasilianischen Papageis José Carioca, der bereits in Saludos Amigos einen denkwürdigen Auftritt hatte, kippt der Film in den Surrealismus, der für die restliche Filmdauer mit überraschender Konsequenz durchgehalten wird. Da wird ein animationstechnisches Feuerwerk abgebrannt, das es in dieser psychedelischen Abgefahrenheit bei Disney vorher und nachher nie mehr gab – der Folgefilm Alice in Wonderland und der sich „seriöser“ gebende Fantasia kommen dem noch am nächsten, doch dort scheint der Irrsinn immer nur partiell und in eher abgemilderter Form auf.
In Three Caballeros vervielfältigt sich eine Figuren plötzlich zu einem aus ihr selbst bestehenden Chor, um sich gleich darauf zu einer riesenhaften Ausgabe seiner selbst wieder zu vereinen, da geraten Charaktere in die Tonspur, werden von ihr „eingesogen“, grotesk deformiert und wieder ausgespuckt, da rast die verliebte Zeichentrickente Donald wie ein Verrückter an der Copacabana hinter real gefilmten Mädchen her, die ob seiner Liebestollheit kreischend die Flucht ergreifen, Züge rasen in irrem Tempo über absurd geführte Schienenstränge, die ein verrückter Vogel vorneweg in die Landschaft malt, die realen Schattenrisse tanzender Männer verwandeln sich in jene kämpfender Zeichentrick-Hähne, und immer wieder tauchen Real-Life-Schauspielerinnen auf (u.a. die bezaubernde Aurora Miranda, Schwester der bekannten gleichnamigen Carmen), die von einem weibstollen Donald durch die surrealen Dekors gejagt werden, bis auch letztere nicht mehr bleiben, was sie waren und anfangen, in immer wilderem Reigen zu mutieren. Das alles verbindet sich nach den beiden noch recht konventionellen Anfangsepisoden zu einem visuellen Wahnsinnstrip, wie er im Populärfilm selten oder gar nicht zu sehen ist. Three Caballeros, das ist „Disney auf Drogen“. Kaum zu glauben, aber wahr.
Die visuelle Fantasie, die hier aufgewendet und von „Uncle Walt“ zugelassen wurde, scheint grenzenlos, und so ist Three Caballeros vor allem ein Fest fürs Auge, das von exzellenten Ohrwürmern aus der Feder des mexikanischen Komponisten Manuel Esperon angeheizt wird. Ward Kimball, einer der Chefzeichner des Disney-Studios, gab zu Protokoll, dass Three Caballeros der einzige Film sei, mit dessen Ergebnis er vollkommen zufrieden sei.

Ein Unikum im Werk des globalen Märchenonkels; es erstaunt nicht, dass Three Caballeros die wahrscheinlich am wenigsten populäre Trickfilmschöpfung Walt Disneys ist. Er wurde als einziger Disney-Film nach seiner Uraufführung später nicht mehr als Re-Edition in den Kinos gezeigt.
Gleichzeitig ist der Film aber ein eindrückliches Zeugnis – das letzte – für Disneys ursprüngliche Experimentierlust, die nach vielversprechenden Anfängen (von der Silly Symphony-Serie über den ersten langen Animationsfilm Snow Withe und den singulären Fantasia bis zu den Three Caballeros) nach dem Misserfolg der beiden letztgenannten endgültig dem Hang zur Popularisierung gewichen ist.

Den Film gibt's auf DVD oder bei Disney+ zu sehen.




Dienstag, 13. April 2021

Time Lapse (2014)



Originaltitel: Time Lapse
Mit Danielle Panabaker Matt O'Leary, George Finn, Amin Joseph, Jason Spisak, Sharon Maughan, David Figlioli u.a.
Drehbuch:
Bradley King und BP Cooper
Regie: Bradley King

Vor der Sichtung:
Zeitreisegeschichten habe ich schon immer gemocht - in erster Line wegen ihres Potentials, ungewöhnliche Geschichten zu ermöglichen. Und weil Time Lapse eine Zeitreisegeschichte ohne Zeitreise ist, bin ich umso gespannter darauf.
Das Zeitreise-Element ist hier eine Kamera, die Fotos von zukünftigen Ereignissen machen kann. Dieses Gerät und die zugrunde liegende Geschichte ist offensichtlich von einer Episode der legendären amerikanischen TV-Serie Twilight Zone aus den Sechzigerjahren inspiriert; die Epiosode A Most unusual Camera berichtet von drei Leuten, eine Frau und zwei Männer, denen eine solche "Zukunfts-Kamera" in die Hände fällt, und die deren Vorzüge bei Pferdewetten zu Geld machen wollen...
Time Lapse ist ein Erstlingswerk, er entstand mit minimalem Budget. Obwohl der Film an mehreren Filmfestivals Preise einheimste, blieb er der bislang einzige Langfilm seines Regisseurs.

Inhalt:
Der Hobbymaler und Teilzeit-Hauswart Finn (Matt O'Leary) stellt fest, dass ein Bewohner seiner Siedlung, der Wissenschaftler Bezzerides, vermisst wird. Als er in dessen Wohnung nach ihm schaut, stösst er auf eine Wand voller Polaroidfotos und eine riesenhafte Kamera, doch von Mr. Bezzerides fehlt jede Spur. Die Kamera ist direkt auf das Fenster von Finns Wohnzimmers gerichtet, und die Fotos an der Wand zeigen alle genau dieses Motiv - aufgenommen an verschiedenen Tagen, jeweils um dieselbe Uhrzeit. Finn und seine beiden Mitbewohner Callie (Danielle Panabaker) und Jasper (George Finn) finden heraus, dass die Kamera Fotos von der Zukunft schiesst; was sie zu sehen bekommen sind Bilder vom kommenden Tag. Als auf einem der nächsten Bilder
Jasper mit einem beschrifteten A4-Blatt in der Hand zu sehen ist, auf welchem Teilnehmer der Hunderennen des Tages stehen, dämmert es den drei, dass auf dem Blatt die Gewinner notiert sind. Sie verstehen, dass sie selber in der Zukunft dieses Blatt beschrieben haben müssen, um sich die Gewinner-Tipps zu geben. Damit die Vorhersage der Kamera erfüllt wird, müssen sie am Abend desselben Tages das A4-Blatt mit den Gewinnern beschriften, sich ans Wohnzimmerfenster stellen und sich ablichten lassen. Auf unheimlich Weise gewinnen die drei den Eindruck, dass die Zukunft auf diese Weise immer mehr ihre Gegenwart bestimmt. Als die Kamera immer beunruhigendere Bilder ausspuckt, gerät das Leben der drei vollkommen aus den Fugen... 

Nach der Sichtung:
Time Lapse (auf Deutsch etwa Zeitversäumnis oder Zeitfehler) ist geschickt aufgebaut und versteht es, die Zuseher von den ersten Minuten an zu packen - und bis zum bitteren (aber unlogischen) Ende nicht mehr loszulassen. Dabei drehen Regisseur und Drehbuchautoren gekonnt an der Spannungsschraube und warten immer wieder mit unerwarteten Wendungen auf, die aber nie Selbstzweck bleiben, sondern die Erzählung weitertreiben. Dass sie dabei die Unglaubwürdigkeit ihrer Geschichte geschickt kaschieren und den Mumpitz real erscheinen lassen, ist für einen Erstlingsfilm eine beachtliche Leistung.
Das führt allerdings dazu - auf der Negativseite - dass Time Lapse von tödlichem Ernst durchdrungen ist, was einem mit zunehmender Filmdauer aufs Gemüt schlagen kann.
Keine leichte Kost für einen weitgehend sinnfreien Film ohne jegliche Realitätsverankerung.

Time Lapse erschien bei uns weder auf DVD noch auf Blu-ray. 


 

Dienstag, 6. April 2021

Das Lied des goldenen Westens (1944)

Originaltitel: Can't Help Singing
Mit Deanna Durbin, Robert Paige, Akim Tamiroff, David Bruce, Leonid Kinskey, June Vincent, Ray Collins, Andrew Tombes u.a.
Drehbuch: Lewis R. Foster und Frank Ryan nach einem Roman von Samuel J.
Warshawsky und Curtis B. Warshawsky
Regie: Frank Ryan

Vor der Sichtung:
Von der Schauspielerin und Sängerin Deanna Durbin habe ich zwar schon oft gehört, aber ich kenne keinen einzigen ihrer Filme. Nur 23 hatte sie gedreht, das hatte gereicht, in den Dreissiger- und Vierzigerjahren zum Hollywood-Superstar aufzusteigen. 1948 beendete sie die Dreharbeiten zu ihrem letzten Film, drehte sich um und verliess Hollywood und das Filmbusiness für immer - im Alter von 27 Jahren. Das lässt auf Charakter schliessen, weshalb ich mir nun ihren ersten (und einzigen) Farbfilm vornehme, die heute vollkommen vergessene Komödie Can't Help Singing (die 1950 auch in die Deutschen Kinos kam).
Vom Regisseur Frank Ryan habe ich ebenfalls noch nie einen Film gesehen - ich habe bislang noch nicht mal von ihm gehört! Was aber kein Wunder ist: Ryans Regiekarriere lief gerade an, als er 1948, nach nur fünf Filmen im Alter von 41 Jahren verstarb - woran ist nicht zu eruieren. Ryan scheint heute derart gründlich vergessen zu sein, dass im Netz nicht einmal ein kurzer Lebenslauf von ihm zu finden ist (Update: Manfred Polak hat etwas gefunden - siehe sein Kommentar zu diesem Artikel).
Aufmerksam auf Can't Help Singing wurde durch eine Rezension von Alyssa auf der Internet-Seite Letterboxd.com, die schreibt:
"Yes, it's predictable and some of the acting was overdone but this is just such a bright, cheerful and fun film, just what the doctor ordered!"
Das klingt gut - und mal wieder etwas Leichtes. Deshalb: Film ab!

Inhalt:
Die Seantorentochter Caroline Frost (Deanna Durbin) möchte den Kavallerieoffizier Latham (David Bruce) heiraten, was ihr einflussreicher Vater (Ray Collins) strikte ablehnt. Eines Abends flieht Caroline von zu Hause, um ihrem Geliebten, der mit seiner Truppe Richtung Californien abgezogen ist, nachzureisen. Unterwegs macht sie Bekanntschaft mit einigen schrägen Vögeln, die ihr helfen, weiterzukommen - insbesondere der Trickbetrüger Lawlor (Robert Paige), der sich in Caroline verliebt hat...
Die beiden schliessen sich einem "Wagon Trail" nach Californien an, wo gerade reiche Goldadern entdeckt worden sind...

Nach der Sichtung:
Es hat sich gelohnt! Can't Help Singing ist leicht Kost, aber auf hervorragendem Niveau! Der Film ist eine musikalische Komödie, die mit sicherem Gespür fürs Komödiantische inszeniert wurde - Regisseur Ryan verstand sein Handwerk! Nicht nur beweist er Sinn fürs richtige Timing, seine Inszenierung fliesst lebendig und anmutig - von den eher intimen Gesangsnummern bis zu den eindrücklichen Massenszenen mit dem "Wagon Trail".
Sämtliche Rollen sind zudem mit komödiantisch begabten Leuten besetzt - von Deanna Durbin über Robert Paige und Akim Tamiroff bis hin zu den kleinsten Nebenrollen zeigt sich das gesamte Ensemble in aufgekratzt-ausgelassener Spiellaune!

Can't Help Singing ist ein kleiner Film, ein vergessener Film. Einer, der beweist, dass "klein" und "vergessen" nicht mit "schlecht" gleichgesetzt werden kann.
Er kann in voller Länge und in bester Bildqualität bei youtube angeschaut werden (nur in englischer Orginalsprache).



Samstag, 3. April 2021

Lebensgier (1954)

Originaltitel: Human Desire
Mit Glenn Ford, Gloria Grahame, Broderick Crawford, Diane DeLaire, Edgar Buchanan, Peggy Maley, Grandon Rhodes u.a.
Drehbuch: Alfred Hayes nach einem Roman von Emile Zola
Regie: Fritz Lang

Vor der Sichtung:
Für einmal macht der Originaltitel dem deutschen Verleihtitel punkto Doofheit Konkurrenz. Regisseur Fritz Lang protestierte vor Kinostart offenbar dagegen, indem er angeführt haben soll: "What other kind of desire is there?" Recht hatte er - der Englische Titel bedeutet "menschliches Verlangen".
Für die Hauptrolle hatte Lang Peter Lorre vorgesehen, doch der weigerte sich - nach "M- Eine Stadt sucht einen Mörder" wollte er nicht mehr mit dem despotischen Regisseur zusammenarbeiten. Dass nun an Lorres Stelle Glenn Ford zuoberst auf der Besetzungsliste steht, mutet seltsam an: Ein grösserer Kontrast zu Lorre ist schwer vorstellbar. Punkto Publikumswirksamkeit ist Fords Wahl nachvollziehbar, doch ich bin skeptisch: Ich kenne Ford bislang nur als unflexiblen, wenig wandlungsfähigen Schauspieler, der wenig mehr drauf hat als drei Gesichtsausdrücke.
Human Desire beruht auf Emile Zolas 1906 erschienenem Roman "La bête humaine", der bereits 1938 vom französischen Regisseur Jean Renoir verfilmt wurde, wobei sich Fritz Lang und sein Drehbuchautor Alfred Hayes weitgehend von Zolas Handlung und Figuren lösten, den Rahmen aber beibehalten - der Film spielt wie die Vorlage im Eisenbahnermilieu. Bezüglich Handlung scheint er eher James M. Cains Roman Double Indemninty (1944 verfilmt von Billy Wilder) zu folgen.

Inhalt:
Zwei Geschichten laufen zunächst parallel zueinander, bevor sie sich ineinander verwickeln: Der (Korea-)Kriegsheimkehrer Jeff Warren (Glenn Ford) nimmt seine Arbeit als Lokführer wieder auf. Gleichzeitig verliert Carl Buckley, ein anderer Eisenbahner (Broderick Crawford) wegen seines Jähzorns die Stelle. Da dessen junge Frau Vicky (Gloria Grahame) den Hauptaktionär der Eisenbahn, John Owens (Grandon Rhodes) gut kennt, bittet Buckley sie, bei diesem ein gutes Wort einzulegen. Sie tut es, kehrt aber erst fünf Stunden später zurück, was Carl zu rasender Eifersucht treibt. Er plant, Owens zu ermorden und zwingt seine Frau dazu, ihn mittels eines Briefes in ein bestimmtes Eisenbahnabteil zu locken.
Weil Lokführer Jeff im selben Zug mitfährt und Vicky begegnet - ihre Ablenkungsversuche interpretiert er als Anbändeln - schöpft er Verdacht, sobald der Mord entdeckt wird. Doch da ist er der Frau bereits verfallen, die ihn bittet, sie aus der Sache herauszuholen...

Nach der Sichtung:
Human Desire (der Titel würde auch auf ca. 2000 andere Filme passen) beginnt packend und zieht die Zuschauer gleich von Beginn weg in seinen Bann. Leider hält dieses dem Film Noir zugeschriebene Werk die Spannungsintensität nicht durch und lässt nach knapp einer Stunde deutlich nach. Dies hat mit der zentralen Figur, der Mördergattin Vicky zu tun. Sie erscheint von Beginn weg als undurchschaubar, man weiss nicht, ist sie ihres Gatten Opfer oder manipuliert sie ihn. Die Spannung, die sich daraus ergibt, fällt mit zunehmender Filmdauer flach, denn es wird zunehmend zum Frust, dass ihre Person stets genau gleich undurchsichtig bleibt und bis zum Schluss in dieser Hinsicht keinerlei Entwicklung durchmacht. Bis zuletzt weiss man nicht, ob alles, was sie erzählt, wahr ist oder ob es sich um infame, manipulative Lügen handelt.
Wenn man mir - wie hier - eine Geschichte erzählt, dann möchte ich mir nicht am Ende zurecht interpretieren müssen, was ich da gerade gehört/gesehen habe. Ich möchte am Schluss wenigstens ansatzweise über die Motive der zentralen Figur Bescheid wissen. Doch Human Desire gibt keinerlei Hinweise darauf. So hinterlässt er ein schales Gefühl - dass dies offebar
nicht nur bei mir der Fall ist, zeigt ein Blick in die Kommentare der Internet-Filmseite Letterboxd.com.

Das ist schade, denn er hat zahlreiche Vorzüge, und die haben ausnahmslos mit dem Regisseur zu tun! Fritz Lang versteht es, die Geschichte mit vielen hinein inszenierten Details lebendig zu gestalten; die Figuren werden mittels kleiner inszenatorischer Einfälle zum Leben erweckt. Jeffs erste Fahrt mit dem Zug zu Begin zum Besispiel ist ein Highlight kreativer Regie-Einfälle; kleinste Nebenfiguren (der Stationsvorsteher, Jeffs Arbeitskollege und dessen Frau, ein Barkeeper) bleiben haften dank der Art, wie sie in Szene gesetzt werden.
Carl Buckley und seine fatale Frau sind mit Broderick Crawford und Gloria Grahame perfekt besetzt, genauso die kleinen Nebenfiguren. Nur Glenn Ford bleibt austauschbar.
Lang versteht es, Atmosphäre zu schaffen und das Publikum zu packen. Er ist ein Meister des Erzählkinos. Leider hatte er während seiner Zeit in den USA oft Drehbücher oder Vorlagen, die seinem Können nicht angemessen waren - Human Desire gehört zu dieser Sorte Film.

Wer ein Gespür für gute Inszenierung hat, sollte ein Auge zudrücken, sich den Film trotzdem ansehen und sich an diesem Aspekt ergötzen.
Human Desire ist hierzulande nicht erhältlich; in England ist er als Doppeledition Blu-ray/DVD bei "Masters of the Cinema" erschienen.

 



Mittwoch, 31. März 2021

Seh-Empfehlung 25: Die Ausgrabung (2021)

 


Originaltitel: The Dig
Mit Ralph Fiennes, Carey Mulligan, Archie Barnes, Lily James, Ben Chaplin, Johnny Flynn, Monica Dolan, Ken Stott u.a.
Drehbuch: Moira Buffini nach dem Roman von John Preston
Regie: Simon Stone
Herstellungsland: England

Vor der Sichtung:
Der deutsche Titel klingt ja unglaublich verschnarcht - doch dieser Film des in Basel geborenen australisch-schweizerischen Theaterrregisseurs Simon Stone wurde nun so oft und so hoch gelobt, dass man als Filmliebhaber nicht drum herumkommt. Vereinzelt klangen die Kritiker so, als wäre hier der Film neu erfunden worden. Naja, wir weden sehen...
Im Zentrum steht der Archäologe Basil Brown, der im ostenglischen Ort Sutton Hoo 1938 für eine archäologische Sensation sorgte.
Ein weiterer Film, der dank des Lockdowns nicht in die Kinos kam... Und ein weiterer Film, der wegen seiner Herkunft (Grossbritannien) nicht ganz zum Titel dieses Blogs passen will...

Inhalt:
1938: England steht kurz vor dem Eintritt in den zweiten Weltkrieg. In der Nähe des ostenglischen Dorfes Woodbridge, in einem Feld mit dem Flurnamen Sutton Hoo, glaubt die archäologisch interessierte Witwe Edith Pretty (Carey Mulligan) einen möglichen Fund geortet zu haben. Sie bittet den ortsansässigen Hobbyarchäologen Basil Brown (Ralph Fiennes), drei auffällige Hügel auf ihrem Grundgebiet zu untersuchen. Dies führt zu einem der spektakulärsten archäologischen Funde Grossbritanniens - zur Entdeckung eines angelsächsischen Bootsgrabes. Kunstvoll darin verwoben werden die Schicksale der Protagonisten des Fundes.

Nach der Sichtung:
Was da so unspektakulär, ja fast langweilig klingt, ist der Inhalt eines der stärksten und tiefgründigsten Filme, die ich seit langer Zeit gesehen habe.
Regisseur Simon Stone hat den Film zwar nicht neu erfunden, doch er bedient sich des Mediums auf äusserst geschickte und kluge Weise; seine Inszenierung ist zugleich unbekümmert-spielerisch und sorgfältig in der Wahl der Mittel. Gemäss der Vorlage, die anhand des Fundes aus tiefer Vorzeit das Leben als ewigen Fluss zeigt und die Vergangenheit etwas Lebendiges, ins Heute Nachwirkendes, unterlegt Stone seine Bilder immer wieder mit Dialogsequenzen aus bereits vergangenen Szenen. Immer wieder klingt Vergangenes nach, wird über Bilder gelegt, welche die Handlung in die Zukunft fortsetzen. Das klingt esotherischer, als es tatsächlich ist, denn Stone erdet die Erzählung mittels scharf gezeichneter Figuren und genauer Beobachtung, und das ergibt im Kontrast zu den luftigen Bildern und der traumartigen Stimmung, die über dem ganzen Film liegt, einen unglaublich packenden, sogähnlichen Effekt.
Behutsam und wunderbar subtil nähert sich dieser Regisseur seinen Figuren und der Geschichte und formt den Stoff zu etwas Universellem, zutiefst Berührendem. W
as in weniger geschickten Händen leicht hätte ins Peinliche ausarten können, gerät hier zum Kunstwerk. Deshalb: Hut ab vor diesem neuen Talent!

Doch nicht nur der Regisseur vollbringt mit The Dig Beachtliches. Auch das Drehbuch (Moira Buffini) ist hervorragend, subtil und tiefgründig.
Die gesamte Schauspielertruppe ist schlichtweg grossartig - sogar Lily James ist gut. Ralph Fiennes als alternder Hobbyarchäologe vollbringt eine Meisterleistung - er geht derart in der für ihn untypischen Rolle auf, dass man hinter der Figur des Basil Brown nicht mehr den berühmten Schauspieler sieht; man vergisst Fiennes - und sieht Basil Brown.

In höchstem Mass sehenswert!

Der Film findet sich im Programm von Netflix - auf Blu-ray oder DVD ist er bei der Verffentlichung dieser Zeilen noch nicht erschienen.


Mittwoch, 24. März 2021

Baby Face (1933)

 


Originaltitel: Baby Face
Mit Barbara Stanwyck, George Brent, Donald Cook, Henry Kolker, Theresa Harris, Alphonse Etier, John Wayne u.a.
Drehbuch: Gene Markey und Kathryn Scola
Regie: Alfred E. Green

Vor der Sichtung:
Es ist erstaunlich, aber wahr: Manche US-Filme aus den frühen Dreissigerjahren wirken heute moderner als solche aus den 50ern. Das hat mit dem Hays-Code zu tun, der 1933 eingeführt wurde und der die Zensur in den US-Filmstudios installierte. Die Filme, die vor dem Code die Studios verliessen, waren zum Teil gewagt, offenherzig und sehr direkt. Und wirken deshalb heute frischer und lebendiger als viele ihrer Nachfolger.
Baby Face gilt als ein Paradebeispiel eines Films der sogenannten Pre-Code Zeit.

Inhalt:
Die junge Lily Powers (Stanwyck) führt ein miserables Leben als Tochter eines Speakeasy-Betreibers, der sie auch mal an seine Schutzleute verleiht. Als der Vater stirbt, befolgt Lily den Rat eines befreundeten Schuhmachers, sich selbst zu vermarkten und die Männer auszunutzen. Sie geht mit ihrer Maid Chico (Theresa Harris) nach New York und findet eine Stelle bei einer Bank. Dort bezirzt sie sämtliche wichtigen Männer, gelangt mit "den Waffen einer Frau" bis zur Spitze des Unternehmens und wird reich. Das geht gut, bis ein neuer Direktor (George Brent) die Bank übernimmt...

Nach der Sichtung:
Ich will mich nicht lange mit diesem Machwerk aufhalten, seine nähere Betrachtung scheint mir nicht gerechtfertigt. Thematisch interessierte er mich von Anfang an nicht, ich habe ihn mir nur dank der hohen Wertung auf imdb.com und einiger dort platzierten euphorischen Lobeshymnen angeschaut.
Hat sich was mit "Paradebeispiel eines Films aus der Pre-Code-Zeit"! Ich finde kaum ein gutes Wort dafür.
Baby Face
ist brutal langweilig. Unaufhörlich wird immer dasselbe wiederholt: Lily kriegt einen Mann nach dem anderen 'rum, in gefühlt endloser Folge. Die Bilder wiederholen sich. Leider glaubt man der Stanwyck die Faszination nicht, die sie auf die gesamte Männerwelt ausüben soll - und so funktioniert der ganze Film nicht. Sämtliche Charakteren sind eindimensinal gezeichnet, platte Abziehbilder des Lebens.
Natürlich ist die Thematik (eine Frau schläft sich nach oben) für Hollywood gewagt und aussergewöhnlich und war in dieser Offenheit tatsächlich nur vor dem Hays-Code möglich. Doch was nützt es, wenn sie dann derart uninspieriert abgehandelt wird?
Die gesamte Filmdauer über erinnert eine Stimme im Hinterkopf daran, wieviel besser und witziger Ernst Lubitsch das Ganze inszeniert hätte... Das frivole Liebesspiel war seine Spezialität und er konnte ohne viele Worte ganze Romane erzählen und Charaktere lebendig werden lassen. Hier wird gequasselt, gequasselt, gequasselt, mit fadem Resultat.
Zum Schluss artet das feministisch angehauchte Rachemelodram in ein unangemessen sülziges Happy End aus, das sämtliche eventuell vorhandenen gesellschaftskritischen Untertöne ausradiert und den Film im Nichts der Aussagenlosigkeit verschwinden lässt.

Die Schauspielerei ist noch das beste an Baby Face, hier gebührt allerdings nicht der vielgelobten Stanwyck die ehrenvollste Nennung; es sind vielmehr George Brent und Henry Kolker, die mit ihren Persönlichkeiten etwas Licht in diese trübe Angelegenheit bringen. Doch gegen die Flachheit ihrer schlecht geschriebenen Figuren kommen sie damit auch nicht an...


Samstag, 20. März 2021

Auf der Flucht (1993)


Originaltitel: The Fugitive
Mit Harrison Ford, Tommy Lee Jones, Joe Pantoliano, Sela Ward, Jeroen Krabbé, Andreas Katsulas, Julianne Moore u.a.
Drehbuch: Jeb Stewart und David Twohy
Regie: Andrew Davis

Vor der Sichtung:
The Fugitive ist einer jener vielen Filme, die ich damals, vor bald 20 Jahren, anlässlich ihrer Premiere im Kino gesehen hatte. Er wurde von der Kritik hochgejubelt, hatte bei mir aber keinen grossen Eindruck hinterlassen. Deshalb bin ich gespannt, ob ich heute anders darauf reagiere - so, wie das bei anderen Filmen aus jener Zeit schon oft der Fall war. Zudem verspreche ich mir einen nostalgischen Ausflug in jene Zeit, wo Harrison Ford noch als Action-Hero unterwegs war.
The Fugitive ist inspiriert von der gleichnamigen TV-Fernsehserie aus den Sechzigerjahren, deren Handlung er in komprimierter Form wiedergibt.

Inhalt:
Der Chirurg Dr. Richard Kimble (Harrison Ford) wird zum Tod verurteilt, weil er seine Frau umgebracht haben soll. Während der Fahrt zum Hochsicherheitsgefängnis verunglückt der Gefangenentransport und Kimble kann fliehen. Doch schon nach wenigen Stunden ist ihm eine ganze Polizei-Armada, angeführt von US-Marshall Samuel Gerard (Tommy Lee Jones) hart auf den Fersen. Kimbles einzige Chance ist es, den wahren Killer zu finden und damit seine Unschuld zu beweisen...

Nach der Sichtung:
Diesmal hat The Fugitive einen deutlich stärkeren Eindruck auf mich gemacht: Der Film ist hervorragend gemachtes Action-Kino, das so spannend ist, dass man kaum zum Atemholen kommt. Man kommt auch kaum zum Nachdenken. Erst wenn der ganze Zauber vorbei ist, bemerkt man, dass der Beginn (der Mord an der Ehefrau) schlecht mit der Auflösung der Geschichte korrespondiert. Wer nicht zuviel verraten haben will, sollte den folgenden, kursiv gedruckten Satz (Spoiler) nicht lesen:
Die Komplotteure, die hinter dem Mord steckten wollten Dr. Kimble loswerden; es ist völlig unmöglich, dass sie den Mord an der Gattin samt aller Begleitumstände so planen konnten, dass der Doktor zuletzt als einziger Verdächtiger verurteilt werden würde; jeder vernünftige Mörder hätte Kimble direkt aus dem Weg geräumt.
In der Fernsehserie, die von 1963 bis 1967 lief, mochte diese Unstimmigkeit dank dem zeitlichen Abstand zwischen dem Mord und dessen Auflösung nicht mehr stark ins Gewicht fallen; im Spielfilm, in komprimierter Form, fällt sie negativ auf.

Am Beginn von The Fugitive stand wohl das Vorhaben, eine Art Mega-Action-Film zu kreieren, in welchem der von allen Hunden gejagte Protagonist simultan zur atemlosen Jagd einen Möder suchen muss - ein doppeltes Spannungsmoment also. Um dieses Gerüst wurde die Handlung so dicht drapiert, dass man, wie bereits gesagt, vor lauter Action das Denken vergisst und somit auch die zahlreichen Zufälle, die dem Helden immer wieder zu Hilfe kommen, zunächst einfach übersieht. 

The Fugitive ist kein schlechter Film, er funktioniert trotz der erwähnten Kritikpunkte erstaunlich gut - dank des harmonischen Zusammenspiels der drei Hauptkomponenten Drehbuch, Regie und Hauptdarsteller. Die Regie setzt die ausgeklügelten Wendungen des Drehbuchs, die Schauplätze und die Charaktere effektiv und dynamisch um, und die beiden Hauptdarsteller verleihen ihren Figuren Leben und sorgen immer wieder für den nötigen Unernst. Harrison Ford und Tommy Lee Jones liefern sich hier einen denkwürdigen Schauspieler-Showdown, und an diesen konnte ich mich noch erinnern.
Am besten schnallt man sich vor dem Film an, stellt das Rauchen und das Denken ein, und ab geht's. Das ist die Art und Weise, wie man The Fugitive am entspantesten geniessen kann.

Die Busunglück-Sequenz fiel mir übrigens besonders auf: Sie ist unglaublich aufwendig und realistisch inszeniert und verschlang wahrscheinlich den Grossteil des Budgets. Damals liess man einen echter Zug in einen echten Bus rasen, die Entgleisung und der ganze Materialschaden waren echt. Zudem musste die Unfallstelle massstabgetreu nachgebaut werden - sie fungiert heute als Toristenattraktion. Heute würde man diese Passage mittels CGI-Technik in Angriff nehmen - sie wäre genauso effektiv, aber ungleich kostengünstiger.

The Fugitive ist unter dem deutschen Titel Auf der Flucht auf Blu-ray und DVD nur noch antiquarisch erhältlich. Online kann er bei verschiedenen Anbietern angesehen werden.

Montag, 15. März 2021

Seh-Empfehlung 24: Neues aus der Welt (2020)


Originaltitel: News of the World
Mit Tom Hanks, Helena Zengel, Mare Winningham, Elizabeth Marvel, Thomas Francis Murphy, Michael Angelo Covino u.a.
Drehbuch: Paul Greengrass und Luke Davies nach dem Roman von Paulette Jiles
Regie: Paul Greengrass

Vor der Sichtung:
Einer der Filme, die wegen des Corona-Lockdowns nicht in die Kinos kamen, den ich mir dort aber gern angesehen hätte. Seither ist er im Netflix-Programm abrufbar. Er erzählt die Geschichte eines einsamen Bürgerkriegs-Veteranen (Tom Hanks), der durch die Dörfer des amerikanischen Wilden Westens zieht, um dort gegen Entgeld die Nachrichten aus den Zeitungen zu verlesen; als er ein von Indianern entführtes Mädchen (Helena Zengel) aufliest, gerät seine Welt aus den Fugen...
Klingt interessant, zudem hatte ich Lust, mir einerseits wieder einmal ein modernes Kinowerk, andererseits einen Western anzusehen. News of the World erfüllt beide Wünsche.

Inhalt:
Der bürgerkriegsversehrte Veteran Jefferson Kidd (Tom Hanks) zieht durch die Weiten des unerschlossenen Westens, um den Leuten die neusten Nachrichten aus der Welt vorzulesen. Kidd, einer von vielen, die nach dem Krieg ihre gesamte Lebensgrundlage verloren hatten, versucht sich mit dieser Tätigkeit über Wasser zu halten. Auf dem Weg ins nächste Kaff findet er in der Wildnis ein verwildertes blondes Mädchen, das indianische Kleidung trägt und die Sprache der Kiowa spricht. Kidd findet Unterlagen, die das Kind als Johanna Leonberger identifizieren, als Kind deutscher Einwanderer, das von Indianern entführt wurde. Kidd ahnt, dass das entwurzelte Mädchen Schreckliches erlebt haben muss. Und er, der selbst entwurzelt ist, weiss, dass er mit dem Auftrag,
Johanna (Helena Zengel) zu ihren einzigen Verwandten zu bringen, das Kind zum zweiten Mal entwurzeln wird.

Nach der Sichtung:
News of the World scheint zu spalten. Die einen finden ihn grandios, die anderen miserabel. Ich gehöre zur ersten Gruppe, und ich stelle erstaunt fest, dass ich viele Argumente der Kritiker nicht im Geringsten nachvollziehen kann. Ja, der Film ist ein Western, bietet aber kaum Action - ihn deshalb langweilig zu nennen, zeugt von einer Aufmerksamkeitsspanne, die gerade mal bis zur nächsten leergefutterten Chips-Tüte reicht: Wenn man sich ständig ausklinkt, um Nachschub zu besorgen oder um die neusten Handy-News zu checken,
ist es kein Wunder, dass man die zahlreichen Zwischentöne des Films verpasst.
Und ja, Tom Hanks spielt hier schon wieder den good guy. Na und?! Das ist doch kein ernstzunehmender Kritikpunkt - wird aber von mehreren professionellen Kritikern gegen News of the World ins Feld geführt! Was soll denn damit ausgedrückt werden? Dass man Tom Hanks nicht mag? Dass man lieber einen anderen Schauspieler in der Rolle gesehen hätte? Beides sind von persönlichen Vorlieben/Abneigungen geprägte Aussagen und haben in einer Kritik nichts zu suchen. Hanks spielt die Rolle hervorragend, er passt sich perfekt in die Handlung ein, die Figur ist stimmig... dass er schon oft den Guten gespielt hat, schmälert doch seine Leistung nicht!
Ob der Kritiker ihn mag oder nicht, ist völlig irrelevant! In einem persönlich gestalteten Amateur-Blog mag diese Feststellung als "Kritik" vielleicht durchgehen (aber auch nur vielleicht...), dass sowas aber von professionellen Journalisten öffentlich für Kritik ausgegeben wird, fällt auf das Medium zurück, welches solche Kindereien nicht zurückweist. Aber heute dürfen ja auch filminteressierte Lokaljournalisten Filmkritik betreiben... Was wundere ich mich eigentlich?

Genug des Kritiker-Bashings - zurück zum Film.
News of the World strahlt trotz einiger aufwühlender Sequenzen eine Ruhe aus, welcher Grösse entwächst. Und dass diese Grösse - menschliche Grösse, die angesichts der landschaftlichen Grösse und Weite des Landes doch wieder ganz klein wird - dass diese Grösse spür- und erahnbar wird, das ist im Wesentlichen das Verdienst von "Schon-wieder-Good-Guy" Tom Hanks. So gut wie hier, so im Einklang mit dem Film und dessen Intention, habe ich ihn bislang noch nie gesehen. Er verleiht der Figur des Captain Kidd Tiefe, wo diese vom Drehbuch ausgespart wird. Er füllt mit seiner phänomenalen Schauspielerei und seiner Persönlichkeit die Lücken im Film - ob diese beabsichtigt waren oder nicht, kann ich nicht abschliessend beurteilen - und erhebt den inszenatorisch bereits hervorragenden Film auf die Stufe eines Meisterwerks. Die Verlorenheit und Verzweiflung seiner Figur spricht kaum einmal aus dem Dialog, auch nicht aus Kidds Handlungen - sie liegt im Blick des Schauspielers, in seinen Gesten und Reaktionen, in einer selten gesehenen Eindringlichkeit. Und das soll ihm mal einer nachmachen!

News of the World erzählt von zwei Verlorenen, Heimatlosen. Beide haben Traumatisches erlebt, Kidd im Krieg, wo er Dinge tun musste, die seine Seele tief geschunden haben, Johanna auf dem Schlachtfeld des Lebens, wo sie zwei Mal mitansehen musste, wie ihre Familien - die leibliche und die "adoptierte" - ermordert wurden. Der Film ist nicht nur Western, sondern auch Road Movie, denn Kidd und Johanna begeben sich zusammen auf die Reise, in deren Fortgang sie sich näher kommen. Und hier leistet auch der Regisseur Erstaunliches, denn es gelingt ihm, jede Klischee-Klippe geschickt zu umschiffen; er gestattet sich keine Gefühligkeiten (ausser am Schluss, aber da passt's), er überlässt die emotionale Ausgestaltung seinen beiden Hauptdarstellern, und auch sie handhaben diese auf äusserst minimalistische - und deshalb umso wirkungsvollere - Weise.

Paul Greengrass' Film prunkt nicht mit grossen Aussagen. Er will eine Geschichte erzählen und dieses Vorhaben löst er gekonnt ein. Und doch erhält News of the World eine allgemeine Gültigkeit - durch seine beiden Protagonisten. All das Neue aus der Welt, von dem Kidd seinem Publikum erzählt, all die Zeitungsartikel über reale Katastrophen, Unglücksfälle und Umstürze werden reduziert auf erzählbare Geschichten. Anhand der Figuren von Captain Kidd und Johanna, die, wie alle Menschen ihre eigenen Katastrophen, Unglücksfälle und Umstürze durchlitten haben, gelangt Greengrass' Film zum tröstlichen Kern hinter den Geschichten, der in allen gedruckten Berichten stets ausgespart bleibt, der aber genauso zum Menschsein gehört: Mitgefühl, Fürsorge und Liebe - sie sind genauso real wie all die Katastrophen.
Dass dies von der Kritik nicht erkannt wird... naja, aber lassen wir das.

PS: Au weia - jetzt habe ich kein Wort über die grossartige (weil deutsche) Kinderdarstellerin Helena Zengel (13) verloren. Ok, hier kommt's: Sie macht ihre Sache gut. Der Regisseur musste allerdings einige Sequenzen ihren begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten anpassen - was leider zu kleineren Brüchen in der Figurenzeichnung führt.

News of the World kann als Neues aus der Welt bei Netflix online angesehen werden. Der Film ist zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht auf Blu-ray oder DVD erschienen.

Freitag, 12. März 2021

Der Sieger (1952)


Originaltitel: The Quiet Man
Mit John Wayne, Maureen O'Hara, Barry Fitzgerald, Victor McLaglen, Ward Bond, Mildred Natwick, Francis Ford, Arthur Shields u.a.
Drehbuch: Frank S. Nugent
Regie: John Ford

Vor der Sichtung:
The Quiet Man ist ein Film, der schon sehr lange auf meiner Wunschliste steht, der heute fast Legendenstatus besitzt und auf den ich nun sehr gespannt bin.
Der für seine Western bekannte John Ford (einer meiner Lieblingsregisseure) machte hier einen Ausflug in die alte Heimat seiner Familie, nach Irland, um eine romantische Komödie zu drehen - ein Projekt, das er schon lange geplant und immer wieder verschoben hatte.
Auf der Besetzungsliste stand die übliche Reihe seiner "Regulars", Schauspieler, mit denen er immer und immer wieder zusammenarbeitete - von John Wayne über Ward Bond, Victor McLaglen, Barry Fitzgerald bis zu seinem älteren Bruder Francis Ford.
The Quiet Man wurde in einem familiären Rahmen gedreht: So spielt nicht nur der Bruder des Regisseurs mit, sondern auch die beiden jüngeren Brüder der Hauptdarstellerin Maureen O'Hara, ebenso Arthur Shields, der Bruder Bary Fitzgeralds. Wie der Regisseur hatten John Wayne, Barry Fitzgerald, Arthur Shields und Maureen O'Hara sowie zahlreiche Nebendarsteller irische Wurzeln.

Inhalt:
Der irischstämmige, in den USA aufgewachsene Ex-Boxer Sean Thornton (John Wayne) kehrt in seine alte Heimat zurück und kauft im kleinen Kaff Innisfree das Haus, in dem er aufgewachsen war. Dort trifft er auf die rothaarige Mary Kate Danaher (Maureen O'Hara) , in die er sich sofort unsterblich verliebt. Der Film erzählt die turbulente Liebesgeschichte der beiden, die von Mary Kates starrsinnigem Bruder (Victor McLaglen) sabotiert wird; schon bald erweist sich Mary Kate als ebenso starrsinnig, und sie muss von ihrem Ehemann Sean zur Räson gebracht werden. Ein Hauch von Shakespeares The Taming of the Shrew begleitet die Geschichte...

Nach der Sichtung:
Restlos begeistert bin ich nicht von diesem Film. Ich staune sogar, dass er unter Filmjournalisten ein derart hohes Ansehen geniesst, denn er zelebriert ein restlos veraltetes, geradezu archaisches Beziehungs-Bild zwischen Mann und Frau: Der Mann ist der Meister im Haus, die Frau muss ihm dienen - und ist sie nicht willig, so braucht er Gewalt!
Bei allen Vorzügen, die The Quiet Man zweifellos vorzuweisen hat, diese Grundtendenz, die den ganzen Film durchzieht, ist aus heutiger Sicht schwer zu schlucken - und ich bin bezüglich veralteter Rollenbilder in alten Filmen üblicherweise nicht heikel und neige stark dazu, diese als Ausdruck der damaligen Gesellschaft zu goutieren. Doch hier geht mir John Ford, der alte Macho, schlicht zu weit. Das Argument, man müsse eine widerspenstige Frau nur hart an die Kandare nehmen, sie wolle das so, sie wolle sich im Grunde unterordnen, wiederspricht meinem Menschenbild diametral.
Hier wird diese Behauptung untermauert, indem gezeigt wird, wie lammfromm und anschmiegsam der einstige Starrkopf nach der Zähmung ist.
Das ist unglaublich schade, denn damit vermasseln mir Ford und Drehbuchautor Nugent einen Film voller wunderbarer Bilder und voll kauzigem Witz. Doch auch im Witz ist The Quiet Man ambivalent: Der Humor speist sich aus lauter Stereotypen über die Iren - stünden an ihrer Statt Afroamerikaner im Zentrum des Films, wäre das Geschrei gross, und ich würde wetten, der Film wäre in den USA inzwischen mit dem Bannfluch belegt worden; aber Iren sind weiss, also kein Problem! Immerhin sind die Pointen derart meisterhaft gesetzt, dass die ethnischen Vereinfachungen durchaus zu ertragen sind.

Vorgeführt wird die Geschichte von einer einmaligen Truppe von geradezu göttlich aufspielenden Schauspielern: Maureen O'Hara, Victor McLaglen, Barry Fitzgerald und Ward Bond könnte ich stunden-, ja, tagelang zuschauen. Sie alle vermögen ihre Charaktere mit winzigen Gesten in Stein zu meisseln und sie unvergesslich zu machen. Neben ihnen fällt John Wayne mit seiner üblichen Hölzernheit klar und deutlich ab. Weshalb John Ford immer wieder mit diesem schauspielernden Holzblock gearbeitet hat, entzieht sich meinem Verständnis.

Erschwerend kommt dazu: Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist schon sehr dünn und belanglos - zu dünn für einen derart hoch gelobten Filmklassiker! Sie wird zwar mit grossem erzählerischem Geschick aufgetragen, mit viel Humor und schrägen Nebenfiguren garniert; das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass The Quiet Man bis zuletzt sehr oberflächlich bleibt.

Alles in allem ist The Quiet Man für mich eine Enttäuschung, wohl nicht zuletzt, weil ich dank seines Kultstatus so gespannt auf ihn war.
Allerdings muss gesagt sein, dass ich mir eine derart unterhaltsame, inszenatorisch brilliante und vergnügliche Enttäuschung gern gefallen lasse!

Der Film kann bei amazon.de online angesehen werden; er ist bei uns auch auf Blu-ray und DVD erhältlich.


Sonntag, 7. März 2021

Wahnsinnige Liebe (1935)

USA 1935
Originaltitel: Mad Love
Mit Peter Lorre, Frances Drake, Colin Clive, Ted Healy, Sara Haden, Keye Luke u.a.
Drehbuch: P.J. Wolfson und John L. Balderston
Regie: Karl Freund

Vor der Sichtung:
Frankenstein, Dracula, Frankensteins Braut, Das alte Finstere Haus, Die Mumie - all diesen Titeln ist eines gemeinsam: Sie stammen aus dem Universal Studio und gehören zu dessen legendärer Horror-Film-Serie aus den Dreissigerjahren. Mad Love hingegen stammt aus dem Hause Metro-Goldwyn-Mayer, das damit auf den Universal-Erfolgszug aufspringen wollte.
Bei dem Film handelt es sich um ein erweitertes Remake des berühmten deutschen Stummfilms Orlacs Hände, in welchem einem von Conrad Veidt gespielten Pianisten nach einem Unfall die Hände eines Mörders angenäht werden. Mad Love wurde hinsichtlich der Figurenkonstellation erweitert - hier steht nicht der Pianist im Zentrum, sondern der Arzt, der ihm die Hände operiert.
Obwohl ich mit Horror sonst wenig am Hut habe, finde ich die (im Vergleich zu heute harmlosen) Horror-Filme der Dreissigerjahre dank ihrer eigenwilligen stummfilm-nahen Stilistik sehr reizvoll. Mad Love stand noch unter der Aegide des genialen, früh verstorbenen MGM-Produzenten Irving Thalberg, unter dessen Szepter erstaunliche Filmwerke entstanden. Und Peter Lorre beim Schauspielern zuzuschauen lohnt sowieso immer. Mad Love war Lorres erster Hollywood-Film und er heimste für die Rolle des irren Chirurgen viele Lor(re)beeren ein. Karl Freund beendete mit diesem Werk seine Regiekarriere; er kehrte zu seinem angestammten Beruf als Kameramann zurück und wirkte als solcher an vielen berühmten Hollywood-Klassikern mit.

Inhalt:
Der geniale Chirurg Dr. Gogol (Peter Lorre) ist ein regelmässiger Gast im "Theater des Grauens", wo er sämtliche Auftritte der von ihm verehrten Schauspielerin Yvonne Orlac (Frances Drake) als Ehrengast mitverfolgt. Als er erfährt, dass sie verheiratet ist, lässt er die Wachsfigur Yvonnes, die zu Werbezwecken im Theaterfoyer steht, zu sich nach Hause bringen. In seiner ungestillten Sehnsucht stellt er sich vor, Pygmalion zu sein und die Figur zum Leben zu erwecken. Als Yvonnes Gatte, der Konzertpianist Stephen Orlac (Colin Clive) bei einem Unfall seine Hände verliert, ersucht Yvonne Dr. Gogol um Hilfe. Im ehrlichen Willen zu helfen, transplantiert Gogol dem Pianisten die Hände eines zum Tode verurteilten Messerwerfers. Nach anfänglicher Besserung, macht sich beim Pianisten allmählich ein unbändiger Drang bemerkbar, mit Messern zu schmeissen.
Da sieht Gogol plötzlich eine Möglichkeit, sich des Gatten seiner Geliebten zu entledigen...

Nach der Sichtung:
Wie erwartet, ist der Horror-Anteil in diesem Film minimal - da ist bedeutend mehr Komödie drin als Grauen. Damals war es eher das Setting, welches einen Film dem Horror-Genre zuordnete, das vom deutschen Stummfilm übernommene Spiel mit Licht und Schatten, die grotesken Kulissen und schiefen Kamerawinkel. All dies beherrschte Regisseur Karl Freund als ehemaliger Kameramann des deutschen Stummfilms perfekt. Seine sorgfältige und atmosphärisch dichte Inszenierung ist denn auch für einen Grossteil der Faszination verantwortlich, den Mad Love noch heute ausübt. Für den verbleibenden Teil ist Peter Lorre verantwortlich, der den ausgefallenen Hauptcharakter mit der ihm eigenen Mischung aus subtilem und expressionistischem Spiel lebendig macht. Man verspürt einerseits wachsendes Unbehagen diesem seltsamen Chirurgen gegenüber, gleichzeitig vermag Lorre aber, Mitgefühl für seine Figur zu wecken. Auch das Drehbuch muss als gelungen bezeichnet werden, da es die Geschichte von Maurice Renard mittels geradliniger Erzählweise und mit
viel Dialogwitz genau auf den Punkt bringt.
Leider erwies sich die Besetzung des Pianisten mit Frankenstein-Darsteller Colin Clive als unglücklich; Clive hat sichtlich Mühe mit der expressiven Spielweise, die hier von ihm verlangt wird - in den stilleren Momenten ist er glaubhafter, doch insgesamt fällt der Film mit seinem Erscheinen immer etwas ab.

Fazit: Mad Love ist ein höchst unterhaltsamer, künstlerisch gelungener Film, der vor allem Freunde des frühen Kinos erfreuen dürfte.


Gold nach Singapore aka Abenteuer im gelben Meer (1935)

    Originaltitel: China Seas Mit Clark Gable, Jean Harlow, Wallace Beery , Rosalind Russell, Lewis Stone, C. Aubrey Smith, Robert Benchley,...