Montag, 19. Oktober 2020

Das verflixte 7. Jahr (The Seven Year Itch, 1955)


Originaltitel: The Seven Year Itch
Deutscher Titel: Das verflixte 7. Jahr (Deutsche Kinopremiere: September 1955)
USA 1955
Mit Marilyn Monroe, Tom Ewell, Evelyn Keyes, Oskar Homolka, Robert Strauss, Sonny Tufts, Marguerite Chapman u.a.
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder und George Axelrod nach dessen gleichnamigen Theaterstück
Studio: 20th Century Fox
Produzenten: Charles K. Feldman und Billy Wilder
Kamera: Milton R. Krasner
Musik: Alfred Newman
Dauer: 105 min
Farbe: color

Bewertungen: 
imdb.com: 7,1 / 10 (33'573 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,4 / 5 (12'136 Stimmen)
Meine Wertung:
6 / 10

Man kennt das ja: Die Nachbarn können einen in den Wahnsinn treiben. Der brave Ehemann Richard Sherman (Tom Ewell) zum Beispiel ist gegen Ende des Films ein kettenrauchendes Wrack. Und das nur wegen einer Nachbarin!
Gut, diese Nachbarin ist Marilyn Monroe. Und Richard ist für eine Woche Strohwittwer. Und seine Ehe befindet sich gerade im offenbar kritischen siebten Jahr, wo die Ehemänner anfällig gegenüber Verlockungen von aussen werden. Und die Nachbarin ist sexy. Und sie mag ihn...
Richard muss sich gewaltig zusammenreissen; schon das Rauchen hat ihm der Arzt verboten. Das Trinken auch. Und nun spaziert diese Sexbombe einfach in seine Wohnung und erlaubt sich alle möglichen Freizügigkeiten...

Gedanken vor dem Film:
Der überzeugte Autor Billy Wilder verfilmt keinen Originalstoff, sondern ein Theaterstück - befand er sich in einer Schaffenskrise?
Der Autor der Vorlage ist George Axelrod - der später selbst Drehbücher geschrieben hat, unter anderem die Vorlage zu der wirren Polit-Satire The Manchurian Candidate - da darf man ja mal gespannt sein!
Dies ist der Film mit der wohl ikoischsten Monroe-Szene überhaupt, wo sie im Kleid über einem U-Bahn-Schacht steht.
Ich hatte den Film vor Jahrzehnten einmal gesehen und habe ihn als plumpe Männerfantasie in Erinnerung - kann man den heute überhaupt noch gucken?


Gedanken nach dem Film:
Ich lag mit meinen Vermutungen für einmal gar nicht so falsch: The Seven Year Itch fällt mitten in eine... man könnte es Schaffenskrise nennen, wenn man schaut, welche Filme Billy Wilder vor- und nachher drehte. Sie gehören zu seinen schwächsten: Sabrina und The Spirit of St.Louis.
Dass er eine Theatervorlage statt eines Originalstoffs verarbeitete, war offenbar gar nicht so ungewöhnlich - einige seiner stärksten Werke beruhten aus Bühnenvorlagen, etwa Zeugin der Anklage oder Eins, zwei, drei.
Da das Stück und der Film auf einer Männerfantasie beruhen, ist The Seven Year Itch heute politisch nicht mehr korrekt. Aber - kümmert mich das?

Der Film fällt aus anderen Gründen ab, und das tat er schon bei seinem Erscheinen: Er bleibt zu sehr an der Oberfläche kleben. Die Hauptfigur ist einigermassen klar charakterisiert, er ist ein mit zuviel Fantasie gestrafter Mann, der sich, wie einst Walter Mitty, eine Scheinwelt zusammenfantasiert. Die Gehirn-Eskapaden entspringen seiner Unzufriedenheit, doch diese Unzufriedenheit bleibt diffus. Die Krise, in der Richard sich befindet wird nie klar umrissen; statt dessen wird als gottgegeben vorausgesetzt, dass Richard, weil er ja verheiratet ist, unzufrieden sein muss. Da setzt der Film eine Komplizenschaft voraus, die heute, in Zeiten der Aufklärung und der Emanzipation weggebrochen ist.
An diesem Punkt funktioniert der Film nicht - oder heute nicht mehr - weil er an der Oberfläche bleibt, und es ist genau der Punkt, wo man ihm zu Recht männlichen Chauvinismus vorwerfen kann. Dummerweise ist es der zentrale Punkt der Geschichte.


Tom Ewell macht seine Sache gut - doch man darf sich gar nicht vorstellen was der von Billy Wilder ursprünglich vorgesehene Walter Matthau für ein Fest daraus gemacht hätte... Die Produzenten wollten Ewell, weil dieser in der Rolle des Richard am Broadway so erfolgreich war. Und die Monroe... ist einfach die Monroe, wie immer.  Diese Rolle ist mit ihr tatsächlich ideal besetzt und der Film, speziell die Szene mit dem Lüftungsschacht, beförderte ihre Karriere in astronomische Höhen. Hier etablierte sie ihre Rolle als blondes Dummchen, auf die sie später festgenagelt wurde.
Das Drehbuch glänzt mit einigen köstlichen Dialogstrecken und sorgt dafür, dass The Seven Year Itch einigermassen gut unterhält. Von Wilders Meisterwerken ist er aber doch ziemlich weit entfernt. Dass daran nur die Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde Schuld waren, glaube ich nicht; immerhin haben Wilder und Axelrod Wege gefunden, auf subtile Weise trotzdem Zweideutigkeiten in den Film hineinzuschmuggeln - die den Gehalt des Films aber auch nicht erheblich aufwerten.

Ansehen? Nicht ansehen? Wer Wilders Werk erst noch kennenlernen möchte, sollte einen Bogen um den Film machen, respektive die wichtigen Filme vorziehen. Monroe-Fans sei er empfohlen, weil er eine wichtigen Stufe auf ihrem Weg zur Filmikone war.
Generell würde ich sagen: Es gibt bessere Filme aus dieser Zeit.
Erschienen ist der Film im deutschsprachigen Raum auf DVD und Blu-ray; im Stream kann er
in Deutschland und Oesterreich bei Amazon, Maxdome, Google Play, iTunes und youtube angeschaut werden, in der Schweiz bei iTunes und Google Play (dort allerdings nur auf Französisch).



Donnerstag, 15. Oktober 2020

Nuts... Durchgedreht (Nuts, 1987)

 

Originaltitel: Nuts
Deutscher Titel: Nuts... Durchgedreht (Deutsche Kinopremiere März 1988)
USA 1987
Mit Barbara Streisand, Richard Dreyfuss, Karl Malden, Maureen Stapleton, Eli Wallach, James Withmore, Robert Webber, Leslie Nielsen, u.a.
Regie: Martin Ritt
Drehbuch: Tom Topor, Alvin Sargent und Darryl Ponicsan nach dem gleichnamigen Theaterstück von Tom Topor
Studio: Warner Bros.
Kamera: Andrzej Bartkowiak
Musik: Barbara Sreisand
Dauer: 116 min
Farbe: color

Bewertungen: 
imdb.com: 6,6 / 10 (5'805 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,1 / 5 (743 Stimmen)
Meine Wertung:
10 / 10

Claudia Draper, eine New Yorker Edelprostituierte (Barbara Streisand) hat einen ihrer Freier (Leslie Nielsen) brutal ermordet.
Nun soll ihr Fall vor Gericht rasch abgehandelt werden, da sie vom Gefängnispsychiater (Eli Wallach) für unzurechnungsfähig erklärt wurde. Sie kämpft allerdings für ihr Recht auf eine anständige Verhandlung und zieht das Gutachten des Psychiaters in Zweifel. Vom Gericht wird ihr dazu der zunächst unwillige Anwalt Aaron Lewinsky (Richard Dreyfuss) zugeteilt, der aber bald von Claudias Fall gepackt ist. 

Der Film zeigt die Verhandlung, die sich um Claudia Drapers Fähigkeit dreht, sich einer gerichtlichen Untersuchung ihrer angeblichen Mordtat zu stellen. Er beruht auf einem Theaterstück von Tom Topor.

Gedanken vor dem Film:
Nuts
lief auch bei uns in den Kinos, auch eine DVD kam auf den Markt. Ich hatte den Film bei seiner Premiere gesehen und fand ihn ziemlich gut, konnte mich aber nur noch an Einzelheiten erinnern. Als ich einige Kritiken im Netz durchstöberte, stiess ich auf einhellige Ablehnung. Von "schlechter Regie" und "lächerlichem Drehbuch" war da die Rede, und auch die Theatervorlage von Tom Topor sei "magelhaft". So empfand ich lange Zeit keinerlei Lust, mir den Film anzusehen. Ich tat es doch, mit dem Vorsatz, ihn bei Nichtgefallen nach 30 Minuten auszuschalten.

Gedanken nach dem Film:
Entweder spinne ich oder das Gros der Kritiker! Nach der Visionierung von Nuts kann ich mich über die vernichtende Presse nur wundern. Der Film ist perfekt! Nicht nur das: Er ist herausragend!
Ich vermute, da lag wieder einmal ein Fall von Kritiker-Herdentrieb vor. Bislang war mir nicht klar, dass es auch Film-Mobbing gibt, doch hier scheint ein solcher Fall vorzuliegen.


So versuche ich hier eine Rehabilitierung.
Von mir bekommt Nuts nur Lob: Angefangen bei der Drehbuchvorlage, die nicht nur ein spannendes, gut geschriebenes Gerichtsdrama mit tollen Dialogen beinhaltet, sondern auch gewichtige Themen wie Selbsverantwortung und Selbstbestimmung des Menschen aufs Tapet bringt und diese mit zahlreichen Formen der Fremdbestimmung kontrastiert; sie macht deutlich, wie verwundbar
ein Kind dank seinem Bedürfnis nach Liebe ist und welch verheerende Auswirkungen eine solche Verwundung noch auf sein Leben als Erwachsener haben kann.
Diese geballte Ladung ist in ein zwar altmodisches, deshalb aber nicht minder wirkungsvolles und packendes dramturgisches Konzept verpackt. Nach und nach wird in der Befragung von Zeugen eine Lebensgeschichte enthüllt, die dank ihrer Verankerung im Prinzip der menschlichen Natur allgemeine Gültigkeit erhält.


Regisseur Martin Ritt setzt dies grandios um! Indem er jeder Figur, auch den weniger zentralen,
ihre klaren Umrisse gibt, stattet er sie mit Glaubwürdigkeit und Hintergrund aus. Seine Bilder sind so konzipiert, dass auch in den vielen Dialogsequenzen eine konstante Spannung da ist, denn er inszeniert die Schauspieler im Hintergrund so, dass ihre Reaktionen auf das Gesagte eigene, stumme Geschichten erzählen. Ich hatte Ritt bislang kaum wahrgenommen, aber dieser Film überzeugt mich von der Notwendigkeit, mehr von ihm zu sehen.
Seine Schauspielerführung ist von traumwandlerischer Sicherheit.



Alles steht und fällt in diesem Film mit der Besetzung der Hauptrolle - und in dieser Beziehung hatte ich zu Beginn Bedenken. Doch Barbara Streisand verwächst mit der Rolle, je länger der Film dauert. Ich kenne zwar nur wenig von dieser multitalentierten Dame, aber derart überzeugend habe ich sie bislang noch nie gesehen. Verglichen mit dem Rest der Schauspieler-Crew fällt sie zwar leicht ab, doch sie meistert den schwierigen Part mit Bravour und vermag zu bewegen. Auch Richard Dreyfuss als ihr quirliger Anwalt ist hier so gut, wie ich ihn nie zuvor gesehen habe.
Karl Malden, Robert Webber (beide in ihren letzten Filmrollen), Maureen Stapleton, Eli Wallach, James Whitmore - sie alle glänzen und fügen sich nahtlos in eine grandiose Ensembleleistung ein.

Es gibt, wie bereits erwähnt, verschiedenste Vorwürfe gegen diesen Film: Schlechte Regie, banales Drehbuch, unglaubwürdige Hauptdartellerin, altmodische Machart. Halbwegs gelten lassen kann ich nur das letztere Argument, und das ist kein Qualitätskriterium. Oder ist - im Umkehrschluss - etwas automatisch gut, nur weil es up to date ist?
Allen anderen Anwürfen muss ich vehement widersprechen und mutmassen, dass da ein Film Opfer einer wie auch immer motivierten Anti-Kampagne geworden ist, die mit seiner Qualität gar nichts zu tun hat. Sogar viele heutige Kritiker käuen die Verriss-Argumente von damals treudoof wieder.


Ansehen? Nicht ansehen? Ansehen! Nuts ist einer der vielen verkannten und zu Unrecht vergessenen Filme, dazu einer, der ausnahmslos aus Bestleistungen besteht. Da darf er meinetwegen so altmodisch sein, wie er will. Das ist angesichts der wichtigen Gedanken, die er anregt, so nebensächlich wie der Stuhl, auf dem man dabei sitzt. Quatsch: noch nebensächlicher!
Die im deutschsprachigen Raum erschienene DVD kann nur noch antiquarisch erworben werden. Im Stream ist er bei zahlreichen Anbietern leih- oder kaufbar: Amazon, Google Play, Microsoft, iTunes (in der Schweiz nur auf iTunes)



Montag, 12. Oktober 2020

Gaslicht (Gaslight, England 1940)


 

Originaltitel: Gaslight
Deutscher Titel: Gaslicht (hierzulande erstmals gezeigt 1990, als TV-Ausstrahlung)
Grossbritannien 1940
Mit Anton Walbrook (Adolf Wohlbrück), Diana Wynyard, Frank Pettingell, Cathleen Cordell, Robert Newton u.a.
Regie: Thorold Dickinson
Drehbuch: A.R. Rawlinson und Bridget Boland nach dem gleichnamigen Theaterstück von Patrick Hamilton
Kamera: Bernard Knowles
Musik: Richard Addinsell
Dauer: 84 min
Farbe: schwarzweiss

Bewertungen: 
imdb.com: 7,3 / 10 (3'775 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,6 / 5 (1'383 Stimmen)
Meine Wertung:
9 / 10

Der Filmklassiker Das Haus der Lady Alquist mit Ingrid Bergman und Charles Boyer dürfte Filmfreunden wohl bekannt sein. Sein US-Orgialtitel ist Gaslight.
Vier Jahre vorher erschien eine britische Produktion unter demselben Titel - es war eine Verfilmung des erfolgreichen 1939 in England uraufgeführten Bühnenstücks des britischen Dramatikers Patrick Hamilton. Als Hamiltons Stück 1941 am Broadway zum riesigen Hit wurde, sicherten sich MGM die Filmrechte. Alle Kopien des englischen Vorgängerfilms hätten zerstört werden sollen; glücklicherweise war dem abscheulichen Vorhaben kein durchschlagender Erfolg beschieden: Thorold Dickinson, der Regisseur der englischen Filmversion soll selbst noch eine Kopie von seinem Werk gezogen haben, bevor die Negative gänzlich vernichtet waren. Nun kann der tolle Film in einer hervorragenden restaurierten, digitalen Fassung glücklicherweise wieder gesehen werden.

Die Handlung beider Versionen ist natürlich dieselbe: Paul Mallen und seine Frau Bella (Anton Walbrook und Diana Wynyard) sind die neuen Mieter in Haus 12, wo vor Jahren ein schrecklicher Mord geschah. Nach und nach wird dem Publikum klar, dass Mallen der Mörder von damals ist; er ist in das Haus zurückgekehrt ist, weil er nach seiner abscheulichen Tat das wertvolle Schmuckstück nicht finden konnte, hinter dem er her war. Nun will er es ungestört und in aller Ruhe suchen. Mit fiesen psychologischen Tricks macht er seine Frau glauben, sie werde langsam verrückt; falls er den gesuchten Schmuck findet, wäre seine einzige Zeugin eine Verrückte. 

Im Unterschied zur amerikanischen Fassung gibt es hier die Figur des pensionierten Detektivs Rough (Frank Pettingell), der sich an den Mord von damals erinnert, den Mörder zu erkennen glaubt, sich erneut in den Fall verbeisst und Mallen ausspioniert. In der US-Fassung war es der junge Joseph Cotten, der die Sache schliesslich aufklärt, was - typisch MGM - eine zusätzliche romantische Note ergab, die im Original so nicht vorgesehen ist.

Beide Filme liegen sehr nahe beieinander, was Ausstattung und Atmosphäre betrifft. Punkto Besetzung übertrifft Dickinsons Film allerdings den amerikanischen Nachfolger klar und deutlich. Anton Walbrook trägt als Bösewicht zwar bisweilen etwas dick auf, aber er ist damit höchst effektiv. Sein Mallen lässt einem abwechslungsweise die Galle hochkommen oder das Blut in den Adern gefrieren. Er spielt ihn als elegantes Scheusal, das höchst charmant sein kann, um Sekunden später sein wahres, hässliches Gesicht zu zeigen. Mit seinem präzisen, changierenden Spiel ist er dem hölzernen Charles Boyer der US-Fassung weit überlegen. Seine Partnerin Diana Wynyard ist zwar blass, doch das passt perfekt zu ihrem Part. Man glaubt ihr das devote Weibchen, was für die Glaubwürdigkeit der Handlung entscheidend ist. Ingrid Bergman war zwar auch gut, doch sie musste sich dafür sichtlich anstrengen, während der Zustand bei Wynyard natürlich erscheint. Und somit ist auch die psychologische Glaubwürdigkeit der Figuren gegeben.


Bleibt zu sagen, dass Thorold Dickinsons Regie von Anfang bis Ende überzeugt - sowohl in der sorgfältigen Inszenierung, welche immer auch die Bilder sprechen lässt, als auch in der Schauspielerführung. Dickinson war ein Meister seines Fachs; ausserhalb Englands ist er heute leider vergessen.

Fazit: Gaslight der erste ist vorbehaltlos zu empfehlen - einer jener Filme, die man hierzulande gerne zur DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung vorschlagen möchte.
In England ist er auf einer DVD/Blu-ray-Doppelausgabe des British Film Institutes (BFI) erhältlich.
Und - kurios - in der Schweiz kann er im Stream geschaut werden: Bei Google Play, in der englischen Originalfassung mit englischen Untertiteln.