Dienstag, 26. Mai 2020

Weihnachten im Juli (Christmas in July, 1940)


Ein Komödien-Klassiker.

Christmas in July (dt.: Weihnachten im Juli / Das grosse Los, USA 1940)
Mit Dick Powell, Ellen Drew, Raymond Walburn, Ernest Truex, Georgia Cain, Franklin Pangborn, William Demarest u.a.
Drehbuch: Preston Sturges nach einem eigenen Theaterstück
Regie: Preston Sturges
Studio: Paramount
Genre: Komödie

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Kinopremiere 1948
Dauer: 62 min
Farbe: s/w


Jimmy, ein armer Schlucker, Angestellter im Rechnungsbüro einer Kaffeefirma (Dick Powell), hofft darauf, das grosse Los beim Slogan-Wettbewerb möge ihm zufallen. Drei Bürokollegen, die von seiner Teilnahme erfahren, spielen ihm einen Streich und fälschen ein Gratulationstelegramm. Damit lösen sie eine Kette von immer verrückteren Ereignissen aus, denn Jimmy erhält das Preisgeld vom überforderten Konzern-Chef tatsächlich. Als dieser den Irrtum bemerkt, hat Jimmy bereits die ganze Nachbarschaft mit Geschenken eingedeckt...

Nicht Sturges' Bester
Bereits nach dieser seiner zweiten Regiearbeit wurde Preston Sturges vom damaligen Strakritiker der New York Times, Bosley Crowther mit Frank Capra verglichen - was einer Erhebung in den Adelstand gleichkam. Capras Stern als Komödienmeister stand damals gerade mit Filmen wie You Can't Take it with You (dt.: Lebenskünstler, 1938) und Mr.Smith Goes to Washington (dt.: Mr. Smith geht nach Washington, 1939) im Zenith und sollte es noch für einige Jahre bleiben.

Sturges' Werke beweisen ein vergleichbar sicheres Gespür fürs komödiantische Timing und halten noch heute jedem Vergleich mit aktuellen Komödien stand. Im Unterschied zu den Capra-Komödien bricht in fast jedem Sturges-Film irgendwann der Irrsinn aus, was sich in Sequenzen mit sich bis zur Atemlosigkeit steigerndem Tempo manifestiert.

Christmas in July allerdings fällt, so konnte ich vor kurzem feststellen, im Kanon der
Preston Stuges' (Mitte) kurzer Auftritt im Film
zwischen 1940 und 1945 gedrehten Sturges-Klassiker etwas ab. Der Film basiert auf einem Theaterstück des Regisseurs von 1931, das vor dem Dreh allerdings nie aufgeführt worden war. Obwohl die Bühnenherkunft des Stoffes und die damit einhergehende Statik weitgehend kaschiert werden konnten, leidet der erste Teil des Films doch an einer für Sturges untypischen Wortlastigkeit und der Zwang der Bühne zum Verharren an einem Schauplatz lässt die für spätere Sturges-Filme typische Dynamik in der ersten Filmhälfte schmerzlich vermissen. Da können auch Raymond Walburn und William Demarest mit extra exaltiertem Spiel und Stakkato-Sprache nichts daran ändern - im Gegenteil, der Mangel tritt dadurch noch deutlicher zutage.


Walburn & Demarest
Konsumkritik? Nicht wirklich...
Nach diesen Anfangsschwierigkeiten läuft Christmas in July dann aber zur Sturges-typischen Hochform auf; die Höchstform, die sich in späteren Werken wie etwa dem 1944 entstandenen Miracle of Morgan's Creek offenbart, erreicht er allerdings noch nicht.


Man kann in Christmas in July Ansätze zu Konsumkritik erkennen, wenn man unbedingt will. Von der Filmkritik wurden und werde diese gerne herausgestrichen und aufgeblasen, obwohl der Film in dieser Beziehung nie wirklich konkret wird - die "Kritik" gelangt in keinem Moment über treuherzige Sinnsprüche wie "Geld allein macht nicht glücklich" oder "Wer hat, dem wird gegeben" hinaus. Für ein konsum - und kapitalismuskritisches Werk wäre das denn doch etwas dürftig.
Doch da werden Sturges kritische Absichten unterstellt, wo primär der Wille, gute Unterhaltung zu schaffen im Vordergrund stand. Viele Filmkritiker brauchen offenbar eine moralisch richtige Gesinnung, um einen Film gut finden zu können; und ist eine solche nicht vorhanden, wird sie aus jedem noch so dünnen Vorwand konstruiert, um die pure Freude an einem "nur" der Unterhaltung dienenden Film zu rechtfertigen.


Ein Star von damals: Dick Powell
Der Hauptdarsteller des Films gehört zu den heute vergessenen, nur noch unter Filmkennern bekannten Stars von Old Hollywood. Dabei war seine Karriere ziemlich ungewöhnlich. Schon ganz zu Beginn seiner Filmlaufbahn konnte er sich einen Namen machen, nämlich als Sänger und Tänzer im Studio der Warner Bors., namentlich in Busby Berkeleys extravaganten Musicalfilmen der Dreissigerjahre. Bereits in seinem fünten Film - dem berühmten und gefeierten 42nd Street - spielte er neben Warner Baxter die männliche Hauptrolle und von da weg ging's steil aufwärts.
1940 wechselte er zu Paramount Pictures, im Bestreben, andere Rollen zu bekommen. Bei Warner wurde er aufs leichte Musicalfach festgenagelt und er wollte zeigen, dass er auch anders konnte. Sein Kommentar: "I'm not a kid anymore but I'm still playing boy scouts."
Christmas in July war sein zweiter Film für Paramount, auch dort setzte man ihn zunächst in leichteren Gefilden ein.
Erst 1944 konnte er endlich den ersehnten Imagewechsel vollziehen: Er spielte den hartgesottenen Detektiv Philip Marlowe in Edwad Dmytryks Film-Noir Murder My Sweet (dt.: Leb wohl', Liebling).
Der Erfolg des Film bestärkte Powell in seinem Bestreben - fortan war er in weiteren Noirs, in Krimis, Kriegsfilmen und Western zu sehen - und nicht immer auf der Seite der Guten.
In den Fünfzigerjahren fing er an, selbst Regie zu führen, was zu fünf beachtlichen Filmen führte.
1962 starb Dick Powell 58-jährig an einer Krebserkrankung, die möglicherweise auf Dreharbeiten in der Nähre eines Atomwaffentestgeländes zurückzuführen war.

Weitere bekannte Filme mit oder von Dick Powell:
Gold Diggers of 1935 (dt.: Die Goldgräber von 1935, Busby Berkeley, 1935)

It Happened Tomorrow (dt.: Was morgen geschah, René Clair, 1944)
The Bad and the Beautiful (dt.: Stadt der Illusionen, Vincente Minelli, 1952)
The Enemy Below (dt.: Duell im Atlantik, Dick Powell, 1957)

Freitag, 22. Mai 2020

Reporter des Satans (Ace in the Hole, 1951)



Ein berühmter Klassiker


Mit Kirk Douglas, Jan Sterling, Robert Arthur, Porter Hall, Frank Cady, Ray Teal, Richard Benedict u.a.
Drehbuch: Billy Wilder, Lesser Samuels und Walter Newman
Regie: Billy Wilder
Genre: Drama
Studio: Paramount
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Kinopremiere im Februar 1952
Dauer: 111 min

Farbe: s/w


Billy Wilders Ace in the Hole gehört zweifellos zum Kanon der grossen amerikanischen Film-Klassiker - obwohl er eines der am wenigsten bekannten Werke Wilders ist. Seinerzeit flopte er an der Kinokasse und wurde dadurch zum finanziellen Desaster. Paramount änderte zwar noch kurzerhand den Titel (zum griffigeren The Big Carnival), das änderte aber nichts. Der Film fristet seither ein Schattendasein im Kanon der Wilder-Oeuvres.

Eine sensationelle Story
Der abgehalftere New Yorker
Star-Journalist Charles Tatum (Kirk Douglas) ist bei einem Provinzblatt in Albuquerque, New Mexiko gestrandet und wartet auf sein grosses journalistisches Comeback.
Dieses bahnt sich an, als Tatum und der junge Fotograf Herbie (Robert Arthur) auf dem Weg zu einer lokalen Klapperschlangen-Jagd zufällig von einem Unfall in einer indianischen Kultstätte erfahren, der sich kurz vor ihrem Eintreffen ereignet hat. Der Ladenbesitzer Leo Minosa (Richard Benedict) wurde auf der Suche nach Fundstücken in einer Höhle verschüttet und sitzt nun dort fest, die Beine eingeklemmt. Wegen drohender Einsturzgefahr kann er sich nicht rühren.
Wie ein Bluthund wittert Tatum die grosse Story, das Comeback rückt in greifbare Nähe. Er entlockt Leo ein paar persönliche Informationen und schon ist eine erste Story fertig. Sie schlägt in dem verschlafenen Kaff ein, wie eine Bombe. Prompt lockt sie erste Gaffer an. Und Tatum hat vor, die Geschichte auszumelken... 

Dazu muss er allerdings das Bergungsteam, das Leo in 16 Stunden zu befreien verspricht, davon überzeugen, besser einen Stollen von oben in den Berg zu treiben. Das ist angeblich der sicherere Weg. Diese Aktion wird mehrere Tage dauern - und die  braucht Tatum, um seine Story gross zu machen...

Zuerst erscheint die Familie um den freundlichen Al Federber (Frank Cady) am Schauplatz, angelockt von den Zeitungsberichten. Weitere Schauslustige tauchen auf, mit Campingwagen. Die Menschenansammlung lockt Schaubudenbesitzer an, ein Rummelplatz entsteht - wo viele Menschen sind, lässt sich was verdienen. Der Rummel lockt weitere Menschen an. Am Schluss findet vor der Höhle ein Volksfest statt, während Leo drinnen sein Leben aushaucht. Und keiner trägt die Schuld...
Ein
verblüffend passendes Bild, mit dem Wilder hier Tatums Tun spiegelt: Es ist genau dieselbe Spirale, die Tatum im Griff hat. Er schreibt, wenn etwas Schlimmes geschieht. Je schlimmer, desto mehr Menschen kaufen die Zeitung, desto höher wird die Auflage, desto
grösser wird der Druck nach mehr.
Tatum die alleinige Schuld an der Tragödie zu geben, greift zu kurz. Wilder macht klar, dass es in dieser Sache keine Unschuldigen gibt. Möglicherweise war dies der Grund, weshalb den Film keiner sehen wollte, löst er doch beim Betrachter ein ungutes Gefühl aus...
So gesehen, greift das Attribut "Mediensatire", mit dem der Film gemeinhin bedacht wird, zu kurz. Billy Wilder ist mit Ace in the Hole nicht weniger gelungen als ein treffende Allegorie auf die Natur des Menschen des 20. Jahrhunderts - und sie gilt noch heute. 

Kleine, dumpfe Individuen
Trotzdem war die Presse offensichtlich beleidigt von dem Bild, welches da von ihr gezeichnet wurde. Es hagelte schlechte Kritiken. Ace in the Hole war aber beileibe nicht der erste Film, der Journalisten mit Aasgeiern verglich. Es gibt zahlreiche vergleichbare Darstellungen im Film-Noir.
Er war aber wohl der erste, der dies als zentrales Thema einrückte - und es direkt in den zugehörigen gesellschaftlichen Kontext stellte.

Tatum ist kein "Reporter des Satans" - da verfällt der deutsche Verleihtitel in genau jene Sensationsmache, die der Film anprangert. Am Ende realisiert der Reporter, was er angerichtet hat, er verabscheut den Teufelskreis, in den ihn seine Arbeit immer wieder manövriert. Charles Tatum ist angewidert, von sich, von seinen Mitmenschen. Aber er liebt seine Arbeit - das macht der Film zwischendurch nuanciert deutlich. Sie macht ihn stumpf, er ist längst zum Objekt der Sensationslust der Massen, zu deren Held und Hofnarr geworden. Tatum ist schwach, obwohl er laut und selbstbewusst auftritt. Er weiss um seine Schwachheit und dafür hasst er sich. Und alle anderen.


Dem sensationsgeilen Pulk, der sich da zu tausenden vor der Höhle volksfestartig versammelt und einen rauschhaften Tanz um das goldene Kalb namens Sensation veranstaltet, stellt Billy Wilder die Eltern des Verschütteten und deren Glaube entgegen - deren Glaube an das Gute im Menschen und an eine übergeordnete Macht. Es ist nichts Lächerliches an deren Portraits, im Gegenteil. Wilder macht sich nicht über ihre "Naivität" lustig, sondern er setzt diese Figuren kommentarlos als moralische Instanz ein. Ihre Arglosigkeit steht in scharfem Kontrast zum sonstigen Geschehen und lässt es uns - durch ihre Augen - als das sehen, was es ist: Als monströsen Götzendienst einer entmenschlichten Gesellschaft.


Die schrecklichste Figur des Films ist Leos Ehefrau (Jan Sterling), ein egomanisches,

gefühlloses und boshaftes Wesen, das nur auf seinen Vorteil und Gewinn bedacht ist. Bis zum bitteren Ende ist sie zu keinem anderen Gedanken als an ihren eigenen Gewinn fähig. Gegen sie ist Tatum der reinste Chorknabe.
Sie wird zur zentralen Figur des Films: Solche Typen, scheint Wilder zu sagen, sind die Ursache allen Uebels: Kleine dumpfe Individuen, gefangen in ihrem unzufriedenen kleinen Selbst und derart strohdumm, dass sie sich als Nabel der Welt verstehen; die mit ihrer gefühl- und masslosen Gier auf die Verheissungen der Konsumgesellschaft - Spass und Sensationen - reagieren und diese damit anstachelt, zwecks Gewinnmaximierung weitere Bedürfnisse zu wecken, die dann von der Werbung zum Nennwert erhoben werden.
Es diese von Dummheit und Gier in Gang gehaltene Spirale, die Ace in the Hole mit bewundernswerter Konsequenz und erzählerischer Rafinesse aufdeckt. Der Spiegel den Wilder der gesamten modernen Menschheit da vorhält, zeigt die Wahrheit - und bis heute
hat sie Gültigkeit behalten. Billy Wilder ist kein Zyniker, wie mit Blick auf dieses Werk immer
wieder behauptet wird, sondern ein Moralist.
Es gibt zahlreiche Momente im Film, stumme Hinweise, welche diese These erhärten. Die Eltern des Opfers etwa, ich hatte sie bereits erwähnt. Oder das Kreuz, das im Hintergrund immer mal wieder ins Bild gerückt wird; es spricht im Zusammenhang mit den Ereignissen Bände - sofern man es denn beachtet.


Nach dem Flop
Der Film habe seiner Karriere geschadet, sagte Regisseur Billy Wilder einmal über Ace in the Hole - gleichzeitig hielt er ihn für eines seiner besten Werke.
Gedreht wurde er kurz nach dem riesigen Erfolg von Sunset Blvd. Nach dessen Erfolg gab das Paramount-Studio Wilder praktisch freie Hand. Dieser schrieb, inszenierte und produzierte Ace in the Hole mit unlimitierter künstlerischer Freitheit.
Nach dem ernüchternden Misserfolg stellte Wilder Stalag 17 fertig - danach drehte er praktisch nur noch Komödien: Von Manche mögen's heiss über Das Apartement bis zu Avanti, Avanti. Der seltsam distanzierte und untypische The Spirit of St.Louis und der dramatische Krimi Zeugin der Anklage bilden zwischen 1954 bis 1981 die einzigen Ausnahmen.

In den Credits späterer Neuauflagen des Films erscheint die Zeile "nach einer Story von Victor Desny". Victor Desny war ein Schauspieler jugoslawischer Abstammung, der in Hollywood kleine Nebenrollen in unbedeutenden Filmen spielte.
Mit Wilders Film hatte der Kerl trotz der Erwähnung im Vorspann gar nichts zu tun. Er war so gerissen, Wilder zu verklagen, weil er, Desny, das Copyright auf einer wahren Geschichte aus den Zwanzigerjahren besass, die gewisse Aehnlichkeiten mit dem Berwerksunglück im Film hatte. Kirk Douglas nimmt in einer Dialogzeiles des Films sogar expilzit auf den Fall Bezug, nennt den Namen des damals Verunglückten und betont die
Aehnlichkeit der Fälle.
Desny behauptete, Wilders Drehbuch sei eine unauthorisierte Version "seiner" Geschichte, zog (interessanterweise erst 1957) vor Gericht und gewann den Prozess. Wilder musste ihm 15'000 Dollar bezahlen. Desnys Name musste von da anin eine neu gestaltete Titelse-

quenz eingerückt werden.
Es sind weitere Fälle mit Desny als Kläger und Plagiatsopfer bekannt - offenbar konnte der Mann davon besser leben als von der Schauspielerei (er spielte zwischen 1949 und 1954 in exakt 17 Filmen mit, in 16 davon wurde sein Name nicht mal in den Credits erwähnt).
Victor Desnys Name, der bis heute stets im Zusammenhang mit diesem Film auftaucht, ist der einzige Zynismus, den ich in Ace in the Hole entdecken kann.
 



Ace in the Hole ist bei uns nicht offiziell auf DVD oder Blu-ray erschienen. Es gibt zwar eine DVD von der Firma Endless Classics, die auch bei Amazon erhältlich ist, von der man aber die Finger lassen sollte; unbestätigen Berichten zufolge soll es sich da um eine Raubkopie handeln.
Als Alternative gibt es eine Doppeledition (sowohl DVD als auch Blu-ray) von Masters of Cinema aus England (Region B/2) mit hervorragender Bild- und Tonqualität und tollen Extras.


Michael Scheck 

Mittwoch, 20. Mai 2020

Hotel Berlin (1945)



Ein vergessener Film


USA 1945
Mit Faye Emerson, Helmut Dantine, Raymond Massey, Peter Lorre, Andrea King u.a.
Drehbuch: Jo Pagano und Alvah Bessie nach einem Roman von Vicki Baum
Regie: Peter Godfrey
Studio: Warner Bros.
Genres:Drama, Krieg

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine 
Dauer: 98 min 
Farbe: s/w

Hotel Berlin ist bei uns nicht auf Blu-ray/DVD/VHS erschienen.
In den USA ist er auf einer DVD-R (manufactured on demand) der Warner Archive Collection in sehr guter Bild- und guter Tonqualität greifbar


Dies ist die Hollywood-Verfilmung der Roman-Fortsetzung von Vicki Baums berühmtem "Menschen im Hotel":
Im deutschen "Hotel Berlin" kreuzen sich, in den letzten Tagen vor dem Fall des 1000-jährigen Reichs die Wege der unterschiedlichsten Menschen: Nazis, Dissidenten, Spione, Filmstars und eines Konzentrationslager-Flüchtlings.



Gefilmt unter Zeitdruck

Es musste alles sehr schnell gehen.
Vicki Baums in den USA verfasster Roman erschien 1944; dessen Verfilmung ein Jahr danach.
Schon zu Beginn der Dreharbeiten war deutlich, dass das dritte Reich jeden Tag fallen könnte. Die Vorgabe des Studios war: Der Film musste vorher erscheinen. Um jeden Preis.


Man merkt dem Streifen deutlich an, dass er in grösster Eile entstand: Er wirkt hingeschludert - eine Seltenheit für ein Produkt eines grossen US-Studios jener Zeit.
Bereits die Drehbuchautoren mussten unter Zeitdruck gestanden haben - die Erzählung wirkt unausgegoren, ungelenk zusammengestoppelt, wie ein nicht überarbeiteter Entwurf. Dasselbe gilt für den fertigen Film; man wird den Eindruck nicht los, als hätte der Regisseur die Auflage gehabt, für jede Szene nur ein Take zu verwenden.


Gerade noch geschafft
Hotel Berlin
erschien im März 1945 in den amerikanischen Kinos - gerade noch rechtzeitig! Einen Monat später war Hitler tot.
Man hatte es geschafft, der Film war brandaktuell - aber zu welchem Preis?
Heute ist Hotel Berlin mit seinen vielen dem Tempo geschuldeten Mängeln schwer auszuhalten. Es macht sich ein eklatanter Magel an konzeptioneller Vorarbeit bemerkbar, die Kulissen wirken zusammengestoppelt, die Schauplätze gleichen sich.
Der grösste Teil der Schauspielerinnen und Schauspieler sind englischsprachig; nur gerade Helmut Dantine, Peter Lorre, Helene Thimig und Kurt Kreuger stammten aus deutschsprachigen Ländern. Durchgängig sprechen alle englisch - obwohl der Film in Deutschland spielt. Die einen mit deutschem Akzent, die anderen ohne.
Besonders nervig ist in diesem Zusammenhang Faye Emerson, die in jeden zweiten Satz das Wort "Schnucki" einbaut, wohl, um besonders authentisch zu wirken.


Fazit: Hotel Berlin gehört zu jenen Filmen, die nicht ganz zu Unrecht vergessen sind.

Michael Scheck