Mittwoch, 31. März 2021

Seh-Empfehlung 25: Die Ausgrabung (2021)

 


Originaltitel: The Dig
Mit Ralph Fiennes, Carey Mulligan, Archie Barnes, Lily James, Ben Chaplin, Johnny Flynn, Monica Dolan, Ken Stott u.a.
Drehbuch: Moira Buffini nach dem Roman von John Preston
Regie: Simon Stone
Herstellungsland: England

Vor der Sichtung:
Der deutsche Titel klingt ja unglaublich verschnarcht - doch dieser Film des in Basel geborenen australisch-schweizerischen Theaterrregisseurs Simon Stone wurde nun so oft und so hoch gelobt, dass man als Filmliebhaber nicht drum herumkommt. Vereinzelt klangen die Kritiker so, als wäre hier der Film neu erfunden worden. Naja, wir weden sehen...
Im Zentrum steht der Archäologe Basil Brown, der im ostenglischen Ort Sutton Hoo 1938 für eine archäologische Sensation sorgte.
Ein weiterer Film, der dank des Lockdowns nicht in die Kinos kam... Und ein weiterer Film, der wegen seiner Herkunft (Grossbritannien) nicht ganz zum Titel dieses Blogs passen will...

Inhalt:
1938: England steht kurz vor dem Eintritt in den zweiten Weltkrieg. In der Nähe des ostenglischen Dorfes Woodbridge, in einem Feld mit dem Flurnamen Sutton Hoo, glaubt die archäologisch interessierte Witwe Edith Pretty (Carey Mulligan) einen möglichen Fund geortet zu haben. Sie bittet den ortsansässigen Hobbyarchäologen Basil Brown (Ralph Fiennes), drei auffällige Hügel auf ihrem Grundgebiet zu untersuchen. Dies führt zu einem der spektakulärsten archäologischen Funde Grossbritanniens - zur Entdeckung eines angelsächsischen Bootsgrabes. Kunstvoll darin verwoben werden die Schicksale der Protagonisten des Fundes.

Nach der Sichtung:
Was da so unspektakulär, ja fast langweilig klingt, ist der Inhalt eines der stärksten und tiefgründigsten Filme, die ich seit langer Zeit gesehen habe.
Regisseur Simon Stone hat den Film zwar nicht neu erfunden, doch er bedient sich des Mediums auf äusserst geschickte und kluge Weise; seine Inszenierung ist zugleich unbekümmert-spielerisch und sorgfältig in der Wahl der Mittel. Gemäss der Vorlage, die anhand des Fundes aus tiefer Vorzeit das Leben als ewigen Fluss zeigt und die Vergangenheit etwas Lebendiges, ins Heute Nachwirkendes, unterlegt Stone seine Bilder immer wieder mit Dialogsequenzen aus bereits vergangenen Szenen. Immer wieder klingt Vergangenes nach, wird über Bilder gelegt, welche die Handlung in die Zukunft fortsetzen. Das klingt esotherischer, als es tatsächlich ist, denn Stone erdet die Erzählung mittels scharf gezeichneter Figuren und genauer Beobachtung, und das ergibt im Kontrast zu den luftigen Bildern und der traumartigen Stimmung, die über dem ganzen Film liegt, einen unglaublich packenden, sogähnlichen Effekt.
Behutsam und wunderbar subtil nähert sich dieser Regisseur seinen Figuren und der Geschichte und formt den Stoff zu etwas Universellem, zutiefst Berührendem. W
as in weniger geschickten Händen leicht hätte ins Peinliche ausarten können, gerät hier zum Kunstwerk. Deshalb: Hut ab vor diesem neuen Talent!

Doch nicht nur der Regisseur vollbringt mit The Dig Beachtliches. Auch das Drehbuch (Moira Buffini) ist hervorragend, subtil und tiefgründig.
Die gesamte Schauspielertruppe ist schlichtweg grossartig - sogar Lily James ist gut. Ralph Fiennes als alternder Hobbyarchäologe vollbringt eine Meisterleistung - er geht derart in der für ihn untypischen Rolle auf, dass man hinter der Figur des Basil Brown nicht mehr den berühmten Schauspieler sieht; man vergisst Fiennes - und sieht Basil Brown.

In höchstem Mass sehenswert!

Der Film findet sich im Programm von Netflix - auf Blu-ray oder DVD ist er bei der Verffentlichung dieser Zeilen noch nicht erschienen.


Mittwoch, 24. März 2021

Baby Face (1933)

 


Originaltitel: Baby Face
Mit Barbara Stanwyck, George Brent, Donald Cook, Henry Kolker, Theresa Harris, Alphonse Etier, John Wayne u.a.
Drehbuch: Gene Markey und Kathryn Scola
Regie: Alfred E. Green

Vor der Sichtung:
Es ist erstaunlich, aber wahr: Manche US-Filme aus den frühen Dreissigerjahren wirken heute moderner als solche aus den 50ern. Das hat mit dem Hays-Code zu tun, der 1933 eingeführt wurde und der die Zensur in den US-Filmstudios installierte. Die Filme, die vor dem Code die Studios verliessen, waren zum Teil gewagt, offenherzig und sehr direkt. Und wirken deshalb heute frischer und lebendiger als viele ihrer Nachfolger.
Baby Face gilt als ein Paradebeispiel eines Films der sogenannten Pre-Code Zeit.

Inhalt:
Die junge Lily Powers (Stanwyck) führt ein miserables Leben als Tochter eines Speakeasy-Betreibers, der sie auch mal an seine Schutzleute verleiht. Als der Vater stirbt, befolgt Lily den Rat eines befreundeten Schuhmachers, sich selbst zu vermarkten und die Männer auszunutzen. Sie geht mit ihrer Maid Chico (Theresa Harris) nach New York und findet eine Stelle bei einer Bank. Dort bezirzt sie sämtliche wichtigen Männer, gelangt mit "den Waffen einer Frau" bis zur Spitze des Unternehmens und wird reich. Das geht gut, bis ein neuer Direktor (George Brent) die Bank übernimmt...

Nach der Sichtung:
Ich will mich nicht lange mit diesem Machwerk aufhalten, seine nähere Betrachtung scheint mir nicht gerechtfertigt. Thematisch interessierte er mich von Anfang an nicht, ich habe ihn mir nur dank der hohen Wertung auf imdb.com und einiger dort platzierten euphorischen Lobeshymnen angeschaut.
Hat sich was mit "Paradebeispiel eines Films aus der Pre-Code-Zeit"! Ich finde kaum ein gutes Wort dafür.
Baby Face
ist brutal langweilig. Unaufhörlich wird immer dasselbe wiederholt: Lily kriegt einen Mann nach dem anderen 'rum, in gefühlt endloser Folge. Die Bilder wiederholen sich. Leider glaubt man der Stanwyck die Faszination nicht, die sie auf die gesamte Männerwelt ausüben soll - und so funktioniert der ganze Film nicht. Sämtliche Charakteren sind eindimensinal gezeichnet, platte Abziehbilder des Lebens.
Natürlich ist die Thematik (eine Frau schläft sich nach oben) für Hollywood gewagt und aussergewöhnlich und war in dieser Offenheit tatsächlich nur vor dem Hays-Code möglich. Doch was nützt es, wenn sie dann derart uninspieriert abgehandelt wird?
Die gesamte Filmdauer über erinnert eine Stimme im Hinterkopf daran, wieviel besser und witziger Ernst Lubitsch das Ganze inszeniert hätte... Das frivole Liebesspiel war seine Spezialität und er konnte ohne viele Worte ganze Romane erzählen und Charaktere lebendig werden lassen. Hier wird gequasselt, gequasselt, gequasselt, mit fadem Resultat.
Zum Schluss artet das feministisch angehauchte Rachemelodram in ein unangemessen sülziges Happy End aus, das sämtliche eventuell vorhandenen gesellschaftskritischen Untertöne ausradiert und den Film im Nichts der Aussagenlosigkeit verschwinden lässt.

Die Schauspielerei ist noch das beste an Baby Face, hier gebührt allerdings nicht der vielgelobten Stanwyck die ehrenvollste Nennung; es sind vielmehr George Brent und Henry Kolker, die mit ihren Persönlichkeiten etwas Licht in diese trübe Angelegenheit bringen. Doch gegen die Flachheit ihrer schlecht geschriebenen Figuren kommen sie damit auch nicht an...


Samstag, 20. März 2021

Auf der Flucht (1993)


Originaltitel: The Fugitive
Mit Harrison Ford, Tommy Lee Jones, Joe Pantoliano, Sela Ward, Jeroen Krabbé, Andreas Katsulas, Julianne Moore u.a.
Drehbuch: Jeb Stewart und David Twohy
Regie: Andrew Davis

Vor der Sichtung:
The Fugitive ist einer jener vielen Filme, die ich damals, vor bald 20 Jahren, anlässlich ihrer Premiere im Kino gesehen hatte. Er wurde von der Kritik hochgejubelt, hatte bei mir aber keinen grossen Eindruck hinterlassen. Deshalb bin ich gespannt, ob ich heute anders darauf reagiere - so, wie das bei anderen Filmen aus jener Zeit schon oft der Fall war. Zudem verspreche ich mir einen nostalgischen Ausflug in jene Zeit, wo Harrison Ford noch als Action-Hero unterwegs war.
The Fugitive ist inspiriert von der gleichnamigen TV-Fernsehserie aus den Sechzigerjahren, deren Handlung er in komprimierter Form wiedergibt.

Inhalt:
Der Chirurg Dr. Richard Kimble (Harrison Ford) wird zum Tod verurteilt, weil er seine Frau umgebracht haben soll. Während der Fahrt zum Hochsicherheitsgefängnis verunglückt der Gefangenentransport und Kimble kann fliehen. Doch schon nach wenigen Stunden ist ihm eine ganze Polizei-Armada, angeführt von US-Marshall Samuel Gerard (Tommy Lee Jones) hart auf den Fersen. Kimbles einzige Chance ist es, den wahren Killer zu finden und damit seine Unschuld zu beweisen...

Nach der Sichtung:
Diesmal hat The Fugitive einen deutlich stärkeren Eindruck auf mich gemacht: Der Film ist hervorragend gemachtes Action-Kino, das so spannend ist, dass man kaum zum Atemholen kommt. Man kommt auch kaum zum Nachdenken. Erst wenn der ganze Zauber vorbei ist, bemerkt man, dass der Beginn (der Mord an der Ehefrau) schlecht mit der Auflösung der Geschichte korrespondiert. Wer nicht zuviel verraten haben will, sollte den folgenden, kursiv gedruckten Satz (Spoiler) nicht lesen:
Die Komplotteure, die hinter dem Mord steckten wollten Dr. Kimble loswerden; es ist völlig unmöglich, dass sie den Mord an der Gattin samt aller Begleitumstände so planen konnten, dass der Doktor zuletzt als einziger Verdächtiger verurteilt werden würde; jeder vernünftige Mörder hätte Kimble direkt aus dem Weg geräumt.
In der Fernsehserie, die von 1963 bis 1967 lief, mochte diese Unstimmigkeit dank dem zeitlichen Abstand zwischen dem Mord und dessen Auflösung nicht mehr stark ins Gewicht fallen; im Spielfilm, in komprimierter Form, fällt sie negativ auf.

Am Beginn von The Fugitive stand wohl das Vorhaben, eine Art Mega-Action-Film zu kreieren, in welchem der von allen Hunden gejagte Protagonist simultan zur atemlosen Jagd einen Möder suchen muss - ein doppeltes Spannungsmoment also. Um dieses Gerüst wurde die Handlung so dicht drapiert, dass man, wie bereits gesagt, vor lauter Action das Denken vergisst und somit auch die zahlreichen Zufälle, die dem Helden immer wieder zu Hilfe kommen, zunächst einfach übersieht. 

The Fugitive ist kein schlechter Film, er funktioniert trotz der erwähnten Kritikpunkte erstaunlich gut - dank des harmonischen Zusammenspiels der drei Hauptkomponenten Drehbuch, Regie und Hauptdarsteller. Die Regie setzt die ausgeklügelten Wendungen des Drehbuchs, die Schauplätze und die Charaktere effektiv und dynamisch um, und die beiden Hauptdarsteller verleihen ihren Figuren Leben und sorgen immer wieder für den nötigen Unernst. Harrison Ford und Tommy Lee Jones liefern sich hier einen denkwürdigen Schauspieler-Showdown, und an diesen konnte ich mich noch erinnern.
Am besten schnallt man sich vor dem Film an, stellt das Rauchen und das Denken ein, und ab geht's. Das ist die Art und Weise, wie man The Fugitive am entspantesten geniessen kann.

Die Busunglück-Sequenz fiel mir übrigens besonders auf: Sie ist unglaublich aufwendig und realistisch inszeniert und verschlang wahrscheinlich den Grossteil des Budgets. Damals liess man einen echter Zug in einen echten Bus rasen, die Entgleisung und der ganze Materialschaden waren echt. Zudem musste die Unfallstelle massstabgetreu nachgebaut werden - sie fungiert heute als Toristenattraktion. Heute würde man diese Passage mittels CGI-Technik in Angriff nehmen - sie wäre genauso effektiv, aber ungleich kostengünstiger.

The Fugitive ist unter dem deutschen Titel Auf der Flucht auf Blu-ray und DVD nur noch antiquarisch erhältlich. Online kann er bei verschiedenen Anbietern angesehen werden.

Montag, 15. März 2021

Seh-Empfehlung 24: Neues aus der Welt (2020)


Originaltitel: News of the World
Mit Tom Hanks, Helena Zengel, Mare Winningham, Elizabeth Marvel, Thomas Francis Murphy, Michael Angelo Covino u.a.
Drehbuch: Paul Greengrass und Luke Davies nach dem Roman von Paulette Jiles
Regie: Paul Greengrass

Vor der Sichtung:
Einer der Filme, die wegen des Corona-Lockdowns nicht in die Kinos kamen, den ich mir dort aber gern angesehen hätte. Seither ist er im Netflix-Programm abrufbar. Er erzählt die Geschichte eines einsamen Bürgerkriegs-Veteranen (Tom Hanks), der durch die Dörfer des amerikanischen Wilden Westens zieht, um dort gegen Entgeld die Nachrichten aus den Zeitungen zu verlesen; als er ein von Indianern entführtes Mädchen (Helena Zengel) aufliest, gerät seine Welt aus den Fugen...
Klingt interessant, zudem hatte ich Lust, mir einerseits wieder einmal ein modernes Kinowerk, andererseits einen Western anzusehen. News of the World erfüllt beide Wünsche.

Inhalt:
Der bürgerkriegsversehrte Veteran Jefferson Kidd (Tom Hanks) zieht durch die Weiten des unerschlossenen Westens, um den Leuten die neusten Nachrichten aus der Welt vorzulesen. Kidd, einer von vielen, die nach dem Krieg ihre gesamte Lebensgrundlage verloren hatten, versucht sich mit dieser Tätigkeit über Wasser zu halten. Auf dem Weg ins nächste Kaff findet er in der Wildnis ein verwildertes blondes Mädchen, das indianische Kleidung trägt und die Sprache der Kiowa spricht. Kidd findet Unterlagen, die das Kind als Johanna Leonberger identifizieren, als Kind deutscher Einwanderer, das von Indianern entführt wurde. Kidd ahnt, dass das entwurzelte Mädchen Schreckliches erlebt haben muss. Und er, der selbst entwurzelt ist, weiss, dass er mit dem Auftrag,
Johanna (Helena Zengel) zu ihren einzigen Verwandten zu bringen, das Kind zum zweiten Mal entwurzeln wird.

Nach der Sichtung:
News of the World scheint zu spalten. Die einen finden ihn grandios, die anderen miserabel. Ich gehöre zur ersten Gruppe, und ich stelle erstaunt fest, dass ich viele Argumente der Kritiker nicht im Geringsten nachvollziehen kann. Ja, der Film ist ein Western, bietet aber kaum Action - ihn deshalb langweilig zu nennen, zeugt von einer Aufmerksamkeitsspanne, die gerade mal bis zur nächsten leergefutterten Chips-Tüte reicht: Wenn man sich ständig ausklinkt, um Nachschub zu besorgen oder um die neusten Handy-News zu checken,
ist es kein Wunder, dass man die zahlreichen Zwischentöne des Films verpasst.
Und ja, Tom Hanks spielt hier schon wieder den good guy. Na und?! Das ist doch kein ernstzunehmender Kritikpunkt - wird aber von mehreren professionellen Kritikern gegen News of the World ins Feld geführt! Was soll denn damit ausgedrückt werden? Dass man Tom Hanks nicht mag? Dass man lieber einen anderen Schauspieler in der Rolle gesehen hätte? Beides sind von persönlichen Vorlieben/Abneigungen geprägte Aussagen und haben in einer Kritik nichts zu suchen. Hanks spielt die Rolle hervorragend, er passt sich perfekt in die Handlung ein, die Figur ist stimmig... dass er schon oft den Guten gespielt hat, schmälert doch seine Leistung nicht!
Ob der Kritiker ihn mag oder nicht, ist völlig irrelevant! In einem persönlich gestalteten Amateur-Blog mag diese Feststellung als "Kritik" vielleicht durchgehen (aber auch nur vielleicht...), dass sowas aber von professionellen Journalisten öffentlich für Kritik ausgegeben wird, fällt auf das Medium zurück, welches solche Kindereien nicht zurückweist. Aber heute dürfen ja auch filminteressierte Lokaljournalisten Filmkritik betreiben... Was wundere ich mich eigentlich?

Genug des Kritiker-Bashings - zurück zum Film.
News of the World strahlt trotz einiger aufwühlender Sequenzen eine Ruhe aus, welcher Grösse entwächst. Und dass diese Grösse - menschliche Grösse, die angesichts der landschaftlichen Grösse und Weite des Landes doch wieder ganz klein wird - dass diese Grösse spür- und erahnbar wird, das ist im Wesentlichen das Verdienst von "Schon-wieder-Good-Guy" Tom Hanks. So gut wie hier, so im Einklang mit dem Film und dessen Intention, habe ich ihn bislang noch nie gesehen. Er verleiht der Figur des Captain Kidd Tiefe, wo diese vom Drehbuch ausgespart wird. Er füllt mit seiner phänomenalen Schauspielerei und seiner Persönlichkeit die Lücken im Film - ob diese beabsichtigt waren oder nicht, kann ich nicht abschliessend beurteilen - und erhebt den inszenatorisch bereits hervorragenden Film auf die Stufe eines Meisterwerks. Die Verlorenheit und Verzweiflung seiner Figur spricht kaum einmal aus dem Dialog, auch nicht aus Kidds Handlungen - sie liegt im Blick des Schauspielers, in seinen Gesten und Reaktionen, in einer selten gesehenen Eindringlichkeit. Und das soll ihm mal einer nachmachen!

News of the World erzählt von zwei Verlorenen, Heimatlosen. Beide haben Traumatisches erlebt, Kidd im Krieg, wo er Dinge tun musste, die seine Seele tief geschunden haben, Johanna auf dem Schlachtfeld des Lebens, wo sie zwei Mal mitansehen musste, wie ihre Familien - die leibliche und die "adoptierte" - ermordert wurden. Der Film ist nicht nur Western, sondern auch Road Movie, denn Kidd und Johanna begeben sich zusammen auf die Reise, in deren Fortgang sie sich näher kommen. Und hier leistet auch der Regisseur Erstaunliches, denn es gelingt ihm, jede Klischee-Klippe geschickt zu umschiffen; er gestattet sich keine Gefühligkeiten (ausser am Schluss, aber da passt's), er überlässt die emotionale Ausgestaltung seinen beiden Hauptdarstellern, und auch sie handhaben diese auf äusserst minimalistische - und deshalb umso wirkungsvollere - Weise.

Paul Greengrass' Film prunkt nicht mit grossen Aussagen. Er will eine Geschichte erzählen und dieses Vorhaben löst er gekonnt ein. Und doch erhält News of the World eine allgemeine Gültigkeit - durch seine beiden Protagonisten. All das Neue aus der Welt, von dem Kidd seinem Publikum erzählt, all die Zeitungsartikel über reale Katastrophen, Unglücksfälle und Umstürze werden reduziert auf erzählbare Geschichten. Anhand der Figuren von Captain Kidd und Johanna, die, wie alle Menschen ihre eigenen Katastrophen, Unglücksfälle und Umstürze durchlitten haben, gelangt Greengrass' Film zum tröstlichen Kern hinter den Geschichten, der in allen gedruckten Berichten stets ausgespart bleibt, der aber genauso zum Menschsein gehört: Mitgefühl, Fürsorge und Liebe - sie sind genauso real wie all die Katastrophen.
Dass dies von der Kritik nicht erkannt wird... naja, aber lassen wir das.

PS: Au weia - jetzt habe ich kein Wort über die grossartige (weil deutsche) Kinderdarstellerin Helena Zengel (13) verloren. Ok, hier kommt's: Sie macht ihre Sache gut. Der Regisseur musste allerdings einige Sequenzen ihren begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten anpassen - was leider zu kleineren Brüchen in der Figurenzeichnung führt.

News of the World kann als Neues aus der Welt bei Netflix online angesehen werden. Der Film ist zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nicht auf Blu-ray oder DVD erschienen.

Freitag, 12. März 2021

Der Sieger (1952)


Originaltitel: The Quiet Man
Mit John Wayne, Maureen O'Hara, Barry Fitzgerald, Victor McLaglen, Ward Bond, Mildred Natwick, Francis Ford, Arthur Shields u.a.
Drehbuch: Frank S. Nugent
Regie: John Ford

Vor der Sichtung:
The Quiet Man ist ein Film, der schon sehr lange auf meiner Wunschliste steht, der heute fast Legendenstatus besitzt und auf den ich nun sehr gespannt bin.
Der für seine Western bekannte John Ford (einer meiner Lieblingsregisseure) machte hier einen Ausflug in die alte Heimat seiner Familie, nach Irland, um eine romantische Komödie zu drehen - ein Projekt, das er schon lange geplant und immer wieder verschoben hatte.
Auf der Besetzungsliste stand die übliche Reihe seiner "Regulars", Schauspieler, mit denen er immer und immer wieder zusammenarbeitete - von John Wayne über Ward Bond, Victor McLaglen, Barry Fitzgerald bis zu seinem älteren Bruder Francis Ford.
The Quiet Man wurde in einem familiären Rahmen gedreht: So spielt nicht nur der Bruder des Regisseurs mit, sondern auch die beiden jüngeren Brüder der Hauptdarstellerin Maureen O'Hara, ebenso Arthur Shields, der Bruder Bary Fitzgeralds. Wie der Regisseur hatten John Wayne, Barry Fitzgerald, Arthur Shields und Maureen O'Hara sowie zahlreiche Nebendarsteller irische Wurzeln.

Inhalt:
Der irischstämmige, in den USA aufgewachsene Ex-Boxer Sean Thornton (John Wayne) kehrt in seine alte Heimat zurück und kauft im kleinen Kaff Innisfree das Haus, in dem er aufgewachsen war. Dort trifft er auf die rothaarige Mary Kate Danaher (Maureen O'Hara) , in die er sich sofort unsterblich verliebt. Der Film erzählt die turbulente Liebesgeschichte der beiden, die von Mary Kates starrsinnigem Bruder (Victor McLaglen) sabotiert wird; schon bald erweist sich Mary Kate als ebenso starrsinnig, und sie muss von ihrem Ehemann Sean zur Räson gebracht werden. Ein Hauch von Shakespeares The Taming of the Shrew begleitet die Geschichte...

Nach der Sichtung:
Restlos begeistert bin ich nicht von diesem Film. Ich staune sogar, dass er unter Filmjournalisten ein derart hohes Ansehen geniesst, denn er zelebriert ein restlos veraltetes, geradezu archaisches Beziehungs-Bild zwischen Mann und Frau: Der Mann ist der Meister im Haus, die Frau muss ihm dienen - und ist sie nicht willig, so braucht er Gewalt!
Bei allen Vorzügen, die The Quiet Man zweifellos vorzuweisen hat, diese Grundtendenz, die den ganzen Film durchzieht, ist aus heutiger Sicht schwer zu schlucken - und ich bin bezüglich veralteter Rollenbilder in alten Filmen üblicherweise nicht heikel und neige stark dazu, diese als Ausdruck der damaligen Gesellschaft zu goutieren. Doch hier geht mir John Ford, der alte Macho, schlicht zu weit. Das Argument, man müsse eine widerspenstige Frau nur hart an die Kandare nehmen, sie wolle das so, sie wolle sich im Grunde unterordnen, wiederspricht meinem Menschenbild diametral.
Hier wird diese Behauptung untermauert, indem gezeigt wird, wie lammfromm und anschmiegsam der einstige Starrkopf nach der Zähmung ist.
Das ist unglaublich schade, denn damit vermasseln mir Ford und Drehbuchautor Nugent einen Film voller wunderbarer Bilder und voll kauzigem Witz. Doch auch im Witz ist The Quiet Man ambivalent: Der Humor speist sich aus lauter Stereotypen über die Iren - stünden an ihrer Statt Afroamerikaner im Zentrum des Films, wäre das Geschrei gross, und ich würde wetten, der Film wäre in den USA inzwischen mit dem Bannfluch belegt worden; aber Iren sind weiss, also kein Problem! Immerhin sind die Pointen derart meisterhaft gesetzt, dass die ethnischen Vereinfachungen durchaus zu ertragen sind.

Vorgeführt wird die Geschichte von einer einmaligen Truppe von geradezu göttlich aufspielenden Schauspielern: Maureen O'Hara, Victor McLaglen, Barry Fitzgerald und Ward Bond könnte ich stunden-, ja, tagelang zuschauen. Sie alle vermögen ihre Charaktere mit winzigen Gesten in Stein zu meisseln und sie unvergesslich zu machen. Neben ihnen fällt John Wayne mit seiner üblichen Hölzernheit klar und deutlich ab. Weshalb John Ford immer wieder mit diesem schauspielernden Holzblock gearbeitet hat, entzieht sich meinem Verständnis.

Erschwerend kommt dazu: Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist schon sehr dünn und belanglos - zu dünn für einen derart hoch gelobten Filmklassiker! Sie wird zwar mit grossem erzählerischem Geschick aufgetragen, mit viel Humor und schrägen Nebenfiguren garniert; das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass The Quiet Man bis zuletzt sehr oberflächlich bleibt.

Alles in allem ist The Quiet Man für mich eine Enttäuschung, wohl nicht zuletzt, weil ich dank seines Kultstatus so gespannt auf ihn war.
Allerdings muss gesagt sein, dass ich mir eine derart unterhaltsame, inszenatorisch brilliante und vergnügliche Enttäuschung gern gefallen lasse!

Der Film kann bei amazon.de online angesehen werden; er ist bei uns auch auf Blu-ray und DVD erhältlich.


Sonntag, 7. März 2021

Wahnsinnige Liebe (1935)

USA 1935
Originaltitel: Mad Love
Mit Peter Lorre, Frances Drake, Colin Clive, Ted Healy, Sara Haden, Keye Luke u.a.
Drehbuch: P.J. Wolfson und John L. Balderston
Regie: Karl Freund

Vor der Sichtung:
Frankenstein, Dracula, Frankensteins Braut, Das alte Finstere Haus, Die Mumie - all diesen Titeln ist eines gemeinsam: Sie stammen aus dem Universal Studio und gehören zu dessen legendärer Horror-Film-Serie aus den Dreissigerjahren. Mad Love hingegen stammt aus dem Hause Metro-Goldwyn-Mayer, das damit auf den Universal-Erfolgszug aufspringen wollte.
Bei dem Film handelt es sich um ein erweitertes Remake des berühmten deutschen Stummfilms Orlacs Hände, in welchem einem von Conrad Veidt gespielten Pianisten nach einem Unfall die Hände eines Mörders angenäht werden. Mad Love wurde hinsichtlich der Figurenkonstellation erweitert - hier steht nicht der Pianist im Zentrum, sondern der Arzt, der ihm die Hände operiert.
Obwohl ich mit Horror sonst wenig am Hut habe, finde ich die (im Vergleich zu heute harmlosen) Horror-Filme der Dreissigerjahre dank ihrer eigenwilligen stummfilm-nahen Stilistik sehr reizvoll. Mad Love stand noch unter der Aegide des genialen, früh verstorbenen MGM-Produzenten Irving Thalberg, unter dessen Szepter erstaunliche Filmwerke entstanden. Und Peter Lorre beim Schauspielern zuzuschauen lohnt sowieso immer. Mad Love war Lorres erster Hollywood-Film und er heimste für die Rolle des irren Chirurgen viele Lor(re)beeren ein. Karl Freund beendete mit diesem Werk seine Regiekarriere; er kehrte zu seinem angestammten Beruf als Kameramann zurück und wirkte als solcher an vielen berühmten Hollywood-Klassikern mit.

Inhalt:
Der geniale Chirurg Dr. Gogol (Peter Lorre) ist ein regelmässiger Gast im "Theater des Grauens", wo er sämtliche Auftritte der von ihm verehrten Schauspielerin Yvonne Orlac (Frances Drake) als Ehrengast mitverfolgt. Als er erfährt, dass sie verheiratet ist, lässt er die Wachsfigur Yvonnes, die zu Werbezwecken im Theaterfoyer steht, zu sich nach Hause bringen. In seiner ungestillten Sehnsucht stellt er sich vor, Pygmalion zu sein und die Figur zum Leben zu erwecken. Als Yvonnes Gatte, der Konzertpianist Stephen Orlac (Colin Clive) bei einem Unfall seine Hände verliert, ersucht Yvonne Dr. Gogol um Hilfe. Im ehrlichen Willen zu helfen, transplantiert Gogol dem Pianisten die Hände eines zum Tode verurteilten Messerwerfers. Nach anfänglicher Besserung, macht sich beim Pianisten allmählich ein unbändiger Drang bemerkbar, mit Messern zu schmeissen.
Da sieht Gogol plötzlich eine Möglichkeit, sich des Gatten seiner Geliebten zu entledigen...

Nach der Sichtung:
Wie erwartet, ist der Horror-Anteil in diesem Film minimal - da ist bedeutend mehr Komödie drin als Grauen. Damals war es eher das Setting, welches einen Film dem Horror-Genre zuordnete, das vom deutschen Stummfilm übernommene Spiel mit Licht und Schatten, die grotesken Kulissen und schiefen Kamerawinkel. All dies beherrschte Regisseur Karl Freund als ehemaliger Kameramann des deutschen Stummfilms perfekt. Seine sorgfältige und atmosphärisch dichte Inszenierung ist denn auch für einen Grossteil der Faszination verantwortlich, den Mad Love noch heute ausübt. Für den verbleibenden Teil ist Peter Lorre verantwortlich, der den ausgefallenen Hauptcharakter mit der ihm eigenen Mischung aus subtilem und expressionistischem Spiel lebendig macht. Man verspürt einerseits wachsendes Unbehagen diesem seltsamen Chirurgen gegenüber, gleichzeitig vermag Lorre aber, Mitgefühl für seine Figur zu wecken. Auch das Drehbuch muss als gelungen bezeichnet werden, da es die Geschichte von Maurice Renard mittels geradliniger Erzählweise und mit
viel Dialogwitz genau auf den Punkt bringt.
Leider erwies sich die Besetzung des Pianisten mit Frankenstein-Darsteller Colin Clive als unglücklich; Clive hat sichtlich Mühe mit der expressiven Spielweise, die hier von ihm verlangt wird - in den stilleren Momenten ist er glaubhafter, doch insgesamt fällt der Film mit seinem Erscheinen immer etwas ab.

Fazit: Mad Love ist ein höchst unterhaltsamer, künstlerisch gelungener Film, der vor allem Freunde des frühen Kinos erfreuen dürfte.


Mittwoch, 3. März 2021

König der Murmelspieler (1993)



USA 1993
Originaltitel: King of the Hill
Mit Jesse Bradford, Jeroen Krabbé, Lisa Eichhorn, Adrien Brody, Karen Allen, Spalding Gray, Elizabeth McGowern u.a.
Drehbuch und Regie: Stephen Soderbergh

Vor der Sichtung:
Die Dreissigerjahre - aus irgendeinem Grund mag ich den Stil jener Zeit, gerade wenn er in einem Farbfilm rekonstruiert wird. Dies ist in King of the Hill der Fall und einer der Gründe für mich, ihn zu sehen.
Erzählt wird darin die autobiografische Geschichte des Autors der Romanvorlage, A.E. Hotchner, der seinerzeit selbst Drehbücher (fürs Fernsehen) verfasst hatte.
King of the Hill handelt von einem Jungen, der, plötzlich auf sich allein gestellt, mit den Unbilden des Lebens klar kommen muss. Die Mutter muss plötzlich ins Sanatorium und der Vater verschwindet auf eine unbestimmt lange Geschäftsreise. Mehr noch als der visuelle Aspekt interessiert mich, ob die authentische Geschichte glaubhaft und engagiert umgesetzt wurde und ob der Film vielleicht sogar Aussagen macht, die allgemeine Gültigkeit besitzen.
Von Regisseur 
Stephen Soderbergh kenne ich bislang nur zwei Werke (seine ersten beiden) und die sind mir nicht durch grosses emotionales Engagement aufgefallen.
Da Soderbergh grosses Ansehen bei der Kritik geniesst, wird es Zeit, mich mal wieder mit einem seiner Filmen zu befassen. King of the Hill war nach Sex, Lies and Videotape und Kafka sein dritter Kinofilm. Bis heute hat er 32 lange Kinofilme gedreht.
Darüber hinaus reizt mich dieses Werk, von dem ich bislang noch nie gehört hatte, weil es von einigen Rezensenten als Geheimtipp bezeichnet wird.

Nach der Sichtung:
Fehlalarm - kein Geheimtipp! Auch Soderberghs dritter Spielfilm lässt jegliches emotionale Engagement vermissen, und das wirkt sich hier deutlich negativ aus. Die Geschichte um den Jungen Aaron (Jesse Bradford) glänzt zwar durch schöne Bildkompositionen, einen Zugang zu den Figuren findet man allerdings nicht. Sie bleiben oberflächlich gezeichnete Schablonen, die nie richtig lebendig werden. Hölzern agierende Schauspieler und sperrige Dialoge vertiefen diesen Eindruck zusätzlich. Man hat das Gefühl, in eine Kunstwelt drapierten mechanischen Wachsfiguren bei der Imitation von Leben zuzuschauen.
Zudem fehlt es der Erzählung am nötigen Fokus, sie ist, wie die Amerikaner es nennen, "all over the place". Am Ende ist unklar, was King of the Hill eigentlich wollte - ausser ein aufwendig rekonstruierten Zeitbild zu sein. Es ist ein Film, aus dem ich nichts mitnehme und der in meiner Erinnerung vermutlich keinen Eindruck hinterlassen wird.

Montag, 1. März 2021

Cocktail für eine Leiche (USA 1948)

 


USA 1948
Originaltitel: Rope
Mit James Stewart, Farley Granger, John Dall, Joan Chandler, Cedric Hardwicke, Edith Evanson u.a.
Drehbuch: Arthur Laurents
Regie: Alfred Hitchcock

Inhalt:
Die beiden Studenten Brandon (John Dall) und Phillip (Farley Granger) erdrosseln den Kommilitonen David und verstecken seine Leiche in der Büchertruhe des gemeinsamen Appartements. Die beiden fühlen sich anderen Menschen moralisch und geistig überlegen, soeben haben sie den perfekten Mord an einem "minderwertigen" Individuum verübt. Um den perversen Erfolg auszukosten, haben sie zu einer Party geladen und funktionieren die Truhe zum Büffet um. Die Krönung des Ganzen ist die Teilnahme ihres ehemaligen Professors Rupert Cadell (James Stewart), der sie mit seiner Übermenschen-Theorie zum Mord inspiriert hat - freilich, ohne sich dessen bewusst zu sein. Zweideutige Bemerkungen Brandons während der Party lassen Cadell stutzig werden, und als er Phillips zunehmende Nervosität bemerkt, fängt er an Verdacht zu schöpfen...

Vor der Sichtung:
Alfred Hitchcock verfilmte hier ein Theaterstück, in dem zwei Studenten den perfekten Mord zu begehen versuchen und diesen sogar regelrecht inszenieren. "Hitch" hatte den Einfall, den ganzen Film in einer einzigen Einstellung, also ohne Schnitt, zu drehen - damit wollte er die Nähe zum Theater betonen, statt diese, wie im Kino üblich, zu kaschieren. Er konnte allerdings immer nur zehn Minuten am Stück drehen, weil nach zehn Minuten die Filmrolle in der Kamera aufgebraucht war und ausgewechselt werden musste. Dank einiger Tricks vermochte Hitchcock diesen Umstand allerdings zu kaschieren. Ich hatte den Film in meiner Jugendzeit bereits einmal gesehen und erinnere mich noch daran, hauptsächlich auf diese Tricks geachtet zu haben. Vom Inhalt ist mir praktisch nichts in Erinnerung geblieben.
Dabei bin ich nun gerade darauf gespannt, denn ein zentrales Motiv der Handlung ist eine Herrenmenschen-Theorie, welche die zwei Studenten erst zum Mord anstachelt. Sie interpretieren diese Theorie dahingehend, dass geistig und moralisch überlegene Individuen fähig und rechtens sind, Morde an minderwertigen Personen zu begehen.

Es nimmt mich Wunder, wie diese heikle Thematik in einem Hollywood-Film der späten Vierzigerjahre behandelt wird - das ist der Hauptgrund für mein geplantes Wiedersehen mit 
Rope.

Ich sehe dem Film mit gemischten Gefühlen entgegen und bin gespannt, was mich da mit einem von Hitchcocks weniger populären Werken erwartet.

Nach der Sichtung:
Die gemischten Gefühle kamen nicht von ungefähr: Die 
Übermenschen-Thematik wird in diesem Film nur oberflächlich abgehandelt, sie dient eigentlich nur als Vorwand für die Entwicklung einer spannenden Geschichte. Weder das Drehbuch noch die Regie - und die Bühnenvorlage offenbar auch nicht - sind daran interessiert, in dieser Beziehung etwas tiefer zu loten. Zwar ist der Professor entsetzt darüber, dass seine Theorie zum Anlass für einen kaltblütigen Mord genommen wurde, aber es wird nicht ersichtlich weshalb. Wer wie er eine derart menschenverachtende Theorie vertritt und sich dann über die Konsequenzen wundert, ist entweder grenzenlos naiv oder unehrlich. Doch beide Charakterzüge sind in der von James Stewart verkörperten Figur nicht angelegt. In diesem zentralen Punkt funktioniert der Film also schon mal nicht.

Die Idee, alles in einer Einstellung zu filmen, ist zwar reizvoll und deren komplexe Anforderungen wurden kameratechnisch hervorragend gemeistert, die Frage bleibt aber: Wozu der ganze Aufwand? Für die Zuschauer entsteht dadurch und im Vergleich zu einem herkömmlich geschnittenen Film kein zusätzlicher Schau- oder Erkenntniswert. Das beste, was man über die Technik sagen kann ist, dass sie kaum auffällt - ausser an den Übergängen von einer Filmrolle zur nächsten, die seltsamerweise schrecklich plump geraten sind. Kein Wunder, wurde diese Idee im Kino später kaum mehr weiter verfolgt - von ihr geht keine grosse Wirkung aus, und dafür ist der Aufwand dann wohl doch zu gross.
 
Bleibt ein hervorragend inszenierter Film, der durchgängig spannend bleibt, der aber dank seiner merkwürdigen Thematik ein schalen Nachgeschmack hinterlässt.
Ich vermute, Hitchcock hat Patrick Hamiltons Theaterstück nur deshalb gewählt, weil dies sich perfekt mit einer seiner Vorlieben deckte: Eine Mordgeschichte zu erzählen, in welcher der Zuschauer mehr weiss als die Protagonisten. Obwohl man zu Beginn von Rope Zeuge des Mordes wird, bangt man während des ganzen Films mit den Mördern um die drohende Entdeckung der Leiche. Eigentlich bangt man nur um Phillip, der sich im Lauf der Handlung als willensschwacher, hypernervöser Mitläufer des irren Brandon entpuppt. Und so passt auch hier ein Charakter schlecht zu den gezeigten Handlungen, denn es wird im Nachhinein immer unglaubwürdiger, dass ausgerechnet der so sensible Phillip den Kommilitonen mit eigenen Händen umgebracht haben soll.
 
Fazit:
Rope
ist ein seltsamer Film; er hat etwa gleichviele Mängel wie Vorzüge. Wer erstere auszublenden im Stande ist, wird einen spannenden Filmabend geniessen können. Ich habe mich leider zu sehr an den Mängeln gestossen, als dass ich das Werk vollumfänglich empfehlen könnte.

Als Cocktail für eine Leiche ist dieser erste Farbfilm Hitchcocks hierzulande auf Blu-ray und DVD erschienen - zudem wird er von mehreren Streaming-Anbietern online verfügbar gemacht.

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