Samstag, 29. August 2020

The Man Who Played God (1932)




The Man Who Played God (1932)
Mit George Arliss, Violet Heming, Bette Davis, Ivan F. Simpson, Louise Closser Hale, André Luguet u.a.
Drehbuch: Julien Josephson und Maud T. Howell nach dem Bühnenstück von Jules Eckert Goodman
Regie: John G. Adolfi
Produzent: Jack L. Warner und Darryl F. Zanuck

Kamera: James Van Trees
Musik: Leo F. Forbstein
Studio: Warner Brothers

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine
Dauer: 80 min

Farbe: schwarzweiss



Diesmal küre ich ein Werk zum "Film der Woche", das weder durch grosse künstlerische Leistungen noch durch besondere inhaltliche Tiefe auffällt. Im Zentrum des Streifens steht allerdings ein Schauspieler, der hierzulande auch den hartgesottenen Filmfreaks unbekannt sein dürfte und dessen Werdegang interessant genug ist, um ihn einmal vorzustellen

Zuerst zum Film: Während eines Privatkonzerts für einen europäischen König erleidet der berühmte Pianist Montgomery Royle (George Arliss) in Folge eines Attentats auf die Majestät den Verlust seines Gehörs.
Mit einem Schlag verliert er seinen bisherigen Lebensinhalt, die Musik Chopins, Beethovens, Schumanns...
Während er mit seinem Schicksal hadert, versucht seine Entourage, ihn aus der Depression zu locken: seine jugendliche Verlobte (Bette Davis), indem sie sein Unglück zu überspielen und ihn abzulenken versucht, seine Schwester Florence (Louise Closser Hale), indem sie ihm einen Kurs in Lippenlesen aufdrängt (den er erfolgreich absolviert). Doch schliesslich ist es der Sekretär Battle (Ivan F. Simpson), der den rettenden Vorschlag macht. Mittels eines Fernglases beobachtet der taube Pianist vom Fenster seines Hotelzimmers fortan die Leute im benachbarten Park, liest ihnen ihre Sorgen von den Lippen ab - und findet Erfüllung darin, für all die unbekannten Mühseligen und Beladenen Schicksal zu spielen...


Der Film
The Man Who Played God ist beileibe kein grosser Film und er bringt auch keine schauspielerischen Glanzleistungen - im Grunde ist er in Machart und Aufbau etwas antiquiert, das Spiel des Hauptdarstellers wirkt veraltet und permanent scheint durch, dass dem Film ein Theaterstück zu Grunde liegt. Trotzdem vermag er zu packen und das Zuschauerinteresse zu wecken - einerseits, weil das Bühnenstück wirklich gut geschrieben und solide aufgebaut und die Handlung immer interessant ist, andererseits, weil sämtliche Charaktere und die sie verkörpernden Schauspieler sympathisch und liebenswert sind. Beim Ansehen merkte ich, dass ich dem Film Schnitzer verzieh, die ich anderen Kinowerken angekreidet hätte - etwa die miserabel spielenden Schauspielerinnen und Schauspielern, welche die 
Leute aus dem Park verkörpern (zu denen übrigens ein ganz junger Ray Milland zählt) oder deren ebenso miserablen Dialoge.
Es gibt zudem einen religiösen Unterton, doch dieser ist dezent eingeflochten und wirkt dank seiner klaren Haltung nie überzeichnet. Man kann festhalten, dass 
The Man Who Played God durchwegs erbaulich ist - in einem positiven, nie sektiererischen Sinn. 

George Arliss, der den titelgebenden Mann spielt, gehört, wie oben erwähnt, zu den in unseren Breitengraden komplett vergessenen Akteuren des alten Hollywood. Ich hatte vor der Entdeckung dieses Films noch nie von ihm gehört, und das, obwohl er zu Beginn der Tonfilmzeit ein hoch geachteter Star des Warner-Studios war. Sein geringer Bekanntheitsgrad mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass der gebürtige Brite so gar nicht in das gängige Bild des Stars passt, dass von den nachfolgenen Generationen geprägt wurde: Arliss war alt, klein und völlig unspektakulär. Aber wie wird so jemand zum Star? Und das im Warner-Studio, das eher auf hartgesottene Unterhaltung setzte?

George Arliss, um 1932
Ein höchst ungewöhlicher Filmstar
Anfangs der Dreissigerjahre suchten die Studios nach neuen Talenten. Wegen des immens erfolgreichen Tonfilms mussten sie sprechen können. Was lag also näher, als sich auf den Bühnen umzusehen?
Arliss (eigentlich George Augustus Andrews) begann seine Schauspielerkarriere 1887 im englischen Provinztheater; ab 1900 spielte er in London Nebenrollen und nach einer US-Tournee seiner Truppe blieb er in New York hängen und stieg dort zum Bühnenstar auf. Besonders die Rolle des viktorianischen britischen Premierministers Benjamin Disraeli wurde 1911 zum Riesenerfolg für Arliss, den er später in gleich zwei Verfilmungen wiederholen sollte - 1921 und 1929, einmal ohne Ton, einmal mit.


Zum Film kam Arliss 1921 - mit einem anderen erfolgreichen Bühnenstück, The Devil. Nach fünf weiteren stummen Verfilmungen seiner Theatererfolge zog sich Arliss wieder aus dem Filmgeschäft wieder zurück und stand weiterhin auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Harry Warner, der im Warner-Studio als Talentsucher fungierte, rekrutierte ihn Ende der Zwanzigerjahre für die Tonfilmfassung von Disraeli. Gemäss Arliss' Ausssagen war Warners primäre Absicht, auch die Theaterbesucher in die Kinos locken. Mit dem grossen Erfolg von Disraeli hatte er gar nicht gerechnet: Arliss wurde als erster britischer Schauspieler mit dem Oscar ausgezeichnet. 

Die Auszeichnung trug dann das ihre dazu bei, dass Arliss zum Star des Studios aufstieg - neben Jungspunden wie Edward G. Robinson und James Cagney, die zu dieser Zeit des öfteren in den für Warner typischen hartgesottenen Gangsterfilmen zu sehen waren. Der damals 62-jährige Arliss war der älteste Schauspieler jener Zeit mit Star-Status, und er konnte diesen über acht Jahre halten, bevor er sich langsam aus dem Filmgeschäft zurückzog.
Wegen seines leicht mumienhaften Aussehens und der antiqierten Art zu schauspielern, kann man sich heute nur darüber wundern, dass er beim grossen Publikum so gut ankam. Allerdings besass er eine starke menschliche und sympathische Ausstrahlung, die auch den von ihm gespielten Rollen inhärent waren. Ich vermute, dass es die väterliche Wirkung war, mit der er punkten konnten.
 
1934 wurde Arliss von Kinogängern in Grossbritannien zum beliebtesten männlichen Schauspieler gewählt.

Arliss, der Förderer 
Arliss' Vertrag bei Warner Brothers übertrug ihm einen für jene Zeit unüblich hohen Anteil an kreativer Eigenständigkeit, was ein weiteres Zeichen für die Wertschätzung war, die er genoss. Ihm wurde sogar das Recht eingeräumt, die Schauspieler selbst auszusuchen und Änderungen am Skript vorzunehmen - was meines Wissen damals einzigartig war. 

Und so kam es, dass er für The Man Who Played God die damals noch unbekannte Bette Davis engagierte. Arliss war derart beeindruckt von der blutjungen Anfängerin, dass ihre ursprünglich kleine Rolle auf sein Geheiss ausgebaut wurde. 
In der Tat überstrahlt Bette Davis alle anderen in diesem Film - inklusive ihren Mentor Arliss; ihre Präsenz ist derart leuchtend, dass die Produzenten und die Kritker auf sie aufmerksam wurden und ihr in der Folge grössere Rollen vorgeschlagen wurden.
In ihrer Biografie bezeichnete Bette Davis The Man Who Played God als wichtigsten Film ihrer gesamten Karriere. Er wurde zum Katalysator ihrer langen, glanzvollen Karriere.


Gemäss Wikipedia soll Arliss auch James Cagney und Dick Powell entdeckt haben.

Obwohl George Arliss in den USA ein respektabler Erfolg bescheiden war, blieb er in Deutschland unbekannt. Ganz eindeutig kann sein wirklicher Bekanntheitsgrad allerdings heute nicht mehr eruiert werden. So finden sich für zwei, drei seiner Filme zwar deutsche Titel, aber keine zugehörige Aufführungsdaten. Möglicherweise war in diesen Fällen eine deutsche Synchronisation geplant, die dann aber aus irgendwelchen Gründen nicht ausgeführt wurde. Zu einem einzigen seiner Filme ist - allerdings nur bei imdb.com - eine Angabe zu einer deutschen Synchronfassung zu finden: Für eine TV-Ausstrahlung im Jahr 1965 der Komödie A Successful Calamity, (1932), unter dem deutschen Titel Rettender Ruin. Eine Verifizierung dieser Angabe erwies sich leider als unmöglich. Arliss' Name verliert sich in unseren Breitengraden im Nebel der Vergangenheit.

Auf DVD ist The Man Who Played God hierzulande denn auch nicht erhältlich. Die "Warner Archive Collection" hat den Film in den USA herausgebracht - DVD-R, made on demand, regionalcodefrei, in sehr guter Bild- und Tonqualität.
Darüber hinaus finden sich in derselben Reihe weitere Filme dieses vergessenen Starschauspielers.




Michael Scheck


Bewertungen: 
imdb.com: 7,1 / 10 (919 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,0 / 5 (72 Stimmen)
Meine Wertung: 7 / 10

Donnerstag, 27. August 2020

Die Teufelspuppe (The Devil-Doll, 1936) - Kurzkritik



The Devil-Doll (dt.: Die Teufelspuppe, 1936)
Mit Lionel Barrymore, Maureen O'Sullivan, Henry B. Walhall, Rafaela Ottiano, Frank Lawton, Robert Greig, Lucy Beaument, Pedro De Cordoba,  u.a.
Drehbuch: Garrett Fort, Guy Endore und Erich von Stroheim nach einem Roman von Abraham Merritt
Regie: Tod Browning
Produzent: Tod Browning und E. J. Mannix

Kamera: Leonard Smith
Musik: Franz Waxman
Studio: MGM

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: unklar
Dauer: 78 min

Farbe: schwarzweiss



Bewertungen: 
imdb.com: 7,0 / 10 (3647 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,3 / 5 (1129 Stimmen)
Meine Wertung: 9 / 10
 
Ein irrer Film, der sich keinem Genre richtig zuordnen lässt!
Banker Paul Lavond (Lionel Barrymore) sass 17 Jahre unschuldig im Gefängnis, weil drei seiner ehemaligen Compagnons ihm einen Raubmord angehängt hatten. Seine Frau überlebte die Schmach nicht und seine geliebte Tochter Lorraine (Maureen O'Sullivan) wandte sich von ihm ab. Doch nun ist Lavond dem Gefängnis entflohen und sinnt auf Rache.
Lavonds Ausbruchsgenosse, der verrückte Wissenschaftler Marcel (Henry B. Walthall) will mit einer neuen Erfindung die Versorgungsprobleme der Welt lösen. Er hat eine Methode entdeckt, Lebewesen auf einen Bruchteil ihrer Grösse zu verkleinern.
Als Marcel stirbt, übernimmt Lavond dessen Erfindung, um an seinen Compagnons Rache zu üben...


Der zweitletzte Film von "Dracula"-Regisseur Tod Brownig ist eine überraschungsreiche, absolut unkonventionelle Krimi-Märchen-Travestie-Komödie, garniert mit Elementen des Horrorfilms. Die Besetzung ist auf den Punkt perfekt - ohne die differenzierte Exzentrik Lionel Barrymores, Henry B. Walthalls und Rafaela Ottianos hätte das Ganze niemals funktioniert. Lucy Beaumont und Maureen O'Sullivan als Lavonds Mutter und Tochter sind zudem eine perfekte Ergänzung auf der Seite der "normalen" Charaktere.
Und Regisseur Tod Browning bringt genau die richtige Mischung aus Verspieltheit und Ernst in die Inszenierung, in genau der Dosis, die The Devil-Doll in die Sphären des Kultfilms erhebt.


Ein Glücksfall also - die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Um seine Opfer und die Polizei zu täuschen, läuft Lavond in Paris ständig in der Verkleidung einer gütigen alten Spielzeugmacherin herum. Auf diese Weise kann er seinen Widersachern die "Puppen" - verkleinerte Menschen - andrehen, die den Auftrag haben, sie zu paralysieren. Die Sequenzen, in denen die "Puppen" durch nächtliche Zimmer (wunderschön gefertigte Kulissen mit überdimensional vergrösserten Möbel) schleichen, sind noch heute eindrücklich anzusehen und verströmen einen ganz eigenen Charme.

Wie Barrymore den Rächer spielt, ist ein Ereignis für sich. Er ist eine gequälte, von Rachegefühlen zerfressene Seele, gleichzeitig bleibt er zutiefst menschlich und trotz aller fragwürdigen Selbstjustiz sympathisch. Ein Widerspruch, den gerade der offenbar geänderte versöhnliche Schluss nicht auflöst. Barrymores fliegender schauspielerischer Wandel vom Rächer zur harmlosen alte Frau ist zudem schlicht sensationell. Wer den gütigen Grossvater aus Frank Capras "You Can't Take it with You" (dt.: Lebenskünstler) und den verbitterten Mr. Potter aus "It's A Wonderful Life" (dt.: Ist das Leben nicht schön?) nochmal ganz anders sehen will, sollte nach diesem Film Ausschau halten.

Ob er je im deutschsprachigen Raum zu sehen war, ist nicht zu eruieren, obwohl offiziell ein deutscher Titel vorhanden ist.
Auf DVD ist The Devil-Doll in der 6-Filme-Box "Hollywood Legends of Horror Collection" der Warner Archive Collection aus den USA erhältlich.





Sonntag, 23. August 2020

Seh-Empfehlung 7: Stürmische Höhen (Wuthering Heights, 1939)



Wuthering Heights (dt.: Stürmische Höhen, 1939)
Mit Merle Oberon, Laurence Olivier, Flora Robson, David Niven, Geraldine Fitzgerald, Leo C. Carroll, Hugh Williams, Donald Crisp, Cecil Kellaway u.a.
Drehbuch: Charles MacArthur und Ben Hecht nach dem Roman von Emily Brontë
Regie: William Wyler
Produzent: Samuel Goldwyn

Kamera: Gregg Toland
Musik: Alfred Newman
Studio: The Samuel Goldwyn Company
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Juli 1950
Dauer: 104 min

Farbe: schwarzweiss


Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. Sie konnenten beisammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.
- Volkslied

Diese uralte Ballade ging mir beim Betrachten dieser Verfilmung von Wuthering Heights nicht mehr aus dem Sinn.
Das eine Königskind, Cathy (Merle Oberon), wächst als Tochter eines begütertern Vaters
(Cecil Kellaway) auf dem Hof "Wuthering Heights" auf. Das andere wird Heathcliff genannt (Laurence Olivier) - ein Junge, den der Vater eines Tages auf den Strassen Liverpools aufliest und adoptiert.
Cathy und Heathcliff spüren von Beginn weg eine starke Verbindung; im felsigen Umland spielen die beiden Königskinder - noch als junge Erwachsene - und tun so, als wäre Heathcliff von adligem Geschlecht, der verlorene Sohn eines indischen Königs.

Als Erwachsene steht Cathy zwischen Heathcliff, der seit dem Tod des Vaters als Stallbursche auf dem Hof arbeiten muss und Edgar (David Niven), einem adligen Gentlemen aus der Nachbarschaft, der sie umwirbt. Heathcliff ist überzeugt, dass Cathy und er eins sind und sie zusammengehören, während sie von ihren Launen hin und her gerissen wird.
Wegen eines dummen aber fatalen Missverständnisses, glaubt Heathcliff, Caty verloren zu haben und verschwindet just in dem Moment, als sie sich für ihn entschiedet. Als er nach Jahren reich, aber verbittert aus Amerika zurückkehrt, ist Cathy längst Teil der oberen Gesellschaftsschicht, unentrinnbar gefangen und verstrickt in deren Konventionen.


Sternstunde
In der Nacherzählung klingt das trivial. Die Vorlage ist es bestimmt nicht - und der Film, obwohl er sich stark von
Emily Brontës Roman entfernt, auch nicht. Er nimmt den Geist der Vorlage auf, befreit dessen tragische Liebesgeschichte von einigen Nebenhandlungen und -figuren und erzählt sie so meisterhaft, dass sie mehr ist als eine weitere Hollywood-Liebesschnulze. 
Liebhaber des Romans schütteln möglicherweise den Kopf über all die Änderungen, doch wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird einen unvergesslichen Filmabend erleben. Im Fall von Wuthering Heights ist es besser, man liest den Roman erst nach der Sichtung des Films.
Angesichts der komplexen und figurenreichen Vorlage grenzt es an ein Wunder, dass es in Wylers Film zu keinen nennenswerten Unstimmigkeiten kommt. Einzig die Figur des Hindley, Cathys versoffener und übellauniger Bruder, sorgt für kurzfristige Irritationen, weil einerseits kein Grund für die Alkoholsucht dieses verlorenen Charakters erkennbar wird, und weil er andererseits plötzlich für eine geraume Zeit von der Bildfläche verschwindet und man sich zu fragen beginnt, wo er denn eigentlich steckt.


Trotz dieser kleinen Irritationen:
Ich kann mir keine bessere Verfilmung als diese vorstellen - und es gibt deren etwa 20 (Fernsehfilme und Miniserien mit eingeschlossen). Auch wer die Vorlage kennt, wird vom perfekten Zusammenspiel aller am Film Beteiligten verzaubert werden. Dank des Gestaltungswillens des Regisseurs haben sie etwas erschaffen, was ich eine Sternstunde des Kinos nennen möchte
Vertieft man sich allerdings in dessen Entstehungsgeschichte, dann wundert man sich, wie es überhaupt soweit kommen konnte! Bis jedes Steinchen in dem grossen Mosaik, das diesen Film ausmacht, schliesslich am genau richtigen Ort lag, brauchte es einige Umwege und Irrungen.

Mosaiksteinchen
Am Anfang war das Drehbuch. Produzent Walter Wanger konnte nichts damit anfangen und wollte es loswerden. Star-Regisseur William Wyler erkannte das Potential des Stoffes und drängte den Produzenten zum Kauf. Damit war er als Regisseur gesetzt.
Wyler wollte die Vorlage mit Bette Davis in der Hauptrolle verfilmen. Doch Goldwyn schlug Merle Oberon vor - damit lag ein weiteres Steinchen am richtigen Platz.
Die Besetzung des Heathcliff war schwieriger. Ronald Colman, Douglas Fairbanks Jr. und Robert Newton waren im Gespräch - nicht auszudenken, was der Film mit einem von ihnen in der Rolle geworden wäre!
Da kam Goldwyn auf Laurence Olivier. Der britische Schauspieler hatte nach einem Misserfolg in Hollywood beschlossen, sich vom Film ab- und sich ausschliesslich der englischen Bühne zuzuwenden, wo er inzwischen zum Star avanciert war. Er war überzeugt, dass die Bühne sein Zuhause war. Zudem war er gerade in eine heftige Affäre mit der britischen Schauspielerin Vivien Leigh involviert und wollte England nicht verlassen.

Wyler, der auf Goldwyns Vorschlag nach England gereist war, um sich Olivier auf der Bühne anzusehen und der in diesem seine Idealbesezung des Heathcliff gefunden zu haben glaubte, schlug Goldwyn vor, Vivien Leigh eine Nebenrolle im Film anzubieten, um Olivier über den grossen Teich zu locken. Doch diese schlug das Angebot aus. Sie wollte die Hauptrolle oder gar nichts. 
Schliesslich war sie es, die Olivier überzeugte, "die einmalige Gelegenheit zu ergreifen", welche dieses Filmprojekt in ihren Augen bot. Olivier gab nach - ein weiteres wichtiges Steinchen lag an seinem Platz.
Mirakulöserweise fand dadurch ein Steinchen zu einem anderen Film-Mosaik seinen Platz: Als Vivien Leigh ein paar Monate später in die USA reiste, um Olivier zu besuchen, wurde sie dem Produzenten David O. Selznick vorgestellt. In ihr fand Selznick endlich die lang gesuchte Hauptdarstellerin für ein ambitioniertes Grossprojekt namens Gone With the Wind (dt.: Vom Winde verweht)! Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden...

Hinter den Kulissen
Von Harmonie am Set von Wuthering Heights kann nicht berichtet werden - obwohl der fertige Film diesen Eindruck erweckt. Einvernehmlich ging es offenbar nur zwischen Regisseur Wyler und Kameramann Gregg Toland zu und her - die beiden hatten bereits mehrere Filme miteinander gedreht und verstanden sich ohne Worte.
Mit Wyler zu arbeiten war für die Schauspielerinnen und Schauspieler zu allen Zeiten schwierig, weil der Perfektionist Szenen bis zu 40 Mal in verschiedenen Variationen wiederholen liess, um danach am Schneidetisch eine gute Auswahl zu haben. Als Laurence Olivier deswegen einmal ausrastete und Wyler anschrie, er solle ihm endlich sagen, was er denn eigentlich wolle, überlegte dieser kurz und antwortete dann ganz ruhig, er wolle die Szene eigentlich nur besser.
Olivier sass zu jener Zeit auf dem hohen Ross und hielt sich für unglaublich gut. Einmal schleuderte er Wyler nach einer weiteren Intervention entgegen: "Ich vermute, dieses blutleere kleine Medium verträgt sich nicht mit hervorragendem Schauspiel!"
Seine Filmpartnerin Merle Oberon beschimpfte der junge britische Star-Schauspieler, nachdem sie sich über seine feuchte Aussprache beschwerte, mit "you amateur little bitch" und "you bloody little idiot, how dare you speak to me?"

Produzent Sam Goldwyn holte Olivier eines Tages von seinem hohen Ross herunter, indem er ihm vor versammelter Crew die Leviten las und ihm mit Entlassung drohte, falls er weiterhin nicht bereit sei, an seinem Spiel zu arbeiten.
Jahre später gab Olivier zu, dass Wyler ihm mit der Arbeit an diesem Projekt die Augen für die Möglichkeiten des Films geöffnet habe und er von diesem Wichtiges gelernt habe. Olivier wünschte sich Wyler gar als Regisseur für seine Shakespeare-Adaption Henry V (1944), für die er wegen Wylers Unabkömmlichkeit schliesslich selbst die Regie übernahm. Und 1953 stand Olivier für den Film Carrie nochmals vor Wylers Kamera.

William Wyler
Wylers Perfektionismus war gefürchtet und gehasst - doch er hat damit eine Fülle von wunderbaren, grossartigen Kinowerken geschaffen und zählt heute zu den geschätztesten US-Regisseuren vieler Cinéasten. Er bohrte und schraubte so lange an jedem Detail, bis alles bis ins Kleinste stimmte. Man wird in seinen Filmen nicht eine einzige schlechte schauspielerische Leistung finden - auch nicht in kleinen Nebenrollen!
Für Wuthering Heights arbeitete er mit einer Truppe ausschliesslich britischer Akteuren und Aktricen. Dem Verdikt einiger Kritiker, die Merle Oberons Leistung in der Hauptrolle als inadäquat bezeichnen, wiederspreche ich nach der Sichtung vehement: Sie fügt sich mit ihrem Spiel nahtlos ein ins hohe Niveau der restlichen Crew, ja sie trägt Wesentliches dazu bei, die Zuschauer emotional zu involvieren. Und die Chemie mit Laurence Olivier erscheint perfekt - man glaubt kaum, dass die beiden sich hinter den Kulissen nicht grün waren.


Dank Wylers Gestaltungwillen gehört Wuthering Heights heute zu den grössten Liebesdramen des Kinos. Und auch wenn Produzent Samuel Goldwyn gegen den Willen des Regisseurs einen eigenen Schluss hinzufügte, schadete er dem Film keineswegs; Goldwyns Schluss passt zwar nicht zur Vorlage, dafür perfekt zur Stimmung des Films.

Wuthering Heights ist hierzulande auf DVD erhältlich.



Michael Scheck


Bewertungen: 
imdb.com: 7,6 / 10 (15 973 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,5 / 5 (4609 Stimmen)
Meine Wertung: 10 / 10

Freitag, 21. August 2020

Der Bürotrottel (The Errand Boy, 1961) - Kurzkritik



The Errand Boy (dt.: Der Bürotrottel, 1961)
Mit Jerry Lewis, Brian Donlevy, Howard McNear, Dick Wesson, Sig Ruman u.a.
Drehbuch: Jerry Lewis und Bill Richmond
Regie: Jerry Lewis
Produzent: Ernest T. Glucksman

Kamera: W. Wallace Kelley
Musik: Walter Scharf
Studio: Paramount

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: September 1962
Dauer: 80 min

Farbe: schwarzweiss


 

Bewertungen: 
imdb.com: 6,5 / 10 (1748 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,5 / 5 (747 Stimmen)
Meine Wertung: 5 / 10




The Errand Boy wird oft als Einstieg für Jerry-Lewis-Neulinge empfohlen. Lewis‘ dritter Film in Eigenregie (er schrieb auch das Drehbuch) spielt in einem Filmstudio, wo Lewis als Morty S. Tashman zum Laufburschen gemacht wird und allerlei Unheil anrichtet.

Eine eigentliche Handlung gibt es nicht, nur den Rahmen, in dem Film-Mogul Thomas Paramutual (Brian Donlevy) beschliesst, einen Spion im Studio zu installieren, um herauszufinden, wer da eigentlich so viel Geld verschwendet. So kommt der Plakatkleber Morty zum Film und von da weg geht’s mit dem Studio vollends bergab.
Aus dieser Prämisse geht Lewis dazu über, zahllose Episoden aneinanderzureihen, die sich um Mortys Missgeschicke in den verschiedenen Abteilungen drehen.


Offenbar wollte der Komiker hier ein wenig experimentieren, Gags und Komödienstile ausprobieren und ausloten. Das führt zu einer Reihung von komischen Episoden, die in sich zwar stimmig sind, aber kein ausgeglichenes Ganzes ergeben. Neben platten Slapstick-Sequenzen stehen Pantomimen und avantgardistisch anmutende Episoden. Wenige sind wirklich gelungen, viele erscheinen unausgegoren, unfertig oder einfach schlecht konzipiert. Wenn Morty die Gattin des Studiodirektors zum Krankenhaus fahren muss, um danach das Cabriolet zu waschen, weiss man im Voraus, was geschieht – was dann kommt, ist zudem derart einfallslos ausgeführt, dass es kaum mehr zum Lachen anregt. Andere, wenige, Sequenzen sind komödiantische Glanzstücke – interessanterweise sind dies immer die pantomimischen Einlagen: Die Aufsichtsratssitzung zur Musik von Count Basie, die berühmte Szene im vollgestopften Lift, die Sequenz, wo sich das Radio nicht mehr ausschalten lässt – und der Wasserspender!

Nach der Sichtung von "The Errand Boy" würde ich diesen Film gerade nicht als Einstieg für Lewis-Neulinge empfehlen. Hinsichtlich der Einfälle ist hier zu wenig Fleisch am Knochen. Und Lewis‘ phänomenales komödiantisches Timing ist hier zu oft neben dem Takt. "The Errand Boy" sieht aus wie eine Gelegenheitsarbeit – und das war er wohl auch.

Den Film gibt's bei uns auf DVD und auch im Stream ist er bei einigen Anbietern zu finden.


Mittwoch, 19. August 2020

It! Der Schrecken lauert im All (It! The Terror Beyond Space, 1958) - Kurzkritik




It! The Terror Beyond Space (dt.: It! Der Schrecken lauert im All, 1958)
Mit Marshall Thompson, Shirley Patterson, Ann Doran, Ray Corrigan, Kim Spalding, Dabbs Greer, Richard Benedict u.a.
Drehbuch: Jerome Bixby
Regie: Edward L.Cahn
Produzent: Robert E. Kent

Kamera: Kenneth Peach
Musik: Paul Swatell, Bert Shefter
Studio: Robert E. Kent Productions

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine
Dauer: 69 min

Farbe: schwarzweiss



Bewertungen: 
imdb.com: 6,1 / 10 (4366 Stimmen)
Letterboxd.com: 2,9 / 5 (1098 Stimmen)
Meine Wertung: 4 / 10


Damit dies schon mal klar ist: Ich bin kein Fan billiger Trash-Streifen aus den 50er-Jahren. Es gibt darunter durchaus gelungene Filme – doch der hier gehört nicht dazu! Auch die Tatsache, dass er möglicherweise die Inspiration zu „Alien“ lieferte, macht ihn nicht besser.

Eine Marsexpedition ist gescheitert, weil alle Mitglieder ausser des Captains verschwunden sind. Captain Carruthers (Marshall "Daktari" Thompson) soll nun zurück zur Erde gebracht werden, damit er dort wegen Mordes an seiner Crew vor Gericht gestellt werden kann. Deshalb schickt man eine zweite, mit neun Leuten bemannte Rakete hinterher, um Carruthers zu holen. Dieser behauptet, ein unheimliches Wesen hätte seine Mannschaft geholt.
Erst als während des Rückflugs Crewmitglieder auch vom zweiten Schiff verschwinden, gewinnt Carruthers Story langsam an Glaubwürdigkeit. Bald wird klar: „Es“ befindet sich an Bord… Und es hat Hunger. Oder etwas gegen Menschen.
Oder ist es nur schlecht gelaunt?

Das Geschichte von Drehbuchautor Jerome Bixby ist nicht mal schlecht; Bixby war auf fantastische Stoffe spezialisiert – er schrieb mehrere Folgen für die allererste „Raumschiff Enterprise“-Serie, und die Originalstory von Richard Fleischers Science-Fiction-Klassiker „Fantastische Reise“ stammt auch von ihm.
Leider konnte er keine glaubhaften Charaktere entwickeln – jedenfalls nicht für diesen Film. Die Crew ist nur so zahlreich, damit sie vom Mars-Monster dezimiert werden kann – ausgearbeitet sind die Charaktere jedenfalls nicht. Und weil sie von mittelmässigen Schauspielern verkörpert werden, war mein Interesse schnell weg. 


Unnötig zu sagen, dass das Monster lächerlich wirkt… Man hätte es besser im Dunkeln gelassen. B-Regisseur Edward L. Cahn glänzt hier nicht gerade mit einem adäquaten Konzept. Das Gefühl von echter Klaustrophobie könnte man auch mit kleinem Budget evozieren – es stellt sich hier kaum einmal ein. Und auch sonst weiss Cahn nicht so recht etwas anzufangen mit dem schönen Set. 

Humor ist reichlich vorhanden, allerdings nur der unfreiwillige. Das Waffenarsenal an Bord des High-Tech-Gefährts setzt sich aus Pistolen und Handgranaten zusammen, wie man sie in alten Western- und Kriegsfilmen sieht, die noch älter sind als dieser Streifen. Und je nach Aufnahme ziehen die Sterne mal langsamer vorbei und mal schneller. Wenn zwischen den zwei Standpunkten hin- und hergeschnitten wird, ändern sie ständig das Tempo.

Der Film ist seit Mai 2020 in limitierter Edition (1300 Stück) als Blu-ray/DVD im deutschsprachigen Raum erhältlich. Auch in einer Sonderedition mit Sammlerbox.
Angesichts solch künstlerisch minderwertigen Quatschs fragt sich der Filmfreund, wo die Blu-rays all der wirklich guten alten Filme bleiben!




Samstag, 15. August 2020

Seh-Empfehlung 6: Der Gefangene des Ku-Klux-Klan (Storm Warning, 1951)


Storm Warning (dt.: Der Gefangene des Ku-Klux-Klan, 1951)
Mit Ginger Rogers, Ronald Reagan, Doris Day, Steve Cochran, Hugh Sanders, Paul E. Burns, Lloyd Gough u.a.
Drehbuch: Daniel Fuchs und Richard Brooks
Regie: Stuart Heisler

Produzent: Jerry Wald
Kamera: Carl E. Guthrie
Musik: Max Steiner
Studio: Warner Bros.
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Mai 1959
Dauer: 93 min

Farbe: schwarzweiss



Marsha Mitchell (Ginger Rogers), die eigentlich mit ihrem Agenten unterwegs zu einer Modeschau ist, unterbricht die Zugreise für einen Zwischenstop im Städtchen Rock Point, weil sie ihre jüngere Schwester Lucy (Doris Day) nach langer Zeit wieder einmal besuchen möchte. Lucy ist inzwischen verheiratet und erwartet ein Kind.
Kaum hat Marsha den Zug verlassen, bekommt sie die Feindseligkeit Rock Points zu spüren. Es ist schon stockdunkel und niemand hilft ihr, ihre Schwester zu finden; der einzig auffindbare Taxifahrer weigert sich, sie zu fahren. Als sie aufgebracht durch die Strassen irrt, wird sie Zeugin eines Mordes: Ein Mob von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern schleift einen Mann aus dem Gefängnis und erschiesst ihn, als er fliehen will, auf offener Strasse. Die geschockte Marsha kann sich gerade noch in die dunkle Ecke eines Geschäfts drücken und blickt aus dem Verborgenen in die Gesichter zweier Männer, die sich für einen Moment ihrer Kapuzen entledigen.
Als Marsha ihre Schwester endlich gefunden hat und diese ihr den liebevollen Gatten Hank (Steve Cochran) vorstellt, gefriert Marsha das Blut in den Adern: Er ist einer der Kapuzenmänner aus dem Mob vor dem Gefängnis…
 


Kleinstadt im Würgegriff
Storm Warning
packt vom ersten Moment und lässt einen nicht mehr los. Nach der kurzen Sequenz im Zug, in der Marshas Charakter kurz und prägnant umrissen wird, beginnt mit dem Betreten des Städtchens Rock Point ein nicht enden wollender Albtraum. Am Bahnhof wird sie unfreundlich abgefertigt, alle scheinen es eilig zu haben, und als sie durch die nächtlich leeren Strassen irrrt, gehen hinter ihr in allen Läden die Lichter aus. 


Rückblickend wird klar: Das ganze Kaff war über die nächtliche Aktion des Klans informiert. Alle zogen die Köpfe ein. Der Staatsanwalt des Bezirks, Burt Rainey (Ronald Reagan), stösst auf eine Mauer des Schweigens: Niemand will etwas gesehen oder gehört haben - wie immer, wenn der Klan aktiv geworden ist. Rainey ist frustriert - eine weitere ergebnislose Untersuchung - aber er gibt nicht auf.
Als zu ihm durchsickert, dass eine Frau von ausserhalb den Mord offenbar beobachtet hat, sieht Rainey plötzlich seine Chance, dem Klan das Handwerk zu legen. Jemand fremder, nicht in die Dorfgemeinschaft integrierter, wird vielleicht reden, weil er noch nicht so eingeschüchtert ist wie die Einheimischen. Doch für Marsha steht das Glück ihrer Schwester auf dem Spiel…


Rassismus - ein ewiges Thema!
Scrollt man durch den Kanon der Rezensionen zu diesem Film, findet man eine Vielzahl von Texten, welche ihm ankreiden, das Thema Rassismus nicht anzuschneiden. Und allen Ernstes kriegt der Film von jenen Kritikern deshalb Abzug.
Es kann durchaus sein, dass Warner Bros. keinen Mut aufbrachte, im Zusammenhang mit dem Ku-Klux-Klan auch das Thema Rassismus aufs Tapet zu bringen; das Mordopfer im Film ist tatsächlich kein Schwarzer und auch kein Jude, sondern "nur" ein Reporter mit Insiderwissen, der zum Schweigen gebracht werden soll. Bei all ihrem zeitgeistkonformen Gejammer übersehen diese Kritiker allerdings geflissentlich, dass Rassismus gar nicht das Thema des Films ist. Und abgesehen davon weiss - nicht nur in den USA - nun wirklich jeder, welche Ideologie der Ku-Klux-Klan vertritt. Steck' jemandem eine weisse Robe und zieh' ihm eine spitz zulaufende Kapuze über, und du hast ein Symbol nicht nur für Rassismus, sondern auch für Faschismus!


Storm Warning ist eine Studie über Gesinnungsterror und Despotismus, ausgeübt von einer Gruppe, die innerhalb einer dem allgemeinen Recht und den Gesetzen verpflichteten Gemeinschaft steht; gleichzeitig ist er die psychologische Studie eines Menschen, der mit einem solchen Staat im Staat in Konflikt kommt, weil ein Mitglied seiner Familie darin verwickelt ist.
Beide Themen werden meisterhaft zu einem packenden Drama verdichtet, das aufzeigt, wie Menschen zu Mitläufern werden.
Wenn man beobachtet, wie verschiedene Gruppierungen heute wieder mit ähnlichen existenzbedrohenden Terrormethoden arbeiten, um ganze Bevölkerungsschichten einzuschüchtern, erkennt man die schwindelerregende Aktualität des Films. Unnötig, zu sagen, dass er diese wohl nie verlieren wird.
Sich vor diesem Hintergrund über das Fehlen eines für die Aussage unwesentlichen Details, das man selber gern im Film gehabt hätte (Rassismus), zu ereifern, ein grandioses Kinowerk deshalb klein zu machen, zeugt von äusserst kleingeistigem Kunstverständnis.
Es wirkt zunehmend lächerlich, wie krampfartig sich die Filmrezeption (und nicht nur sie) heute aufs Thema Rassismus versteift: In den einen alten Filmen ist den Moralaposteln zuviel Rassismus drin, so dass sie diese am liebsten verbieten möchten, in anderen - wie dem hier besprochenen - hingegen finden sie zu wenig!
Natürlich wäre der Film noch stimmiger, hätte der Klan-Mob einen Schwarzen erschossen. Er wäre dadurch aber nicht besser geworden; im Umkehrschluss wird er nicht schlechter, weil "nur" ein Weisser erschossen wird.


Kopf des Klans in Rock Point ist der Sägereibesitzer Charlie Barr (Hugh Sanders), der auch sonst im Dorf das Sagen hat. Hank und er sind die einzigen Klan-Mitglieder, die in den beiden Sequenzen am Anfang und am Schluss des Films, wo der Klan als Mob auftritt, ein Gesicht bekommen; alle anderen bleiben gesichtslos unter ihren Kapuzenmasken verborgen. Insofern ist Schlussequenz an Schauerlichkeit kaum zu überbieten, weil wir bis dahin einige der Dorfbewohner kennengelernt haben und jetzt darüber rätseln, wer von ihnen sich unter den Kapuzen verbirgt. Es könnte jeder von ihnen sein - das ist eine weitere starke Aussage des Film, welche dieser wortlos und ohne jegliches Aufhebens plaziert.
Als Rainey, der ebenfalls in Rock Point aufgewachsen ist, durch die Reihe der Kapuzenmänner geht, sagt er zu einem der Vermummten: "Hallo Burt! Wie läuft das Geschäft in der Molkerei?" Und unterstreicht die Aussage damit mit einem Augenzwinkern.


Ein toller Film - praktisch vergessen
Storm Warning
ist von A bis Z gelungen, ein hierzulande praktisch vergessener, grossartiger Film, der mehr Beachtung verdient. Das Drehbuch ist aus einem Guss, dicht und stringent, da passt kein Haar mehr dazwischen; Stuart Heislers funktionale, hervorragend nuancierte Regie stellt sich ganz in dessen Dienst und lässt dessen Qualitäten - der Ausdruck sei mir trotz der dunklen Grundtöne erlaubt - erstrahlen; und die Darstellerinnen und Darsteller sind ausnahmslos überzeugend und in ihren Rollen glänzend besetzt. Besonders Doris Day in ihrem ersten nicht-musikalischen Film legt ein erstaunliches dramatisches Können an den Tag. 

Alfred Hitchcock sagte zu ihr, als sie sich kurz nach der Premiere des Films begegneten: "Ich habe Sie in Storm Warning gesehen. Gut. Sehr gut! Ich hoffe, Sie in einem meiner Filme einsetzten zu können." Was denn auch mit The Man Who Knew too Much (dt.: Der Mann, der zuviel wusste) fünf Jahre danach geschah.
Aber auch Ginger Rogers, welche die grosse Schwester verkörpert - und die in ihren früheren Musical-Jahren Doris Days Idol gewesen war - überzeugt auf ähnliche Art und weise, indem sie die innere Zerrissenheit ihrer Figur zwischen Schweigen und Auspacken für die Zuschauer fast physisch erlebbar macht. Aber auch die männlichen Hauptdarsteller glänzen, Ronald Reagan mit einer äusserst zurückhaltenden Studie in Frustration, und Steve Cochran als in Grunde charmanter, aber durch seine Dummheit vulgarisierter Ehemann. Auch die kleinsten Nebenrollen warten mit erstklassigen schauspielerischen Leistungen auf.


Ein Film, der es definitiv wert ist, auf seine Qualitäten getestet zu werden! Leider ist das wieder einmal nicht einfach. Storm Warning ist in der 4-DVD-Box "TCM Greatest Classic Legends Film Collection - Ronald Reagan" aus den USA (RC1) enthalten, neben drei weiteren Reagan-Klassikern.
Eine deutsche DVD-Ausgabe wäre angesichts der Aktualität und der Qualität dieses Werks angezeigt.




Michael Scheck


Bewertungen: 
imdb.com: 7,1 / 10 (1511 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,4 / 5 (299 Stimmen)
Meine Wertung: 10 / 10

Mittwoch, 12. August 2020

Die grosse Parade (The Big Parade, 1925) - Kurzkritik




The Big Parade (dt.: Die grosse Parade / Die Parade des Todes, 1925)
Mit John Gilbert, Renée Adoré, Karl Dane, Tom O'Brien, Claire Adams, Hobart Bosworth, Claire McDowell u.a.
Drehbuch: Laurence Stallings und King Vidor
Regie: King Vidor

Produzent: Irving Thalberg und King Vidor
Kamera: John Arnold und Charles Van Enger
Studio: MGM
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: 1927
Dauer: 151 min

Farbe: schwarzweiss





Bewertungen: 
imdb.com: 7,9 / 10 (6074 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,9 / 5 (1842 Stimmen)
Meine Wertung: 8 / 10


King Vidors The Big Parade war einer von zwei Stummfilmen aus dem Jahr 1925 – der andere war Ben-Hur - die Metro-Goldwyn-Mayer endgültig als eines der grossen Filmstudios etablierten, den Status des Produzenten Irving Thalberg innerhalb des Studios festigte und dessen Methoden (Previews vor Testpublikum, danach eventuelle Nach-Drehs) bestätigte. Zudem katapultierte er John Gilbert über Nacht zu Starruhm. Kritiker und Publikum waren von dem Werk begeistert.

The Big Parade erzählt vom ersten Weltkrieg - sieben Jahre nach dessen Ende. Nach dem Eintritt Amerikas, wird auch dieses Land von der Kriegseuphorie erfasst. Doch Jimmy Apperson (Gilbert), ein Schnösel aus reicher Familie, meldet sich erst auf Druck seiner Verlobten für den Dienst. In seiner Einheit befreundet er sich mit zwei einfachen Männern aus der Arbeiterschicht, Slim (Karl Dane) und Bull (Tom O’Brien) und zusammen erleben sie die eine schöne Kameradschaft, die in witzigen Sequenzen ausgebreitet wird. Nach einer kurzen Trainingsphase wird die Truppe nach Frankreich verschifft, wo man auf einem Bauernhof auf den Einsatz gegen die Deutschen wartet. Dort verliebt Jimmy sich unsterblich in Marcelline (Renée Adoré).
Als der Einsatzbefehl kommt, erleben die drei Freunde den Horror des Krieges. Nur Jimmy wird mit dem Leben davonkommen…


Heute hat der Film leider einiges an Wirkung eingebüsst; viele thematisch ähnliche Filme, die nach ihm kamen, vermochten die Schrecken des Krieges noch effektiver und eindringlicher aufzuzeigen. Was Vidor und Thalberg da zeigten, war damals neu und gewagt, hat die Massen aufgerüttelt und bewegt, und lange Zeit war The Big Parade, zumindest in den USA, auf dem Gebiet des Kriegsfilms unübertroffen. Viele nachfolgende Kriegsfilme bedienten sich bei ihm, auch der Klassiker Im Westen nichts Neues von 1930.

Leider verliert der Film ab der zweiten Hälfte an Wirkung. Das hat mit der zeitlichen Distanz zu tun: Sobald die Kriegssequenzen einsetzen, kommen einem die effektiveren Folgefilme in die Quere – obwohl man sagen muss, dass The Big Parade punkto Kriegs-Nachbildung mit einigen äusserst eindringlichen Momenten aufwartet. Der offenbar mehrmals geänderte Schluss allerdings erscheint aufgesetzt und konnte mich nicht überzeugen.

Der leichtere erste Teil enthält eine wunderbar charmant und witzig inszenierte Liebesgeschichte, die in ihrer Machart noch heute Mustergültigkeit hat. Die Sprach- und Kulturbarrieren zwischen Melisande und Jimmy werden gleichzeitig sowohl als romantischer „Zündstoff“ als auch als witzige Auflockerung verwendet. Die Sequenz, in der er ihr beibringt, wie man einen Kaugummi kaut, ist unvergänglich. In solchen präzise beobachteten und gezeichneten Sequenzen zeigt sich die Meisterschaft dieses Regisseurs und auch der Darsteller, die nie zu pantomimischen Overdrive verleitet werden, sondern subtil und natürlich agieren.


Nicht nur John Gilberts Karriere erfuhr durch The Big Parade einen gewaltigen Aufschwung, auch jene von Renée Adoré und Karl Dane.
11 Jahre später waren alle drei tot, Adorée verstarb mit 35 Jahren, Gilbert mit 36 und Dane mit 47.
Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden...


The Big Parade ist hierzulande schmählicherweise bis heute nie auf Blu-ray oder DVD erschienen. Im benachbarten Frankreich ist er mit den originalen englischen Zwischentiteln auf einer Blu-ray (Region B) erschienen. Aus den USA kann ab 25. August die Blu-ray der Warner Archive Collection (Region 0). bestellt werden. Begleitmusik von Carl Davis.






Children of Divorce (1927)

Mit Clara Bow, Esther Ralston, Gary Cooper , Einar Hanson, Norman Trevor, Hedda Hopper, Edward Martindel u.a. Drehbuch: Hope Loring und Lou...