Sonntag, 22. November 2020

Meine Filmwoche (Kurzkritiken: Einsame Entscheidung, Schloss des Schreckens, weisser Teufel)

Einsame Entscheidung (Executive Decision, 1996) ist der beste Film, den ich diese Woche gesehen habe. Der Actionfilm, von dem ich bislang nie etwas gehört hatte, entpuppte sich als Überraschungshit!
Ein Passagierflugzeug wird von islamistischen Terroristen gekapert und zur Landung in Washington gezwungen - vorgeblich, um einen in den USA festgehaltenen Terroristen-Boss freizupressen; doch gemäss dem Terrorspezialisten David Grant (Kurt Russell) verfolgen die Entführer einen ganz anderen Plan. Grant vermutet richtig: An Bord ist eine Bombe mit einem tödlichen Nervengas versteckt, und die soll bei der Landung in Washington gezündet werden. Tod den Ungläubigen - so lautet die Mission des Anführers Nagi Hassan (David Suchet).
Mittels eines militärischen Spezialflugzeugs wird während des Flugs von allen Flugzeuginsassen unbemerkt eine militärisches Sonderkommando an Bord geschleust. Dieses nistet sich in den Zwischenräumen um die Passagier-Einheit herum ein, sucht fieberhaft und vor allem mucksmäuschen-leise nach der Bombe und einer Gelegenheit, die Terroristen unschädlich zu machen. Das Unternehmen wird allerdings durch zahlreiche unvorhergesehene Erschwernisse behindert...
Executive Decision ist zum Nägelkauen spannend. Die Spannung reisst keinen Moment ab, praktisch bis zur letzten Minute. So findet man kaum Zeit, zu bemerken, dass die Charaktere eindimensional gezeichnet und ziemlich flach sind und dass das Drehbuch die Spannung künstlich forciert. Die Story ist aber derart geschickt konstruiert, dass dies kaum ins Gewicht fällt. Man kommt bei all den Beinahe-Katastrophen, Rettungen in letzter Sekunde und tatsächlichen Unglücken kaum zum Luftholen. Dass mit Grant/Russell ein bisweilen recht linkisch agierender Anti-Held im Mittelpunkt steht, macht den Film zudem sympathisch.
Eine gute Portion Unernst und die ausnahmslos punktgenau passend besetzten Schauspieler und Schauspielerinnen runden das Vergnügen ab. Der Regie-Erstling des Cutters Stuart Baird kann sich sehen lassen!
Dass Exekutive Decision 9/11 praktisch vorweg genommen hat, wirkt im Nachhinein unheimlich.
Eine ausführliche Kritik dieses Films folgt möglicherweise demnächst auf diesem Blog...

Ferner liefen...

Schloss des Schreckens (The Innocents, 1961) Bei diesem über jeden erdenklichen cinéastischen Klee gelobten Film waren meine Erwartungen naturgemäss gross...
...und fast ebenso gross die Ernüchterung.

Als die Gouvernante Miss Giddens (Deborah Kerr) im riesigen englischen Herrenhaus ankommt, wo sie ihre beiden minderjährigen neuen Schützlinge zu beaufsichtigen hat, spürt sie schon, dass auf dem Landsitz etwas nicht stimmt: Die Kinder sind höflich, aber seltsam und sie Haushälterin Miss Grose (Megs Jenkins) scheint mehr zu wissen, als sie herauszurücken gewillt ist. Nach und nach kommt heraus, dass die vorherige Gouvernante unter schrecklichen Umständen verstorben ist, ebenso ihr Liebhaber, der ehemalige Diener. Die beiden Toten scheinen keine Ruhe zu finden. Nach einigen unheimlichen Erscheinungen keimt in Miss Giddens der Verdacht, die Geister der Verstorbenen hätten sich der Kinder bemächtigt...

Diese Henry-James-Adaption (von dessen Novelle The Turn of the Screw) fasziniert seine Betrachter mit erlesener Ausstattung, sublimer Lichtregie und geschmeidigem Erzählfluss. Regisseur Jack Clayton - das fiel mir bereits bei der Visionierung von The Great Gatsby auf - hat ein Auge fürs Bildnerische. Auch The Innocents ist grandios inszeniert!

Doch leider wirkt das Ganze artifiziell, leblos, blutleer. Man hat das Gefühl, jedes Detail sei mit der Pinzette drapiert worden, jedes Bild sei ein wertvolles Gemälde, das man nur aus Distanz betrachten dürfe. Distanziert - und distanzierend - wirkt denn auch der Film. In die Figurenentwicklung wurde nicht mal ein Drittel des Efforts investiert, der für die Ausstattung verwendet wurde.

Leider gehen mangelnde Charakterzeichnung und aseptischer Ästhetisierungs-Overdrive Hand in Hand und entrücken den Film in Gefilde jenseits des Publikumsinteresses. Er beietet zwar ein beträchtliches Schauvergnügen, besitzt aber weder Erkenntniswert noch vermittelt er Emotionen.

Der weisse Teufel von Arkansas (Ride A Crooked Trail, 1958) Dieser kaum bekannte Western bringt Audie Murphy und Walter Matthau zusammen - ein seltsames Paar. Deshalb wollte ich ihn mir ansehen.
Bankräuber Joe Maybe (Murphy) reitet auf der Flucht durch eine Kleinstadt, in der gerade ein Sheriff gesucht wird. Weil Maybe dem ihn verfolgenden Gesetzeshüter den Stern abgenommen hat, wird er von Richter Kyle (Matthau) für den idealen Anwärter auf die Stelle angesehen - er nimmt sie zu Tarnzwecken an, interessiert sich am neuen Ort aber vor allem für die Bank.
Als eine alte Bekannte von ihm auftaucht (Gia Scala), gibt er sie für seine Frau aus. Sie kommt allerdings als Teil einer Bande, die es ebenfalls auf die Bank abgesehen hat. Während Maybe und seine "Gattin" Tessa im Städtchen heimisch werden, nähert sich Tessas "Freund" (Henry Silva) und seine Böse-Buben-Truppe...
Die Story klingt interessant und ist es streckenweise auch - das Drehbuch ist das beste an dem Film; besonders gut ist es aber auch nicht: Die Figuren bleiben eindimensional und schablonenhaft. Regisseur Jesse Hibbs inszeniert das ganze solide, aber schleppend.
Die Hauptdarsteller können diese Mängel auch nicht ausbügeln: Audie Murphy war nie ein besonders guter Schauspieler, Gia Scala ist einfach schlecht und Walter Matthau übertreibt schauerlich beim Versuch, den anderen die Show zu stehlen.
So ist Ride A Crooked Trail ein Western, den man getrost überspringen kann.

Mittwoch, 18. November 2020

Seh-Empfehlung 16: Another Earth (2011)


Originaltitel: Another Earth
Deutscher Titel: Another Earth (Deutsche Kinopremiere: November 2011)
Mit Brit Marling, William Mapother, Kumar Pallana, Diane Ciesla, Richard Berendzen u.a.
Regie: Mike Cahill
Drehbuch: Mike Cahill und Brit Marling
Dauer: 92 min

Warnung: Dies ist kein Science-Fiction-Film! Ich wiederhole: Dies ist KEIN Science-Fiction-Film (jedenfalls kein typischer)!
Soweit mein Versuch, Star-Wars- und Transformer-Fans von einem für sie frustrierenden Filmerlebnis abzuhalten, denn in Mike Cahills subtilem Drama „Another Earth“ gibt es weder Aliens noch Weltraumschlachten, auch auf den Einsatz von Laserschwertern wartet man vergebens.


Sondern: Eines Tages taucht am Himmel ein blauer Punkt auf. Im Radio mutmassen Wissenschaftler darüber, dass es sich dabei um einen erd-ähnlichen Planet handle, der sich uns nähere. Die 17-jährige Rhoda Williams (Brit Marling) fährt gerade angetrunken von der Feier ihres neuen Jobs nach Hause - sie ist am MIT (Massachusetts Institute of Technology) als Weltraumforscherin angenommen worden - und beobachtet vom Steuer aus den blauen Punkt. Dabei kommt sie von der Fahrbahn ab, rammt einen anderen Wagen und löscht so die Familie des Komponisten John Burroughs (William Mapother) aus, der Unfall überlebt.

Rhoda und John versinken in einer tiefen Depression. Das eigentliche Thema des Films ist, wie die beiden Protagonisten langsam wieder ins Leben zurückfinden.
Der blaue Punkt stellt sich indessen tatsächlich als unserer Erde ähnlicher Planet heraus, später wird er sogar als zweite Erde bezeichnet, und er scheint ebenfalls bewohnt zu sein. Langsam nähert sich die Wissenschaft des Rätsels, welches das Phänomen beinhaltet. Existieren dort oben Abbilder von uns?
 

Primär zeigt der Film die langsame Annäherung zwischen Rhoda und John, und das allein ist schon fesselnd. Rhoda, von Schuldgefühlen zerfressen, sucht John zu Hause auf und will sich ihm erklären. Angesichts seines jämmerlichen Zustands verliert sie an der Tür den Mut und gibt sich als Putzfrau aus. Fortan kommt sie jede Woche, um die vernachlässigte Wohnung des Komponisten in Stand zu setzen; dabei kommen sich die beiden näher und schöpfen aus dem gegenseitigen Kontakt langsam neuen Lebensmut. Doch über allem hängt wie ein Damoklesschwert der schreckliche Unfall von damals - John weiss nicht, dass Rhoda dessen Verursacherin ist, wir wissen aber, dass er es erfahren wird. Das ergibt eine unglaubliche Spannung, die den ganzen Film über nie abreisst. 

Und falls man sich fragt, was denn die zweite Erde für eine Funktion hat: Sie ist der Punkt der Hoffnung in der Geschichte. Cahills Film dreht sich nicht nur um Depression, sondern auch um die Möglichkeit, aus einer solchen wieder herauszufinden. Die zweite Erde ist ein Symbol für diese Möglichkeit. Es ist hervorragend in die Handlung eingebaut, indem es die Handlung vorantreibt, weiterträgt und abschliesst.

Das augenfälligste Plus ist die Beziehungskonstellation zwischen Rhoda und John, die ohne Action für grösstmögliche Spannung sorgt. Die Beziehung zwischen den beiden, das langsame sich Wieder-Öffnen gegenüber dem Leben wird mit zahlreichen Details und Gesten subtil und glaubhaft aufgebaut.
Die Drehbuchautoren vermögen zudem, ihren Figuren Leben einzuhauchen und die psychologischen Komponenten, die zwischen den beiden spielen, nachvollziehbar darzulegen. Dadurch werden diese lebendig und ermöglichen den Zuschauenden eine Identifikation.

Weiter glänzt Another Earth durch eine starke Bildsprache, welche Worte an vielen Stellen überflüssig macht.
Für einen Erstlingsfilm ist die darin erreichte Meisterschaft beeindruckend! Das bedeutet, dass Another Earth ein eher stiller, leiser Film ist. Er appelliert an die Intelligenz und die Auffassungsgabe des Zuschauers, er schmiert ihm nicht alle Folgerungen und Erkenntnisse dick aufs Butterbrot. Es handelt sich um ein Werk, das sich an ein denkendes Publikum richtet, vieles lässt sich aus den Bildern und Andeutungen entschlüsseln. Die letzte Einstellung ist diesbezüglich exemplarisch: Sie ist unglaublich simpel und unprätentiös, doch sie beantwortet sämtliche noch offenen Fragen und knüpft die losen Enden zusammen.
Die Geschichte ist als Ganzes hervorragend ausgearbeitet, sie geht am Ende wunderschön auf. Der starke Zug ins Surreale, der immer mitschwingt, wird mittels eines simplen, immer wiederkehrenden Bildes erzeugt: In vielen Aussenaufnahmen ist der Planet Erde am Himmel zu sehen. Das ist einerseits wunderschön anzusehen und funktioniert andererseits als Symbol der Hoffnung.

Und nicht zuletzt seien die starken schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller erwähnt, die oft nur mit ihrer Mimik auskommen müssen und in diesem Bereich Eindrückliches leisten.

Fazit: Ein grandioses Werk, das sich den gängigen Genres entzieht, deren es sich bedient, ein hoch origineller und zugleich tief berührender Film!

Bei uns ist Another Earth auf Blu-ray und DVD erschienen und noch im Handel erhältlich.
Auch online kann er angeschaut werden, in Deutschland bei Amazon, Maxdome, Magenta TV, Microsoft, Google Play und youtube. In der Schweiz bei

youtube und Google Play. In Oesterreich bei Amazon, Maxdome, youtube und Google Play.


 

Meine Wertung:
10 / 10


 


Montag, 16. November 2020

Meine Filmwoche (Kurzkritiken: Reise, Terminator, Ich liebe dich,)

Reise aus der Vergangenheit (Now, Voyager, 1942) ist der beste Film, den ich diese Woche gesehen habe!
Charlotte Vale (Bette Davis), Tochter einer einflussreichen Bostoner Familie, ist das hässliche Entchen der Familie. Jahrelanges Leiden unter der Fuchtel einer herzlosen, erdrückenden Mutter (Gladys Cooper) haben Charlotte zu einem nervlichen Wrack und einer alten Jungfer gemacht. Als ihre Schwester Lisa (Ilka Chase) ihr den Psychiater Dr.Jaquith (Claude Rains) vorstellt, beginnt für Charlotte eine Reise in die Unabhängigkeit. Auf einer Kreuzfahrt lernt sie zudem in Jeremiah Durrance (Paul Henreid) den Mann ihres Lebens kennen - der allerdings verheiratet ist und zwei Töchter hat...
Nein, Now, Voyager ist nicht die Schmonzette, als die sie sich in der Zusammenfassung präsentiert! Die Liebesgeschichte nimmt einen vergleichsweise kleinen Teil dieses überraschenden Films ein. Am Schluss geht es drum, wie die Liebe zwischen zwei Menschen sich in etwas Grösseres verwandelt; die Heldin ist nicht, wie in Filmen aus jener Zeit üblich, das schmachtende Heimchen, dass sich nichts sehnlicher wünscht, als sich einem Mann unterzuordnen. Charlotte ist am Ende des Films eine starke, unabhängige Frau, die ihre Liebe in grösseren Dimensionen sieht als nur bis zum Happy End mit dem Mann ihrer Träume. 
Now Voyager hat Grösse - eine Grösse, die der Film wohl zum Teil der Romanvorlage von Olive Higgins Prouty verdankt. Doch Casey Robinson (Drehbuch) und Irving Rapper (Regie) erreichen eine wunderbar ausbalancierte, von A bis Z packende filmische Umsetzung des Stoffes, indem sie vorhersehbare Wendungen und Clichées geschickt vermeiden.
Unterstützt werden sie von einer fabelhaften Schauspieler-Truppe. Bette Davis und Paul Henreid funktionieren wunderbar zusammen, beide strahlen echte Zuneigung zueinander aus. Sämtliche Co-Stars sind erstklassig - und so wurde "Now, Voyager" zum Kassenhit des Jahres 1942. 
Man kann ihn noch heute mit Gewinn ansehen. 
Eine ausführliche Kritik dieses begeisternden Films folgt demnächst auf diesem Blog...

Ferner liefen...

Terminator (The Terminator, 1984) Aus einer düsteren Zukunft, in welcher Maschinen die Herrschaft übernommen haben und die Menschheit auszulöschen drohen, reisen zwei Gestalten durch die Zeit zurück ins Los Angeles des Jahres 1984 -  die eine gut, die andere böse.
Der Böse ist ein Roboter in Menschengestalt, Terminator genannt (Arnold Schwarzenegger) - er hat es auf eine gewisse Sarah Connor (Linda Hamilton) abgesehen mit dem Auftrag, sie zu töten. Der Gute heisst Kyle Reese (Michael Biehn), ein Söldner und Wiederstandskämpfer - er muss Sarah Connor um jeden Preis beschützen.
Nun ist aber Sarah Connor nichts weiter als eine ganz gewöhnliche junge Frau - was um alles in der Welt wollen die beiden Irren aus der Zukunft bloss von ihr?
James Camerons Low Budget Action-Film The Terminator katapultierte Arnold Schwarzenegger und den Regisseur zu Starruhm. Millionen wollten das Spektakel sehen, in welchem zwei berserkerhafte Typen aus der Zukunft durch die Grossstadt-Strassen karriolen und halb Los Angeles in Schutt und Asche legen. Der Film ist hervorragend gemacht, man sieht ihm sein kleines Budget selten an. Die Action reisst kaum ab und man kommt fast nicht zum Atem holen, geschweige denn, zur Erkenntnis, dass die Charaktere sehr flach und eindimensional gezeichnet sind. Aber es ist gerade das Holzschnittartige, welches einen Teil des Reizes von Camerons Erstling ausmacht: Hier Gut, da Böse und dazwischen das nette Mädchen von nebenan, das nicht weiss, wie ihm geschieht. Damit bestreiten Cameron und seine Mit-Autorin Gale Ann Hurd einen ganzen Filmabend.
Und dass der Witz in dem ganzen Spass nicht zu kurz kommt, ist ein weiteres Plus: The Terminator nimmt sich nie wirklich ernst und tischt den Zeitreise-Schmarrn mit launigen Sprüchen und grotesken Einfällen auf.
Man kann sich dem kruden Baller-Charme dieses futuristischen Blödsinns einfach nicht entziehen...
Eine ausführliche Kritik auch dieses Films folgt demnächst auf diesem Blog...

Ich liebe dich - I love you - je't aime (A Little Romance, 1979) Zwei Teenager, Daniel (Thelonious Bernard) und Lauren (Diane Lane in ihrem Filmdebüt) verlieben sich auf einem Filmset in Paris. Er ist Franzose und Filmkenner, sie ist Amerikanerin und liest Heidegger.
Die beiden machen die Bekanntschaft des alten Emile (Laurence Olivier), der von der jungen Liebe so angetan ist, dass er ihr zu Verweigung verhelfen will...

Dieser durch eine Veröffentlichung innerhalb der Criterion Collection geadelte, von George Roy Hill (Der Clou) inszenierte Film ist aus verschiedenen Gründen unerträglich. Massgeblich ruiniert wird er vom jungen französischen Hauptdarsteller Thelonious Bernard, der nicht nur ein miserabler Schauspieler ist sondern auch eine unsympathische Ausstrahlung besitzt; man glaubt keinen Moment, dass sich die Heldin für diesen aufgeblasenen, selbstverliebten kleinen Idioten auch nur interessiert. Heute arbeitet Thelonious Bernard übrigens als Zahnarzt...

Dann das Drehbuch: It stinks! Es stammt von Allan Burns, dem Erfinder einer Frühstücksflocken-Werbespot-Figur namens Cap'n Crunch - und genauso wirkt es auch. Burns schrieb vornehmlich Episoden für verschiedene Fernsehserien, was der Grund sein mag, dass die Charaktere in A Little Romance punkto Glaubwürdigkeit nicht übers Seifenopern-Niveau hinausgelangen. Sie sind flach, eindimensional, papieren - und somit uninteressant. Da hilft es auch nicht, dass Lauren über Heidegger diskutierten kann und Daniel über Hollywoodfilme besser Bescheid weiss als deren Protagonisten - im Gegenteil: Klugscheissende Teenager sind etwa das Letzte was man braucht, um dem Alltag für ein paar Stunden zu entfliehen!

Dass nicht einmal Laurence Olivier den Film aufwertet, sagt eigentlich alles aus. Mit lächerlichem Akzent spielt er hier einen romantisch verklären Franzosen - und er macht es unfassbar schlecht! Wie zu seinen Zeiten als Filmdebütant trägt er viel zu dick auf und reisst jede Szene an sich. Olivier bietet hier ein Schmierentheater, das eines grossen Mimen unwürdig ist.

Und wer hätte dies verhindern können? Der Regisseur natürlich. Schauspielerführung scheint nicht die Stärke George Roy Hills gewesen zu sein (und ich vermute nicht, dass er hier einfach mal einen schlechten Tag hatte...)!

Diane Lane ist gut. Nur hilft das auch nichts mehr.

Mittwoch, 11. November 2020

Seh-Empfehlung 15: Doc Hollywood (1991)

Originaltitel: Doc Hollywood
Deutscher Titel: Doc Hollywood (hierzulande erstmals im Kino gezeigt im Oktober 1991)
USA 1991
Mit Michael J. Fox, Julie Warner, Barnard Hughes, Woody Harrelson, David Ogden Stiers, Bridget Fonda u.a.
Regie: Michael Caton-Jones
Drehbuch: Jeffery Price, Peter S. Seaman und Daniel Pyne nach einem Roman von Neil B. Shulman
Kamera: Michael Chapman
Musik: Carter Burwell
Studio: Warner Bros.
Dauer: 104 min
Farbe: color

Der Titel Doc Hollywood bezieht sich auf den jungen Arzt Benjamin Stone (Michael J. Fox). Den "Kosenamen" verleihen ihm die Einwohner der US-Kleinstadt Grady, weil Stone ursprünglich zu einem Bewerbungsgespräch für eine Stelle als plastischer Chirurg für die Schönen und Reichen nach L.A. wollte.
Wollte!

Denn Stone verursacht in Grady mit seinem Porsche einen lächerlichen Unfall
und wird vom ortsansässigen Richter zu mehrtägiger Arbeit im städtischen Krankenhaus verurteilt.

Grady ist eine dieser gemütlichen Kleinstädte wie wir sie aus der Serie Gilmore Girls kennen, wo jeder jeden kennt und keine Geheimnisse unausgeplaudert bleiben. Sie wird von lauter schrulligen, aber sympathischen Einwohnern bevölkert, unter denen sich der anfangs ziemlich schnöselhafte Dr. Stone je länger je mehr zu Hause fühlt. Er verliebt sich sogar in eine junge alleinerziehende Mutter (Julie Warner) und versucht, sie für sich zu gewinnen.  

Um es gleich klarzustellen: Die Visionierung von Doc Hollywood war eine durchwegs positive Überraschung!
Ich hatte nicht viel erwartet und war bereit, den Film nach 40 Minuten auszuschalten (jeder Film, den ich mir anschaue, muss diese Zeit als Testphase durchlaufen); er erhielt auf der Website Letterboxd nicht mehr als eine Bewertung von 2,9 (von 5'235 Benutzern), ein bedenklich tiefer Wert

Ich habe den Film nicht abgebrochen; bereits nach 10 Minuten hatte er mich für sich eingenommen.

Doc Hollywood ist kein Meisterwerk, aber es ist ein ungemein einnehmender Film. Er ist sehr gut geschrieben, inszeniert und gespielt. Es gibt keine dringliche Botschaft darin, der Film will "nur" unterhalten. Und das tut er - sogar hervorragend!
Er hat mich mit einem Grinsen im Gesicht entlassen, was ich nicht von vielen Filmen behaupten kann, die ich kürzlich gesehen habe (den kürzlich hier besprochenen Willow ausgenommen). Doc Hollywood ist ein Genuss, den man sich ruhig mal gönnen darf - vor allem, wenn man skurrile Komödien mag. Doc Hollywood nach seinem Plakat zu beurteilen, führt in die Irre - so vulgär ist der Film keineswegs.

Die Story klingt nicht aufregend, ich weiß - und das ist wahrscheinlich das Handicap des Films. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn weggelegt habe, weil mich die Inhaltsangabe - und das Plakat - abgeschreckt haben.

Es gibt einige wirklich witzige Sequenzen, die von Regisseur Caton-Jones höchst wirkungsvoll in Szene gesetzt sind. Ich wusste gar nicht, dass
der so gut mit Komödie umgehen kann...
Sämtliche Schauspieler sind perfekt besetzt, und zusammen liefern sie eine wunderbare Ensembleleistung ab: Barnard Hughes, Frances Sternhagen, David Ogden Stiers, Bridget Fonda, Roberts Blossom, George Harrison und ein junger Woody Harrelson sind in den Nebenrollen hervorragend besetzt und es macht Spaß, ihnen beim Abliefern ihrer funkelnden Dialoge zuzusehen und -zuhören.

Natürlich ist Doc Hollywood unrealistisch. Ganz ähnlich wie Frank Capras It's A Wonderful Life (dt: Ist das Leben nicht schön?) - und er ist fast genauso liebenswert. Ausnahmslos freundliche Gemeinden wie Grady gibt es im wirklichen Leben nicht, zumindest nicht dort, wo ich herkomme. Grady ist also so etwas wie eine ländliche Utopie, ähnlich wie Capra's Bedford Falls. Mir macht es durchaus Spass, mal einer positiven Fantasie zu frönen; von Zeit und Zeit ist das einfach nötig.

Doc Hollywood ist hierzulande auf DVD erschienen; sie ist antiquarisch noch erhältlich. Online kann der Film u.a. bei Amazon, iTunes, Google Play, Chili, oder videocity angesehen werden.


 
Meine Wertung: 8 / 10


Sonntag, 8. November 2020

Meine Filmwoche (Kurzkritiken: Eine Braut, Mrs. & Mrs. Smith, Enola Holmes)

Eine Braut für sieben Brüder (Seven Brides for Seven Brothers, 1954) Der beste Film, den ich in dieser Woche gesehen habe, heisst Seven Brides for Seven Brothers.
Zu Filmbeginn wähnt man sich in einem dieser typischen, gesichtslosen MGM-Musicals der 50er-Jahre, die alle nicht nur ähnlich aussehen, sondern auch ähnlich klingen.
Adam Pontipee (Howard Keel) ein Farmer aus den Hinterwäldern Oregons, kommt auf seinem monatlichen Einkaufs-Ausflug in die Stadt. Neben Tierfutter und Vorräten bräuchte er auch noch eine Frau, nein, am besten gleich sieben, denn er lebt mit seinen seinen sechs Brüdern in einer einsamen Hütte in den Bergen. Millie, eine junge Servierdame (Jane Powell) verliebt sich auf den ersten Blick in den stattlichen Adam, heiratet ihn rasch und fährt mit ihm zur Hütte zurück. Dass da noch sechs weitere Pontipees wohnen, samt und sonders grässlich ungehobelte Burschen, davon wusste sie nichts.
Nach einem gehörigen Schrecken verschafft sich Millie Respekt und bringt der Saubande Manieren bei, damit auch sie einmal erfolgreich auf Brautschau gehen können.
Die ersten 20 Minuten sind mühsam. Die beiden Hauptdarsteller verkörpern eindimensionale Figuren, singen einige laue Songs, bewegen sich durch eine lächerliche Studiolandschaft mit im Hintergrund aufgemalten Kulissen - alles sieht ganz nach typischer MGM-Dutzendware aus.
Als dann aber Adams Brüder auftauchen, wendet sich das Blatt, nun kommt Komödie ins Spiel. Plötzlich steht eine unbändige Spielfreude im Vordergrund, die mitreissender wird, je länger der Film dauert. Es folgen Tanzsequenzen, die derart lebendig und virtuos in Szene gesetzt sind, dass man die anfäglichen Vorbehalte vergisst. Man merkt deutlich, dass Regisseur Stanley Donen gelernter Choreograf war.
Die sechs Brüder sind herrlich anarchisch gezeichnet, und der Film kommt dadurch immer wieder von seinem Weg der Betulichkeit ab.
Auch wenn die Hauptcharaktere flach bleiben, Howard Keel und Jane Powell schauspielerisch gegenüber den anderen abfallen, die Lieder schwach sind und viele Wendungen völlig unglaubwürdig bleiben, Seven Brides for Seven Brothers macht dank der Spielfreude, seiner schwungvollen Inszenierung und seinen Ausbrüchen in die Anarchie nach einigen Anfangsschwierigkeiten grossen Spass!
Den Film gab's hierzulande auf DVD (nur noch antiquarisch erhältlich) und er kann auch online angeschaut werden - hier die Liste der Anbieter.


Ferner liefen...

Enola Holmes (2020) Enola Holmes (Millie Bobby Brown), Sherlocks und Mycrofts kleine Schwester auf der Suche nach ihrer verschwundenen Feministen-Mutter (Helena Bonham Carter). Unterwegs stolpert sie über den Fall eines flüchtigen jungen Lords (Louis Partridge), dem ein Mörder auf den Fersen zu sein scheint.
Ein streckenweise zwar spannender, aber unsensibler und kruder Literatur-Verschnitt. Das Drehbuch schafft den Bezug zu Sherlock Holmes derart oberflächlich, dass man sich fragt, ob der berühmte Name nur Verkaufszwecken diente.
Oberflächlich - und damit langweilg - bleiben auch sämtliche Charaktere; darüber helfen auch formale Spielereien wie das In-die-Kamera-Sprechen oder die mittels witzigen Scherenschnitt-Animationen erzählten Rückblenden nicht hinweg.
Der Film ist zwar schön anzuschauen und streckenweise originell, doch er gibt nichts her und wird dort zum Ärgernis, wo er dem heutigen Zeitgeist huldigt und den militanten Feminismus in die Handlung hineinwürgt, der wie ein Fremdkörper wirkt und allzudeutlich auf die Publikumszahlen abzielt.
Die einzige Erkenntnis, die mir Enola Holmes beschert hat, ist mit der aufstrebenden Hauptdarstellerin und Produzentin Millie Bobby Brown verbunden: Ich weiss nun, dass sie auch eine komödiantische Ader hat und dass sie eine eher mittelmässige Schauspielerin ist.
Den Film kann man bei Netflix streamen.

Mr & Mrs. Smith (1941) Dies ist nicht nur der untypischste von Alfred Hitchcocks amerikanischen Filmen, in meinen Augen ist er auch der schwächste - noch vor dem berüchtigten "Paradine Case".
Der "Master of Suspense" drehte hier eine reine Komödie.
Die einen Historiker behaupten, dies sei auf eigenen Wunsch geschehen, die anderen meinen zu wissen, er sei auf Drängen von Hauptdarstellerin Carole Lombard zum Projekt gestossen, weil sie unbedingt mit ihm zusammenarbeiten wollte.
Hitchcock selbst sagte im berühmten Interview mit François Truffaut: "I more or less followed Norman Krasna's screenplay. Since I didn't really understand the type of people who were portrayed in the film, all I did was photograph the scenes as written."
Und genauso wirkt der Film! Gesichtslos. Niemand käme bei einem Blindtest darauf, wer der Regisseur gewesen sein könnte.
Das wäre ja noch kein Unglück, wenn das Drehbuch gut wäre. Leider ist es schwach. Der erste Akt lässt sich noch ganz gut an: Mr. und Mrs. Smith (Carole Lombard und Robert Montgomery) sind seit drei Jahren verheiratet und streiten sich oft - nicht zuletzt, weil sie sich geschworen hatten, immer ehrlich zueinander zu sein. Eines Morgens äussert er, er wüsste nicht, ob er nochmals heiraten würde, könnte er die Zeit zurückdrehen. Kurz darauf kommt heraus, dass die Heitratsurkunde der Smiths ungültig ist. Zu so kommt es erneut zum Streit, sie schmeisst ihn aus der Wohnung, und wendet sich beleidigt seinem Geschäftspartner zu...
Das Portrait der beiden Titelfiguren fällt zunächst ganz witzig aus, obwohl sie schablonenhaft und unentwickelt bleiben. Nachdem die Handlung in Gang gekommen ist und eine vertieftere Figurenentwicklung unerlässlich würde, biegt Drehbuchautor Krasna ab und führt mit Smiths Kompagnon (Gene Raymond) eine dritte Hauptfigur ein, die ebenso langweilig und eindimensional geschrieben ist. Mit der Dreiecksgeschichte franst schliesslich auch noch die Handlung aus und besteht nur noch aus bemüht "lustigen", mühsam zusammengeschusterten Episoden, die nirgends hin führen. Deutlich wird dies in der von Truffaut zitierten Sequenz auf dem Rummelplatz: Da wird Spannung aufgebaut, die aber verpufft, weil die Episode keinerlei Funktion im Ganzen bekommt und auf den Rest der Handlung komplett folgenlos bleibt.
So wird Mr. und Mrs. Smith, der eigentlich vielversprechend begann, immer langweiliger. Schade um das Potential, das hier verschwendet wird: Die drei Hauptdarsteller sind hervorragend und stellen ihre komödiantische Ader eindrücklich unter Beweis. Dass daraus kein Ganzes wird, ist ein Jammer. Der Haupschuld liegt beim Drehbuch - doch Hitchcock ist nicht ganz unschuldig. Man spürt eine gewisse Unsicherheit in der Führung; es schien es ihm bei diesem Projekt nicht wohl zu sein. Komödie ohne Krimi war wohl wirklich nicht sein Ding.

 

Mittwoch, 4. November 2020

Meine Filmwoche (Kurzkritiken: Meer der Gefühle, Dialog, Long Riders, Le Mans)

Ein Meer der Gefühle (Passion Fish, 1992)
Der beste Film, den ich in dieser Woche gesehen habe, heisst Passion Fish und stammt vom heute leider in Vergessenheit geratenen Autorenfilmer John Sayles. Der kreuzdämliche deutsche Titel, Ein Meer der Gefühle, weckt Assoziationen an etwas, was Sayles Film meisterhaft vermeidet: Gefühlduseligkeit; Passion Fish ist alles andere als eine Schmonzette!
Im Zentrum steht May-Alice Culhane (Mary McDonnell), Star einer berühmten Soap-Opera, die nach einem Autounfall zur Paraplegikerin wird. May-Alice zieht sich in ihr Elternhaus in Louisiana zurück, beginnt zu trinken und verbringt ganze Nachmittage vor dem Fernseher. Bis die verschlossene junge afroamerikanische Pflegerin Chantelle (Alfre Woddard) bei ihr aufkreuzt und bei ihr einzieht. Langsam, Schrittchen für Schrittchen, öffnen die beiden Frauen sich der jeweils anderen gegenüber. Dabei wird deutlich, dass auch Chantelle ein schweres Schicksal zu tragen hat.
Passion Fish ist ein Film, der in jeder Nacherzählung wie eine Soap Opera klingt. Doch in John Sayles fähigen Händen wird das genaue Gegenteil daraus - ein erfrischendes, gänzlich unsentimentales Meisterstück, eine eindringliche Filmerzählung, die von den lebendig gezeicneten Charakteren vorangetrieben wird.
Ein hervorragendes Ensemble unterstützt ihn dabei - besonders die beiden Hauptdarstellerinnen glänzen mit ihren intensiven Darstellungen der sperrigen Hauptfiguren.
Passion Fish ist mit Abstand der beste Film, den ich diese Woche sehen konnte, ein vergessenes Meisterstück, das ich allen wärmstens empfehle, welche offen für sensible Charakterstudien sind.
Bei uns auf DVD erschienen, und auch online kann er bei einigen Anbietern geschaut werden.


Ferner liefen...

Der Dialog (The Conversation, 1974): The Conversation ist der berühmteste Film, den ich diese Woche geschaut habe, ein ausgefeiltes Werk mit einem hervorragenden Drehbuch und guter Regie, beides von Francis Ford Coppola. Er will aufzeigen, wie die Verbreitung der elektronischen Kommunikationsmittel das Recht eines jeden Menschen auf Privatsphäre untergräbt.
Coppola erzählt die Geschichte des Überwachungsexperten Harry Caul (Gene Hackman), einer der besten seines Fachs. Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, erfindet Coppola ein Worst-Case-Szenario, das mir für eine alltägliche Überwachungsgeschichte doch recht übertrieben erscheint, da Harrys ausgefeilte Überwachung zu einem brutalen Mord führt.
Einige Teile des Films sind recht nebulös, Coppola lässt sein Publikum immer mal wieder im Dunkeln tappen. Das ist beabsichtigt, und es erscheint logisch im Zusammenhang mit dem, was Coppola anstrebt, aber genau damit hat mich The Conversation abgehängt. Außerdem baut die Hauptfigur, die so völlig zurückhaltend ist, eine Distanz zwischen Publikum und Film auf, die zu einem weiteren Interesseverlust seitens der Zuschauer führen kann.
The Conversation will die Entfremdung des Menschen durch die Mittel der modernen Technik zeigen. Coppola übersetzt dieses Gefühl so gekonnt auf die Leinwand, dass ich mich komplett von seinen Figuren und seiner Geschichte entfremdet gefühlt habe. Man muss ihm also eigentlich attestieren, dass The Conversation rundum gelungen ist - der Schuss aber nach hinten losgeht: Ich mochte den Film in seiner düsteren Distanziertheit nicht und werde ihn mir bestimmt kein weiteres Mal ansehen.

Long Riders
(The Long Riders, 1980) Dieser Neo-Western ist ungewöhnlich: Die darin portraitierten Banditen (die Brüder James, Younger, Miller und Ford) werden alle von echten Brüdern gespielt: David, Keith und Robert Carradine, Stacey und James Keach, Randy und Dennis Quaid, Christopher und Nicholas Guest.
Die ersten 20 Minuten sind echt interessant, weil man versucht, die Ähnlichkeiten in den Gesichtern der Brüder zu finden (ich fand viele bei den Keaches und den Guests, aber fast keine bei den Carradines und den Quaids).
Nachdem das geklärt ist, gibt The Long Riders (Regie: Walter Hill) nur noch wenig Interessantes her. Es gibt einfach zu viele Hauptfiguren (sieben!), und der Film kann sich nicht entscheiden, auf welche er sich konzentrieren soll. Dies war wohl das Hauptproblem, mit dem die Autoren zu kämpfen hatten, denn keiner der vielen Brüder ist voll entwickelt; der Film hakt einen Handlungspunkt nach dem anderen ab, was ziemlich langweilig wird, weil er sich nicht auf die Charaktere einlässt...

Le Mans (1971) Lee H. Katzins Film begleitet mehrere Autorennteams durch das 24-Stunden-Rennen von Le Mans, zudem erlaubt er mittels dokumentarischem Filmmaterial einen Blick hinter die Kulissen. Dabei sind die Dokumentar- und die Spielfilmsequenzen so geschickt ineinander verwoben, dass der ganze Film einen realistischen Anstrich bekommt. Die Dokumentar-Teile sind das Interessanteste am Film.
Der Rest besteht aus langgezogenen Rennsequenzen, welche für Fans von Autorennen spannend sein mögen, für den Rest der Welt aber von tödlicher Langeweile. Die eingefügten fiktiven Charaktere sind weder interessant noch gut gespielt – sie sind flach und wirken wie ein Vorwand, ein Autorennen aus ungewohnten Blickwinkeln zeigen zu können.
Meine Hoffnung, nach der Sichtung zu verstehen, was an stundenlang im Kreis herumrasenden Autos faszinierend sein soll, hat Le Mans nicht erfüllt.


Montag, 2. November 2020

Seh-Empfehlung 14: Willow (1988)

Originaltitel: Willow
Deutscher Titel: Willow (hierzulande erstmals im Kino gezeigt im Dezember 1988)
USA 1988
Mit Warwick Davis, Val Kilmer, Joanne Whalley, Jean Marsh, Patricia Hayes, Billy Barty u.a.
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Bob Dolman nach einer Story von George Lucas
Kamera: Adrian Biddle
Musik: John Barry
Dauer: 125 min
Farbe:color

Willow spielt in einer fernen Fantasywelt. Die böse Königin Bavmorda (Jean Marsh) lässt das Land nach einem Baby durchkämmen, das sie gemäss einer alten Prophezeihung dereinst entmachten wird. Die kleine Prinzessin wird von einem Zwergenvolk in dessen Dorf versteckt, doch als der Dorfälteste die Gefahr nahen sieht, beauftragt er den Zauberlehrling Willow (Warwick Davis), das Kind in die Menschenwelt zu bringen. Dies ist der Beginn einer Reihe von haarsträubenden Abenteuern, die Willow zusammen mit dem Dieb Madmartigan (Val Kilmer) bestehen muss, um das Kind von Bavmordas Kriegern zu retten...

Gedanken vor dem Film:
Eigentlich habe ich keine grossen Erwartungen an diesen Film. Fantasy ist nicht so mein Ding, zudem sieht Willow aus, als hätte man sich bei Lucasfilms Ltd. an den Hype des ein Jahr zuvor entstandenen Fantasy-Opus Die Braut des Prinzen von Rob Reiner drangehängt - einem Film, dem ich auch bei nochmaliger Sichtung rein gar nichts abgewinnen konnte. Da ich aber Ron Howard als Regisseur sehr schätze, gebe ich Willow eine Chance. 


Gedanken nach dem Film:

Da hatt ich mich wieder einmal gründlich getäuscht! Schon nach ein paar Minuten war klar, dass Willow in einer gänzlich anderen Liga spielt als Rob Reiners überschätzter Schinken. Schon mit den ersten atemlosen Einstellungen wird man in die Fantasiewelt des Films regelrecht hineingeschubst, und weil da - noch vor dem Titelvorspann - ein herziges Baby vor dem Zorn einer bösen Königin gerettet werden soll, ist man bereits emotional involviert, bevor man weiss, wie einem geschieht.
Und alles, was dann folgt, allem voran die überaus sympathisch gezeichneten und besetzten Hauptfiguren, halten die emotionale Beteiligung die ganze Filmdauer über aufrecht.

Die Geschichte stammt aus der Feder (und dem Studio) von George Lucas. Offenbar plante der Meister zwei Fortsetzungen; nach dem lauen Erfolg des Films erschienen diese aber nur in Buchform. Das Fantasygenre hatte es dem Vernehmen nach gegen Ende der Achtzigerjahre offenbar schwer - anders kann ich mir das fehlende Interesse an Willow nicht erkären, denn der Film ist ein einziges Fest! Neben der packend erzählten Story gibt es soviele parodistische Elemente und Anspielungen auf andere Filme und Bücher darin, dass er auch auf der Metaebene funktioniert und Film- und Fantasy-Cracks zusätzliche Freude bereitet.
Die Darsteller sind samt und sonders perfekt gewählt und spielen ihre Parts mit soviel Verve, dass man aus dem Grinsen nicht herauskommt, und mit soviel Wärme, dass man ihnen noch lange zuschauen möchte. Der zwergwüchsige, damals 17-jährige Hauptdarsteller Warwick Davis ist eine Wucht, er ist das Herz des Films, im wahrsten Wortsinn. Sein Partner Val Kilmer überbordet als pompöser Haudegen Madmartigan schier vor Spielfreunde; einen grossen Teil seines Textes hat er während des Drehs improvisiert. Wenn er über die Figur, die von seiner damaligen Geliebten und späteren Ehefrau Joanne Whalley verkörpert wird, herzieht und seine Tirade mit dem verzweifelten Ausruf "I hate this women!" beendet, dann ist das unglaublich lustig, obwohl es im Kontext des Films gar nicht so gemeint ist.  


Wer mit Disneys Klassikern bekannt ist, wird ständig Bildzitate und Versatzstücke aus Disneyfilmen entdecken, Kenner des Romans "Herr der Ringe" werden Anspielungen und Zitate finden, und auch "Star Wars"-Bewanderte kommen auf ihre Kosten. Die Reminszenzen und Persiflagen sind aber so beiläufig und mit soviel Understatement plaziert, dass sie den Fluss der Handlung, der unaufhaltsam auf ein actionreiches Finale zusteuert, nie stören. Wer sie bemerkt, freut sich, alle anderen finden in der Handlung genügend Aufregung. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass auch die Filmmusik (John Barry) das Zitate-Spiel munter mitmacht: Das Hauptthema von Willow ist ein unverhülltes Zitat des Hauptmotivs aus dem ersten Satz von Robert Schumanns dritter Sinfonie!
Willow wirkt wie aus einem Guss, packt, unterhält glänzend, begeistert mit erstklassiger Regieführung, tollen Effekten, einem hervorragend geschiebenen Drehbuch und engagierten schauspielerischen Leistungen.
Natürlich läuft die Handlung nach einem simplen Muster ab (hier die Guten, dort die Bösen); doch Willow beweist, dass es durchaus möglich ist, auch innerhalb der guten alten Schwarzweiss-Malerei interessante und differenziert gezeichnete Figuren zu entwerfen.

Anschauen? Nicht anschauen? Wer ältere Filme aufgrund der Perfektion moderner Tricktechnik als minderwetig bezeichnet, sollte die Finger von Willow lassen, wer alle Fantasy-Filme ausschliesslich an Peter Jacksons Herr der Ringe misst, ebenso. Wer flott erzählte, spannende Geschichten mit einer guten Portion Humor mag, sollte sich jedoch Ron Howards Film aber ansehen. Für mich war er eine schöne Entdeckung!
Willow gibt's auf Blu-ray und DVD - streamen kann man ihn bei Disney+


Personelles:

Warwick Davis
hatte seinen ersten Auftritt in George Lucas' zweitem Star Wars-Film (Return of the Jedi); dort spielt er die Figur des Ewok Wicket. Lucas' schrieb ihm Willow auf den Leib; seither war der englische Schauspieler in zahlreichen Kinohits zu sehen, u.a. in weiteren Star Wars Episoden und in sämtlichen Harry Potter-Verfilmungen. Willow soll demnächst als TV-Serie weitergeführt werden - wieder mit Warwick Davis in der Titelrolle.
Val Kilmer erreichte in den Achzigerjahren Starruhm, vor allem durch seine Darstellung des Jim Morrison in Oliver Stones Biopic The Doors, der drei Jahre nach Willow entstand. Vor Willow spielte er neben Tom Cruise in Top Gun eine wichtige Nebenrolle. Er ist heute noch immer sehr aktiv, allerdings in weniger prestigeträchtigen Werken, deshalb hört man hierzulande auch nicht mehr viel von ihm. In einem seiner neusten Filmen, Cinema Twain, in dem er auch Regie führte, spielte er den Dichter Mark Twain. Es ist die Verfilmung seines eigenen Theaterstücks, "Citizen Twain".
Billy Barty: siehe die Ergänzung von Manfred Polak in Kommentare!
Ron Howard gehört heute zu den aktivsten und versiertesten Regisseuren der USA. Zuvor machte er im Fernsehen als Kinderdarsteller Karriere; die Schauspielerei pflegte er über die Jahre bis heute weiter, indem er kleinere Rollen in TV-Serien übernahm. Howard trat aber auch in Kinofilmen auf, u.a. an der Seite John Waynes (The Shootist, 1976). Seine zweite Karriere als Regisseur begann - nach drei Kurzfilmen - unter den Fitichen von Roger Corman mit Grand Theft Auto (1977), in dem er auch die Hauptrolle spielte. Vor Willow drehte die Satire Gung Ho, danach folgte mit Parenthood ein witziger Blick auf die amerikanische Familie. Ron Howard ist in vielen Genres zu Hause, und wenn er ein gutes Drehbuch hat, kann man sich auf einen lohnenden Filmabend freuen. Seine besten Filme, neben Willow: Apollo 13 (1995), A Beautiful Mind (2001), Rush (2013).
Sein neustes Werk ist der Dokumentarfilm Rebuilding Paradise über die 2018 vom grossen Feuer ruinierte Kleinstadt Paradise in Kalifornien.



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