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Samstag, 2. Dezember 2023

Mein Vetter Vinnie (My Cousin Vinnie, 1992)


Regie: Jonathan Lynn
Drehbuch: Dale Launer
Mit Joe Pesci, Marisa Tomei, Ralph Macchio, Fred Gwynne, Mitchell Whitfield u.a.

Zwei junge Freunde auf Achse werden in einem texanischen Kleinstädtchen auf der Durchreise eines Mordes beschuldigt, den sie definitiv nicht begangen haben. Es soll ihnen der Prozess gemacht werden, es gibt Zeugenaussagen gegen sie und deshalb sind ihre Chancen eigentlich gleich null.
Doch Hilfe naht in Form eines Cousins aus Brooklyn, der mal Jura studiert haben soll. Dieser Cousin, Vinny (Joe Pesci), ein nerviger Prolo-Typ, reist promt an, mit seiner naseweisen Freundin Mona Lisa (Marisa Tomei) im Schlepptau. Vor Gericht erweist Vinny sich als heillose Niete, die noch kein Gerichtsgebäude je von innen gesehen hat.
Doch weil der Film eine Komödie ist, lernt Vinny schnell dazu und hat mit seinen seltsamen Methoden schliesslich Erfolg.

Ich hatte Jonathan Lynns Streifen damals im Kino gesehen und fand ihn recht gut. Bei der Zweitsichtung fielen mir vor allem die deutlichen Schwachstellen ins Auge: Ich erkläre den Regisseur hiermit für Schuldig (Einfallslosigkeit), eben so den Drehbuchautor (viele überflüssige Szenen, die alles unnötig in die Länge ziehen, Geschwätzigkeit, flache Charaktere, unglaubwürdige Wendungen) und ich bezichtige die Schauspieler der Mittelmässigkeit - allerdings mache ich zwei Ausnahmen: Marisa Tomei als vulgäre Grossstadtschnepfe ist zum Hinknien gut und auch Fred Gwynne (vielen bekannt als Herman aus der Serie "The Munsters") in seiner letzten Rolle als strenger Richter ist herrlich, weil er so schön dick aufträgt und damit ein Fest aus seiner Rolle macht.

Insgesamt ein enttäuschendes Wiedersehen, mit zwei schauspielerischen Highlights und einer Geschichte, die gegen Ende hin dann doch noch etwas Fahrt aufnimmt.
Aber sonst: Leider nix Besonders....

Wer ihn sich trotzdem ansehen will: Er ist bei verschiedenen Anbietern im Stream verfügbar.

Mein Prädikat: Herausragend / sehenswert / kann man getrost sein lassen / schlecht

Samstag, 9. Juli 2022

City of Joy (Stadt der Freude, 1992)

 
 

Frankreich/UK 1992
Regie: Roland Joffé

Drehbuch: Mark Medoff

Mit Patrick Swayze, Om Puri, Pauline Collins, Shabana Azmi, Art Malik u.a.
Dauer: 2h 12min

Calcutta - ein aus allen Nähten platzender Moloch von einer Stadt.
Ein gescheiterter amerikanischer Arzt, den es aufgrund der Selbstfindung dorthin verschlägt.
Ein armer Landbewohner, der mit seiner Familie in die Stadt zieht, um Arbeit zu finden.

Die grosse Stadt, der Arzt (Patrick Swayze), der Bauer (Om Puri) - das sind die drei Hauptpotagonisten dieses Films; die Stadt wird in Roland Joffés Schilderung derart lebendig gezeichnet, dass man sie getrost zu den Protagonisten zählen darf.
Die beiden menschlichen Hauptfiguren treffen in der "City of Joy" aufeinander, einem Armenviertel Calcuttas, wo beide, ganz unten, inmitten von Armut und Not wichtige Lektionen fürs Leben lernen.

Patrick Swayze als amerikanischer Arzt fungiert als Identifikationsfigur, durch die wir Westler Zugang in die fremde Welt der Indischen Grossstadt und Kultur finden - das hat seine Berechtigung, denn der Film wurde ja auf ein westliches Publikum zugeschnitten und man wollte die Zuschauer abholen, sollte der Film nicht vor leeren Kinosäälen abgespielt werden (was dann trotzdem der Fall war).
Die Zustände in der "City of Joy" werden eindrücklich und ungeschönt dargestellt - entsprechend wurde der Produktion von Seiten der Behörden Steine in den Weg gelegt.

Joffés Film ist eine Hymne an die Gemeinschaft, welche durch Zusammenhalt Schwierigkeiten ihrer Mitglieder überwindet. Das klingt etwas märchenhaft, und in der Tat ist der Film als Utopie zu verstehen. Allerdings eine, welche auch die unschönen Seiten der Medallie aufzeigt: Überbevölkerung, Armut, bei uns längst vergessene Krankheiten, Mafia-Strukturen, Morde, Prostitution.

 
30 Jahre ist es her, seit ich City of Joy im Kino gesehen hatte. Er hat mir bei der zweiten Sichtung vor ein paar Tagen immer noch gut gefallen. Sowas geschieht sonst eher selten, gerade nach so langer Zeit, denn persönliche Verwerfungen und mögliche Reifeprozesse können die Sicht auf die Dinge mitunter erheblich verändern. Das spricht für diesen Film.
Diesmal sehe ich City of Joy allerdings etwas differenzierter - ich stellte ein paar problematische Punkte fest, die mich 1992 noch nicht störten.

Um zu einer Wertung zu gelangen, musste ich die Plus- und die neu entdeckten Minuspunkte gegeneinander abwägen, denn der Film polarisiert durchaus, nicht zuletzt dank der Hypersensibilität, mit der Filme über fremde Kulturen hierzulande betrachtet werden. Diese färbt ab und beeinträchtigt mitunter das spontane Urteilsvermögen.

Positiv schlägt Folgendes zu Buche:
- das eindrückliche, atmosphärisch dichte Portrait einer Indischen Grossstadt
- die grandiose Regieführung
- die schauspielerischen Bestleistungen von ausnahmslos allen Beteiligten
- kein Spannungsabfall während fast zweieinhalb Stunden Filmdauer
- die positive Grundhaltung hinter dem Projekt.

Wie weiter oben erwähnt, gibt es auch einige problematische Aspekte:
- die oberflächliche Zeichnung der Indischen Gesellschaft; insbesondere das Kastenwesen wird ausgeklammert, obwohl es essentiell für das Verstädnis wichtiger oder für uns irritierender Passagen wäre.
- Im letzten Viertel wird der Utopie-Aspekt zu stark forciert, die "heile Hollywood-Welt" nimmt überhand.

Das Fazit dieser Abwägung: Fünf gewichtige Pluspunkte, die praktisch alle das Filmhandwerk betreffen, gegen zwei gewichtige Minuspunkte, die erzählerischer Natur sind und dem Drehbuch anzulasten sind.
Nun ist ausschlaggebend, was man stärker gewichtet, und da kommt die persönliche Sicht ins Spiel. Objektivität kann man als Filmkritiker zwar anstreben, aber sie bleibt letztlich eine Illusion.
Damals wie heute gewichte ich die Pluspunkte stärker als die Mankos - sie haben mir das Filmerlebnis auch diesmal wieder aufgewertet.

Ich sehe und verstehe, dass City of Joy polarisieren kann - heute, in Zeiten, in welcher der Korridor der politischen Korrektheit immer enger und der Toleranzspielraum der öffentlichen Meinung immer kleiner wird, ist dies noch mehr der Fall als damals. Aber von den teils weit überspannten Krtierien der politischen Korrektheit sollte man sich nicht beeinflussen lassen. Wie weit diese gehen, erfährt man bei Durchscrollen aktueller User-Meinungen zu diesem Werk in einschlägigen Internet-Filmdiensten wie Letterboxd oder der Internet Movie Database. Über Patrick Swayzes angebliche Rolle als "White Saviour", als "weisser Retter" der dummen Inder wird da etwa gewettert; ja, wenn man etwas ums Verrecken sehen will, dann sieht man es auch, und wenn andere es nicht sehen, dann sind die eben dumm und/oder rassistisch. So einfach ist das. Zum Glück stellen solche Kindergärtner-Voten nicht den Grossteil der Forenmeinungen.

Aber was will der Film denn eigentlich?
Mut machen. Er gleicht in seiner Anlage den berühmten Sozialutopien, die Frank Capra in den 40er-Jahren gedreht hatte, You Can't Take It With You und It's A Wonderful Life, die das Lob der Gemeinschaft in schweren Zeiten sangen. Anders als etwa die antikapitalistischen Propagandafilme des europäischen Kinos, wo das Individuum am Schluss unweigerlich den Kürzeren zieht, verlässt man diesen Film hier gestärkt und positiv.

Das Bild, das City of Joy vom indischen Armenviertel zeichnet, mag ja geschönt sein; seine Bewohner sind duldsam und menschenfreundlich. Dies wird allerdings als Folge von gegenseitiger Unterstützung und aktiver Nächstenliebe dargestellt - die Menschen erleben Verbesserungen und schöpfen Hoffnung. Und das ist eine durchaus realistische Reaktion.
Die sauertöpfische linkslastige Filmkritik, die lieber trost- und hoffnungslose Filme propagiert, schreit hier auf: Verlogen und Unrealistisch sei das alles, was Joffé da zeigt.
Schon klar: Werke wie City of Joy nehmen den Linken die Möglichkeit, sich als Heilsbringer anzudienen. Wo die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen, braucht es keine Parteiprogramme und Verordnungen.
Dass die Linken sich selbst zentral an Utopien orientieren und dabei die Realität komplett ausblenden (Migrationspolitik, Energiepolitik, Multikulti, Co2-Abschaffung, usw.) scheint sie bei ihrer Kritik gegen Filme wie diesen nicht zu stören.
Der Unterschied zwischen einem Parteiprogramm und einem Film ist jedoch der, dass ein Film nicht in Tat umgesetzt wird und somit auch keinen Schaden anrichten kann.
Somit kann ich City of Joy guten Gewissens zur Ansicht empfehlen.

Als Stadt der Freude kann dieser Film bei Amazon prime video online geschaut werden. Die deutsche DVD ist nur noch antiquarisch erhältlich.
Der Film kann hier in der englischsprachigen Originalfassung online angeschaut werden
(ohne Werbung oder Gebühren).

Patrick Swayze und Om Puri in City of Joy

Who is who in diesem Film?

Patrick Swayze
wurde 1987 mit seiner Hauptrolle im Tanzfilm Dirty Dancing praktisch über Nacht weltberühmt - da war er schon 35. Bis zu seinem frühen Tod im Jahre 2009 überzeugte der überraschend vielseitige Swayze in den unterschiedlichsten Rollen.

Om Puri
- sein Gesicht kennt man hierzulande vor allem aus kleineren, künstlerisch ambitionierten indischen, aber auch britischen und amerikanischen Filmen. Er wurde bekannt, bevor die Welle der Bollywood-Filme zu uns herüberschwappte. Puri verstand sich als Schauspieler - und nie als Star.

Der Brite Roland Joffé startete seine Regiekarriere äusserst vielversprechend: Der mehrfach ausgezeichnete Kriegs-Drama The Killing Fields (1984) brachte im höchsten internationalen Ruf ein, er galt als einer der vielversprechendsten Regisseure seiner Zeit. Der erneut grosse Erfolg seines Zweitlings, The Mission (1986), festigte diesen Ruf. Doch von da an ging es immer steiler bergab; mit City of Joy vermochte er künstlerisch an seine beiden Grosserfolge anknüpfen, das Publikum und die Kritik wollte davon aber nichts mehr wissen. Joffé drehte zwar bis heute weiter Filme, doch an seine beiden Erfolge konnte er nie mehr anknüpfen. Inzwischen ist sein Ruf verblasst und sein Name vergessen.

Sonntag, 3. April 2022

Jurassic Park (1993)


In Bezug auf Haltbarkeit gibt es drei Arten von Filmen: Solche, die schlecht altern (die Mehrzahl), jene, die trotz ihre Alters frisch und knackig bleiben und solche, deren Zeit erst später kommt (einige ganz wenige).
Steven Spielbergs Jurassic Park kann zu den letzten beiden Gattung gezählt werden. Er erzählt von den Gefahren biologischer Forschung und deren Ergebnissen. 

Im geheimen Biolabor des reichen Briten John Hammond (Richard Attenborough) ist es Forschern gelungen, eine ausgestorbene Lebensform durch klonen wieder zum Leben zu erwecken. Doch das ist Hammond nicht genug. Er will die Errungenschaft seiner Wissenschaftler in einem "Amusement Park" zugänglich machen. Dieser heisst "Jurassic Park" und will wiedererweckte Dinosaurier gegen Eintrittsgeld zur Schau stellen. 

Damit nahm sich der Film (und vor ihm Michael Crichtons Buchvorlage) warnend zwei bereits 1993 vorhandene problematische gesellschaftliche und wissenschaftlichen Tendenzen vor: Verantwortungsloses Herumbasteln an den Grundbausteinen der Schöpfung und blinde Vergnügungssucht. Beide haben sich inzwischen, mit Ausbruch des künstlich gezüchteten Covid-Virus, als fatal erwiesen.
Dass Covid in einem biologischen Forschungslabor in Wuhan "designt" wurde, steht heute zwar zu 99% fest, doch eine mit Brot und Spielen blöd und willfährig gehaltene Mehrheit lässt sich von Anthony Fauci
und Christian Drosten im Verbund mit den staatlich finanzierten und gesteuerten Medien noch immer den Bären mit den Fledermäusen aufbinden und erzählen, Wuhan sei eine "Verschwörungstheorie".

In Spielbergs Film (Drehbuch von Michael Crichton selbst, ergänzt von David Koepp) sind die gezüchteten Viecher zwar ungleich grösser als die heutige Menschheitsbedrohung aus dem Biolabor, doch die Gefahr bleibt dieselbe. Wie Dr. Malcolm (Jeff Goldblum) an einer Stelle im Film zu bedenken gibt: Es war von der Schöpfung nicht gedacht, dass Menschen und Dinosaurier zusammen existieren - und das hatte gute Gründe.

Jurassic Park führt denn auch anschaulich vor Augen, weshalb: Für die paar Besucher, denen Hammond seinen Park vor der Eröffnung vorführen möchte, wird der Aufenthalt wegen eines Stromausfalls zum Alptraum. Die plötzlich frei gekommenen Biester stellen punkto Fressgier, List und Masse alles in den Schatten, was der Mensch zu bewältigen im Stande ist. Mit anderen Worten: Er hat keine Chance.
Den Hauptpersonen (zwei Paläontologen, ein Chaostheoretiker und zwei Kinder) geschieht zwar dank eines mit vielen gütigen Vorsehungen gespickten Drehbuchs nichts, doch das anschliessende Happy End täuscht: Auf der Insel laufen noch immer raubgierige Raptoren frei herum - und dann sind da noch die Saurier-Embryonen, welche ein geldgieriger Mitarbeiter nach draussen schmuggeln und für teures Geld verhökern wollte. Auf der Flucht fiel ihm der Behälter mit den eisgekühlten Embryonen irgendwo auf der Insel in den Schlamm, wo sie sich in der Folge unentdeckt und in aller Ruhe zu wüsten Überraschungen für die Menschheit entwickeln und vermehren können...

Vieles vom Drehbuch ist sehr schön konzipiert, so etwa die menschliche Entsprechung der fressgierigen Carnivoren im geldgierigen Mitarbeiter. Der Umstand, dass der wissenschaftliche Machbarkeitswahn nicht bösen Gedanken sondern der Naivität und der Showbusiness-Mentalität des kindlichen Parkbesitzers entspringt, ermöglicht zudem eine ironische Note, mit der sich der Film und seine Macher selbst aufs Korn nehmen.

Doch leider ist das Drehbuch - oder zumindest Teile davon - auch der Schwachpunkt dieses brilliant inszenierten Films. Die Figuren sind flach und eindimensional, einige thematische Aspekte wirken unausgereift und die Erzählung holpert an einigen Stellen.
Angesichts der hervorragenden Spannungsdramaturgie, der brillianten Regieeinfälle und der Aktualität, die Jurassic Park in zunehmendem Masse hat, sind das aber eher vernachlässigbare Aspekte.

Der Film ist auf DVD und Blu-ray erhältlich, zudem haben ihn zahlreiche Online-Anbieter im Sortiment.

For the record:
Bevor ich auf der Suche nach einem rezensionswürdigen Film bei Jurassic Park hängen geblieben bin, habe ich es mit folgenden Filmen erfolglos versucht:  

Kirschblüten - Hanami (Deutschland, 2008)
Doris Dörries Film über ein altes Ehepaar (Elmar Wepper und Hannelore Elsner) kracht nach einer annehmbaren ersten Hälfte komplett in sich zusammen. Die erste Hälfte imitiert Jim Jarmush, der zweite Teil (der in Japan spielt) ist peinlich bis über die Schmerzgrenze. Die Japan-Reise, die Rudi seiner Frau jahrzehntelang versagt hat, unternimmt er nach deren Tod alleine - eine Ungeheuerlichkeit. Und dabei versucht der Film auch noch, auf die Tränendrüse zu drücken. Zum davonlaufen!

Ernst sein ist alles (The Importance of Being Earnest, 2002)
Bla bla bla... Kinoadaptionen von Theaterstücken sind oft allzu geschwätzig. Grosse Theaterstücke lassen sich zudem nur selten erfolgreich auf Kinoformat zusammenstutzen - vor allem dann nicht, wenn man sich ihnen mit übertriebenem Respekt nähert.
Diese Umsetzung von Oliver Parker ist nett, aber trotz guter Schauspielerinnen und Schauspieler nichtssagend.

Quigley, der Australier (Quigley Down Under, 1990)
Wie originell (gähn): Altbekannte Western-Versatzstücke werden in diesem Film nach Australien verschoben, die ausgebeuteten Indianer mit ausgebeuteten Aborigines ersetzt und fertig ist ein Western, der ausser der australischen Landschaft nichts Neues bringt. Der Fokus auf unterdrückte Ureinwohner ist zwar lobenswert, aber die richtige Haltung allein hat noch nie einen guten Film gemacht...

Mission (The Mission, 1986)
Das Wiedersehen mit diesem gefeierten und hoch dekorierten Film, 36 Jahre nachdem ich ihn das erste Mal gesehen hatte, hinterliess genau denselben Eindruck wie damals: Ein visuell eindrucksvolles, vordergründiges, artifiziell aufgeblasenes Geschichtsepos, das trotz wahrem Hintergrund in dieser Form unglaubwürdig wirkt und mit viel Schwulst gewaltig nervt. Gute Schauspieler, mittelmässige Regie, schlechtes Drehbuch.

Die Müssiggänger (I Vitelloni, Italien 1953)
Ein Zeitbild aus dem Italien der 50er-Jähre um eine Gruppe Männer, die dem Müssiggang frönen. Federico Fellinis erste Filmregie.
Sehr gut inszeniert, aber: So what?! Was hat uns der Film heute zu sagen? Hmm...
Wer unbedingt will, soll sich ruhig mit dem Problem "junge verantwortungsscheue Männer im Italien der Nachkriegszeit" befassen. Mich kümmern heutige Dinge stärker: Krieg, Covid, staatlich verursachter Energiemangel, gesellschaftliche Spaltung, das Verschwinden der Demokratie in europäischen Staaten, Klimawandel...
Muss ich noch mehr sagen?

Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
Olivia De Havilland in einer Doppelrolle als Zwillingsschwestern - dafür wurde sie gefeiert. Der Film enttäuscht allerdings: Nach einem interessanten Start ergeht er sich in ernst gemeintem laienpsychologischem Quark, der damals möglicherweise solide wirkte, heutigen Erkenntnissen aber nicht stand hält.
Schauspielerisch eindrucksvoll, aber effekthascherisch. Je länger der Film dauert, desto unglaubhafter wird er.

Die Frau mit der Narbe / Erpressung (A Woman's Face, 1941)
Joan Crawford mit von schlecht drapiertem Make-Up verunstaltetem Gesicht t
ritt hier als Erpresserin auf, die geläutert wird. Der von George Cukor bildnerisch toll gestaltete Film verschenkt sein Potential an eine umständliche und ermüdende, in Rückblenden und mit permanent wechselnder Szenerie operierende Erzählstruktur. Nach 20 Filmminuten tappt man über die Handlung noch immer im Dunkeln. Die mit grösstmöglicher emotionaler Distanz gezeichneten Charaktere erstickten mein permanent absterbendes Interesse vollends.

Show Boat (1936)
Die erste Filmversion des berühmten Musicals stammt von... James Whale (Frankenstein, The Old Dark House)!
Hervorragend inszeniert, doch der Film funktioniert hetue kaum mehr, er ist komplett veraltet,
obwohl er damals mit den in eine Handlung integrierten Songs Neuland betrat. Die singenden Schauspieler wirken aus heutiger Sicht steif und deplatziert.

Dienstag, 4. Mai 2021

Seh-Empfehlung 29: Ehemänner und Ehefrauen (1992)


Originaltitel: Husbands and Wives
Mit Woody Allen, Mia Farrow, Judy Davis, Sydney Pollack, Liam Neeson, Juliette Lewis, Lysette Anthony u.a.
Drehbuch und Regie: Woody Allen


Inhalt:
Jack und Sally (Sydney Pollack und Judy Davis), ein verheiratetes Paar in mittleren Jahren, kündigen ihre Trennung an - was Gabe und Judy, ein ebenfalls verheiratetes Paar in mittleren Jahren, in eine Krise stürzt. Sie sehen die ganze Selbstverständlichkeit, mit der sie bisher zusammen -, respektive aneinander vorbeigelebt haben, plötzlich in Frage gestellt. Was folgt, ist ein tragikomischer Beziehungsreigen, der die Instabilität, Unsicherheit und mangelnde Selbstbewusstheit der vier New Yorker Intellektuellen auf komische und dramatische Weise blosslegt.  



Hintergrund:
Husbands and Wives war jener Film, der bei seiner Premiere vollkommen überschattet wurde von der Trennung und der von den Medien sensationsgeil aufbereiteten Schlammschlacht zwischen Mia Farrow und Woody Allen; diese war von der Affäre Allens mit Mia Farrows Adoptivtocher Soon-Yi ausgelöst worden. Pikanterweise hat der von Allen gespielte Literaturprofessor eine Affäre mit einer seiner viel jüngeren Studentinnen (Juliette Lewis), was viele als Indiz für den autobiographischen Charakter des Films sahen (den Allen aber bestreitet). Die letzten Drehtage waren bereits von dem besagten Streit überschattet. Husbands and Wives war die letzte Zusammenarbeit zwischen Farrow und Allen, und die Schlammschlacht nahm später noch üblere Dimensionen an. Die Presse schlug sich auf Farrows Seite und sorgte mit verleumderischen Berichten dafür, dass Woody Allen bei vielen seiner Fans in Misskredit geriet. Tatsächlich war meine Rezeption bei der Premiere von Enntäuschung getrübt und ich konnte den Film nicht als den Wurf schätzen, der er tatsächlich ist.

Kritik:
Eigentlich ist der Film eine schonungslose Betrachtung des Älterwerdens. Zwei Paare finden sich unversehens in einem Lebensabschnitt wieder, der Neudeutsch als "midlife crisis" bezeichnet wird. Sie verlieren den gegenseitigen Halt, geraten dank gesellschaftlichem Druck zur Überzeugung, ihr Leben müsse doch mehr sein als die ereignislose "traute Zweisamkeit" und der ewig gleiche gemeinsame Freundeskreis. Und so werden wir Zeuge von brachialen und zaghaften Ausbruchsversuchen, von kleinen und grossen Erschütterungen, von Zusammenbrüchen und passiver Aggression.
Einmal mehr destilliert Woody Allen aus der Nabelschau menschliche Wahrheiten über den Lauf der Welt und das Strampeln der Menschen darin. Scheinbar nebenbei schafft er faszinierende, glaubhafte Charaktere, denen er mit viel psychologischem Gespür und Empathie Leben einhaucht.
Husbands and Wives lebt ganz stark von Allens brillianten Dialogen, die ständig zwischen schneidend und witzig changieren.
Das mit unruhiger Handkamera gefilme Werk macht die Visionierung nicht einfach, spiegelt aber den unsicheren Zustand der vier Hauptfiguren perfekt.

Wo ansehen:
Husbands and Wives findet man hierzulande online bei verschiedenen Stream-Anbietern - siehe hier.



Dienstag, 27. April 2021

Rendes-vous im Jenseits (1991)

Originaltitel: Defending your Life
Mit Albert Brooks, Rip Torn, Meryl Streep, Lee Grant, Buck Henry,
Drehbuch und Regie: Albert Brooks

Inhalt:
Der Marketingspezialist Daniel Miller (Albert Brooks) landet nach einer Kollision mit einem Bus in einer Art Zwischenwelt, genauer: in der Stadt Judgement City. Dort bekommt er einen Verteidiger zugeteilt und erfährt, dass er nun vor Gericht sein Erdenleben verteidigen müsse. Falls er und sein Verteidiger glaubhaft machen können, dass Daniel seine Ängste überwunden hat, kommt er weiter, andernfalls wird er zur Erde zurückgeschickt und muss aufs Neue versuchen, gegen die Ängste anzukommen. Denn Angst verhindert Intelligenz, und diese ist der eigentliche und einzige Grund, dass man nach dem Tod eine Stufe weiter darf.
Als Daniel die bezaubernde Julia (Meryl Streep kennenlernt, entspinnt sich zwischen den beiden eine Romanze...


Deshalb lohnt sich das Ansehen:
Albert Brooks fügt mit Defending your Life den zahlreichen Jenseits-Fantasien des Hollywoodkinos eine eigene, höchst originelle Variante hinzu. Mit viel Witz und gänzlich unsentimantaler Grundhaltung verarbeitet er seine Idee zu einer charmanten Fantasy-Version vom Leben nach dem Tod. Die Stärken des Film sind sein Drehbuch, dort vor allem die witzig-scharfzüngigen Dialoge, und die schauspielerischen Leistungen der Nebendarsteller; allen voran Rip Torn, der sich als Idealbesetzung des pompösen, aber sympathischen Anwalts erweist - obwohl er hier gegen seine üblichen Bösewichtrollen besetzt wurde.
Brooks Regieführung hingegen lässt punkto Originalität etwas zu wünschen übrig, zudem sieht man dem Film sein schmales Budget hin und wieder an.
Auch die Liebesgeschichte überzeugt nicht wirklich - zum einen entsteht zwischen Brooks und Streep keinerlei Chemie, zum anderen fungiert diese Nebenhandlung am Schluss als doch etwas billiger Ausweg zum Happy End.
Diese paar Minuspunkte trüben den guten Eindruck, den Defending your Life insgesamt macht, glücklicherweise nur leicht.


Wo ansehen:
Defending your Life ist auf Blu-ray und DVD bei uns erhältlich. Auch im Stream kann er bei mehreren Anbieter online angeschaut werden.
Hier (youtube) habe ich ein Interwiev mit Filmemacher und Hauptdarsteller Albert Brooks zu Defending your Life gefunden (ab 7:28 wird das Interwiev wiederholt - gefilmt aus einem anderen Kamerawinkel.
An Evening with Albert Brooks (youtube) ist ein 60 minütiges Gespräch zwischen dem Filmemacher und
Scott Foundas (Programmdirektor des Lincoln Center).

Weitere Filme des Regisseurs Albert Brooks:
Kopfüber in Amerika (Lost in America, 1985), Die Muse (The Muse, 1999), Looking for Comedy in the Muslim World (2005)




 

Samstag, 20. März 2021

Auf der Flucht (1993)


Originaltitel: The Fugitive
Mit Harrison Ford, Tommy Lee Jones, Joe Pantoliano, Sela Ward, Jeroen Krabbé, Andreas Katsulas, Julianne Moore u.a.
Drehbuch: Jeb Stewart und David Twohy
Regie: Andrew Davis

Vor der Sichtung:
The Fugitive ist einer jener vielen Filme, die ich damals, vor bald 20 Jahren, anlässlich ihrer Premiere im Kino gesehen hatte. Er wurde von der Kritik hochgejubelt, hatte bei mir aber keinen grossen Eindruck hinterlassen. Deshalb bin ich gespannt, ob ich heute anders darauf reagiere - so, wie das bei anderen Filmen aus jener Zeit schon oft der Fall war. Zudem verspreche ich mir einen nostalgischen Ausflug in jene Zeit, wo Harrison Ford noch als Action-Hero unterwegs war.
The Fugitive ist inspiriert von der gleichnamigen TV-Fernsehserie aus den Sechzigerjahren, deren Handlung er in komprimierter Form wiedergibt.

Inhalt:
Der Chirurg Dr. Richard Kimble (Harrison Ford) wird zum Tod verurteilt, weil er seine Frau umgebracht haben soll. Während der Fahrt zum Hochsicherheitsgefängnis verunglückt der Gefangenentransport und Kimble kann fliehen. Doch schon nach wenigen Stunden ist ihm eine ganze Polizei-Armada, angeführt von US-Marshall Samuel Gerard (Tommy Lee Jones) hart auf den Fersen. Kimbles einzige Chance ist es, den wahren Killer zu finden und damit seine Unschuld zu beweisen...

Nach der Sichtung:
Diesmal hat The Fugitive einen deutlich stärkeren Eindruck auf mich gemacht: Der Film ist hervorragend gemachtes Action-Kino, das so spannend ist, dass man kaum zum Atemholen kommt. Man kommt auch kaum zum Nachdenken. Erst wenn der ganze Zauber vorbei ist, bemerkt man, dass der Beginn (der Mord an der Ehefrau) schlecht mit der Auflösung der Geschichte korrespondiert. Wer nicht zuviel verraten haben will, sollte den folgenden, kursiv gedruckten Satz (Spoiler) nicht lesen:
Die Komplotteure, die hinter dem Mord steckten wollten Dr. Kimble loswerden; es ist völlig unmöglich, dass sie den Mord an der Gattin samt aller Begleitumstände so planen konnten, dass der Doktor zuletzt als einziger Verdächtiger verurteilt werden würde; jeder vernünftige Mörder hätte Kimble direkt aus dem Weg geräumt.
In der Fernsehserie, die von 1963 bis 1967 lief, mochte diese Unstimmigkeit dank dem zeitlichen Abstand zwischen dem Mord und dessen Auflösung nicht mehr stark ins Gewicht fallen; im Spielfilm, in komprimierter Form, fällt sie negativ auf.

Am Beginn von The Fugitive stand wohl das Vorhaben, eine Art Mega-Action-Film zu kreieren, in welchem der von allen Hunden gejagte Protagonist simultan zur atemlosen Jagd einen Möder suchen muss - ein doppeltes Spannungsmoment also. Um dieses Gerüst wurde die Handlung so dicht drapiert, dass man, wie bereits gesagt, vor lauter Action das Denken vergisst und somit auch die zahlreichen Zufälle, die dem Helden immer wieder zu Hilfe kommen, zunächst einfach übersieht. 

The Fugitive ist kein schlechter Film, er funktioniert trotz der erwähnten Kritikpunkte erstaunlich gut - dank des harmonischen Zusammenspiels der drei Hauptkomponenten Drehbuch, Regie und Hauptdarsteller. Die Regie setzt die ausgeklügelten Wendungen des Drehbuchs, die Schauplätze und die Charaktere effektiv und dynamisch um, und die beiden Hauptdarsteller verleihen ihren Figuren Leben und sorgen immer wieder für den nötigen Unernst. Harrison Ford und Tommy Lee Jones liefern sich hier einen denkwürdigen Schauspieler-Showdown, und an diesen konnte ich mich noch erinnern.
Am besten schnallt man sich vor dem Film an, stellt das Rauchen und das Denken ein, und ab geht's. Das ist die Art und Weise, wie man The Fugitive am entspantesten geniessen kann.

Die Busunglück-Sequenz fiel mir übrigens besonders auf: Sie ist unglaublich aufwendig und realistisch inszeniert und verschlang wahrscheinlich den Grossteil des Budgets. Damals liess man einen echter Zug in einen echten Bus rasen, die Entgleisung und der ganze Materialschaden waren echt. Zudem musste die Unfallstelle massstabgetreu nachgebaut werden - sie fungiert heute als Toristenattraktion. Heute würde man diese Passage mittels CGI-Technik in Angriff nehmen - sie wäre genauso effektiv, aber ungleich kostengünstiger.

The Fugitive ist unter dem deutschen Titel Auf der Flucht auf Blu-ray und DVD nur noch antiquarisch erhältlich. Online kann er bei verschiedenen Anbietern angesehen werden.

Mittwoch, 3. März 2021

König der Murmelspieler (1993)



USA 1993
Originaltitel: King of the Hill
Mit Jesse Bradford, Jeroen Krabbé, Lisa Eichhorn, Adrien Brody, Karen Allen, Spalding Gray, Elizabeth McGowern u.a.
Drehbuch und Regie: Stephen Soderbergh

Vor der Sichtung:
Die Dreissigerjahre - aus irgendeinem Grund mag ich den Stil jener Zeit, gerade wenn er in einem Farbfilm rekonstruiert wird. Dies ist in King of the Hill der Fall und einer der Gründe für mich, ihn zu sehen.
Erzählt wird darin die autobiografische Geschichte des Autors der Romanvorlage, A.E. Hotchner, der seinerzeit selbst Drehbücher (fürs Fernsehen) verfasst hatte.
King of the Hill handelt von einem Jungen, der, plötzlich auf sich allein gestellt, mit den Unbilden des Lebens klar kommen muss. Die Mutter muss plötzlich ins Sanatorium und der Vater verschwindet auf eine unbestimmt lange Geschäftsreise. Mehr noch als der visuelle Aspekt interessiert mich, ob die authentische Geschichte glaubhaft und engagiert umgesetzt wurde und ob der Film vielleicht sogar Aussagen macht, die allgemeine Gültigkeit besitzen.
Von Regisseur 
Stephen Soderbergh kenne ich bislang nur zwei Werke (seine ersten beiden) und die sind mir nicht durch grosses emotionales Engagement aufgefallen.
Da Soderbergh grosses Ansehen bei der Kritik geniesst, wird es Zeit, mich mal wieder mit einem seiner Filmen zu befassen. King of the Hill war nach Sex, Lies and Videotape und Kafka sein dritter Kinofilm. Bis heute hat er 32 lange Kinofilme gedreht.
Darüber hinaus reizt mich dieses Werk, von dem ich bislang noch nie gehört hatte, weil es von einigen Rezensenten als Geheimtipp bezeichnet wird.

Nach der Sichtung:
Fehlalarm - kein Geheimtipp! Auch Soderberghs dritter Spielfilm lässt jegliches emotionale Engagement vermissen, und das wirkt sich hier deutlich negativ aus. Die Geschichte um den Jungen Aaron (Jesse Bradford) glänzt zwar durch schöne Bildkompositionen, einen Zugang zu den Figuren findet man allerdings nicht. Sie bleiben oberflächlich gezeichnete Schablonen, die nie richtig lebendig werden. Hölzern agierende Schauspieler und sperrige Dialoge vertiefen diesen Eindruck zusätzlich. Man hat das Gefühl, in eine Kunstwelt drapierten mechanischen Wachsfiguren bei der Imitation von Leben zuzuschauen.
Zudem fehlt es der Erzählung am nötigen Fokus, sie ist, wie die Amerikaner es nennen, "all over the place". Am Ende ist unklar, was King of the Hill eigentlich wollte - ausser ein aufwendig rekonstruierten Zeitbild zu sein. Es ist ein Film, aus dem ich nichts mitnehme und der in meiner Erinnerung vermutlich keinen Eindruck hinterlassen wird.

Samstag, 27. Februar 2021

Undercover Blues - Ein absolut cooles Trio (1993)


USA 1993
Originaltitel: Undercover Blues
Mit Dennis Quaid, Kathleen Turner, Fiona Shaw, Stanley Tucci, Larry Miller, Tom Arnold u.a.
Drehbuch: Ian Abrams
Regie: Herbert Ross

Inhalt:
Das Geheimagenten-Ehepaar Blue
(Kathleen Turner und Dennis Quaid) ist mit ihrem Baby in New Orleans im Urlaub. Seit das Kind da ist, haben die Blues ihren alten Job an den Nagel gehängt. Doch nun sollen sie reaktiviert werden. Die gemeingefährliche Terroristin Paulina Novacek (Fiona Shaw) ist im Besitz einer schrecklichen Geheimwaffe und muss unschädlich gemacht werden. Die Blues lassen sich überzeugen, ein letztes Mal ihrer gefährlichen Arbeit nachzugehen. Zwei Polizisten, die mit ihrer Überwachung betraut sind und ein ambitionierter Stassenräuber erschweren ihnen die mühsame Arbeit allerdings zusätzlich...
 

Vor der Sichtung:
Ich liebe gute Action-Komödien! Mit den "seriösen" Actionfilmen habe ich hingegen meine Schwierigkeiten; was da an Stunts und Action gezeigt wird ist oft auf unglaubwürdig absurde Weise übertrieben. Wenn sowas mit heiligem Ernst durchexerziert wird, finde ich's unerträglich. Wenn schon unglaubwürdig, dann bitte mit Humor. In den Action-Komödien werden die hanebüchenen Mechanismen und das standardisierte Personal der seriösen Vorbilder bis zur Parodie ad absurdum geführt. Deshalb klingt Undercover Blues von Regisseur Herbert Ross für mich verlockend; und da zwei Geheimagenten im Zentrum stehen, die gleichzeitig ein Ehepaar sind und Elternpflichten zu erfüllen haben, der Actionfilm somit auf den Boden familiärer Realität und in die Niederungen eines normalen Familienalltags geholt wird, verspreche ich mir von dem Streifen einiges an Reiz und Charme. Zudem hoffe ich auf gute, anspruchslose Unterhaltung. 

Nach der Sichtung:
Anspruchslose Unterhaltung habe ich mit Undercover Blues durchaus gekriegt - aber war sie auch gut?
Nun, der Film war unterhaltend. Dafür kam kaum Spannung auf: Um das Geheimagenten-Ehepaar Blue muss man nie Angst haben, von Beginn weg ist klar, dass die beiden stets die Oberhand behalten. Aber auch wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte man keinen Moment um die beiden gefürchtet:
Um eine Identifikation überhaupt aufkommen zu lassen, sind sie viel zu flach und eindimensional gezeichnet.
Aus der Geschichte hätten sich einige reizvolle Passagen im Kontrast zwischen der Gefährlichkeit des Geheimagentendaseins und dem Leben als Familie ergeben, doch dieser Aspekt wird leider vollkommen vernachlässigt. Das Baby hat keinerlei Funktion im Film - ausser zwischendurch mal niedlich zu grinsen.

Offenbar war dem Drehbuchautor bewusst, dass er mit den beiden Hauptfiguren das Publikum nicht bei der Stange halten kann; wohl deshalb sind alle anderen Figuren überzeichnete Knall-Chargen. Und genau damit rettet er den Film. Der aufgeblasene Strassenräuber "Muerte" (Stanley Tucci), das dödelige Polizistenduo (Larry Miller und Obba Babatundé) oder die irre polnische Gangsterbraut Paulina Novacek  stehlen den beiden Hauptfiguren (und deren Darstellern) mühelos die Show und es ist gut, dass sie in der gesamten Handlung durchgehend präsent sind. Sie machen deutlich, dass Undercover Blues weniger als Actionfilm-Parodie, dafür als gehobener Klamauk gedacht war. Und als solcher funktioniert er dann doch ganz ordentlich.
 

Fazit:
Undercover Blues ist eine recht unterhaltsame Komödie, die man aber nicht unbedingt gesehen haben muss.
Hierzulande ist er seit ein paar Monaten auf Blu-ray und DVD erhältlich.


Donnerstag, 7. Januar 2021

Seh-Empfehlung 18: Ein Meer der Gefühle (Passion Fish, 1992)


Originaltitel: Passion Fish
Deutscher Titel: Ein Meer der Gefühle
Mit Mary McDonnell, Alfre Woodard, David Strathairn, Angela Bassett, Vondie Curtis-Hall, Leo Burmester, u.a.
Drehbuch und Regie: John Sayles
USA 1992
Dauer: 135 min

May-Alice Culhane (Mary McDonnell), Star einer berühmten Soap-Opera, wird nach einem Autounfall zur Paraplegikerin. Die pflegebedürftige Schauspielerin kehrt in ihr Elternhaus in Louisiana zurück, das sie seit ihrer Jugendzeit nicht mehr besucht hat. Sie zieht sich zurück, beginnt zu trinken und verbringt ganze Nachmittage vor dem Fernseher. Eines Tages taucht die verschlossene junge afroamerikanische Pflegerin Chantelle (Alfre Woddard) bei ihr auf. Je mehr Zeit die beiden Frauen miteinander in dem einsamen Haus verbringen, desto näher kommen sie sich. Dabei wird deutlich, dass auch Chantelle ein schweres Schicksal mit sich herumschleppt. Langsam, Schrittchen für Schrittchen, öffnen die beiden Frauen sich und ihre kleine, abgezirkelte Welt der Aussenwelt. So wachsen und gesunden sie am Kontakt miteinander und an den Reibungen mit den Schatten- und Sonnenseiten des Lebens.

In Berichten zu diesem Film wird immer wieder der soziale Unterschied der beiden Protagonistinnen herausgestrichen, und in erstaunlicher Einmündigkeit wird betont, dieser sei das zentrale Thema von Passion Fish. Natürlich steht der privilegierte Status des Unfallopfers thematisch ab und zu im Raum, doch daraus eine Absicht auf Sozialkritik abzuleiten, scheint mir schon etwas gewagt und eher dem Wunschdenken klassenbewusster linker Feuilletonisten zu entspringen. 
So wohlfeil lässt sich John Sayles Film freilich nicht oder nur von simplen Gemütern 
auf eine griffige Ideologie reduzieren und man tut dem grandiosen Film damit Unrecht - es steckt weit mehr drin. Er zeigt nicht weniger als das Leben mit all seinen Mühen und Lasten, mit seinen flüchtigen Momenten der Freude und des Staunens, die es festzuhalten gilt. Und er zeigt den menschlichen Geist, der die Kraft besitzt, dem körperlichen Leiden etwas entgegenzusetzen - wenn der Wille da ist. Der erträgt und dadurch im Leid Neues entdeckt - und den Menschen so auf neue Wege führt. Der im Gegenüber Antworten findet und Freude und Trost. 
John Sayles' Kunst ist es, dies alles anzusprechen, in aller Schlichtheit vorzuführen - und dabei nicht wie ein Prediger zu klingen!

Passion Fish ist ein Film, der praktisch in jeder Nacherzählung wie eine Soap Opera klingt. Doch in John Sayles fähigen Händen wird das genaue Gegenteil daraus - ein wohltuend unsentimentaler Film. John Sayles, der inszenierte und das Drehbuch verfasste, scheint ein natürliches Flair für gebrochene Menschen zu haben: Nie kommt das Gefühl auf, er versuche die Gefühligkeit künstlich niedrig zu halten, alles an seinem Film scheint natürlich und vor allem persönlich. So erklärt sich das scheinbare Paradox, dass er sowohl unsentimental und streckenweise gar komödiantisch vorgeht und trotzdem sehr berührend ist, stellenweise gar zu Tränen zu rühren vermag.

Sayles' erzählt ohne viele Worte; Blicke, Gesten, Situationen sprechen Bände; seine Dialoge sind meisterhaft - jede seiner Figuren, auch wenn sie nur eine kleine Rolle spielt, hat ihre eigene Art, sich auszudrücken. Sayles gelingt das Kunststück, seinen Charakteren mit wenig Mitteln Leben einzuhauchen und sie mit wenigen Mitteln zu glaubwürdigen Persönlichkeiten auszumodelllieren. Ein hervorragendes Ensemble unterstützt ihn dabei - besonders die beiden Hauptdarstellerinnen glänzen mit ihren intensiven Darstellungen der beiden sperrigen Hauptfiguren.
Das einzige Minus, das ich bei diesem wunderbaren Film finden kann, ist der deutsche Titel! Ein Meer der Gefühle weckt genau die falschen Assoziationen, an etwas, was der Film nicht ist und nicht sein will. 

Passion Fish ist bei uns auf DVD erhältlich und kann bei amazon.de auch online geschaut werden.

Mittwoch, 11. November 2020

Seh-Empfehlung 15: Doc Hollywood (1991)

Originaltitel: Doc Hollywood
Deutscher Titel: Doc Hollywood (hierzulande erstmals im Kino gezeigt im Oktober 1991)
USA 1991
Mit Michael J. Fox, Julie Warner, Barnard Hughes, Woody Harrelson, David Ogden Stiers, Bridget Fonda u.a.
Regie: Michael Caton-Jones
Drehbuch: Jeffery Price, Peter S. Seaman und Daniel Pyne nach einem Roman von Neil B. Shulman
Kamera: Michael Chapman
Musik: Carter Burwell
Studio: Warner Bros.
Dauer: 104 min
Farbe: color

Der Titel Doc Hollywood bezieht sich auf den jungen Arzt Benjamin Stone (Michael J. Fox). Den "Kosenamen" verleihen ihm die Einwohner der US-Kleinstadt Grady, weil Stone ursprünglich zu einem Bewerbungsgespräch für eine Stelle als plastischer Chirurg für die Schönen und Reichen nach L.A. wollte.
Wollte!

Denn Stone verursacht in Grady mit seinem Porsche einen lächerlichen Unfall
und wird vom ortsansässigen Richter zu mehrtägiger Arbeit im städtischen Krankenhaus verurteilt.

Grady ist eine dieser gemütlichen Kleinstädte wie wir sie aus der Serie Gilmore Girls kennen, wo jeder jeden kennt und keine Geheimnisse unausgeplaudert bleiben. Sie wird von lauter schrulligen, aber sympathischen Einwohnern bevölkert, unter denen sich der anfangs ziemlich schnöselhafte Dr. Stone je länger je mehr zu Hause fühlt. Er verliebt sich sogar in eine junge alleinerziehende Mutter (Julie Warner) und versucht, sie für sich zu gewinnen.  

Um es gleich klarzustellen: Die Visionierung von Doc Hollywood war eine durchwegs positive Überraschung!
Ich hatte nicht viel erwartet und war bereit, den Film nach 40 Minuten auszuschalten (jeder Film, den ich mir anschaue, muss diese Zeit als Testphase durchlaufen); er erhielt auf der Website Letterboxd nicht mehr als eine Bewertung von 2,9 (von 5'235 Benutzern), ein bedenklich tiefer Wert

Ich habe den Film nicht abgebrochen; bereits nach 10 Minuten hatte er mich für sich eingenommen.

Doc Hollywood ist kein Meisterwerk, aber es ist ein ungemein einnehmender Film. Er ist sehr gut geschrieben, inszeniert und gespielt. Es gibt keine dringliche Botschaft darin, der Film will "nur" unterhalten. Und das tut er - sogar hervorragend!
Er hat mich mit einem Grinsen im Gesicht entlassen, was ich nicht von vielen Filmen behaupten kann, die ich kürzlich gesehen habe (den kürzlich hier besprochenen Willow ausgenommen). Doc Hollywood ist ein Genuss, den man sich ruhig mal gönnen darf - vor allem, wenn man skurrile Komödien mag. Doc Hollywood nach seinem Plakat zu beurteilen, führt in die Irre - so vulgär ist der Film keineswegs.

Die Story klingt nicht aufregend, ich weiß - und das ist wahrscheinlich das Handicap des Films. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn weggelegt habe, weil mich die Inhaltsangabe - und das Plakat - abgeschreckt haben.

Es gibt einige wirklich witzige Sequenzen, die von Regisseur Caton-Jones höchst wirkungsvoll in Szene gesetzt sind. Ich wusste gar nicht, dass
der so gut mit Komödie umgehen kann...
Sämtliche Schauspieler sind perfekt besetzt, und zusammen liefern sie eine wunderbare Ensembleleistung ab: Barnard Hughes, Frances Sternhagen, David Ogden Stiers, Bridget Fonda, Roberts Blossom, George Harrison und ein junger Woody Harrelson sind in den Nebenrollen hervorragend besetzt und es macht Spaß, ihnen beim Abliefern ihrer funkelnden Dialoge zuzusehen und -zuhören.

Natürlich ist Doc Hollywood unrealistisch. Ganz ähnlich wie Frank Capras It's A Wonderful Life (dt: Ist das Leben nicht schön?) - und er ist fast genauso liebenswert. Ausnahmslos freundliche Gemeinden wie Grady gibt es im wirklichen Leben nicht, zumindest nicht dort, wo ich herkomme. Grady ist also so etwas wie eine ländliche Utopie, ähnlich wie Capra's Bedford Falls. Mir macht es durchaus Spass, mal einer positiven Fantasie zu frönen; von Zeit und Zeit ist das einfach nötig.

Doc Hollywood ist hierzulande auf DVD erschienen; sie ist antiquarisch noch erhältlich. Online kann der Film u.a. bei Amazon, iTunes, Google Play, Chili, oder videocity angesehen werden.


 
Meine Wertung: 8 / 10


Dienstag, 8. September 2020

Das Königsspiel (Searching for Bobby Fischer, 1993) - Kurzkritik



Searching for Bobby Fischer (dt.: Das Königsspiel, 1993)
Mit Max Pomeranc, Joe Mantegna, Ben Kingsley, Joan Allen, Laurence Fishburne, Robert Stephens, David Paymer u.a.
Drehbuch: Steven Zaillian nach dem Buch von Fred Waitzkin
Regie: Steven Zaillian
Produzent: William Horberg und Scott Rudin

Kamera: Conrad L. Hall
Musik: James Horner
Studio: Mirage Enterprises

Kino/TV/DVD-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Juni 1994
Dauer: 109 min

Farbe: color


Bewertungen: 
imdb.com: 7,4 / 10 (28'814 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,5 / 5 (4'935 Stimmen)
Meine Wertung: 3 / 10



Josh Waitzkin (Max Pomeranc) ist sieben Jahre alt, als er sich plötzlich nicht nur für Schach zu interessieren beginnt, sondern darin auch gleich erstaunliche Fähigkeiten an den Tag legt. Im Park spielt er Schnellschach gegen den Arbeitslosen Vinnie (Laurence Fishburne) - und gewinnt. Als Vater Fred (Joe Mantegna) beim Schachgenie Bruce Pandolfini (Ben Kingsley) um Unterricht für seinen scheinbar genialen Sprössling anfragt, ahnt er noch nicht, dass dies für Josh praktisch das Ende seiner Kindheit bedeutet. Pandolfini sieht in ihm nämlich einen zweiten Bobby Fischer und eröffnet ihm die Welt der Junior-Schachturniere.

Searching for Bobby Fischer ist ein frühes Beispiel der Junior-Genie-Filme wie etwa Gifted (dt.: Begabt - Die Gleichung eines Lebens, 2017), wie sie in der neueren Filmgeschichte immer mal wieder auftauchen. Sie stellen einen Kinderdarsteller in den Mittelpunkt, der neben gestandenen Schauspieler-Stars zu bestehen hat. Dass dies nicht immer gut geht, zeigt dieser Film. Der zur Zeit der Dreharbeiten neunjährige Max Pomeranc macht wenig mehr als grossäugig in die Gegend starren, ab und zu mal lächeln und seinen Text relativ emotionslos herunterlispeln. Natürlich ist er noch ein Kind. Aber damit trägt man keinen Film. Und auf seinen Schultern ruht die gesamte Last des Drehbuchs.

Offenbar wurde Pomeranc gewählt, weil er tatsächlich Schach spielen konnte. Somit wirkt immerhin sein Schachspiel authentisch (was ich als Nicht-Spieler nicht überprüfen kann). Weil er nicht überzeugend schauspielern konnte, wurde er angewiesen, so wenig wie möglich zu machen. Das ergibt allerdings eine langweilige Hauptfigur mit Schlaftabletten-Wirkung.
Was die anderen Figuren des Film anbelangt: Sie sind allesamt eindimensional gezeichnete Plattitüden. Der ehrgeizige Vater, die besorgte Mutter, der genialische Schachmeister... Mehr als Abziehbilder sind die Figuren, die Drehbuchautor Steve Zaillian zum Leben zu erwecken versucht, nicht.

Damit sind wir beim Drehbuch. Ich würde es als durchwegs problematisch bezeichnen. Ja, ich weiss, dass auch der vielgelobte The Irishman (2019) von Martin Scorsese aus Zaillians Feder stammt. Ich kenne den Film nicht und kann mich dazu nicht äussern. Schindler's List - ebenfalls von Zaillian - kenne ich; deshalb war ich so erstaunt über die gravierenden Schwächen, die Searching for Bobby Fischer aufweist. 
Bis der zentrale Konflikt der Geschichte endlich erkennbar wird, vergehen 50 zähe Minuten, während derer man sich mehrmals fragt, worauf der Film eigentlich hinauswill. Zaillian schafft es bis dorthin nicht, Joshs erstaunliche Fähigkeit in irgendeiner Weise glaubhaft zu machen. Er kann einfach plötzlich Schach spielen. Punkt. Vielleicht ist das ja möglich. Aber dann hätte ein guter Drehbuchautor einen Weg gefunden, uns das zu verkaufen. Zaillian verlässt sich zu sehr auf die Tatsache, dass sein Film auf einer wahren Geschichte beruht. Weiss er nicht, dass die Realität und die artifizielle Film-Wirklichkeit sich nicht vertragen?

Als der zentrale Konflikt im Film endlich etabliert ist, lässt Zaillian ihn nebulös mal aufscheinen und mal wieder wegdämmern. Am Schluss, nicht zuletzt dank dem Happy-End, bleibt unklar, was das jetzt eigentlich war: Ein Film über die Wichtigkeit, sich die Kindheit zu bewahren? Über den Leistungsdruck der modernen Gesellschaft? Über die Willkürlichkeit und Rätselhaftigkeit von Genialität? Man darf sich von allem etwas aussuchen, der Film macht keine Aussage.
Er wirkt, als hätte der Autor aus übertriebenem Respekt oder vorauseilendem Gehorsam vor den noch lebenden Vorbildern sich auf keine Äste hinauswagen wollen.
Zusammen mit der profillosen, bisweilen konfusen Regieführung ergibt das einen Film, den man sich als Normalsterblicher getrost schenken kann.
Schachexperten werden vielleicht ihre Freude daran haben. Wie man hört, soll Zaillian zahllose Schach-Interna eingebaut haben.
 
Hierzulande kann der Film im Stream geschaut werden - hier die Liste der Anbieter.



Donnerstag, 3. September 2020

Little Princess - Die kleine Prinzessin (A Little Princess, 1995) - Kurzkritik



A Little Princess (dt.: Little Princess - Die kleine Prinzessin, 1995)
Mit Liesel Matthews, Eleanor Bron, Liam Cunningham, Vanessa Chester, Rusty Schwimmer, Errol Sitahal, Arthur Malet u.a.

Drehbuch: Richard LaGravense und Elizabeth Chandler nach dem Roman von Frances Hodgson Burnett
Regie: Alfonso Cuarón
Produzent: Mark Johnson

Kamera: Emmanuel Lubezki
Musik: Patrick Doyle
Studio: Warner Brothers

Kino/TV/Video-Auswertung im deutschsprachigen Raum: 1995
Dauer: 97 min

Farbe: color


 

Bewertungen: 
imdb.com: 7,7 / 10 (31'514 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,7 / 5 (12'869 Stimmen)
Meine Wertung: 5 / 10
 

Frances Hodgson Burnetts 1888 verfasster, noch heute populärer Kinderroman A Little Princess (dt.: Sara, die kleine Prinzessin) wurde schon unzählige Male verfilmt, u.a. mit Mary Pickford oder Shirley Temple in den Titelrollen.
Der Mexikaner Alfonso Cuarón (Gravity, Roma) fertigte 1995 für Warner Brothers eine Version, welche die schöne Geschichte durch forcierte Artifizialität fast unter sich begräbt.


Die kleine Halbwaise Sara Crewe (Liesel Matthews) reist mit ihrem Vater von Indien nach New York, wo sie in Madame Minchins Mädcheninternat eine neue Bleibe finden soll, weil der allein erziehende Vater (Liam Cunningham) in den ersten Weltkrieg ziehen muss.
Die Leiterin des Hauses (Eleanor Bron) entpuppt sich als hinterhältige Schlange, die Sara zum Dienstmädchen degradiert, als bekannt wird, dass deren Vater im Krieg gefallen ist und seine Zahlungen folglich ausbleiben. Sara schliesst Freundschaft mit dem anderen Dienstmädchen (Vanessa Chester) und fährt trotz Miss Minchins Verbot fort, die Mädchen des Internats mit ihren spannenden Geschichten zu unterhalten. Eines Tages wird im Nachbarhaus ein verwundeter Soldat mit Gedächtnisverlust einquartiert...


Cuaróns Film beweist vor allem eins: Miss Hodgson Burnetts Geschichte ist nicht totzukriegen! Der Regisseur gibt sich diesbezüglich zwar alle Mühe, scheitert aber glücklicherweise an der Vorlage und am gelungenen Drehbuch. Mit ausgeklügelt schiefen Kamerawinkeln, artifiziellen Lichtspielen, unmotivierten Kamerafahrten, nerviger aetherischer Hintergrundsmusik (von Patrick Doyle), permanent flüsternden Schauspielerinnen und dramatischen Special Effects rückt er der Vorlage zu Leibe und ertränkt deren zarten Zauber im bombastischen Inszenierungs-Kitsch. Damit nervt er gehörig, weil er dem Geist der Geschichte zuwiderläuft. Sie leuchtet aus sich heraus und bedürfte keinerlei Regie-Mätzchen. Angesichts der Tatsache, dass A Little Princess Cuaróns erster Hollywood-Film war, kommt der Verdacht auf, er hätte damit Eindruck schinden und nachhaltig auf sich aufmerksam machen wollen.

Die Schauspielerinnen und wenigen Schauspieler vermochten mich nicht zu überzeugen, vielleicht, weil sie vom Regisseur konsequent zum Flüstern angehalten wurden. Grosse Schauspieler können dramatische Zeilen auch flüsternd überzeugend abliefern, aber Kinder?
Bemerkenswert war für mich die Entdeckung, dass nicht nur permanentes Gebrüll auf der Leinwand schwer erträglich ist, sondern auch permanentes Geflüster.

Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...