Donnerstag, 29. Oktober 2020

Seh-Empfehlung 13: Der grosse Bluff (Destry Rides Again, 1939)

 
Originaltitel: Destry Rides Again
Deutscher Titel: Der grosse Bluff (hierzulande erstmals im Kino gezeigt im Juli 1947)
USA 1939
Mit James Stewart, Marlene Dietrich, Brian Donlevy, Charles Winninger, Mischa Auer, Una Merkel, Jack Carson u.a.
Regie: George Marshall
Drehbuch:
Felix Jackson, Gertude Purcell und Henry Myers nach dem Roman von Max Brand
Produzent: Joe Pasternak
Studio: Paramount
Kamera: Hal Mohr
Musik: Frank Skinner
Dauer: 95 min
Farbe: schwarzweiss

Bewertungen: 
imdb.com: 7,7 / 10 (10'022 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,7 / 5 (2'946 Stimmen)
Meine Wertung:
9 / 10

"Ich weigere mich, zu Halloween einen Horrorfilm zu besprechen!!!"
Michael Scheck, 29.10. 2020

"Bottleneck" heisst das Westernkaff in diesem berühmten Film - Flaschenhals. Die Einwohner von Flaschenhals sind allesamt rauhe Kerle - das macht bereits der Titelvorspann deutlich: Hinter den Anfangstiteln wird geballert und geprügelt, bevor der Film richtig angefangen hat. In dieses rauhe Klima verschlägt es Tom Destry (James Stewart), den Sohn des ehemaligen Sheriffs von Bottleneck. Tom wird gerufen, nachdem die korrupten Dorfkönige den letzten Gesetzeshüter von hinten erschossen und den Dorfsäufer Wash (Charles Winniger) an dessen Stelle gesetzt haben. Wash kannte Toms Destrys Vater und ist überzeugt, der Sohn sei derselbe Haudegen.
Doch weit gefehlt: Er hält nichts von Waffen - er will dem Übel mit dem Gesetzbuch zu Leibe rücken. Und Alkohol trinkt der Junge auch nicht...!

Gedanken vor dem Film:
Ich war gespannt, ob ich Destry Rides Again, den ich bereits zwei Mal gesehen hatte, nach all den Jahre noch immer so toll finden würde. Damals hielt ich ihn für einen der besten Western und der witzigsten Hollywood-Filme aus jener Zeit.

Gedanken nach dem Film:
Yepp! Immer noch ein grandioser Film!
Am damaligen Eindruck hat sich nichts geändert. Das erlebe ich eher selten mit Filmen, die ich nach langer Zeit wieder schaue. Man wird ja älter und bekanntlich auch weiser - und da die Filme unverändert stehenbleiben, ist der Blick darauf nach Jahren oft ein anderer. Ich meine, dass jene Filme, die dem "Reifetest" standhalten, die wirklich guten sind. Davon gibt es wenige, Destry gehört nun auch dazu.


Das erstaunliche an diesem Film ist: Regisseur George Marshall gehört keineswegs zu den grossen. Destry Rides Again ist der einzige herausragende Film seiner Karriere - der einzige, der allgemein als Meisterstück anerkannt ist; keine weiteren Klassiker in seinem Repertoire.
Ich muss zugeben, dass ich von ihm nur jene paar Filme kenne, die er mit Stan Laurel & Oliver Hardy gedreht hatte, und dort fällt seine Regie nicht weiter auf. Alle anderen Titel seiner Filmografie sind entweder böhmische Dörfer oder gerade mal vage bekannt.
Dasselbe lässt sich von den Drehbuchautoren sagen, Felix Jackson (eigentlich Felix Joachimson, ein Deutscher), Gertude Purcell und Henry Myers.
Alle vier schrieben viele Filme vorher und viele Filme nachher und nur einer, mittendrin, wird zum unserblichen Genre-Klassiker. Und zwar gleich in zwei Genres, Western und Komödie.
Zufall? Schicksal?
Es wäre bestimmt interessant, sich auch mal andere, weniger bekannte Filme dieser vier Leute anzusehen und zu prüfen, ob Marhalls Regie weiterhin derart dynamisch, lebendig und einfallsreich war wie hier. Oder ob das Schreibtalent der Autoren nach Destry für weitere Filme reichte.

Marshall drehte in den Fünfzigerjahren diesen Film noch einmal, unter dem Titel Destry und mit anderer Besetzung - als hätte er seinen Erfolg nochmals wiederholen wollen. Daraus wurde aber nichts.


Destry Rides Again
glänzt durch eine starke Geschichte, eine einfallsreiche, temporeiche und dynamische Regieführung, ein dramaturgisch dichtes, mit pointierten Dialogen durchsetztes Drehbuch und einer sicheren Schauspielerführung, die konsequent den komödiantischen Aspekt im Blick behält.
Die Geschichte setzt der Selbstjustiz des Wilden Westens die Macht der Gesetze gegenüber und mit Tom Destry einen Mann, der sich damit genau auskennt. Der Film kommt zum Schluss, dass die Gesetze nur greifen, solang sich alle daran halten. Als der Oberschurke (Brian Donlevy) den Helden von hinten erschiessen will, greift auch er in Notwehr zur Waffe. Die Thematik wird allerdings keineswegs in der Tiefe ausgelotet, im Gegenteil, die Probleme werden auf mirakulös glatte Weise gelöst. In gewisser Weise hat Destry Rides Again grosse Ähnlichkeiten mit den Filmen Frank Capras; auch dort geht es stets um die rechte Haltung angesichts derer sich die dunklen Wolken verziehen. Auch sonst ist hier ein capraesker Tonfall auszumachen - nicht zuletzt weil auch hier die grösseren und kleineren Nebenrollen mit begnadeten Komödianten wie Mischa Auer, Charles Winninger, Billy Gilbert oder Warren Hymer besetzt sind.

Und wie Capras bekanntesten Fime könnte man Destry Rides Again als frühes "feelgood movie" bezeichnen, denn am Ende siegt das Gute über das Böse, der Friede in Bottleneck ist hergestellt und Tom Destry ist zum angesehenen Mitglied der Gemeinde geworden. Und wie bei Capra hat das mehr Grösse, als es dies schnöde Zusammenfassung vermuten lässt. 


Ansehen? Nicht ansehen?
Der Film macht Spass, die vielen erzählerischen Details und die prägnant gezeichneten (und zum Teil überzeichneten) Figuren bereiten immer wieder Freude. Und da der Film bei uns auf Blu-ray und DVD erschienen ist (beides noch antiquarisch erhältlich) sowieso: Ansehen!
Im Stream ist er leider nicht zu finden.

Personelles:
Marlene Dietrich nahm die Rolle der zwieliechtigen Bardame Frenchy erst nach reiflicher Überlegung an. Ihre Karriere war damals im Abwärstrend, und sie brauchte einen Erfolg. Ihr Star-Status ist im fertigen Film deutlich sichtbar: In den Credits erscheint ihr Name noch vor jenem James Stewarts und immer wieder werden unmotiviert Grossaufnahmen ihres Gesichts zwischengeschnitten. Ihr letzter Film vor Destry lag drei Jahre zurück: Angel (dt.: Engel, 1937) von Ernst Lubitsch - in ihrem nächsten Film, Seven Sinners (dt.: Das Haus der sieben Sünden, 1940) mit John Wayne, wiederholte sie die Rolle der Bardame aus Destry.
James Stewart war mit Destry einen Schritt weiter auf dem Weg zum Ruhm. Er sagte einmal: "Ein James Stewart-Film hat zwei wichtige Ingedienzien: Er ist sauber und er beinhaltet den Triumph des Underdogs über den Tyrannen." Diesem Grundsatz folgte er bereits früh in seiner Karriere, und Destry ist eines der besten Beispiele dafür. Vor Destry war Stewart in Capras Mr Smith Goes to Washington (dt.: Mr. Smith geht nach Washington, 1939) zu sehen, danach in Lubitschs Shop Around the Corner (dt.: Rendezvous nach Ladenschluss, 1940) - beide ebenfalls unsterbliche Komödien-Juwelen!




Montag, 26. Oktober 2020

Ferner liefen... (Kurzkritiken: verlorene Seelen / Dieb mit Klasse / Bunny Lake)

Ich möchte in meinem Blog mehr und mehr die cinèastischen Highlights vorstellen, denen ich begegne. Unter der Rubrik "ferner liefen" handle ich in Zukunft jene Filme kurz ab, die qualitativ mehr oder weniger abfallen.

Insel der verlorenen Seelen (Island of Lost Souls, 1932)
Ein Schiffbrüchiger (Richard Arlen) gerät auf die nicht kartografierte Insel eines gewissen Dr. Moreau (Charles Laugton), der dort mit Tieren experimentiert, die er operativ zu menschenähnlichen Wesen umwandelt. Recht freie Verfilmung von H.G. Wells Romanklassiker "Die Insel des Dr. Moreau".
Ich muss zugeben, dass ich diesen Film verabscheue. Ich kann ihm nicht nur nichts abgewinnen, sein Sadismus widert mich an. Was ist überhaupt der Sinn der Geschichte? Nichts Substantielles, Horror um des Horrors Willen. Natürlich kann man alles Mögliche hineininterpretieren - wie in jeden Film: Kritik am Kolonialismus, an der Religion, an der Wissenschaft... Doch für solche Raffinessen ist der Film zu krud und zu plump.
Immerhin bin ich mit meiner Abneigung in guter Gesellschaft: H.G. Wells, der Autor der Vorlage, hat den Film ebenfalls gehasst.
Allerdings ich muss zugeben, dass ich die Vorzüge des Streifens sehe, die da wären:
Charles Laughton - er ist einfach ein grandioser Schauspieler; sein Dr. Moreau ist völlig anders als jeder andere Bösewicht, den Laughton je porträtiert hat - und als jede andere Figur, die ich ihn habe spielen sehen.
Die Sets: Sie  sehen unglaublich aus. Hans Dreier hat wunderbare Arbeit geleistet und eine unheimliche Atmosphäre des Verfalls, tropischer Schwüle und fiebriger Alpträume geschaffen.
Das Make-up: Wally Westmore und Charles Gemora schufen alptraumhafte Bestien, die auch heute noch erschreckend wirken!
Die Regie: Erle C. Kenton, heute noch am besten bekannt für diesen Film und für einige frühe Abbott & Costello-Streifen, leistete tadellose Arbeit, um all die oben genannten Komponenten zur Geltung zu bringen.
Der Rest der schauspielerischen Besetzung ist zum Vergessen. Zudem: Keiner der Charaktere ist ausgearbeitet - sie alle sind platte, leblose Karikaturen. Mit anderen Worten: langweilig.
Meine Bewertung: 4 / 10


Ein Dieb mit Klasse (Jewel Robbery, 1932)
Wien 1932: Ein Juwelendieb (William Powell) geht um in der Stadt, kein Juwelier scheint vor ihm sicher.
Baronin Teri (Kay Francis) ist verwöhnt und ist verrückt nach teurem Schmuck. Deshalb hat sie einen viel älteren, dafür reichen Mann (André Luguet) geheiratet. Als Teri mit ihrer Entourage gerade beim Schmuckgeschäft Holländer weilt, um einen 50‘000 Dollar-Ring abzuholen, wird der Laden auf äusserst unkonventionelle Art ausgeraubt. Der Dieb und Teri verlieben sich ineinander…
Jewel Robbery glänzt mit witzigen Einfällen und unkonventionellen Wendungen. Diese sind grösstenteils dem Verfasser der Vorlage, Theaterautor Ladislas Fodor zu verdanken. Die Verfasser des Drehbuch setzen die Vorlage leider in den Sand – es wirkt so, als hätte jemand eine Reihe vorgegebener prickelnder Dialogzeilen in stümperhafter Weise und ohne Gefühl für den dramaturgischen Fluss zusammengefügt. Ja, der ganze Film erweckt diesen Anschein; es gibt kein richtiges Timing, einige Szenen werden über Gebühr in die Länge gezogen während andere brüsk abgehandelt werden.
Kommt dazu, dass die Figuren allesamt flach und eindimensional sind; sie entwickeln trotz guter Hauptdarsteller keinerlei Leben und weckten folglich beim Betrachter keinerlei Interesse.
Es ist nicht auszudenken, was Ernst Lubitsch aus diesem schönen Stoff gemacht hätte! Sein ebenfalls deutscher Kollege William Dieterle filmt die Vorlage fantasielos ab, Jewel Robbery wirkt, als hätte Dieterle das Projekt nicht im Mindesten interessiert.
Schade – umso mehr, weil die Vorlage deutliches Potential für eine grandiose Komödie gehabt hätte.
Meine Bewertung: 3 / 10

 

Bunny Lake ist verschwunden (Bunny Lake is Missing, 1965)
Bunny Lake is Missing ist eigentlich ein handwerklich hervorragend gemachter, sehr spannender Film.
Das Kind amerikanischer Neuzuzüger, „Bunny“ Lake, verschwindet an seinem ersten Schultag aus einer Privatschule in London. Niemand will es gesehen haben, dafür tauchen im Zug der Ermittlungen zahlreiche äusserst seltsame Charaktere auf, die alle als potentielle Entführer in Frage kommen könnten.
Trotzdem keimt aufgrund einiger Ungereimtheiten bei Superintendent Newhouse (Laurence Olivier) der Verdacht, dass „Bunny“ nie wirklich existiert hat, ja, dass das Kind der Fantasie der überspannt wirkenden Mutter (Carol Linley) entsprungen sei…
Regisseur und Produzent Otto Preminger hatte bereits zwei Drehbuchentwürfe zurückgewiesen, die Evelyn Pipers gleichnamigen Roman in Filmform umzugiessen versuchten, bevor er jenen des Ehepaares John und Penelope Mortimer als passend akzeptierte.
Wie konnte er nur? Waren die anderen beiden Entwürfe noch schlechter?
Ich kenne den Roman nicht und weiss nur, dass sich die Auflösung des Rätsels im Film von jener des Romans unterscheidet.
Die Film-Auflösung ist derart bescheuert, dass sie den ganzen schönen Film rückwirkend kaputt macht. Was zunächst solide aufgebaut erscheint, erweist sich am Ende als bewusste Irreführung des Publikums, einzig um des Effekts Willen.
Tolle Regie, tolle Schauspielerleistungen (jedenfalls Seitens der Engländer, die beiden Amerikaner, Keir Dullea und Carol Linley, fallen ihnen gegenüber deutlich ab), tolle Kameraarbeit – aber ein Drehbuch, das so ärgerlich ist, dass man kaum glaubt, dass eine solche Qualitäts-Diskrepanz im selben Film überhaupt möglich ist.
Meine Bewertung: 4 / 10

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Seh-Empfehlung 12: Augen der Angst (Peeping Tom, England 1960)


 

Originaltitel: Peeping Tom
Deutscher Titel: Augen der Angst (Deutsche Kinopremiere Februar 1961)
Grossbritannien 1960
Mit Karlheinz Böhm (Carl Boehm), Anna Massey, Moira Shearer, Maxine Audely, Brenda Bruce, Miles Malleson, Esmond Knight u.a.
Regie: Michael Powell
Drehbuch: Leo Marks
Produzenten: Michael Powell
Kamera: Otto Heller
Musik: Brian Easdale
Dauer: 101 min
Farbe: color

Bewertungen: 
imdb.com: 7,7 / 10 (30'487 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,4 / 5 (20'084 Stimmen)
Meine Wertung:
Meisterwerk

Peeping Tom macht uns von Beginn weg zu Komplizen des Täters. Durch die subjektive Kamera werden wir Zeugen eines Mordes an einer Prostituierten. Als die Polizei am Tatort auftaucht, wechselt der Blickwinkel und die Person des Mörders wird uns enthüllt. Obwohl er dort weiterfilmt und den Polizeieinsatz auf Zelluloid bannt, schöpft die Polizei keinen Verdacht, denn der Mann gibt sich zufällig in der Nachbarschaft anwesender als Reporter aus.
Von nun an begleiten wir den Mörder, Mark (Karlheinz Böhm), der in seinem Kamerastativ einen Dolch eingebaut hat. Wir erfahren, dass er darauf aus ist, die Angst seiner Opfer auf Film zu bannen.
Mark ist ein schüchterner junger Mann, der beim Film
arbeitet und ein scheinbar normales, aber zurückgezogenes Leben im obersten Stockwerk seines Elternhauses lebt; die anderen Stockwerke vermietet er. Zwischen ihm und der Tochter einer der Mieterinnen enspinnt sich eine zaghafte Liebesgeschichte, in deren Zug Mark das Geheimnis seiner schrecklichen Kindheit offenbart: Mark wurde von seinem Wissenschaftler-Vater als Forschungsobjekt missbraucht; der Vater wollte die Wirkung von Angst auf das Nervensystem untersuchen und bannte die Reaktionen seines Sohnes auf Film...

Gedanken vor dem Film:
Ich hatte Peeping Tom als Jugendlicher gesehen und war damals ziemlich verstört. Das war in einer Zeit, in der Slasher-Filme nur unter dem Ladentisch gehandelt wurden und als verwerflich galten. Für die wenigsten Filmfreunde waren expilzit gezeigte Blutrünstigkeiten so normal, wie sie es heute sind. Da konnte ein in dieser Beziehung harmloser Film wie Peeping Tom durchaus noch schockieren. Damals wollte ich den Film nie wieder sehen.
Da ich inzwischen aber einige der früheren Filme von Regisseur Michael Powell gesehen hatte und ihn als Regisseur ausserordentlich schätze, beschloss ich, mir Peeping Tom trotz meiner damaligen Vorbehalte nochmals anzusehen...

Gedanken nach dem Film:
...und das habe ich nicht bereut. Peeping Tom ist ein Meisterwerk!
Natürlich ist er eine Refelxion über den Film und das Zuschauen an sich, das wird von den Kritikern immer wieder wortreich herausgestrichen; doch das ist der oberflächliche Teil des Films, und der interessiert mich kaum. Es gibt wichtigeren Aspekte darin. 

In Powells Film ist der Mörder dem Publikum von Anfang an bekannt, die Jagd nach dem Serienkiller ist sekundär, für uns gibt es kein Rätselraten. So mochte Alfred Hitchcock seine Krimis am liebsten so. Powell stellt Hitchcock gewissermassen auf den Kopf: Er macht den Mörder zur Hauptfigur. Bei Hitchcock waren die Mörder zwar bekannt, doch er stellte stets die Guten in den Mittelpunkt der Geschichten. Powell durchbricht diese Regel, und damit war er seiner Zeit voraus: Zudem ist der Mörder ist bei ihm nicht explizit böse; er ist gewissermassen der Gute und der Böse in Personalunion.


Das kam 1960 nicht gut an. An den Reaktionen der damaligen Kritik kann man heute ablesen, dass Michael Powell damit ein Tabu gebrochen hatte. Es gab wüste und wütende Verrisse, die gar nicht zur sprichwörtlichen Englischen Contenance passen. "Das einzig Vernünftige, um Peeping Tom loszuwerden, wäre, ihn zusammenzuschaufeln und in den nächsten Gully zu spülen", schrieb ein Kritiker besispielsweise. Peeping Tom wurde nach fünf Tagen Spielzeit und massiven Protesten aus dem Verleih genommen; Michael Powells Karriere als unabhängiger Regisseur fand damit ein jähes Ende. Auch die Karriere des Hauptdarstellers Karlheinz Böhm erhielt einen empfindlichen Knick; Böhm wollte mit diesem Film dem Image entfliehen, das ihm mit den drei Sissy-Verfilmungen aufgedrückt wurde - ein Vorhaben, das gründlich daneben ging.

Heute gilt Peeping Tom als Meisterwerk und als einer der ersten Serienmörder-Filme. Das für mich damals Verstörende war die Art, wie Mark seine Opfer umbringt und dass er ihre Todesangst filmt. Die dem Film inhärente Diskrepanz zwischen dieser schrecklichen Tat und dem bemitleidens- ja, liebenswerten jungen Mann dahinter geht unter die Haut. Peeping Tom macht die innere Zerissenheit eines Menschen mit erzählerischen Mitteln nachvollziehbar, indem er das Publikum dieser Diskrepanz - für damalige Verhältnisse schonungslos - aussetzt. Wie aufwühlend es ist, wenn das komfortable Gut-Böse-Schema aufgebrochen und unterminiert wird, erfährt man auch noch, wenn man den Film heute anschaut. Er hat kaum etwas von seiner Wirkung eingebüsst.


Soviel zum Thema Erzählkonventionen. Der gewichtigste Punkt, den der Film meines Erachtens macht, liegt im menschlich-psychologischen Bereich. Wie akkurat er da ist, kann ich schlecht beurteilen, da müsste man Psychologen zu Rate ziehen. Ob der vom Film gezeigte Versuchskaninchen-Status in früher Kindheit tatsächlich einen derart verheerenden Effekt auf die menschliche Psyche haben kann, sodass die Person als Erwachsener das am eigenen Leib erlebte Experiment quasi fortzusetzen gezwungen ist, sei dahingestellt; abwegig erscheint es mir nicht.
Worauf Peeping Tom hinauswill, ist aber unabhängig vom Wahrscheinlichkeitsgrad der Appell, die Kindheit als ein zerbrechliches Gut zu achten; was ein Kind an Unverarbeitbarem erlebt, ist im Erwachsenenalter noch immer da, ungelöst, quälend und nicht selten in Form einer Zeitbombe - für sich selbst oder für andere. Diesem Statement verhelfen
Regisseur Powell und sein Autor Leo Marks mit der zerrissenen Figur des Mark, der das Publikum in einen geradezu physisch erlebbaren Konflikt zwischen Gut und Böse stürzt, zu grösstmöglicher Wirkung.
Bleibt noch zu sagen, dass dies nicht zuletzt Karlheinz Böhms grossartiger schauspielerischer Leistung zu verdanken ist. Er spielt den Mark mit beängstigender Intensität einerseits und erschütternder Verletzlichkeit andererseits. Ein schauspielerisches Meisterstück! 


Ansehen? Nicht ansehen?
Falls Sie Filme ohne Blutbäder und Schockeffekte langweilig finden - Finger weg, der hier bietet weder das eine noch das andere. Alle cinèastisch und psychologisch interessierten - oder auch Leute, die gut erzählte Geschichten mit glaubwürdigen Charakteren mögen - Unbedingt ansehen!

Der Film war bei uns als DVD Nr.13 in  der Reihe "Arthaus Collection Klassiker" erschienen; sie ist antiquarisch noch zu finden. Auch die DVD von Universal ist antiquarisch noch erhältlich.

Zudem kann er in Deutschland und Oesterreich bei verschiedensten Anbietern gestreamt werden: Amazon, Google Play, youtube, Maxdome, iTunes. In der Schweiz kann er nur bei Google Play gestreamt werden.



Montag, 19. Oktober 2020

Das verflixte 7. Jahr (The Seven Year Itch, 1955)


Originaltitel: The Seven Year Itch
Deutscher Titel: Das verflixte 7. Jahr (Deutsche Kinopremiere: September 1955)
USA 1955
Mit Marilyn Monroe, Tom Ewell, Evelyn Keyes, Oskar Homolka, Robert Strauss, Sonny Tufts, Marguerite Chapman u.a.
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder und George Axelrod nach dessen gleichnamigen Theaterstück
Studio: 20th Century Fox
Produzenten: Charles K. Feldman und Billy Wilder
Kamera: Milton R. Krasner
Musik: Alfred Newman
Dauer: 105 min
Farbe: color

Bewertungen: 
imdb.com: 7,1 / 10 (33'573 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,4 / 5 (12'136 Stimmen)
Meine Wertung:
6 / 10

Man kennt das ja: Die Nachbarn können einen in den Wahnsinn treiben. Der brave Ehemann Richard Sherman (Tom Ewell) zum Beispiel ist gegen Ende des Films ein kettenrauchendes Wrack. Und das nur wegen einer Nachbarin!
Gut, diese Nachbarin ist Marilyn Monroe. Und Richard ist für eine Woche Strohwittwer. Und seine Ehe befindet sich gerade im offenbar kritischen siebten Jahr, wo die Ehemänner anfällig gegenüber Verlockungen von aussen werden. Und die Nachbarin ist sexy. Und sie mag ihn...
Richard muss sich gewaltig zusammenreissen; schon das Rauchen hat ihm der Arzt verboten. Das Trinken auch. Und nun spaziert diese Sexbombe einfach in seine Wohnung und erlaubt sich alle möglichen Freizügigkeiten...

Gedanken vor dem Film:
Der überzeugte Autor Billy Wilder verfilmt keinen Originalstoff, sondern ein Theaterstück - befand er sich in einer Schaffenskrise?
Der Autor der Vorlage ist George Axelrod - der später selbst Drehbücher geschrieben hat, unter anderem die Vorlage zu der wirren Polit-Satire The Manchurian Candidate - da darf man ja mal gespannt sein!
Dies ist der Film mit der wohl ikoischsten Monroe-Szene überhaupt, wo sie im Kleid über einem U-Bahn-Schacht steht.
Ich hatte den Film vor Jahrzehnten einmal gesehen und habe ihn als plumpe Männerfantasie in Erinnerung - kann man den heute überhaupt noch gucken?


Gedanken nach dem Film:
Ich lag mit meinen Vermutungen für einmal gar nicht so falsch: The Seven Year Itch fällt mitten in eine... man könnte es Schaffenskrise nennen, wenn man schaut, welche Filme Billy Wilder vor- und nachher drehte. Sie gehören zu seinen schwächsten: Sabrina und The Spirit of St.Louis.
Dass er eine Theatervorlage statt eines Originalstoffs verarbeitete, war offenbar gar nicht so ungewöhnlich - einige seiner stärksten Werke beruhten aus Bühnenvorlagen, etwa Zeugin der Anklage oder Eins, zwei, drei.
Da das Stück und der Film auf einer Männerfantasie beruhen, ist The Seven Year Itch heute politisch nicht mehr korrekt. Aber - kümmert mich das?

Der Film fällt aus anderen Gründen ab, und das tat er schon bei seinem Erscheinen: Er bleibt zu sehr an der Oberfläche kleben. Die Hauptfigur ist einigermassen klar charakterisiert, er ist ein mit zuviel Fantasie gestrafter Mann, der sich, wie einst Walter Mitty, eine Scheinwelt zusammenfantasiert. Die Gehirn-Eskapaden entspringen seiner Unzufriedenheit, doch diese Unzufriedenheit bleibt diffus. Die Krise, in der Richard sich befindet wird nie klar umrissen; statt dessen wird als gottgegeben vorausgesetzt, dass Richard, weil er ja verheiratet ist, unzufrieden sein muss. Da setzt der Film eine Komplizenschaft voraus, die heute, in Zeiten der Aufklärung und der Emanzipation weggebrochen ist.
An diesem Punkt funktioniert der Film nicht - oder heute nicht mehr - weil er an der Oberfläche bleibt, und es ist genau der Punkt, wo man ihm zu Recht männlichen Chauvinismus vorwerfen kann. Dummerweise ist es der zentrale Punkt der Geschichte.


Tom Ewell macht seine Sache gut - doch man darf sich gar nicht vorstellen was der von Billy Wilder ursprünglich vorgesehene Walter Matthau für ein Fest daraus gemacht hätte... Die Produzenten wollten Ewell, weil dieser in der Rolle des Richard am Broadway so erfolgreich war. Und die Monroe... ist einfach die Monroe, wie immer.  Diese Rolle ist mit ihr tatsächlich ideal besetzt und der Film, speziell die Szene mit dem Lüftungsschacht, beförderte ihre Karriere in astronomische Höhen. Hier etablierte sie ihre Rolle als blondes Dummchen, auf die sie später festgenagelt wurde.
Das Drehbuch glänzt mit einigen köstlichen Dialogstrecken und sorgt dafür, dass The Seven Year Itch einigermassen gut unterhält. Von Wilders Meisterwerken ist er aber doch ziemlich weit entfernt. Dass daran nur die Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde Schuld waren, glaube ich nicht; immerhin haben Wilder und Axelrod Wege gefunden, auf subtile Weise trotzdem Zweideutigkeiten in den Film hineinzuschmuggeln - die den Gehalt des Films aber auch nicht erheblich aufwerten.

Ansehen? Nicht ansehen? Wer Wilders Werk erst noch kennenlernen möchte, sollte einen Bogen um den Film machen, respektive die wichtigen Filme vorziehen. Monroe-Fans sei er empfohlen, weil er eine wichtigen Stufe auf ihrem Weg zur Filmikone war.
Generell würde ich sagen: Es gibt bessere Filme aus dieser Zeit.
Erschienen ist der Film im deutschsprachigen Raum auf DVD und Blu-ray; im Stream kann er
in Deutschland und Oesterreich bei Amazon, Maxdome, Google Play, iTunes und youtube angeschaut werden, in der Schweiz bei iTunes und Google Play (dort allerdings nur auf Französisch).



Donnerstag, 15. Oktober 2020

Seh-Empfehlung 11: Nuts... Durchgedreht (Nuts, 1987)

 

Originaltitel: Nuts
Deutscher Titel: Nuts... Durchgedreht (Deutsche Kinopremiere März 1988)
USA 1987
Mit Barbara Streisand, Richard Dreyfuss, Karl Malden, Maureen Stapleton, Eli Wallach, James Withmore, Robert Webber, Leslie Nielsen, u.a.
Regie: Martin Ritt
Drehbuch: Tom Topor, Alvin Sargent und Darryl Ponicsan nach dem gleichnamigen Theaterstück von Tom Topor
Studio: Warner Bros.
Kamera: Andrzej Bartkowiak
Musik: Barbara Sreisand
Dauer: 116 min
Farbe: color

Bewertungen: 
imdb.com: 6,6 / 10 (5'805 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,1 / 5 (743 Stimmen)
Meine Wertung:
10 / 10

Claudia Draper, eine New Yorker Edelprostituierte (Barbara Streisand) hat einen ihrer Freier (Leslie Nielsen) brutal ermordet.
Nun soll ihr Fall vor Gericht rasch abgehandelt werden, da sie vom Gefängnispsychiater (Eli Wallach) für unzurechnungsfähig erklärt wurde. Sie kämpft allerdings für ihr Recht auf eine anständige Verhandlung und zieht das Gutachten des Psychiaters in Zweifel. Vom Gericht wird ihr dazu der zunächst unwillige Anwalt Aaron Lewinsky (Richard Dreyfuss) zugeteilt, der aber bald von Claudias Fall gepackt ist. 

Der Film zeigt die Verhandlung, die sich um Claudia Drapers Fähigkeit dreht, sich einer gerichtlichen Untersuchung ihrer angeblichen Mordtat zu stellen. Er beruht auf einem Theaterstück von Tom Topor.

Gedanken vor dem Film:
Nuts
lief auch bei uns in den Kinos, auch eine DVD kam auf den Markt. Ich hatte den Film bei seiner Premiere gesehen und fand ihn ziemlich gut, konnte mich aber nur noch an Einzelheiten erinnern. Als ich einige Kritiken im Netz durchstöberte, stiess ich auf einhellige Ablehnung. Von "schlechter Regie" und "lächerlichem Drehbuch" war da die Rede, und auch die Theatervorlage von Tom Topor sei "magelhaft". So empfand ich lange Zeit keinerlei Lust, mir den Film anzusehen. Ich tat es doch, mit dem Vorsatz, ihn bei Nichtgefallen nach 30 Minuten auszuschalten.

Gedanken nach dem Film:
Entweder spinne ich oder das Gros der Kritiker! Nach der Visionierung von Nuts kann ich mich über die vernichtende Presse nur wundern. Der Film ist perfekt! Nicht nur das: Er ist herausragend!
Ich vermute, da lag wieder einmal ein Fall von Kritiker-Herdentrieb vor. Bislang war mir nicht klar, dass es auch Film-Mobbing gibt, doch hier scheint ein solcher Fall vorzuliegen.


So versuche ich hier eine Rehabilitierung.
Von mir bekommt Nuts nur Lob: Angefangen bei der Drehbuchvorlage, die nicht nur ein spannendes, gut geschriebenes Gerichtsdrama mit tollen Dialogen beinhaltet, sondern auch gewichtige Themen wie Selbsverantwortung und Selbstbestimmung des Menschen aufs Tapet bringt und diese mit zahlreichen Formen der Fremdbestimmung kontrastiert; sie macht deutlich, wie verwundbar
ein Kind dank seinem Bedürfnis nach Liebe ist und welch verheerende Auswirkungen eine solche Verwundung noch auf sein Leben als Erwachsener haben kann.
Diese geballte Ladung ist in ein zwar altmodisches, deshalb aber nicht minder wirkungsvolles und packendes dramturgisches Konzept verpackt. Nach und nach wird in der Befragung von Zeugen eine Lebensgeschichte enthüllt, die dank ihrer Verankerung im Prinzip der menschlichen Natur allgemeine Gültigkeit erhält.


Regisseur Martin Ritt setzt dies grandios um! Indem er jeder Figur, auch den weniger zentralen,
ihre klaren Umrisse gibt, stattet er sie mit Glaubwürdigkeit und Hintergrund aus. Seine Bilder sind so konzipiert, dass auch in den vielen Dialogsequenzen eine konstante Spannung da ist, denn er inszeniert die Schauspieler im Hintergrund so, dass ihre Reaktionen auf das Gesagte eigene, stumme Geschichten erzählen. Ich hatte Ritt bislang kaum wahrgenommen, aber dieser Film überzeugt mich von der Notwendigkeit, mehr von ihm zu sehen.
Seine Schauspielerführung ist von traumwandlerischer Sicherheit.



Alles steht und fällt in diesem Film mit der Besetzung der Hauptrolle - und in dieser Beziehung hatte ich zu Beginn Bedenken. Doch Barbara Streisand verwächst mit der Rolle, je länger der Film dauert. Ich kenne zwar nur wenig von dieser multitalentierten Dame, aber derart überzeugend habe ich sie bislang noch nie gesehen. Verglichen mit dem Rest der Schauspieler-Crew fällt sie zwar leicht ab, doch sie meistert den schwierigen Part mit Bravour und vermag zu bewegen. Auch Richard Dreyfuss als ihr quirliger Anwalt ist hier so gut, wie ich ihn nie zuvor gesehen habe.
Karl Malden, Robert Webber (beide in ihren letzten Filmrollen), Maureen Stapleton, Eli Wallach, James Whitmore - sie alle glänzen und fügen sich nahtlos in eine grandiose Ensembleleistung ein.

Es gibt, wie bereits erwähnt, verschiedenste Vorwürfe gegen diesen Film: Schlechte Regie, banales Drehbuch, unglaubwürdige Hauptdartellerin, altmodische Machart. Halbwegs gelten lassen kann ich nur das letztere Argument, und das ist kein Qualitätskriterium. Oder ist - im Umkehrschluss - etwas automatisch gut, nur weil es up to date ist?
Allen anderen Anwürfen muss ich vehement widersprechen und mutmassen, dass da ein Film Opfer einer wie auch immer motivierten Anti-Kampagne geworden ist, die mit seiner Qualität gar nichts zu tun hat. Sogar viele heutige Kritiker käuen die Verriss-Argumente von damals treudoof wieder.


Ansehen? Nicht ansehen? Ansehen! Nuts ist einer der vielen verkannten und zu Unrecht vergessenen Filme, dazu einer, der ausnahmslos aus Bestleistungen besteht. Da darf er meinetwegen so altmodisch sein, wie er will. Das ist angesichts der wichtigen Gedanken, die er anregt, so nebensächlich wie der Stuhl, auf dem man dabei sitzt. Quatsch: noch nebensächlicher!
Die im deutschsprachigen Raum erschienene DVD kann nur noch antiquarisch erworben werden. Im Stream ist er bei zahlreichen Anbietern leih- oder kaufbar: Amazon, Google Play, Microsoft, iTunes (in der Schweiz nur auf iTunes)



Montag, 12. Oktober 2020

Seh-Empfehlung 10: Gaslicht (Gaslight, England 1940)


 

Originaltitel: Gaslight
Deutscher Titel: Gaslicht (hierzulande erstmals gezeigt 1990, als TV-Ausstrahlung)
Grossbritannien 1940
Mit Anton Walbrook (Adolf Wohlbrück), Diana Wynyard, Frank Pettingell, Cathleen Cordell, Robert Newton u.a.
Regie: Thorold Dickinson
Drehbuch: A.R. Rawlinson und Bridget Boland nach dem gleichnamigen Theaterstück von Patrick Hamilton
Kamera: Bernard Knowles
Musik: Richard Addinsell
Dauer: 84 min
Farbe: schwarzweiss

Bewertungen: 
imdb.com: 7,3 / 10 (3'775 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,6 / 5 (1'383 Stimmen)
Meine Wertung:
9 / 10

Der Filmklassiker Das Haus der Lady Alquist mit Ingrid Bergman und Charles Boyer dürfte Filmfreunden wohl bekannt sein. Sein US-Orgialtitel ist Gaslight.
Vier Jahre vorher erschien eine britische Produktion unter demselben Titel - es war eine Verfilmung des erfolgreichen 1939 in England uraufgeführten Bühnenstücks des britischen Dramatikers Patrick Hamilton. Als Hamiltons Stück 1941 am Broadway zum riesigen Hit wurde, sicherten sich MGM die Filmrechte. Alle Kopien des englischen Vorgängerfilms hätten zerstört werden sollen; glücklicherweise war dem abscheulichen Vorhaben kein durchschlagender Erfolg beschieden: Thorold Dickinson, der Regisseur der englischen Filmversion soll selbst noch eine Kopie von seinem Werk gezogen haben, bevor die Negative gänzlich vernichtet waren. Nun kann der tolle Film in einer hervorragenden restaurierten, digitalen Fassung glücklicherweise wieder gesehen werden.

Die Handlung beider Versionen ist natürlich dieselbe: Paul Mallen und seine Frau Bella (Anton Walbrook und Diana Wynyard) sind die neuen Mieter in Haus 12, wo vor Jahren ein schrecklicher Mord geschah. Nach und nach wird dem Publikum klar, dass Mallen der Mörder von damals ist; er ist in das Haus zurückgekehrt ist, weil er nach seiner abscheulichen Tat das wertvolle Schmuckstück nicht finden konnte, hinter dem er her war. Nun will er es ungestört und in aller Ruhe suchen. Mit fiesen psychologischen Tricks macht er seine Frau glauben, sie werde langsam verrückt; falls er den gesuchten Schmuck findet, wäre seine einzige Zeugin eine Verrückte. 

Im Unterschied zur amerikanischen Fassung gibt es hier die Figur des pensionierten Detektivs Rough (Frank Pettingell), der sich an den Mord von damals erinnert, den Mörder zu erkennen glaubt, sich erneut in den Fall verbeisst und Mallen ausspioniert. In der US-Fassung war es der junge Joseph Cotten, der die Sache schliesslich aufklärt, was - typisch MGM - eine zusätzliche romantische Note ergab, die im Original so nicht vorgesehen ist.

Beide Filme liegen sehr nahe beieinander, was Ausstattung und Atmosphäre betrifft. Punkto Besetzung übertrifft Dickinsons Film allerdings den amerikanischen Nachfolger klar und deutlich. Anton Walbrook trägt als Bösewicht zwar bisweilen etwas dick auf, aber er ist damit höchst effektiv. Sein Mallen lässt einem abwechslungsweise die Galle hochkommen oder das Blut in den Adern gefrieren. Er spielt ihn als elegantes Scheusal, das höchst charmant sein kann, um Sekunden später sein wahres, hässliches Gesicht zu zeigen. Mit seinem präzisen, changierenden Spiel ist er dem hölzernen Charles Boyer der US-Fassung weit überlegen. Seine Partnerin Diana Wynyard ist zwar blass, doch das passt perfekt zu ihrem Part. Man glaubt ihr das devote Weibchen, was für die Glaubwürdigkeit der Handlung entscheidend ist. Ingrid Bergman war zwar auch gut, doch sie musste sich dafür sichtlich anstrengen, während der Zustand bei Wynyard natürlich erscheint. Und somit ist auch die psychologische Glaubwürdigkeit der Figuren gegeben.


Bleibt zu sagen, dass Thorold Dickinsons Regie von Anfang bis Ende überzeugt - sowohl in der sorgfältigen Inszenierung, welche immer auch die Bilder sprechen lässt, als auch in der Schauspielerführung. Dickinson war ein Meister seines Fachs; ausserhalb Englands ist er heute leider vergessen.

Fazit: Gaslight der erste ist vorbehaltlos zu empfehlen - einer jener Filme, die man hierzulande gerne zur DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung vorschlagen möchte.
In England ist er auf einer DVD/Blu-ray-Doppelausgabe des British Film Institutes (BFI) erhältlich.
Und - kurios - in der Schweiz kann er im Stream geschaut werden: Bei Google Play, in der englischen Originalfassung mit englischen Untertiteln.



Samstag, 10. Oktober 2020

Seh-Empfehlung 9: Frau ohne Gewissen (Double Indemnity, 1944)

 


Originaltitel: Double Indemnity
Mit Fred MacMurray, Barbara Stanwyck, Edward G. Robinson, Tom Powers, Jean Heather, Porter Hall u.a.
Drehbuch: Billy Wilder und Raymond Chandler nach einem Roman von James M. Cain
Regie: Billy Wilder
Kamera:John F. Seitz
Musik: Mikóls Rózsa
Kino/DVD-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Juni 1950
Dauer: 104 min
Farbe: schwarzweiss

Bewertungen: 
imdb.com: 8,3 / 10 (140'621 Stimmen)

Letterboxd.com: 4,2 / 5 (44'784 Stimmen)
Meine Wertung:
Meisterwerk

Als der von seinem Job gelangweilte Versicherungsvertreter Walter Neff (Fred MacMurray) vor dem Haus des Ehepaars Dietrichson (Barbara Stanwyck und Tom Powers) anhält, um eine abgelaufene Autoversicherung zu erneuern, ahnt er nicht, dass diese Handlung der Anfang zu einer üblen Mordgeschichte ist, in die er sich rettungslos verstricken wird.
Wie im sieben Jahre später entstandenen Sunset Blvd. beginnt Billy Wilder auch hier mit dem hinteren Ende der Geschichte; der Protagonist, der uns über die Geschehnisse aufklärt, ist da zwar noch nicht tot, wie im sieben Jahre später entstandenen Film, aber nicht mehr weit davon entfernt. So weiss man von Beginn weg, als Neff bei den Dietrichsons vorfährt, dass alles Böse enden wird - was auch immer da kommen mag.


Wilder war ein Meister des Geschichtenerzählens. Double Indemnity ist von der ersten Minute an spannend, noch bevor überhaupt etwas geschieht.
Da der Herr des Hauses abwesend ist, sitzt Neff dessen faszinierende Gattin (Barbara Stanwyck) gegenüber. Sie fragt ihn über Lebensversicherungen aus, und ob sie eine solche auch ohne dessen Wissen für ihren Mann abschliessen könne.
Neff riecht den Braten und zieht angewidert davon. Dummerweise hat er sich in Phyllis Dietrichson verliebt. Er kommt nicht mehr von ihr los, und als sie sich das nächste Mal treffen - wieder in Abwesenheit des Gatten - überzeugt sie ihn von ihrem Plan, dem ungeliebten Herr des Hauses etwas zustossen zu lassen und sich zusammen mit der dicken Versicherungssumme aus dem Staub zu machen. Die Versicherung sieht die Auszahlung der doppelten Versicherungssumme vor (auf englisch "Double Indemnity"), sollte sich der tödliche Unfall sich in einem Zug ereignen. Neff klügelt einen wasserdichten Mordplan aus, in welchem ein Zug vorkommt. Dazu eignet er sich die Denkweise eines Kollegen, des findigen Versicherungsprüfers Keyes (Edward G. Robinson) an, um sicherzustellen, dass dieser keinen Verdacht schöpft, wenn der Fall später auf seinem Tisch landet.
Und so führen Walter und Phyllis den wohl perfektesten Mord der Filmgeschichte aus - und doch riecht der pingeleige Keyes den Braten, als er sich routinemässig mit dem Fall befasst...


Wilder war ein begnadeter Drehbuchautor, das zeigt sich auch in diesem Film wieder in aller Klarheit. Er brauchte ein paar knappe Sätze, wo andere mit langatmigen Erklärungen hantierten, um die Handlung ein Stück weiterzubringen. In Double Indemnity fällt kein Satz zuviel, was gesagt wird ist prägnant und sehr oft auch von einem Witz, der an Trockenheit kaum mehr zu überbieten ist. An anderen Stellen werden nicht einmal mehr Worte gebraucht, da etwa, wo die Beziehung zwischen Neff und Keyes mit dem Anzünden eines Zündholzes umrissen wird. Das ist Filmkunst auf höchstem Niveau!
Und was die Spannung betrifft: Wilder schafft das Kunststück, dass man mit fortschreitender Filmdauer um das Leben eines Mannes bangt, der einen ruchlosen Mord begangen hat. 

Kein geringerer als der grosse Krimiautor Raymond Chandler war Wilders Co-Autor bei diesem Film - die Zusammenarbeit war allerdings alles andere als glücklich. Ob der bis dahin Drehbuch-unerfahrene Chandler viel zum künstlerischen Erfolg des Films beigetragen hat und wieviel davon auf Wilders Konto geht, ist schwierig zu eruieren. Tatsache ist, dass Billy Wilder auch mit anderen, weniger prominenten Co-Autoren Meisterwerke geschaffen hat.
Und ein Meisterwerk ist Double Indemnity - diesen Ruf kann ich bestätigen. Ein Film über die Kraft der Liebe - deren Zerstörungskraft!
Der Film zählt zu den Prototypen und Mitbegründern des amerikanischen Film Noir und hat einen festen Platz im Kanon der grossen Filmklassiker.

Wo schauen? Es gab hierzulande eine DVD, die noch antiquarisch bezogen werden kann; die Blu-ray dagegen ist noch immer im Handel.
Bei Amazon und RakutenTV kann der Film in Deutschland und Österreich auch gestreamt werden, in der Schweiz bei iTunes und RakutenTV (hier nur Kauf möglich).


Children of Divorce (1927)

Mit Clara Bow, Esther Ralston, Gary Cooper , Einar Hanson, Norman Trevor, Hedda Hopper, Edward Martindel u.a. Drehbuch: Hope Loring und Lou...