Mittwoch, 28. April 2021

Galopp ins Glück (1940)


Originaltitel: Down Argentine Way
Mit Betty Grable, Don Ameche, Carmen Miranda, Charlotte Greenwood, Leonid Kinskey, Henry Stephenson, J. Carrol Naish, The Nicholas Brothers u.a.
Drehbuch: Darrell Ware und Karl Tunberg
Regie: Irving Cummings
Deutsche Erstaufführung (Kino): Juli 1950, unter dem Titel Galopp ins Glück



Inhalt:
Die reiche Pferdenärrin Glenda Crawfod (Betty Grable) verliebt sich in New York in den argentinischen Pferdebesitzer Ricardo Quintana (Don Ameche) und reist mit ihrer Tante (Charlotte Greenwood) nach Argentinien, wo sie für einiges Durcheinander sorgen.

Hintergrund:
Down Argentine Way war der erste Film einer ganzen Reihe mit südamerikanischen Themen - zu denen übrigens auch der kürzlich hier besprochene Disney-Film The Three Caballeros gehörte. Die Projekte begleiteten Präsident Roosevelt's
"Good Neighbor Policy", mit der eine Annähreung an den Nachbarkontinent versucht werden sollte. Hollywood erhoffte sich davon nicht zuletzt einen Ersatz für den wegen des Krieges weggebrochenen europäischen Absatzmarkt.
Obwohl Down Argentine Way in den USA grossen Erfolg hatte, wollten ihn die Argentinier verbieten - wegen seines grobschlächtigen Umgangs mit ihrer Kultur. Carmen Miranda etwa, die im Film drei Lieder trällert, war Brasilianerin und singt die Stücke auch in brasilianischem Portugiesisch. Zahllose grobe Fehler und Ungenauigkeiten wurden moniert und man beanstandete, dass
die vier argentinischen Hauptcharaktere alle von Ausländern verkörpert wurden, und zwar von einem Amerikaner (Ameche), von einem Russen (Leonid Kinskey), von einem Iren (J. Carrol Naish) und von einem Briten (Henry Stephenson)!
Für Betty Grable wurde der Film ein Riesenerfolg, sie avancierte dadurch praktisch über Nacht von der kleinen Nebendarstellerin zum Superstar.

 
Deshalb lohnt sich das Ansehen:
Viel Inhalt ist nicht in Down Argentine Way. Es ist einer jener Filme, in denen der Hauptcharakter am Klavier in ein Lied einstimmt, das zu einer Tanzsequenz führt und in einem Chorfinale mit Riesenorchester endet. Der Film wirkt, als wäre er ohne viel Sinn und Verstand zusammengestoppelt worden, und er ist weit weg von einem grossen Werk, doch es gibt genügend Highlights, die einen bei der Stange halten und das Ansehen vergnüglich machen, u.a. die herrlich aufspielenden Hauptdarsteller (allen voran Don Ameche, der sich hier völlig überraschend als erstaunlich guter Sänger entpuppt).

Hier kann der Film in hervorragender Bildqualität und in der englischen Originalversion angeschaut werden.




 





Dienstag, 27. April 2021

Rendes-vous im Jenseits (1991)

Originaltitel: Defending your Life
Mit Albert Brooks, Rip Torn, Meryl Streep, Lee Grant, Buck Henry,
Drehbuch und Regie: Albert Brooks

Inhalt:
Der Marketingspezialist Daniel Miller (Albert Brooks) landet nach einer Kollision mit einem Bus in einer Art Zwischenwelt, genauer: in der Stadt Judgement City. Dort bekommt er einen Verteidiger zugeteilt und erfährt, dass er nun vor Gericht sein Erdenleben verteidigen müsse. Falls er und sein Verteidiger glaubhaft machen können, dass Daniel seine Ängste überwunden hat, kommt er weiter, andernfalls wird er zur Erde zurückgeschickt und muss aufs Neue versuchen, gegen die Ängste anzukommen. Denn Angst verhindert Intelligenz, und diese ist der eigentliche und einzige Grund, dass man nach dem Tod eine Stufe weiter darf.
Als Daniel die bezaubernde Julia (Meryl Streep kennenlernt, entspinnt sich zwischen den beiden eine Romanze...


Deshalb lohnt sich das Ansehen:
Albert Brooks fügt mit Defending your Life den zahlreichen Jenseits-Fantasien des Hollywoodkinos eine eigene, höchst originelle Variante hinzu. Mit viel Witz und gänzlich unsentimantaler Grundhaltung verarbeitet er seine Idee zu einer charmanten Fantasy-Version vom Leben nach dem Tod. Die Stärken des Film sind sein Drehbuch, dort vor allem die witzig-scharfzüngigen Dialoge, und die schauspielerischen Leistungen der Nebendarsteller; allen voran Rip Torn, der sich als Idealbesetzung des pompösen, aber sympathischen Anwalts erweist - obwohl er hier gegen seine üblichen Bösewichtrollen besetzt wurde.
Brooks Regieführung hingegen lässt punkto Originalität etwas zu wünschen übrig, zudem sieht man dem Film sein schmales Budget hin und wieder an.
Auch die Liebesgeschichte überzeugt nicht wirklich - zum einen entsteht zwischen Brooks und Streep keinerlei Chemie, zum anderen fungiert diese Nebenhandlung am Schluss als doch etwas billiger Ausweg zum Happy End.
Diese paar Minuspunkte trüben den guten Eindruck, den Defending your Life insgesamt macht, glücklicherweise nur leicht.


Wo ansehen:
Defending your Life ist auf Blu-ray und DVD bei uns erhältlich. Auch im Stream kann er bei mehreren Anbieter online angeschaut werden.
Hier (youtube) habe ich ein Interwiev mit Filmemacher und Hauptdarsteller Albert Brooks zu Defending your Life gefunden (ab 7:28 wird das Interwiev wiederholt - gefilmt aus einem anderen Kamerawinkel.
An Evening with Albert Brooks (youtube) ist ein 60 minütiges Gespräch zwischen dem Filmemacher und
Scott Foundas (Programmdirektor des Lincoln Center).

Weitere Filme des Regisseurs Albert Brooks:
Kopfüber in Amerika (Lost in America, 1985), Die Muse (The Muse, 1999), Looking for Comedy in the Muslim World (2005)




 

Freitag, 23. April 2021

Seh-Empfehlung 27: Das Geheimnis der drei Schwestern (1941)


Originaltitel: Ladies in Retirement
Mit Ida Lupino, Louis Hayward, Elsa Lanchester, Edith Barrett, Evelyn Keyes, Isobel Elsom, Clyde Cook u.a.
Drehbuch: Garrett Fort und Reginald Demham nach dem Stück von Reginald Denham und Edward Percy
Regie: Charles Vidor


Inhalt:
Ellen Creed (Ida Lupino) arbeitet als Haushälterin der reichen Mrs Fiske (Isobel Elsom), die in einem alten Haus weit draussen im Moor lebt. Als Ellens zwei verrückten Schwestern in London die Einweisung in eine Irrenanstalt droht, lässt sie die beiden - mit dem widerwilligen Einverständnis ihrer Arbeitgeberin - ins Mrs Fiskes Haus holen. Dieses verwandelt sich darauf in ein Tollhaus, und Mrs. Fiske schmeisst die beiden trotz Ellens Flehen wieder hinaus und droht, sie ihrem Schicksal zu überlassen. In ihrer Verzweiflung bingt Ellen ihre Arbeitgeberin um. Die Lüge, Mrs. Fiske sei auf Reisen, lässt sich allerdings nicht lange aufrecht erhalten - erst recht nicht, als ein zwielichtiger Verwandter (Louis Hayward) Ellens auftaucht und im ganzen Haus herumzuschnüffeln beginnt...

Deshalb lohnt sich das Ansehen:
Ladies in Retirement ist ein atmospährisch dichter, sehr gut aufgebauter viktorianischer Crime-Thriller, der die Theatervorlage in ein gut geschriebenes Drehbuch umgiesst und diese dabei nicht verleugnet. Dank herausragender Darstellerinnen und Darsteller packt er von Beginn weg und macht dadurch richtig Spass.
Louis Hayward, Ida Lupino und Elsa Lanchester liefern hier wahre Glanzleistungen ab.
Besonders beachtenswert ist das heute fast vergessene Multitalent Ida Lupino; sie war nicht nur eine hervorragende Schauspielerin, sondern führte als eine der ganz wenigen Frauen im damaligen Hollywood-System auch Regie und schrieb Drehbücher.


Wo ansehen:
Ladies in Retirement
ist bei uns leider weder auf Blu-ray, auf DVD noch im Stream erhältlich.
Hier
(youtube) kann er aber in voller Länge und guter Bildqualität in der englischen Originalversion angschaut werden.
H
ier (youtube) zudem ein kurzes Film-Portrait der Schauspielerin Ida Lupino, produziert vom US-Sender TCM (in englischer Sprache).
Und hier (ebenfalls youtube) eine Episode der Burns & Allen-TV-Show (George Burns & Gracie Allen), in welcher der Regisseur von Ladies in Retirement, Charles Vidor, einen prominenten Gastauftritt hat (ebenfalls englisch gesprochen).

Weitere Filme des Regisseurs Charles Vidor:
Gilda (1946), Tyrannische Liebe (Love me or Leave Me, 1955), Der Schwan (The Swan, 1956)
Weitere Filme mit Ida Lupino:
Sie fuhren bei Nacht (They Drive by Night, 1940), Entscheidung in der Sierra (High Sierra, 1941), Der Seewolf (The Sea Wolf, 1941), Die Bestie (While the City Sleeps, 1956), Junoir Bonner (1972)



 

 


Montag, 19. April 2021

Gold nach Singapore aka Abenteuer im gelben Meer (1935)

 

 
Originaltitel: China Seas
Mit Clark Gable, Jean Harlow, Wallace Beery, Rosalind Russell, Lewis Stone, C. Aubrey Smith, Robert Benchley, Dudley Digges, Akim Tamiroff u.a.
Drehbuch: Jules Furthman und James Kevin McGuinness nach dem Roman von Crosbie Garstin
Regie: Tay Garnett


Inhalt:
Captain Gaskell (Clark Gable) hat das Kommando über ein Schiff, das mit einer Ladung Gold und einer bunten Schar illustrer Gästen an Bord von Honkong nach Singapur unterwegs ist. Auch Gaskells alte Flamme Dolly (Jean Harlow) ist mit von der Partie, in der Hoffnung, an die alte Liebschaft anknüpfen zu können, doch der Käpten hat nur Augen für eine noble junge Engländerin (Rosalind Russell). Aus Enttäuschung darüber tut sich Dolly mit dem zwielichtigen Jamesy McArdle (Wallace Beery) zusammen, nicht ahnend, dass sie Gaskell und mit ihm die ganze Schiffsgemeinschaft damit in Lebensgefahr bringt...


Pressebild mit drei Stars: Beery, Harlow & Gable

Hintergrund:
Produzent Irving Thalberg konnte mit China Seas ein weiteres seiner seit Grand Hotel (1932) bekannten und beim Publikum beliebten All-Star-Vehikel in die Kinos bringen. Bis es soweit war, durchlief das Projekt allerdings schier endlose Stadien der Veränderung und Anpassung, mehrere Drehbuchautoren wurden drangesetzt, die Dialoge und die Handlung aufzupolieren. Herausgekommen ist ein Abenteuerfilm mit pointierten Dialogstrecken und glänzender Ensembleleistung. Er wurde ein grosser Publikumserfolg, der Clark Gables Starruhm ein gutes Stück weiter nach oben schnellen liess.
Heute ist China Seas nur noch hartgesottenen Fans des alten Hollywood bekannt.

Regisseur Tay Garnett (sitzend) mit Gable, Beery und dessen
Adoptivtochter Carol-Anne bei den Dreharbeiten zu "China Seas".
Carol Anne hatte eine ganz kleine Rolle im Film.

Clarke Gable und Jean Harlow funktionierten gut zusammen
und wurden damals gern als Leinwandpaar eingesetzt


Szenenbilder / Aushangfotos:

Kritik:
Obwohl er keinen Moment langweilt, vermag China Seas den Betrachter nicht gänzlich zu überzeugen. Das liegt in erster Linie daran, dass er sich nicht recht entscheiden kann, ob er Komödie, Gesellschaftsstück oder Abenteuerschnurre sein will.

Der Abenteuer- und Actionaspekt kommt erst im letzten Drittel so richtig zum Tragen und erweist sich inszenatorisch als schwächstes Glied des Films. Das kann zu einem grossen Teil den damals noch rudimentären technischen Möglichkeiten angelastet werden, welche manche Sequenzen - zumindest aus der zeitlichen Distanz betrachtet - etwas lächerlich aussehen lassen. Die unkontrollierte Raserei einer an Bord befindlichen Dampfwalze während des grossen Sturms etwa gehört dazu.

Das grosse Plus des Streifens sind aber die durchs Band hervorragenden Schauspieler und Schauspielerinnen und die sehr gut geschriebenen, farbigen Charaktere, die sie verkörpern. Sogar das Liebespaar hat Charakter und trumpft mit beträchtlichem Wortwitz und sichtlicher Spielfreude auf. Auch Wallace Beery, für den ich in meiner Besprechung des Films Beggars of Life kürzlich kein gutes Wort übrig hatte, überzeugt, weil er hier auf lauter gleichgesinnte "Rampensäue" trifft und nicht, wie dort, auf feinsinnige Charakterdarsteller.
Obwohl von Filmfans immer wieder die stimmige Chemie zwischen Clark Gable und Jean Harlow herausgestrichen wird, bin ich der Meinung, diese sei nicht der Rede wert angesichts der offensichtlichen Chemie zwischen Harlow und Beery! Die Szenen mit den beiden gehören zu den besten und unterhaltsamsten des Films, denn da scheinen sich zwei Vollblut-Komödianten gefunden zu haben.

Die Darstellung der Malayischen Piraten würde heute natürlich Anstoss zu Rassismus-Protesten geben; doch gehören diese einfach zum unverzichtbaren Inventar des exotischen Abenteuerfilms - oder gehörten bis vor kurzen noch dazu. Inzwischen werden uns solche Versatzstücke nachdrücklich und nachhaltig von linken Möchtegern-Saubermännern madig gemacht.
Die Piraten werden allerdings weder lächerlich dargestellt noch werden sie von weissen Komparsen verkörpert - zudem gibt es in diesem Film weisse Männer, die ungleich lächerlicher dargestellt werden - etwa der von Robert Benchley verkörperte dauerbesoffene Erfolgsautor.

China Seas ist im deutschsprachigen Raum weder auf Blu-ray, DVD oder online verfügbar. Er kann als DVD (RC0) der Warner Archive Collection bestellt werden.



Donnerstag, 15. April 2021

Seh-Empfehlung 26: Drei Caballeros (1944)


USA 1944
Originaltitel: The Three Caballeros
USA 1943
Mit Aurora Miranda, Carmen Molina, u.a.
Regie: Norman Ferguson (Gesamtleitung), Clyde Geroninmi, Jack Kinney, Bill Roberts und Harold Young
Produktion: Walt Disney

Vor der Sichtung:
Über die meisten Filme Walt Disneys wurde schon genug gesagt und geschrieben. Ausser über Three Caballeros, den ich als Disneys unterschätztes Meisterwerk bezeichnen möchte (im Gegensatz zu Fantasia, der den semi-offiziellen Titel „Disneys anerkanntes Meisterwerk“ trägt).
Tatsächlich sticht Three Caballeros bereits auf den ersten Blick aus dem Gros von „Uncle Walts“ familientauglichen animierten Abendfüllern heraus: Durch seine Aufmachung, seinen Inhalt, sein Artwork und seinen sexuellen Unterton.
Wir haben es hier mit einem Epiosodenfilm zu tun, dem zweiten aus Disneys Schaffensbereich, der sich mit den „südamerikanischen Freunden“ befasst. Bereits ein Jahr zuvor entstand der ähnlich gelagerte Saludos Amigos, quasi als Nebenprodukt einer politisch motivierten „Good Neighbours“-Tour  des Studiochefs und einiger Mitarbeiter nach Südamerika (man suchte nach Einigkeit gegen Hitlerdeutschland).
Einer Not folgend verlegte man sich während des Krieges auf die Produktion von Episodenfilmen. Viele wertvolle Mitarbeiter waren eingezogen worden, zudem brach der europäische Markt weg – das Studio sah sich aus personellen und finanziellen Gründen ausserstande, weiter Langfilme im Stil von Pinocchio zu produzieren. Ein Episodenfilm brachte den Vorteil, dass mehrere kleine Teams gleichzeitig an je einem Kurzfilm arbeiten konnten und der immense Koordinationsaufwand der Langfilme wegfiel. So konnte innert nützlicher Frist ein „neuer Disney“ in die Kinos gebracht werden.
Saludos Amigos verband seine vier „Shorts“ mehr schlecht als recht, indem man alle unter das gleiche Motto (Südamerika) stellte. Hüben wie drüben hatte der Film Erfolg, und so beschloss man, nachdem sich die Arbeitssituation im folgenden Jahr noch nicht verbessert hatte, mit Three Caballeros nochmals auf dasselbe Pferd zu setzen. Doch irgendwie geriet das Projekt aus der vorgegebenen Fassung; die Episoden begannen zu wuchern, es wurden viel mehr als vier und die Übergänge wurden so fliessend, dass das Etikett „Episodenfilm“ dem fertigen Film gar nicht mehr gerecht wird. 

Inhalt / Nach der Sichtung:
Three Caballeros
beginnt mit einem riesigen Geschenk, das Donald Duck aus Südamerika erhält. Im Paket befindet sich ein Filmprojektor, der den Zuschauer mitnimmt ins amerikanische Nachbarland. Es folgen zwei Kurzfilmepisoden und man wähnt sich im gleichen Konzept, das bereits im Vorgängerfilm angewendet wurde. Doch dann wird einem buchstäblich der Boden unter den Füssen weggezogen. Mit dem Auftauchen des brasilianischen Papageis José Carioca, der bereits in Saludos Amigos einen denkwürdigen Auftritt hatte, kippt der Film in den Surrealismus, der für die restliche Filmdauer mit überraschender Konsequenz durchgehalten wird. Da wird ein animationstechnisches Feuerwerk abgebrannt, das es in dieser psychedelischen Abgefahrenheit bei Disney vorher und nachher nie mehr gab – der Folgefilm Alice in Wonderland und der sich „seriöser“ gebende Fantasia kommen dem noch am nächsten, doch dort scheint der Irrsinn immer nur partiell und in eher abgemilderter Form auf.
In Three Caballeros vervielfältigt sich eine Figuren plötzlich zu einem aus ihr selbst bestehenden Chor, um sich gleich darauf zu einer riesenhaften Ausgabe seiner selbst wieder zu vereinen, da geraten Charaktere in die Tonspur, werden von ihr „eingesogen“, grotesk deformiert und wieder ausgespuckt, da rast die verliebte Zeichentrickente Donald wie ein Verrückter an der Copacabana hinter real gefilmten Mädchen her, die ob seiner Liebestollheit kreischend die Flucht ergreifen, Züge rasen in irrem Tempo über absurd geführte Schienenstränge, die ein verrückter Vogel vorneweg in die Landschaft malt, die realen Schattenrisse tanzender Männer verwandeln sich in jene kämpfender Zeichentrick-Hähne, und immer wieder tauchen Real-Life-Schauspielerinnen auf (u.a. die bezaubernde Aurora Miranda, Schwester der bekannten gleichnamigen Carmen), die von einem weibstollen Donald durch die surrealen Dekors gejagt werden, bis auch letztere nicht mehr bleiben, was sie waren und anfangen, in immer wilderem Reigen zu mutieren. Das alles verbindet sich nach den beiden noch recht konventionellen Anfangsepisoden zu einem visuellen Wahnsinnstrip, wie er im Populärfilm selten oder gar nicht zu sehen ist. Three Caballeros, das ist „Disney auf Drogen“. Kaum zu glauben, aber wahr.
Die visuelle Fantasie, die hier aufgewendet und von „Uncle Walt“ zugelassen wurde, scheint grenzenlos, und so ist Three Caballeros vor allem ein Fest fürs Auge, das von exzellenten Ohrwürmern aus der Feder des mexikanischen Komponisten Manuel Esperon angeheizt wird. Ward Kimball, einer der Chefzeichner des Disney-Studios, gab zu Protokoll, dass Three Caballeros der einzige Film sei, mit dessen Ergebnis er vollkommen zufrieden sei.

Ein Unikum im Werk des globalen Märchenonkels; es erstaunt nicht, dass Three Caballeros die wahrscheinlich am wenigsten populäre Trickfilmschöpfung Walt Disneys ist. Er wurde als einziger Disney-Film nach seiner Uraufführung später nicht mehr als Re-Edition in den Kinos gezeigt.
Gleichzeitig ist der Film aber ein eindrückliches Zeugnis – das letzte – für Disneys ursprüngliche Experimentierlust, die nach vielversprechenden Anfängen (von der Silly Symphony-Serie über den ersten langen Animationsfilm Snow Withe und den singulären Fantasia bis zu den Three Caballeros) nach dem Misserfolg der beiden letztgenannten endgültig dem Hang zur Popularisierung gewichen ist.

Den Film gibt's auf DVD oder bei Disney+ zu sehen.




Dienstag, 13. April 2021

Time Lapse (2014)



Originaltitel: Time Lapse
Mit Danielle Panabaker Matt O'Leary, George Finn, Amin Joseph, Jason Spisak, Sharon Maughan, David Figlioli u.a.
Drehbuch:
Bradley King und BP Cooper
Regie: Bradley King

Vor der Sichtung:
Zeitreisegeschichten habe ich schon immer gemocht - in erster Line wegen ihres Potentials, ungewöhnliche Geschichten zu ermöglichen. Und weil Time Lapse eine Zeitreisegeschichte ohne Zeitreise ist, bin ich umso gespannter darauf.
Das Zeitreise-Element ist hier eine Kamera, die Fotos von zukünftigen Ereignissen machen kann. Dieses Gerät und die zugrunde liegende Geschichte ist offensichtlich von einer Episode der legendären amerikanischen TV-Serie Twilight Zone aus den Sechzigerjahren inspiriert; die Epiosode A Most unusual Camera berichtet von drei Leuten, eine Frau und zwei Männer, denen eine solche "Zukunfts-Kamera" in die Hände fällt, und die deren Vorzüge bei Pferdewetten zu Geld machen wollen...
Time Lapse ist ein Erstlingswerk, er entstand mit minimalem Budget. Obwohl der Film an mehreren Filmfestivals Preise einheimste, blieb er der bislang einzige Langfilm seines Regisseurs.

Inhalt:
Der Hobbymaler und Teilzeit-Hauswart Finn (Matt O'Leary) stellt fest, dass ein Bewohner seiner Siedlung, der Wissenschaftler Bezzerides, vermisst wird. Als er in dessen Wohnung nach ihm schaut, stösst er auf eine Wand voller Polaroidfotos und eine riesenhafte Kamera, doch von Mr. Bezzerides fehlt jede Spur. Die Kamera ist direkt auf das Fenster von Finns Wohnzimmers gerichtet, und die Fotos an der Wand zeigen alle genau dieses Motiv - aufgenommen an verschiedenen Tagen, jeweils um dieselbe Uhrzeit. Finn und seine beiden Mitbewohner Callie (Danielle Panabaker) und Jasper (George Finn) finden heraus, dass die Kamera Fotos von der Zukunft schiesst; was sie zu sehen bekommen sind Bilder vom kommenden Tag. Als auf einem der nächsten Bilder
Jasper mit einem beschrifteten A4-Blatt in der Hand zu sehen ist, auf welchem Teilnehmer der Hunderennen des Tages stehen, dämmert es den drei, dass auf dem Blatt die Gewinner notiert sind. Sie verstehen, dass sie selber in der Zukunft dieses Blatt beschrieben haben müssen, um sich die Gewinner-Tipps zu geben. Damit die Vorhersage der Kamera erfüllt wird, müssen sie am Abend desselben Tages das A4-Blatt mit den Gewinnern beschriften, sich ans Wohnzimmerfenster stellen und sich ablichten lassen. Auf unheimlich Weise gewinnen die drei den Eindruck, dass die Zukunft auf diese Weise immer mehr ihre Gegenwart bestimmt. Als die Kamera immer beunruhigendere Bilder ausspuckt, gerät das Leben der drei vollkommen aus den Fugen... 

Nach der Sichtung:
Time Lapse (auf Deutsch etwa Zeitversäumnis oder Zeitfehler) ist geschickt aufgebaut und versteht es, die Zuseher von den ersten Minuten an zu packen - und bis zum bitteren (aber unlogischen) Ende nicht mehr loszulassen. Dabei drehen Regisseur und Drehbuchautoren gekonnt an der Spannungsschraube und warten immer wieder mit unerwarteten Wendungen auf, die aber nie Selbstzweck bleiben, sondern die Erzählung weitertreiben. Dass sie dabei die Unglaubwürdigkeit ihrer Geschichte geschickt kaschieren und den Mumpitz real erscheinen lassen, ist für einen Erstlingsfilm eine beachtliche Leistung.
Das führt allerdings dazu - auf der Negativseite - dass Time Lapse von tödlichem Ernst durchdrungen ist, was einem mit zunehmender Filmdauer aufs Gemüt schlagen kann.
Keine leichte Kost für einen weitgehend sinnfreien Film ohne jegliche Realitätsverankerung.

Time Lapse erschien bei uns weder auf DVD noch auf Blu-ray. 


 

Dienstag, 6. April 2021

Das Lied des goldenen Westens (1944)

Originaltitel: Can't Help Singing
Mit Deanna Durbin, Robert Paige, Akim Tamiroff, David Bruce, Leonid Kinskey, June Vincent, Ray Collins, Andrew Tombes u.a.
Drehbuch: Lewis R. Foster und Frank Ryan nach einem Roman von Samuel J.
Warshawsky und Curtis B. Warshawsky
Regie: Frank Ryan

Vor der Sichtung:
Von der Schauspielerin und Sängerin Deanna Durbin habe ich zwar schon oft gehört, aber ich kenne keinen einzigen ihrer Filme. Nur 23 hatte sie gedreht, das hatte gereicht, in den Dreissiger- und Vierzigerjahren zum Hollywood-Superstar aufzusteigen. 1948 beendete sie die Dreharbeiten zu ihrem letzten Film, drehte sich um und verliess Hollywood und das Filmbusiness für immer - im Alter von 27 Jahren. Das lässt auf Charakter schliessen, weshalb ich mir nun ihren ersten (und einzigen) Farbfilm vornehme, die heute vollkommen vergessene Komödie Can't Help Singing (die 1950 auch in die Deutschen Kinos kam).
Vom Regisseur Frank Ryan habe ich ebenfalls noch nie einen Film gesehen - ich habe bislang noch nicht mal von ihm gehört! Was aber kein Wunder ist: Ryans Regiekarriere lief gerade an, als er 1948, nach nur fünf Filmen im Alter von 41 Jahren verstarb - woran ist nicht zu eruieren. Ryan scheint heute derart gründlich vergessen zu sein, dass im Netz nicht einmal ein kurzer Lebenslauf von ihm zu finden ist (Update: Manfred Polak hat etwas gefunden - siehe sein Kommentar zu diesem Artikel).
Aufmerksam auf Can't Help Singing wurde durch eine Rezension von Alyssa auf der Internet-Seite Letterboxd.com, die schreibt:
"Yes, it's predictable and some of the acting was overdone but this is just such a bright, cheerful and fun film, just what the doctor ordered!"
Das klingt gut - und mal wieder etwas Leichtes. Deshalb: Film ab!

Inhalt:
Die Seantorentochter Caroline Frost (Deanna Durbin) möchte den Kavallerieoffizier Latham (David Bruce) heiraten, was ihr einflussreicher Vater (Ray Collins) strikte ablehnt. Eines Abends flieht Caroline von zu Hause, um ihrem Geliebten, der mit seiner Truppe Richtung Californien abgezogen ist, nachzureisen. Unterwegs macht sie Bekanntschaft mit einigen schrägen Vögeln, die ihr helfen, weiterzukommen - insbesondere der Trickbetrüger Lawlor (Robert Paige), der sich in Caroline verliebt hat...
Die beiden schliessen sich einem "Wagon Trail" nach Californien an, wo gerade reiche Goldadern entdeckt worden sind...

Nach der Sichtung:
Es hat sich gelohnt! Can't Help Singing ist leicht Kost, aber auf hervorragendem Niveau! Der Film ist eine musikalische Komödie, die mit sicherem Gespür fürs Komödiantische inszeniert wurde - Regisseur Ryan verstand sein Handwerk! Nicht nur beweist er Sinn fürs richtige Timing, seine Inszenierung fliesst lebendig und anmutig - von den eher intimen Gesangsnummern bis zu den eindrücklichen Massenszenen mit dem "Wagon Trail".
Sämtliche Rollen sind zudem mit komödiantisch begabten Leuten besetzt - von Deanna Durbin über Robert Paige und Akim Tamiroff bis hin zu den kleinsten Nebenrollen zeigt sich das gesamte Ensemble in aufgekratzt-ausgelassener Spiellaune!

Can't Help Singing ist ein kleiner Film, ein vergessener Film. Einer, der beweist, dass "klein" und "vergessen" nicht mit "schlecht" gleichgesetzt werden kann.



Samstag, 3. April 2021

Lebensgier (1954)

Originaltitel: Human Desire
Mit Glenn Ford, Gloria Grahame, Broderick Crawford, Diane DeLaire, Edgar Buchanan, Peggy Maley, Grandon Rhodes u.a.
Drehbuch: Alfred Hayes nach einem Roman von Emile Zola
Regie: Fritz Lang

Vor der Sichtung:
Für einmal macht der Originaltitel dem deutschen Verleihtitel punkto Doofheit Konkurrenz. Regisseur Fritz Lang protestierte vor Kinostart offenbar dagegen, indem er angeführt haben soll: "What other kind of desire is there?" Recht hatte er - der Englische Titel bedeutet "menschliches Verlangen".
Für die Hauptrolle hatte Lang Peter Lorre vorgesehen, doch der weigerte sich - nach "M- Eine Stadt sucht einen Mörder" wollte er nicht mehr mit dem despotischen Regisseur zusammenarbeiten. Dass nun an Lorres Stelle Glenn Ford zuoberst auf der Besetzungsliste steht, mutet seltsam an: Ein grösserer Kontrast zu Lorre ist schwer vorstellbar. Punkto Publikumswirksamkeit ist Fords Wahl nachvollziehbar, doch ich bin skeptisch: Ich kenne Ford bislang nur als unflexiblen, wenig wandlungsfähigen Schauspieler, der wenig mehr drauf hat als drei Gesichtsausdrücke.
Human Desire beruht auf Emile Zolas 1906 erschienenem Roman "La bête humaine", der bereits 1938 vom französischen Regisseur Jean Renoir verfilmt wurde, wobei sich Fritz Lang und sein Drehbuchautor Alfred Hayes weitgehend von Zolas Handlung und Figuren lösten, den Rahmen aber beibehalten - der Film spielt wie die Vorlage im Eisenbahnermilieu. Bezüglich Handlung scheint er eher James M. Cains Roman Double Indemninty (1944 verfilmt von Billy Wilder) zu folgen.

Inhalt:
Zwei Geschichten laufen zunächst parallel zueinander, bevor sie sich ineinander verwickeln: Der (Korea-)Kriegsheimkehrer Jeff Warren (Glenn Ford) nimmt seine Arbeit als Lokführer wieder auf. Gleichzeitig verliert Carl Buckley, ein anderer Eisenbahner (Broderick Crawford) wegen seines Jähzorns die Stelle. Da dessen junge Frau Vicky (Gloria Grahame) den Hauptaktionär der Eisenbahn, John Owens (Grandon Rhodes) gut kennt, bittet Buckley sie, bei diesem ein gutes Wort einzulegen. Sie tut es, kehrt aber erst fünf Stunden später zurück, was Carl zu rasender Eifersucht treibt. Er plant, Owens zu ermorden und zwingt seine Frau dazu, ihn mittels eines Briefes in ein bestimmtes Eisenbahnabteil zu locken.
Weil Lokführer Jeff im selben Zug mitfährt und Vicky begegnet - ihre Ablenkungsversuche interpretiert er als Anbändeln - schöpft er Verdacht, sobald der Mord entdeckt wird. Doch da ist er der Frau bereits verfallen, die ihn bittet, sie aus der Sache herauszuholen...

Nach der Sichtung:
Human Desire (der Titel würde auch auf ca. 2000 andere Filme passen) beginnt packend und zieht die Zuschauer gleich von Beginn weg in seinen Bann. Leider hält dieses dem Film Noir zugeschriebene Werk die Spannungsintensität nicht durch und lässt nach knapp einer Stunde deutlich nach. Dies hat mit der zentralen Figur, der Mördergattin Vicky zu tun. Sie erscheint von Beginn weg als undurchschaubar, man weiss nicht, ist sie ihres Gatten Opfer oder manipuliert sie ihn. Die Spannung, die sich daraus ergibt, fällt mit zunehmender Filmdauer flach, denn es wird zunehmend zum Frust, dass ihre Person stets genau gleich undurchsichtig bleibt und bis zum Schluss in dieser Hinsicht keinerlei Entwicklung durchmacht. Bis zuletzt weiss man nicht, ob alles, was sie erzählt, wahr ist oder ob es sich um infame, manipulative Lügen handelt.
Wenn man mir - wie hier - eine Geschichte erzählt, dann möchte ich mir nicht am Ende zurecht interpretieren müssen, was ich da gerade gehört/gesehen habe. Ich möchte am Schluss wenigstens ansatzweise über die Motive der zentralen Figur Bescheid wissen. Doch Human Desire gibt keinerlei Hinweise darauf. So hinterlässt er ein schales Gefühl - dass dies offebar
nicht nur bei mir der Fall ist, zeigt ein Blick in die Kommentare der Internet-Filmseite Letterboxd.com.

Das ist schade, denn er hat zahlreiche Vorzüge, und die haben ausnahmslos mit dem Regisseur zu tun! Fritz Lang versteht es, die Geschichte mit vielen hinein inszenierten Details lebendig zu gestalten; die Figuren werden mittels kleiner inszenatorischer Einfälle zum Leben erweckt. Jeffs erste Fahrt mit dem Zug zu Begin zum Besispiel ist ein Highlight kreativer Regie-Einfälle; kleinste Nebenfiguren (der Stationsvorsteher, Jeffs Arbeitskollege und dessen Frau, ein Barkeeper) bleiben haften dank der Art, wie sie in Szene gesetzt werden.
Carl Buckley und seine fatale Frau sind mit Broderick Crawford und Gloria Grahame perfekt besetzt, genauso die kleinen Nebenfiguren. Nur Glenn Ford bleibt austauschbar.
Lang versteht es, Atmosphäre zu schaffen und das Publikum zu packen. Er ist ein Meister des Erzählkinos. Leider hatte er während seiner Zeit in den USA oft Drehbücher oder Vorlagen, die seinem Können nicht angemessen waren - Human Desire gehört zu dieser Sorte Film.

Wer ein Gespür für gute Inszenierung hat, sollte ein Auge zudrücken, sich den Film trotzdem ansehen und sich an diesem Aspekt ergötzen.
Human Desire ist hierzulande nicht erhältlich; in England ist er als Doppeledition Blu-ray/DVD bei "Masters of the Cinema" erschienen.

 



Children of Divorce (1927)

Mit Clara Bow, Esther Ralston, Gary Cooper , Einar Hanson, Norman Trevor, Hedda Hopper, Edward Martindel u.a. Drehbuch: Hope Loring und Lou...