Samstag, 5. September 2020

Seh-Empfehlung 8: Marie-Antoinette (Marie Antoinette, 1938)

 


Marie Antoinette
(dt.: Marie-Antoinette, 1938)

Mit Norma Shearer, Robert Morley, Tyrone Power, Joseph Schildkraut, Henry Stephenson, John Barrymore, Anita Louise, u.a.
Drehbuch: Claudine West, Donald Ogden Stewart und Ernest Vajda nach dem Roman von Stefan Zweig

Regie: W.S. Van Dyke und Julien Duvivier (nicht erwähnt in den Credits)
Produzent: Hunt Stromberg

Kamera: William H. Daniels
Studio: MGM

Kino/TV/Video-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Januar 1951
Dauer: 149 min

Farbe:schwarzweiss


Das Leben der französischen Königin Marie-Antoinette als MGM-Grossproduktion? Ich ging skeptisch an den Film heran. Doch schon nach kurzer Zeit hatte er mich beim Wickel und liess mich über zwei Stunden Laufzeit nicht mehr los. Obwohl ich versuche, mich einem Film unvoreingenommen zu nähern, muss ich immer wieder feststellen, dass ich mir doch im Voraus ein Bild von ihm mache. Was im ersten Satz dieser Rezension steht, löst fast automatisch Assoziationen und negative Erwartungen aus - so sind wir konditionniert.
Wer von Marie Antoinette keine historische Genauigkeit erwartet, wird allerdings positiv überrascht.

Die junge österreichische Prinzessin Marie-Antoinette (Norma Shearer) ist ganz aus dem Häuschen, als ihre Mutter, die Kaiserin Maria Thersia (Alma Krüger) ihr eröffnet, dass sie die Gattin des französischen Thronfolgers und damit dereinst Königin werden soll. Doch Dauphin Louis (Robert Morley) erweist sich als höchst seltsame, unzugängliche Person, ein zurückgezogener, verschrobener Typ, der lieber Schmied werden möchte statt König. Von Frauen will er schon gar nichts wissen; am meisten bedrückt ihn die scharfzüngige, intrigante Mätresse des aktuellen Königs, Madame Du Barry (Gladys George).
Als der alte König (John Barrymore) stirbt, wird Louis zum Herrscher über Frankreich gekrönt. Maria-Theresia vergnügt sich längst anderswo, hat einen Liebhaber (Tyrone Power), und das ganze Land weiss davon.
Die Nachrichten von der Vergnügungssucht der Königin befeuert das Aufkeimen der Unzufriedenheit unter dem gewöhnlichen und darbenden Volk. Die Einpeitscher Revolution stehen in ihren Startlöchern...


Thalbergs Letzter
Nach der Visionierung dieses in jeder Hinsicht monumentalen Films war mein erster Gedanke: Marie Antoinette sieht überhaupt nicht nach einer MGM-Produktion der Nach-Thalberg-Ära aus!
Der geniale Produzent Irving Thalberg verstarb bereits 1936, zwei Jahre vor der Beendigung dieses Films, viel zu früh und viel zu jung. Bis dahin führte er das Metro-Goldwy-Mayer-Studio (MGM) zu grandiosen finanziellen und künstlerischen Höhenflügen. Er hatte ein sicheres Gespür für den Publikumsgeschmack, daneben boxte er auch immer mal wieder unpopuläre, aber interessante Projekte wie etwa Tod Brownings Freaks durch - stets gegen den Willen von Studioboss Louis B. Mayer. Nach Thalbergs Tod ging es bei MGM nach Mayers Geschmack weiter - die Massenproduktionen wurden nun ungleich harmloser, konventioneller und biederer.  

Doch Marie-Antoinette passt absolut nicht ins Schema Mayers, der dem Studio vorstand und ein reiner Geschäftsmann war.

In der Tat handelt es sich hier um das letzte Projekt, welches Irving Thalberg noch aufgegleist hatte - und das sieht man: Etwas derart geradlinig-kompromissloses gab es nach Thalberg bei MGM kaum mehr - das heute vielzitierte und ungerechtfertigterweise allen Hollywood-Filmen jener Zeit zugeschriebene Heile-Welt-Schema war ein Markenzeichen Mayers.
Ein zweieinhalbstündiger Kostümfilm über den französischen Königshof, der mit der Enthauptung der Heldin endet hingegen konnte nur unter Thalberg entstehen.
Mayer hätte den Film am liebsten verhindert, doch zu viel Geld war schon in die Vorbereitungen gesteckt worden. Zähneknirschend stimmt er zu, versuchte aber immer wieder, noch ein paar Dollar einzusparen. Ursprünglich hätte Marie-Antoinette in Farbe gedreht werden sollen, was Mayer zu verhindern wusste. Schade, denn offenbar waren die prachtvollen Kostüme nach einer sorgfältig ausgearbeiteten Farbdramaturgie gefertigt worden. 

Die französische Revolution im US-Kino

Thalbergs Witwe Norma Shearer, welche die Titelrolle übernahm, führte das Projekt zu Ende, an dem ihr Mann seit 1933 gearbeitet hatte. Marie Antoinette war eines dieser berühmt-berüchtigten Thalberg-Langzeitprojekte, die intern in zahllosen Sitzungen
immer wieder neu diskutiert und umgeschrieben wurden, bis alle Beteiligten zufrieden waren

Der von W.S. Van Dyke hervorragend inszenierte Film zeichnet den Weg Marie-Antoinettes von ihrer Hochzeit mit dem französischen Dauphin und späteren König Louis XVI bis zu ihrem Tod durch die Guillotine nach - konsequent aus ihrer Sicht erzählt. Dass er dafür zweieinhalb Stunden benötigt, stört nicht, im Gegenteil. Marie-Antoinette lässt einen keinen Moment los. Die zweite Hälfte, als die französische Revolution die Adelsherrschaft beendet und die Königsfamilie all ihrer Würde beraubt, gehört zu den intensivsten, konsequentesten und aufwühlendsten Filmstrecken, die ich von diesem Studio je gesehen habe. Im Gegensatz zu D.W. Griffith's durchaus vergleichbarem Stummfilm Orphans of the Storm (1921) bekommt der Adel hier ein Gesicht und deren Vertreter werden als Menschen gezeichnet. Griffith inszenierte sie ausschliesslich als bösartige Affen und benutzte sie als Chiffren für Ausbeutung und genussüchtige Verblödung.
Interessantes Detail: Der gebürtige Oesterreicher Joseph Schildkraut wiederholt seine Rolle des höfischen Intriganten, die er bereits in Griffiths Opus innehatte, hier praktisch eins zu eins.
Marie-Antoinette stellt keine politischen Statements ins Zentrum, sondern bemüht sich darum, die historischen Charaktere differenziert darzustellen und deren tiefen Fall als die menschliche Katastrophe darzustellen, die er tatsächlich war.

Cast & Crew
Ein grosser Teil der Verantwortung lag damit auf den Schauspielerinnen und Schauspielern - und auf dem Regisseur bezüglich der Führung derselben. Nicht nur in dieser Hinsicht ist der Film praktisch ohne Fehl und Tadel: Norma Shearer bewältigt ihren emotional extremen Part mit Bravour, ist gleichzeitig Mensch und Würdenträgerin, und Robert Morley liefert als ihr unbedarfter Königsgemahl die beste und berührendste Leistung ab, die ich je von ihm gesehen habe. Tyrone Power als Liebhaber der Königin hingegen wirkt daneben etwas hölzern, glücklicherweise nimmt er nicht allzu viel Platz ein.
Von John Barrymore (als der alte König) und Anita Louise (als Princesse de Lamballa) hingegen hätte man gerne mehr gesehen. Die Talente beider sind in winzigen Rollen von undankbarer Kürze vergeudet.

Regisseur W.S. Van Dykes wird heute oft als "One-Take Woody" wie ein Witz herumgereicht. Er war offenbar bekannt dafür, dass er jede Szene nach einem einzigen Versuch im Kasten hatte und dem Studio so Geld sparen half. Ich fand seine Regieleistungen nie lächerlich, sondern grundsolide, in diesem Fall sogar hervorragend. Van Dyke gehört zu den unterschätzten Regisseuren aus Hollywoods grosser Studiozeit.
Viel verdankt der Film zudem dem Ausstatter (Cedric Gibbons) und den Köstumbildnern, die hier wahre Wunder vollbrachten, indem sie Teile des französischen Königshofs kamerawirksam auferstehen liessen. Auf den Nachbau der originalen Innenräume von Schloss Versailles musste verzichtet werden; Gibbons befand, sie seien mit ihrer allzu delikaten Prakt cinematografisch ungünstig.
Natürlich nimmt es der Film auch an anderen Orten mit der Historie nicht so genau. Geschichtspuristen lassen also besser die Finger davon. Wer einen hervorragenden Film sehen möchte, greife zu.

Marie-Antoinette ist in der Warner Archive Collection (USA) als DVD-R (made on demand, RC0) erschienen. Bei uns ist er bislang nicht auf DVD/Blu-ray erschienen.



Bewertungen: 
imdb.com: 7,4 / 10 (2'642 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,4 / 5 (418 Stimmen)
Meine Wertung: 9 / 10

Michael Scheck

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