Dienstag, 8. September 2020

Das Königsspiel (Searching for Bobby Fischer, 1993) - Kurzkritik



Searching for Bobby Fischer (dt.: Das Königsspiel, 1993)
Mit Max Pomeranc, Joe Mantegna, Ben Kingsley, Joan Allen, Laurence Fishburne, Robert Stephens, David Paymer u.a.
Drehbuch: Steven Zaillian nach dem Buch von Fred Waitzkin
Regie: Steven Zaillian
Produzent: William Horberg und Scott Rudin

Kamera: Conrad L. Hall
Musik: James Horner
Studio: Mirage Enterprises

Kino/TV/DVD-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Juni 1994
Dauer: 109 min

Farbe: color


Bewertungen: 
imdb.com: 7,4 / 10 (28'814 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,5 / 5 (4'935 Stimmen)
Meine Wertung: 3 / 10



Josh Waitzkin (Max Pomeranc) ist sieben Jahre alt, als er sich plötzlich nicht nur für Schach zu interessieren beginnt, sondern darin auch gleich erstaunliche Fähigkeiten an den Tag legt. Im Park spielt er Schnellschach gegen den Arbeitslosen Vinnie (Laurence Fishburne) - und gewinnt. Als Vater Fred (Joe Mantegna) beim Schachgenie Bruce Pandolfini (Ben Kingsley) um Unterricht für seinen scheinbar genialen Sprössling anfragt, ahnt er noch nicht, dass dies für Josh praktisch das Ende seiner Kindheit bedeutet. Pandolfini sieht in ihm nämlich einen zweiten Bobby Fischer und eröffnet ihm die Welt der Junior-Schachturniere.

Searching for Bobby Fischer ist ein frühes Beispiel der Junior-Genie-Filme wie etwa Gifted (dt.: Begabt - Die Gleichung eines Lebens, 2017), wie sie in der neueren Filmgeschichte immer mal wieder auftauchen. Sie stellen einen Kinderdarsteller in den Mittelpunkt, der neben gestandenen Schauspieler-Stars zu bestehen hat. Dass dies nicht immer gut geht, zeigt dieser Film. Der zur Zeit der Dreharbeiten neunjährige Max Pomeranc macht wenig mehr als grossäugig in die Gegend starren, ab und zu mal lächeln und seinen Text relativ emotionslos herunterlispeln. Natürlich ist er noch ein Kind. Aber damit trägt man keinen Film. Und auf seinen Schultern ruht die gesamte Last des Drehbuchs.

Offenbar wurde Pomeranc gewählt, weil er tatsächlich Schach spielen konnte. Somit wirkt immerhin sein Schachspiel authentisch (was ich als Nicht-Spieler nicht überprüfen kann). Weil er nicht überzeugend schauspielern konnte, wurde er angewiesen, so wenig wie möglich zu machen. Das ergibt allerdings eine langweilige Hauptfigur mit Schlaftabletten-Wirkung.
Was die anderen Figuren des Film anbelangt: Sie sind allesamt eindimensional gezeichnete Plattitüden. Der ehrgeizige Vater, die besorgte Mutter, der genialische Schachmeister... Mehr als Abziehbilder sind die Figuren, die Drehbuchautor Steve Zaillian zum Leben zu erwecken versucht, nicht.

Damit sind wir beim Drehbuch. Ich würde es als durchwegs problematisch bezeichnen. Ja, ich weiss, dass auch der vielgelobte The Irishman (2019) von Martin Scorsese aus Zaillians Feder stammt. Ich kenne den Film nicht und kann mich dazu nicht äussern. Schindler's List - ebenfalls von Zaillian - kenne ich; deshalb war ich so erstaunt über die gravierenden Schwächen, die Searching for Bobby Fischer aufweist. 
Bis der zentrale Konflikt der Geschichte endlich erkennbar wird, vergehen 50 zähe Minuten, während derer man sich mehrmals fragt, worauf der Film eigentlich hinauswill. Zaillian schafft es bis dorthin nicht, Joshs erstaunliche Fähigkeit in irgendeiner Weise glaubhaft zu machen. Er kann einfach plötzlich Schach spielen. Punkt. Vielleicht ist das ja möglich. Aber dann hätte ein guter Drehbuchautor einen Weg gefunden, uns das zu verkaufen. Zaillian verlässt sich zu sehr auf die Tatsache, dass sein Film auf einer wahren Geschichte beruht. Weiss er nicht, dass die Realität und die artifizielle Film-Wirklichkeit sich nicht vertragen?

Als der zentrale Konflikt im Film endlich etabliert ist, lässt Zaillian ihn nebulös mal aufscheinen und mal wieder wegdämmern. Am Schluss, nicht zuletzt dank dem Happy-End, bleibt unklar, was das jetzt eigentlich war: Ein Film über die Wichtigkeit, sich die Kindheit zu bewahren? Über den Leistungsdruck der modernen Gesellschaft? Über die Willkürlichkeit und Rätselhaftigkeit von Genialität? Man darf sich von allem etwas aussuchen, der Film macht keine Aussage.
Er wirkt, als hätte der Autor aus übertriebenem Respekt oder vorauseilendem Gehorsam vor den noch lebenden Vorbildern sich auf keine Äste hinauswagen wollen.
Zusammen mit der profillosen, bisweilen konfusen Regieführung ergibt das einen Film, den man sich als Normalsterblicher getrost schenken kann.
Schachexperten werden vielleicht ihre Freude daran haben. Wie man hört, soll Zaillian zahllose Schach-Interna eingebaut haben.
 
Hierzulande kann der Film im Stream geschaut werden - hier die Liste der Anbieter.



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