Donnerstag, 23. Juli 2020

Kurzkritiken: Meyerowitz - Alcatraz - Überfahrt

Der Wochenrückblick auf meine filmischen Abenteuer - erstmals publiziert mit dem Hintergedanken, die Rubrik wöchentlich fortzusetzen.
Dass dabei nicht all Filme in das gewählte Blogschema (Hollywood von 1900 bis 1995) passen, macht hoffentlich gar nichts - dieses wird in den längeren Artikeln dafür umso strenger berücksichtigt...


The Meyerowitz Stories (New and Selected) (2017)
Dies war mein erster Noah Baumbach-Film.
Baumbach wird immer mal wieder mit Woody Allen in dessen mittlerer Schaffensphase verglichen: Ein Intellektueller, der seine Drehbücher selbst verfasst, dessen Filme voll witziger Dialoge sind, in städtischer Umgebung spielen und häufig die Probleme von normalen Leuten thematisieren. Baumbachs letzter Film, Marriage Story, wurde vor Kurzem hoch gelobt.

The Meyerowitz Stories (New and Selected) stellt den renommierten, inzwischen aber erfolglosen Bildhauer Harold Meyerowitz (Dustin Hoffman), seine drei erwachsenen Kinder und deren Schwierigkeiten mit dem Leben ins Zentrum. Im Schatten des übergrossen, egozentrischen Künstler-Vaters verkümmerten die beiden Ältesten, Danny (Adam Sandler) und Jean (Elizabeth Marvel), während sich der jüngere, der Halbbruder Matthew (Ben Stiller) durch selbst herbeigeführte räumliche Distanz zu lösen vermochte und als Geschäftsmann zu Erfolg gekommen ist. Matthew ist bezeichnenderweise Harolds Lieblingssohn – er hat erreicht, wozu der Vater es nie gebracht hat: Geld und Anerkennung.
Der Film dreht sich hauptsächlich um die drei männlichen Meyerowitze, Harold trifft seine beiden Söhne zunächst einzeln, während in der zweiten Filmhälfte alle nach einem lebensbedrohendem Zusammenbruch Harolds zusammenkommen. In vielen Gesprächen werden die Vergangenheit und die Beziehung der drei umrissen, woraus sich ein scharfes Bild zerrütteter familiärer Verhältnisse kristallisiert. Der Film zeichnet auch den Prozess einer langsamen gegenseitiger Annäherung nach und endet schliesslich auf einer hoffnungsvollen Note.
Baumbach beherrscht die Kunst des dialoglastigen Kinos; seine Dialoge sind witzig, sie wirken lebendig, aus dem Leben gegriffen, sie finden meist parallel zu einer äusseren Handlung statt – und sie sind eine Kunstform für sich.
In diesem Film, und vorerst kann ich nur von diesem sprechen, gelingt es ihm immer wieder, aus belanglosem und scheinbar zusammenhangslosem Wortgeplänkel heraus unvermittelt zu Sätzen von tiefer Ernsthaftigkeit zu gelangen. Darüber hinaus spiegeln die Dialoge sehr schön und auf schmerzvoll komische Weise die innere Zerrissenheit, die emotionale Zusammenhangslosigkeit der Familie. Die Dialoge und die Figurenzeichnung sind ganz klar Baumbachs grosse Stärke, doch besitzt The Meyerowitz Stories auch andere Qualitäten. Die Schauspielerführung ist eine davon. Die gesamte Besetzung spielt grossartig, zum Teil sind die Stars, Sandler und Stiller vor allen anderen, gegen ihre üblichen Rollenschemata gebürstet. Wie Sandler den gutwilligen aber völlig verkrachten Danny gibt, bleibt haften; Emma Thompson als ständig alkoholisierte Alt-Hippie-Lebenspartnerin des Vaters ist ein herrliches Kabinettstückchen, und auch Judd Hirsch als alternder Künstlerkumpel Harolds überzeugt auf ganzer Strecke. Nicht zuletzt findet Dustin Hoffman hier nach langer Zeit wieder einmal zu altem darstellerischem Glanz zurück.
Kommt hinzu: Die Charaktere und Situationen wirken nie papieren; sie scheinen direkt aus dem Leben gegriffen und funktionieren auch als Zeitbild.

Und das ist es, was diesen schönen Film letztlich ausmacht: Er ist universal und zeigt nichts anderes als die Mühen des Lebens, des Lösens und des wieder Zusammenwachsens.
Dies war mein erster Baumbach-Film; er wird nicht der letzte gewesen sein!
The Meyerowitz Stories kann bei Netflix gestreamt werden. Auf Blu-ray oder DVD ist er (bislang) nicht erschienen.


Flucht von Alcatraz (Escape from Alcatraz, 1979)
In der Nacht vom 11. Juni 1962 gelang drei Insassen die Flucht aus dem berüchtigten, auf einer Insel vor San Francisco eingerichteten Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz. Bis zum frühen Morgen blieb deren Verschwinden unentdeckt. Bis heute hat man keine Spur der drei gefunden. Niemand weiss, ob sie nicht in der kalten Meeresströmung der San Francisco Bay umgekommen sind. Noch immer zählen die drei zu den meistgesuchtesten Verbrechern Kaliforniens. Sie waren die ersten, denen eine Flucht aus dieser als sicher geltenden Festung gelungen war.
1979 wagte sich Paramount an eine Verfilmung des Stoffs. Actionspezialist Don Siegel leitete das Unternehmen als Regisseur und Produzent. Es war sein fünfter Film mit Clint Eastwood in der Hauptrolle.
"Escape from Alcatraz" beginnt mit der Einlieferung des Kopfs des Fluchtunternehmens, Frank Morris (Eastwood). Die erste Hälfte des Films zeigt den Gefängnisalltag in Alcatraz, man lernt einige der Mitinsassen und den Gefängnisdirektor (Patrick McGoohan) näher kennen. Die zweite Filmhälfte ist der Vorbereitung und Ausführung der Flucht durch das marode Lüftungssystem des über hundert Jahre alten Gebäudes gewidmet.

Escape from Alcatraz lässt mich etwas ratlos zurück. Ich konnte der relativ ruhigen, aber durchaus spannend gestalteten ersten Hälfte, in der die Beziehungen der Gefangenen untereinander entwickelt werden, mehr abgewinnen als der sprunghaft inszenierten zweiten. Dort zerbricht das Konzept des Films, der sich bis dahin linear und stringent vorwärts bewegt hat, daran, dass nun plötzlich nicht mehr die Personen und Beziehungen im Mittelpunkt stehen, sondern die vergleichsweise langweilige, langwierige Arbeit des Mörtelkratzens, Pappmaché-Köpfe Herstellens und des Auftreibens von Hilfsmaterial. Um die Langfädigkeit zu umgehen, wird die Zeit mittels Überblendungen gerafft. Das wiederum hat eine gewisse Unglaubwürdigkeit zur Folge: Wie war es möglich, derart perfekte Pappmaché-Köpfe herzustellen, ohne die Aufmerksamkeit der Wärter zu erregen? Und wie war es möglich, die über-wachsamen Wärter mit diesen zu täuschen? Das Beantworten dieser Fragen hätte mehr Zeit erfordert. Dank des Zeitraffers erscheint die ganze Flucht-Geschichte unrealistisch und unglaubwürdig und das wirkt sich leider nicht zum Vorteil des handwerklich durchaus gut gemachten Films aus.
Eine Mini-Serie fürs Fernsehen wäre wahrscheinlich das passendere Format für den Stoff gewesen.

Nach der Sichtung frage ich mich zudem, was der Film eigentlich will – das wird nie ganz klar. Einiges deutet darauf hin, dass die Zustände in den amerikanischen Gefängnissen kritisiert werden sollten: Der Direktor ist ein rachsüchtiger Fiesling, seine Methoden sind brutal und entwürdigend. Auf der anderen Seite wirkt das Gros der Gefangenen eher kumpelhaft und harmlos – sicher nicht die Klientel, die in einem Hochsicherheitsgefängnis wie Alcatraz versorgt wird. Escape from Alcatraz wirkt also zunächst wie einer jener typischen linkslastigen New Hollywood-Filme. Doch die aufgepfropfte Systemkritik bleibt in den Ansätzen stecken und verpufft gegen Ende vollends.
Übrig bleibt ein etwas unebenes, durchaus spannendes und unterhaltsames Gefangenendrama mit Actionelementen, das bei genauer Betrachtung weniger Fleisch am Knochen hat als es zunächst scheint.
Flucht von Alcatraz ist bei uns auf Blu-ray und DVD erhältlich; er kann auch gestreamt werden - hier die Liste der Anbieter.


Gefährliche Überfahrt (Dangerous Crossing, 1953): Das frischvermählte Ehepaar Bowman (Jeanne Craig und Carl Betz) verbringt die Flitterwochen auf einem Kreuzfahrtschiff; kaum sind die beiden an Bord verschwindet der Ehemann. Gattin Ruth gerät in Panik, zumal niemand an Bord ihren Gatten gesehen haben will. Zudem stellt sich die Kabine, die sie gemeinsam bezogen hatten, plötzlich als "nicht gebucht" heraus. Der Schiffsarzt (Michael Rennie) nimmt sich ihrer an - bald wird ihr klar, dass man sie für verrückt hält. Leider schafften es die Leute um den wenig bekannten Regisseur Joseph M. Newman nicht, aus dieser spannenden Ausgangslage einen guten Film zu machen. Die Hauptdarsteller agieren steif und unnatürlich (allen voran Jeanne Craig), die Regie bleibt konventionell und das Drehbuch (Leo Townsend) "glänzt" mit platten Dialogen.
Ein Möchtegern-Hitchcock ohne Talent.
Dieser Film ist bei uns nicht auf Blu-ray oder DVD erhältlich - auch nicht im Stream.


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