Samstag, 29. August 2020

The Man Who Played God (1932)




The Man Who Played God (1932)
Mit George Arliss, Violet Heming, Bette Davis, Ivan F. Simpson, Louise Closser Hale, André Luguet u.a.
Drehbuch: Julien Josephson und Maud T. Howell nach dem Bühnenstück von Jules Eckert Goodman
Regie: John G. Adolfi
Produzent: Jack L. Warner und Darryl F. Zanuck

Kamera: James Van Trees
Musik: Leo F. Forbstein
Studio: Warner Brothers

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine
Dauer: 80 min

Farbe: schwarzweiss



Diesmal küre ich ein Werk zum "Film der Woche", das weder durch grosse künstlerische Leistungen noch durch besondere inhaltliche Tiefe auffällt. Im Zentrum des Streifens steht allerdings ein Schauspieler, der hierzulande auch den hartgesottenen Filmfreaks unbekannt sein dürfte und dessen Werdegang interessant genug ist, um ihn einmal vorzustellen

Zuerst zum Film: Während eines Privatkonzerts für einen europäischen König erleidet der berühmte Pianist Montgomery Royle (George Arliss) in Folge eines Attentats auf die Majestät den Verlust seines Gehörs.
Mit einem Schlag verliert er seinen bisherigen Lebensinhalt, die Musik Chopins, Beethovens, Schumanns...
Während er mit seinem Schicksal hadert, versucht seine Entourage, ihn aus der Depression zu locken: seine jugendliche Verlobte (Bette Davis), indem sie sein Unglück zu überspielen und ihn abzulenken versucht, seine Schwester Florence (Louise Closser Hale), indem sie ihm einen Kurs in Lippenlesen aufdrängt (den er erfolgreich absolviert). Doch schliesslich ist es der Sekretär Battle (Ivan F. Simpson), der den rettenden Vorschlag macht. Mittels eines Fernglases beobachtet der taube Pianist vom Fenster seines Hotelzimmers fortan die Leute im benachbarten Park, liest ihnen ihre Sorgen von den Lippen ab - und findet Erfüllung darin, für all die unbekannten Mühseligen und Beladenen Schicksal zu spielen...


Der Film
The Man Who Played God ist beileibe kein grosser Film und er bringt auch keine schauspielerischen Glanzleistungen - im Grunde ist er in Machart und Aufbau etwas antiquiert, das Spiel des Hauptdarstellers wirkt veraltet und permanent scheint durch, dass dem Film ein Theaterstück zu Grunde liegt. Trotzdem vermag er zu packen und das Zuschauerinteresse zu wecken - einerseits, weil das Bühnenstück wirklich gut geschrieben und solide aufgebaut und die Handlung immer interessant ist, andererseits, weil sämtliche Charaktere und die sie verkörpernden Schauspieler sympathisch und liebenswert sind. Beim Ansehen merkte ich, dass ich dem Film Schnitzer verzieh, die ich anderen Kinowerken angekreidet hätte - etwa die miserabel spielenden Schauspielerinnen und Schauspielern, welche die 
Leute aus dem Park verkörpern (zu denen übrigens ein ganz junger Ray Milland zählt) oder deren ebenso miserablen Dialoge.
Es gibt zudem einen religiösen Unterton, doch dieser ist dezent eingeflochten und wirkt dank seiner klaren Haltung nie überzeichnet. Man kann festhalten, dass 
The Man Who Played God durchwegs erbaulich ist - in einem positiven, nie sektiererischen Sinn. 

George Arliss, der den titelgebenden Mann spielt, gehört, wie oben erwähnt, zu den in unseren Breitengraden komplett vergessenen Akteuren des alten Hollywood. Ich hatte vor der Entdeckung dieses Films noch nie von ihm gehört, und das, obwohl er zu Beginn der Tonfilmzeit ein hoch geachteter Star des Warner-Studios war. Sein geringer Bekanntheitsgrad mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass der gebürtige Brite so gar nicht in das gängige Bild des Stars passt, dass von den nachfolgenen Generationen geprägt wurde: Arliss war alt, klein und völlig unspektakulär. Aber wie wird so jemand zum Star? Und das im Warner-Studio, das eher auf hartgesottene Unterhaltung setzte?

George Arliss, um 1932
Ein höchst ungewöhlicher Filmstar
Anfangs der Dreissigerjahre suchten die Studios nach neuen Talenten. Wegen des immens erfolgreichen Tonfilms mussten sie sprechen können. Was lag also näher, als sich auf den Bühnen umzusehen?
Arliss (eigentlich George Augustus Andrews) begann seine Schauspielerkarriere 1887 im englischen Provinztheater; ab 1900 spielte er in London Nebenrollen und nach einer US-Tournee seiner Truppe blieb er in New York hängen und stieg dort zum Bühnenstar auf. Besonders die Rolle des viktorianischen britischen Premierministers Benjamin Disraeli wurde 1911 zum Riesenerfolg für Arliss, den er später in gleich zwei Verfilmungen wiederholen sollte - 1921 und 1929, einmal ohne Ton, einmal mit.


Zum Film kam Arliss 1921 - mit einem anderen erfolgreichen Bühnenstück, The Devil. Nach fünf weiteren stummen Verfilmungen seiner Theatererfolge zog sich Arliss wieder aus dem Filmgeschäft wieder zurück und stand weiterhin auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Harry Warner, der im Warner-Studio als Talentsucher fungierte, rekrutierte ihn Ende der Zwanzigerjahre für die Tonfilmfassung von Disraeli. Gemäss Arliss' Ausssagen war Warners primäre Absicht, auch die Theaterbesucher in die Kinos locken. Mit dem grossen Erfolg von Disraeli hatte er gar nicht gerechnet: Arliss wurde als erster britischer Schauspieler mit dem Oscar ausgezeichnet. 

Die Auszeichnung trug dann das ihre dazu bei, dass Arliss zum Star des Studios aufstieg - neben Jungspunden wie Edward G. Robinson und James Cagney, die zu dieser Zeit des öfteren in den für Warner typischen hartgesottenen Gangsterfilmen zu sehen waren. Der damals 62-jährige Arliss war der älteste Schauspieler jener Zeit mit Star-Status, und er konnte diesen über acht Jahre halten, bevor er sich langsam aus dem Filmgeschäft zurückzog.
Wegen seines leicht mumienhaften Aussehens und der antiqierten Art zu schauspielern, kann man sich heute nur darüber wundern, dass er beim grossen Publikum so gut ankam. Allerdings besass er eine starke menschliche und sympathische Ausstrahlung, die auch den von ihm gespielten Rollen inhärent waren. Ich vermute, dass es die väterliche Wirkung war, mit der er punkten konnten.
 
1934 wurde Arliss von Kinogängern in Grossbritannien zum beliebtesten männlichen Schauspieler gewählt.

Arliss, der Förderer 
Arliss' Vertrag bei Warner Brothers übertrug ihm einen für jene Zeit unüblich hohen Anteil an kreativer Eigenständigkeit, was ein weiteres Zeichen für die Wertschätzung war, die er genoss. Ihm wurde sogar das Recht eingeräumt, die Schauspieler selbst auszusuchen und Änderungen am Skript vorzunehmen - was meines Wissen damals einzigartig war. 

Und so kam es, dass er für The Man Who Played God die damals noch unbekannte Bette Davis engagierte. Arliss war derart beeindruckt von der blutjungen Anfängerin, dass ihre ursprünglich kleine Rolle auf sein Geheiss ausgebaut wurde. 
In der Tat überstrahlt Bette Davis alle anderen in diesem Film - inklusive ihren Mentor Arliss; ihre Präsenz ist derart leuchtend, dass die Produzenten und die Kritker auf sie aufmerksam wurden und ihr in der Folge grössere Rollen vorgeschlagen wurden.
In ihrer Biografie bezeichnete Bette Davis The Man Who Played God als wichtigsten Film ihrer gesamten Karriere. Er wurde zum Katalysator ihrer langen, glanzvollen Karriere.


Gemäss Wikipedia soll Arliss auch James Cagney und Dick Powell entdeckt haben.

Obwohl George Arliss in den USA ein respektabler Erfolg bescheiden war, blieb er in Deutschland unbekannt. Ganz eindeutig kann sein wirklicher Bekanntheitsgrad allerdings heute nicht mehr eruiert werden. So finden sich für zwei, drei seiner Filme zwar deutsche Titel, aber keine zugehörige Aufführungsdaten. Möglicherweise war in diesen Fällen eine deutsche Synchronisation geplant, die dann aber aus irgendwelchen Gründen nicht ausgeführt wurde. Zu einem einzigen seiner Filme ist - allerdings nur bei imdb.com - eine Angabe zu einer deutschen Synchronfassung zu finden: Für eine TV-Ausstrahlung im Jahr 1965 der Komödie A Successful Calamity, (1932), unter dem deutschen Titel Rettender Ruin. Eine Verifizierung dieser Angabe erwies sich leider als unmöglich. Arliss' Name verliert sich in unseren Breitengraden im Nebel der Vergangenheit.

Auf DVD ist The Man Who Played God hierzulande denn auch nicht erhältlich. Die "Warner Archive Collection" hat den Film in den USA herausgebracht - DVD-R, made on demand, regionalcodefrei, in sehr guter Bild- und Tonqualität.
Darüber hinaus finden sich in derselben Reihe weitere Filme dieses vergessenen Starschauspielers.




Michael Scheck


Bewertungen: 
imdb.com: 7,1 / 10 (919 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,0 / 5 (72 Stimmen)
Meine Wertung: 7 / 10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Children of Divorce (1927)

Mit Clara Bow, Esther Ralston, Gary Cooper , Einar Hanson, Norman Trevor, Hedda Hopper, Edward Martindel u.a. Drehbuch: Hope Loring und Lou...