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Mittwoch, 10. Februar 2021

Seh-Empfehlung 21: Reise aus der Vergangenheit (Now, Voyager, 1942)

Originaltitel: Now, Voyager
Deutscher Titel: Reise aus der Vergangenheit (TV-Premiere Juni 1978)
Mit Bette Davis, Paul Henreid, Gladys Cooper, Claude Rains, Ilka Chase, John Loder u.a.
Regie: Irving Rapper
Drehbuch: Casey Robinson nach dem Roman von Olive Higgins Prouty
Studio: Warner Bros
Dauer: 117 min

Mit gemischten Gefühlen legte ich diesen Film ein: Eine Liebesschnulze aus den Vierzigerjahren?
Begeistert schaltete ich am Ende den Beamer aus.

Gleich zu Beginn werden wir Zeugen eines Psychodramas, das sich in einer einflussreichen, alteingesessenen Bostoner Familie abspielt. Lisa Vale (Ilka Chase), älteste Tochter des Vale-Clans, besucht die verwitwete und verbitterte Mutter (Gladys Cooper) in ihrer grossherrschaftlichen Villa - mit einem Psychiater im Schlepptau und einem Hintergedanken. Sie will ihrer neurotischen Schwester Charlotte (Bette Davis) helfen, die seit ihrer Kindheit unter der lieblosen und herabwürdigende Behandlung der Mutter litt und darob zur linkischen Jungfer geworden ist. Dr. Jaquith (Claude Rains) soll Charlotte helfen, vom eisernen Regime der Frau Mama loszukommen und eine selbständige Persönlichkeit entwickeln.

Das klingt schon zu Beginn nicht nach Liebesschnulze...! Aber Geduld - es kommt schon noch soweit. 

Nach einem längeren Aufenthalt in Dr. Jaquiths Sanatorium ist Charlotte soweit, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie unternimmt eine Kreuzfahrt... und lernt dort den überaus sympathischen Jeremiah Durrance (Paul Henreid) kennen. Dieser ist allerdings verheiratet und hat zwei Töchter. Ein Ausflug, der unvermutet zum Abenteuer wird, bringt die zwei einander näher. Obwohl aus der anfänglichen Zuneigung etwas Tieferes geworden ist, beschliesst man, seiner Wege zu gehen.

Aha! Also doch eine Liebesschnulze! Die beiden trennen sich und es wird tragisch...

Wieder falsch!
Charlotte ist durch den inspirierenden Kontakt mit Jeremiah vollends gesund geworden. Sie fühlt sich kräftig genug, um zur Mutter zurückzukehren. Und nun nimmt das Psychodrama seinen Lauf, oder besser: Es wird zum Psychokrieg, denn Charlotte lässt sich nicht mehr alles gefallen...

Doch da ist der Film noch nicht fertig, und natürlich tritt Jeremiah erneut in Charlottes Leben, doch Now, Voyager hält noch einige weitere Überraschungen bereit...! 

Der von Irving Rapper gedrehte Film ist untypisch für eine grosse Hollywood-Studioproduktion der Vierzigerjahre. Doch Warner Bros. waren dafür bekannt, alles ein wenig anders zu machen als die anderen Studios. Wenn das auf harte realistische Storys spezialisierte Produktionsfirma ein Liebesdrama ankündigte, war meist mehr dahinter. Hier wächst es sich zur Reise in die Selbstbestimmung einer Frau aus, die am Schluss so weit erstarkt, dass sie sich nicht, wie zahllose Frauenfiguren jener Zeit, als Anhängsel des angeschmachteten Mannes definiert. Sie entscheidet sich für die Liebe, aber anders, als man damals dachte. Und auch heute noch verblüfft und rührt der unkonventionelle Schluss.

Bis es soweit kommt, erlebt der Zuschauer einen hervorragend gemachten Film. Drehbuch und Regie sind glänzend, aber auch die zugrundeliegende Geschichte der Romanvorlage ist stark. Die Figuren überzeugen, sie sind lebendig gezeichnet und tragen die Geschichte, sie bleibt dadurch immer spannend.

Bei uns gab's den Film sogar mal auf DVD - diese ist inzwischen nur noch antiquarisch erwerbbar.

Mittwoch, 11. November 2020

Seh-Empfehlung 15: Doc Hollywood (1991)

Originaltitel: Doc Hollywood
Deutscher Titel: Doc Hollywood (hierzulande erstmals im Kino gezeigt im Oktober 1991)
USA 1991
Mit Michael J. Fox, Julie Warner, Barnard Hughes, Woody Harrelson, David Ogden Stiers, Bridget Fonda u.a.
Regie: Michael Caton-Jones
Drehbuch: Jeffery Price, Peter S. Seaman und Daniel Pyne nach einem Roman von Neil B. Shulman
Kamera: Michael Chapman
Musik: Carter Burwell
Studio: Warner Bros.
Dauer: 104 min
Farbe: color

Der Titel Doc Hollywood bezieht sich auf den jungen Arzt Benjamin Stone (Michael J. Fox). Den "Kosenamen" verleihen ihm die Einwohner der US-Kleinstadt Grady, weil Stone ursprünglich zu einem Bewerbungsgespräch für eine Stelle als plastischer Chirurg für die Schönen und Reichen nach L.A. wollte.
Wollte!

Denn Stone verursacht in Grady mit seinem Porsche einen lächerlichen Unfall
und wird vom ortsansässigen Richter zu mehrtägiger Arbeit im städtischen Krankenhaus verurteilt.

Grady ist eine dieser gemütlichen Kleinstädte wie wir sie aus der Serie Gilmore Girls kennen, wo jeder jeden kennt und keine Geheimnisse unausgeplaudert bleiben. Sie wird von lauter schrulligen, aber sympathischen Einwohnern bevölkert, unter denen sich der anfangs ziemlich schnöselhafte Dr. Stone je länger je mehr zu Hause fühlt. Er verliebt sich sogar in eine junge alleinerziehende Mutter (Julie Warner) und versucht, sie für sich zu gewinnen.  

Um es gleich klarzustellen: Die Visionierung von Doc Hollywood war eine durchwegs positive Überraschung!
Ich hatte nicht viel erwartet und war bereit, den Film nach 40 Minuten auszuschalten (jeder Film, den ich mir anschaue, muss diese Zeit als Testphase durchlaufen); er erhielt auf der Website Letterboxd nicht mehr als eine Bewertung von 2,9 (von 5'235 Benutzern), ein bedenklich tiefer Wert

Ich habe den Film nicht abgebrochen; bereits nach 10 Minuten hatte er mich für sich eingenommen.

Doc Hollywood ist kein Meisterwerk, aber es ist ein ungemein einnehmender Film. Er ist sehr gut geschrieben, inszeniert und gespielt. Es gibt keine dringliche Botschaft darin, der Film will "nur" unterhalten. Und das tut er - sogar hervorragend!
Er hat mich mit einem Grinsen im Gesicht entlassen, was ich nicht von vielen Filmen behaupten kann, die ich kürzlich gesehen habe (den kürzlich hier besprochenen Willow ausgenommen). Doc Hollywood ist ein Genuss, den man sich ruhig mal gönnen darf - vor allem, wenn man skurrile Komödien mag. Doc Hollywood nach seinem Plakat zu beurteilen, führt in die Irre - so vulgär ist der Film keineswegs.

Die Story klingt nicht aufregend, ich weiß - und das ist wahrscheinlich das Handicap des Films. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn weggelegt habe, weil mich die Inhaltsangabe - und das Plakat - abgeschreckt haben.

Es gibt einige wirklich witzige Sequenzen, die von Regisseur Caton-Jones höchst wirkungsvoll in Szene gesetzt sind. Ich wusste gar nicht, dass
der so gut mit Komödie umgehen kann...
Sämtliche Schauspieler sind perfekt besetzt, und zusammen liefern sie eine wunderbare Ensembleleistung ab: Barnard Hughes, Frances Sternhagen, David Ogden Stiers, Bridget Fonda, Roberts Blossom, George Harrison und ein junger Woody Harrelson sind in den Nebenrollen hervorragend besetzt und es macht Spaß, ihnen beim Abliefern ihrer funkelnden Dialoge zuzusehen und -zuhören.

Natürlich ist Doc Hollywood unrealistisch. Ganz ähnlich wie Frank Capras It's A Wonderful Life (dt: Ist das Leben nicht schön?) - und er ist fast genauso liebenswert. Ausnahmslos freundliche Gemeinden wie Grady gibt es im wirklichen Leben nicht, zumindest nicht dort, wo ich herkomme. Grady ist also so etwas wie eine ländliche Utopie, ähnlich wie Capra's Bedford Falls. Mir macht es durchaus Spass, mal einer positiven Fantasie zu frönen; von Zeit und Zeit ist das einfach nötig.

Doc Hollywood ist hierzulande auf DVD erschienen; sie ist antiquarisch noch erhältlich. Online kann der Film u.a. bei Amazon, iTunes, Google Play, Chili, oder videocity angesehen werden.


 
Meine Wertung: 8 / 10


Donnerstag, 15. Oktober 2020

Seh-Empfehlung 11: Nuts... Durchgedreht (Nuts, 1987)

 

Originaltitel: Nuts
Deutscher Titel: Nuts... Durchgedreht (Deutsche Kinopremiere März 1988)
USA 1987
Mit Barbara Streisand, Richard Dreyfuss, Karl Malden, Maureen Stapleton, Eli Wallach, James Withmore, Robert Webber, Leslie Nielsen, u.a.
Regie: Martin Ritt
Drehbuch: Tom Topor, Alvin Sargent und Darryl Ponicsan nach dem gleichnamigen Theaterstück von Tom Topor
Studio: Warner Bros.
Kamera: Andrzej Bartkowiak
Musik: Barbara Sreisand
Dauer: 116 min
Farbe: color

Bewertungen: 
imdb.com: 6,6 / 10 (5'805 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,1 / 5 (743 Stimmen)
Meine Wertung:
10 / 10

Claudia Draper, eine New Yorker Edelprostituierte (Barbara Streisand) hat einen ihrer Freier (Leslie Nielsen) brutal ermordet.
Nun soll ihr Fall vor Gericht rasch abgehandelt werden, da sie vom Gefängnispsychiater (Eli Wallach) für unzurechnungsfähig erklärt wurde. Sie kämpft allerdings für ihr Recht auf eine anständige Verhandlung und zieht das Gutachten des Psychiaters in Zweifel. Vom Gericht wird ihr dazu der zunächst unwillige Anwalt Aaron Lewinsky (Richard Dreyfuss) zugeteilt, der aber bald von Claudias Fall gepackt ist. 

Der Film zeigt die Verhandlung, die sich um Claudia Drapers Fähigkeit dreht, sich einer gerichtlichen Untersuchung ihrer angeblichen Mordtat zu stellen. Er beruht auf einem Theaterstück von Tom Topor.

Gedanken vor dem Film:
Nuts
lief auch bei uns in den Kinos, auch eine DVD kam auf den Markt. Ich hatte den Film bei seiner Premiere gesehen und fand ihn ziemlich gut, konnte mich aber nur noch an Einzelheiten erinnern. Als ich einige Kritiken im Netz durchstöberte, stiess ich auf einhellige Ablehnung. Von "schlechter Regie" und "lächerlichem Drehbuch" war da die Rede, und auch die Theatervorlage von Tom Topor sei "magelhaft". So empfand ich lange Zeit keinerlei Lust, mir den Film anzusehen. Ich tat es doch, mit dem Vorsatz, ihn bei Nichtgefallen nach 30 Minuten auszuschalten.

Gedanken nach dem Film:
Entweder spinne ich oder das Gros der Kritiker! Nach der Visionierung von Nuts kann ich mich über die vernichtende Presse nur wundern. Der Film ist perfekt! Nicht nur das: Er ist herausragend!
Ich vermute, da lag wieder einmal ein Fall von Kritiker-Herdentrieb vor. Bislang war mir nicht klar, dass es auch Film-Mobbing gibt, doch hier scheint ein solcher Fall vorzuliegen.


So versuche ich hier eine Rehabilitierung.
Von mir bekommt Nuts nur Lob: Angefangen bei der Drehbuchvorlage, die nicht nur ein spannendes, gut geschriebenes Gerichtsdrama mit tollen Dialogen beinhaltet, sondern auch gewichtige Themen wie Selbsverantwortung und Selbstbestimmung des Menschen aufs Tapet bringt und diese mit zahlreichen Formen der Fremdbestimmung kontrastiert; sie macht deutlich, wie verwundbar
ein Kind dank seinem Bedürfnis nach Liebe ist und welch verheerende Auswirkungen eine solche Verwundung noch auf sein Leben als Erwachsener haben kann.
Diese geballte Ladung ist in ein zwar altmodisches, deshalb aber nicht minder wirkungsvolles und packendes dramturgisches Konzept verpackt. Nach und nach wird in der Befragung von Zeugen eine Lebensgeschichte enthüllt, die dank ihrer Verankerung im Prinzip der menschlichen Natur allgemeine Gültigkeit erhält.


Regisseur Martin Ritt setzt dies grandios um! Indem er jeder Figur, auch den weniger zentralen,
ihre klaren Umrisse gibt, stattet er sie mit Glaubwürdigkeit und Hintergrund aus. Seine Bilder sind so konzipiert, dass auch in den vielen Dialogsequenzen eine konstante Spannung da ist, denn er inszeniert die Schauspieler im Hintergrund so, dass ihre Reaktionen auf das Gesagte eigene, stumme Geschichten erzählen. Ich hatte Ritt bislang kaum wahrgenommen, aber dieser Film überzeugt mich von der Notwendigkeit, mehr von ihm zu sehen.
Seine Schauspielerführung ist von traumwandlerischer Sicherheit.



Alles steht und fällt in diesem Film mit der Besetzung der Hauptrolle - und in dieser Beziehung hatte ich zu Beginn Bedenken. Doch Barbara Streisand verwächst mit der Rolle, je länger der Film dauert. Ich kenne zwar nur wenig von dieser multitalentierten Dame, aber derart überzeugend habe ich sie bislang noch nie gesehen. Verglichen mit dem Rest der Schauspieler-Crew fällt sie zwar leicht ab, doch sie meistert den schwierigen Part mit Bravour und vermag zu bewegen. Auch Richard Dreyfuss als ihr quirliger Anwalt ist hier so gut, wie ich ihn nie zuvor gesehen habe.
Karl Malden, Robert Webber (beide in ihren letzten Filmrollen), Maureen Stapleton, Eli Wallach, James Whitmore - sie alle glänzen und fügen sich nahtlos in eine grandiose Ensembleleistung ein.

Es gibt, wie bereits erwähnt, verschiedenste Vorwürfe gegen diesen Film: Schlechte Regie, banales Drehbuch, unglaubwürdige Hauptdartellerin, altmodische Machart. Halbwegs gelten lassen kann ich nur das letztere Argument, und das ist kein Qualitätskriterium. Oder ist - im Umkehrschluss - etwas automatisch gut, nur weil es up to date ist?
Allen anderen Anwürfen muss ich vehement widersprechen und mutmassen, dass da ein Film Opfer einer wie auch immer motivierten Anti-Kampagne geworden ist, die mit seiner Qualität gar nichts zu tun hat. Sogar viele heutige Kritiker käuen die Verriss-Argumente von damals treudoof wieder.


Ansehen? Nicht ansehen? Ansehen! Nuts ist einer der vielen verkannten und zu Unrecht vergessenen Filme, dazu einer, der ausnahmslos aus Bestleistungen besteht. Da darf er meinetwegen so altmodisch sein, wie er will. Das ist angesichts der wichtigen Gedanken, die er anregt, so nebensächlich wie der Stuhl, auf dem man dabei sitzt. Quatsch: noch nebensächlicher!
Die im deutschsprachigen Raum erschienene DVD kann nur noch antiquarisch erworben werden. Im Stream ist er bei zahlreichen Anbietern leih- oder kaufbar: Amazon, Google Play, Microsoft, iTunes (in der Schweiz nur auf iTunes)



Donnerstag, 3. September 2020

Little Princess - Die kleine Prinzessin (A Little Princess, 1995) - Kurzkritik



A Little Princess (dt.: Little Princess - Die kleine Prinzessin, 1995)
Mit Liesel Matthews, Eleanor Bron, Liam Cunningham, Vanessa Chester, Rusty Schwimmer, Errol Sitahal, Arthur Malet u.a.

Drehbuch: Richard LaGravense und Elizabeth Chandler nach dem Roman von Frances Hodgson Burnett
Regie: Alfonso Cuarón
Produzent: Mark Johnson

Kamera: Emmanuel Lubezki
Musik: Patrick Doyle
Studio: Warner Brothers

Kino/TV/Video-Auswertung im deutschsprachigen Raum: 1995
Dauer: 97 min

Farbe: color


 

Bewertungen: 
imdb.com: 7,7 / 10 (31'514 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,7 / 5 (12'869 Stimmen)
Meine Wertung: 5 / 10
 

Frances Hodgson Burnetts 1888 verfasster, noch heute populärer Kinderroman A Little Princess (dt.: Sara, die kleine Prinzessin) wurde schon unzählige Male verfilmt, u.a. mit Mary Pickford oder Shirley Temple in den Titelrollen.
Der Mexikaner Alfonso Cuarón (Gravity, Roma) fertigte 1995 für Warner Brothers eine Version, welche die schöne Geschichte durch forcierte Artifizialität fast unter sich begräbt.


Die kleine Halbwaise Sara Crewe (Liesel Matthews) reist mit ihrem Vater von Indien nach New York, wo sie in Madame Minchins Mädcheninternat eine neue Bleibe finden soll, weil der allein erziehende Vater (Liam Cunningham) in den ersten Weltkrieg ziehen muss.
Die Leiterin des Hauses (Eleanor Bron) entpuppt sich als hinterhältige Schlange, die Sara zum Dienstmädchen degradiert, als bekannt wird, dass deren Vater im Krieg gefallen ist und seine Zahlungen folglich ausbleiben. Sara schliesst Freundschaft mit dem anderen Dienstmädchen (Vanessa Chester) und fährt trotz Miss Minchins Verbot fort, die Mädchen des Internats mit ihren spannenden Geschichten zu unterhalten. Eines Tages wird im Nachbarhaus ein verwundeter Soldat mit Gedächtnisverlust einquartiert...


Cuaróns Film beweist vor allem eins: Miss Hodgson Burnetts Geschichte ist nicht totzukriegen! Der Regisseur gibt sich diesbezüglich zwar alle Mühe, scheitert aber glücklicherweise an der Vorlage und am gelungenen Drehbuch. Mit ausgeklügelt schiefen Kamerawinkeln, artifiziellen Lichtspielen, unmotivierten Kamerafahrten, nerviger aetherischer Hintergrundsmusik (von Patrick Doyle), permanent flüsternden Schauspielerinnen und dramatischen Special Effects rückt er der Vorlage zu Leibe und ertränkt deren zarten Zauber im bombastischen Inszenierungs-Kitsch. Damit nervt er gehörig, weil er dem Geist der Geschichte zuwiderläuft. Sie leuchtet aus sich heraus und bedürfte keinerlei Regie-Mätzchen. Angesichts der Tatsache, dass A Little Princess Cuaróns erster Hollywood-Film war, kommt der Verdacht auf, er hätte damit Eindruck schinden und nachhaltig auf sich aufmerksam machen wollen.

Die Schauspielerinnen und wenigen Schauspieler vermochten mich nicht zu überzeugen, vielleicht, weil sie vom Regisseur konsequent zum Flüstern angehalten wurden. Grosse Schauspieler können dramatische Zeilen auch flüsternd überzeugend abliefern, aber Kinder?
Bemerkenswert war für mich die Entdeckung, dass nicht nur permanentes Gebrüll auf der Leinwand schwer erträglich ist, sondern auch permanentes Geflüster.

Samstag, 29. August 2020

The Man Who Played God (1932)




The Man Who Played God (1932)
Mit George Arliss, Violet Heming, Bette Davis, Ivan F. Simpson, Louise Closser Hale, André Luguet u.a.
Drehbuch: Julien Josephson und Maud T. Howell nach dem Bühnenstück von Jules Eckert Goodman
Regie: John G. Adolfi
Produzent: Jack L. Warner und Darryl F. Zanuck

Kamera: James Van Trees
Musik: Leo F. Forbstein
Studio: Warner Brothers

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine
Dauer: 80 min

Farbe: schwarzweiss



Diesmal küre ich ein Werk zum "Film der Woche", das weder durch grosse künstlerische Leistungen noch durch besondere inhaltliche Tiefe auffällt. Im Zentrum des Streifens steht allerdings ein Schauspieler, der hierzulande auch den hartgesottenen Filmfreaks unbekannt sein dürfte und dessen Werdegang interessant genug ist, um ihn einmal vorzustellen

Zuerst zum Film: Während eines Privatkonzerts für einen europäischen König erleidet der berühmte Pianist Montgomery Royle (George Arliss) in Folge eines Attentats auf die Majestät den Verlust seines Gehörs.
Mit einem Schlag verliert er seinen bisherigen Lebensinhalt, die Musik Chopins, Beethovens, Schumanns...
Während er mit seinem Schicksal hadert, versucht seine Entourage, ihn aus der Depression zu locken: seine jugendliche Verlobte (Bette Davis), indem sie sein Unglück zu überspielen und ihn abzulenken versucht, seine Schwester Florence (Louise Closser Hale), indem sie ihm einen Kurs in Lippenlesen aufdrängt (den er erfolgreich absolviert). Doch schliesslich ist es der Sekretär Battle (Ivan F. Simpson), der den rettenden Vorschlag macht. Mittels eines Fernglases beobachtet der taube Pianist vom Fenster seines Hotelzimmers fortan die Leute im benachbarten Park, liest ihnen ihre Sorgen von den Lippen ab - und findet Erfüllung darin, für all die unbekannten Mühseligen und Beladenen Schicksal zu spielen...


Der Film
The Man Who Played God ist beileibe kein grosser Film und er bringt auch keine schauspielerischen Glanzleistungen - im Grunde ist er in Machart und Aufbau etwas antiquiert, das Spiel des Hauptdarstellers wirkt veraltet und permanent scheint durch, dass dem Film ein Theaterstück zu Grunde liegt. Trotzdem vermag er zu packen und das Zuschauerinteresse zu wecken - einerseits, weil das Bühnenstück wirklich gut geschrieben und solide aufgebaut und die Handlung immer interessant ist, andererseits, weil sämtliche Charaktere und die sie verkörpernden Schauspieler sympathisch und liebenswert sind. Beim Ansehen merkte ich, dass ich dem Film Schnitzer verzieh, die ich anderen Kinowerken angekreidet hätte - etwa die miserabel spielenden Schauspielerinnen und Schauspielern, welche die 
Leute aus dem Park verkörpern (zu denen übrigens ein ganz junger Ray Milland zählt) oder deren ebenso miserablen Dialoge.
Es gibt zudem einen religiösen Unterton, doch dieser ist dezent eingeflochten und wirkt dank seiner klaren Haltung nie überzeichnet. Man kann festhalten, dass 
The Man Who Played God durchwegs erbaulich ist - in einem positiven, nie sektiererischen Sinn. 

George Arliss, der den titelgebenden Mann spielt, gehört, wie oben erwähnt, zu den in unseren Breitengraden komplett vergessenen Akteuren des alten Hollywood. Ich hatte vor der Entdeckung dieses Films noch nie von ihm gehört, und das, obwohl er zu Beginn der Tonfilmzeit ein hoch geachteter Star des Warner-Studios war. Sein geringer Bekanntheitsgrad mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass der gebürtige Brite so gar nicht in das gängige Bild des Stars passt, dass von den nachfolgenen Generationen geprägt wurde: Arliss war alt, klein und völlig unspektakulär. Aber wie wird so jemand zum Star? Und das im Warner-Studio, das eher auf hartgesottene Unterhaltung setzte?

George Arliss, um 1932
Ein höchst ungewöhlicher Filmstar
Anfangs der Dreissigerjahre suchten die Studios nach neuen Talenten. Wegen des immens erfolgreichen Tonfilms mussten sie sprechen können. Was lag also näher, als sich auf den Bühnen umzusehen?
Arliss (eigentlich George Augustus Andrews) begann seine Schauspielerkarriere 1887 im englischen Provinztheater; ab 1900 spielte er in London Nebenrollen und nach einer US-Tournee seiner Truppe blieb er in New York hängen und stieg dort zum Bühnenstar auf. Besonders die Rolle des viktorianischen britischen Premierministers Benjamin Disraeli wurde 1911 zum Riesenerfolg für Arliss, den er später in gleich zwei Verfilmungen wiederholen sollte - 1921 und 1929, einmal ohne Ton, einmal mit.


Zum Film kam Arliss 1921 - mit einem anderen erfolgreichen Bühnenstück, The Devil. Nach fünf weiteren stummen Verfilmungen seiner Theatererfolge zog sich Arliss wieder aus dem Filmgeschäft wieder zurück und stand weiterhin auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Harry Warner, der im Warner-Studio als Talentsucher fungierte, rekrutierte ihn Ende der Zwanzigerjahre für die Tonfilmfassung von Disraeli. Gemäss Arliss' Ausssagen war Warners primäre Absicht, auch die Theaterbesucher in die Kinos locken. Mit dem grossen Erfolg von Disraeli hatte er gar nicht gerechnet: Arliss wurde als erster britischer Schauspieler mit dem Oscar ausgezeichnet. 

Die Auszeichnung trug dann das ihre dazu bei, dass Arliss zum Star des Studios aufstieg - neben Jungspunden wie Edward G. Robinson und James Cagney, die zu dieser Zeit des öfteren in den für Warner typischen hartgesottenen Gangsterfilmen zu sehen waren. Der damals 62-jährige Arliss war der älteste Schauspieler jener Zeit mit Star-Status, und er konnte diesen über acht Jahre halten, bevor er sich langsam aus dem Filmgeschäft zurückzog.
Wegen seines leicht mumienhaften Aussehens und der antiqierten Art zu schauspielern, kann man sich heute nur darüber wundern, dass er beim grossen Publikum so gut ankam. Allerdings besass er eine starke menschliche und sympathische Ausstrahlung, die auch den von ihm gespielten Rollen inhärent waren. Ich vermute, dass es die väterliche Wirkung war, mit der er punkten konnten.
 
1934 wurde Arliss von Kinogängern in Grossbritannien zum beliebtesten männlichen Schauspieler gewählt.

Arliss, der Förderer 
Arliss' Vertrag bei Warner Brothers übertrug ihm einen für jene Zeit unüblich hohen Anteil an kreativer Eigenständigkeit, was ein weiteres Zeichen für die Wertschätzung war, die er genoss. Ihm wurde sogar das Recht eingeräumt, die Schauspieler selbst auszusuchen und Änderungen am Skript vorzunehmen - was meines Wissen damals einzigartig war. 

Und so kam es, dass er für The Man Who Played God die damals noch unbekannte Bette Davis engagierte. Arliss war derart beeindruckt von der blutjungen Anfängerin, dass ihre ursprünglich kleine Rolle auf sein Geheiss ausgebaut wurde. 
In der Tat überstrahlt Bette Davis alle anderen in diesem Film - inklusive ihren Mentor Arliss; ihre Präsenz ist derart leuchtend, dass die Produzenten und die Kritker auf sie aufmerksam wurden und ihr in der Folge grössere Rollen vorgeschlagen wurden.
In ihrer Biografie bezeichnete Bette Davis The Man Who Played God als wichtigsten Film ihrer gesamten Karriere. Er wurde zum Katalysator ihrer langen, glanzvollen Karriere.


Gemäss Wikipedia soll Arliss auch James Cagney und Dick Powell entdeckt haben.

Obwohl George Arliss in den USA ein respektabler Erfolg bescheiden war, blieb er in Deutschland unbekannt. Ganz eindeutig kann sein wirklicher Bekanntheitsgrad allerdings heute nicht mehr eruiert werden. So finden sich für zwei, drei seiner Filme zwar deutsche Titel, aber keine zugehörige Aufführungsdaten. Möglicherweise war in diesen Fällen eine deutsche Synchronisation geplant, die dann aber aus irgendwelchen Gründen nicht ausgeführt wurde. Zu einem einzigen seiner Filme ist - allerdings nur bei imdb.com - eine Angabe zu einer deutschen Synchronfassung zu finden: Für eine TV-Ausstrahlung im Jahr 1965 der Komödie A Successful Calamity, (1932), unter dem deutschen Titel Rettender Ruin. Eine Verifizierung dieser Angabe erwies sich leider als unmöglich. Arliss' Name verliert sich in unseren Breitengraden im Nebel der Vergangenheit.

Auf DVD ist The Man Who Played God hierzulande denn auch nicht erhältlich. Die "Warner Archive Collection" hat den Film in den USA herausgebracht - DVD-R, made on demand, regionalcodefrei, in sehr guter Bild- und Tonqualität.
Darüber hinaus finden sich in derselben Reihe weitere Filme dieses vergessenen Starschauspielers.




Michael Scheck


Bewertungen: 
imdb.com: 7,1 / 10 (919 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,0 / 5 (72 Stimmen)
Meine Wertung: 7 / 10

Samstag, 15. August 2020

Seh-Empfehlung 6: Der Gefangene des Ku-Klux-Klan (Storm Warning, 1951)


Storm Warning (dt.: Der Gefangene des Ku-Klux-Klan, 1951)
Mit Ginger Rogers, Ronald Reagan, Doris Day, Steve Cochran, Hugh Sanders, Paul E. Burns, Lloyd Gough u.a.
Drehbuch: Daniel Fuchs und Richard Brooks
Regie: Stuart Heisler

Produzent: Jerry Wald
Kamera: Carl E. Guthrie
Musik: Max Steiner
Studio: Warner Bros.
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Mai 1959
Dauer: 93 min

Farbe: schwarzweiss



Marsha Mitchell (Ginger Rogers), die eigentlich mit ihrem Agenten unterwegs zu einer Modeschau ist, unterbricht die Zugreise für einen Zwischenstop im Städtchen Rock Point, weil sie ihre jüngere Schwester Lucy (Doris Day) nach langer Zeit wieder einmal besuchen möchte. Lucy ist inzwischen verheiratet und erwartet ein Kind.
Kaum hat Marsha den Zug verlassen, bekommt sie die Feindseligkeit Rock Points zu spüren. Es ist schon stockdunkel und niemand hilft ihr, ihre Schwester zu finden; der einzig auffindbare Taxifahrer weigert sich, sie zu fahren. Als sie aufgebracht durch die Strassen irrt, wird sie Zeugin eines Mordes: Ein Mob von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern schleift einen Mann aus dem Gefängnis und erschiesst ihn, als er fliehen will, auf offener Strasse. Die geschockte Marsha kann sich gerade noch in die dunkle Ecke eines Geschäfts drücken und blickt aus dem Verborgenen in die Gesichter zweier Männer, die sich für einen Moment ihrer Kapuzen entledigen.
Als Marsha ihre Schwester endlich gefunden hat und diese ihr den liebevollen Gatten Hank (Steve Cochran) vorstellt, gefriert Marsha das Blut in den Adern: Er ist einer der Kapuzenmänner aus dem Mob vor dem Gefängnis…
 


Kleinstadt im Würgegriff
Storm Warning
packt vom ersten Moment und lässt einen nicht mehr los. Nach der kurzen Sequenz im Zug, in der Marshas Charakter kurz und prägnant umrissen wird, beginnt mit dem Betreten des Städtchens Rock Point ein nicht enden wollender Albtraum. Am Bahnhof wird sie unfreundlich abgefertigt, alle scheinen es eilig zu haben, und als sie durch die nächtlich leeren Strassen irrrt, gehen hinter ihr in allen Läden die Lichter aus. 


Rückblickend wird klar: Das ganze Kaff war über die nächtliche Aktion des Klans informiert. Alle zogen die Köpfe ein. Der Staatsanwalt des Bezirks, Burt Rainey (Ronald Reagan), stösst auf eine Mauer des Schweigens: Niemand will etwas gesehen oder gehört haben - wie immer, wenn der Klan aktiv geworden ist. Rainey ist frustriert - eine weitere ergebnislose Untersuchung - aber er gibt nicht auf.
Als zu ihm durchsickert, dass eine Frau von ausserhalb den Mord offenbar beobachtet hat, sieht Rainey plötzlich seine Chance, dem Klan das Handwerk zu legen. Jemand fremder, nicht in die Dorfgemeinschaft integrierter, wird vielleicht reden, weil er noch nicht so eingeschüchtert ist wie die Einheimischen. Doch für Marsha steht das Glück ihrer Schwester auf dem Spiel…


Rassismus - ein ewiges Thema!
Scrollt man durch den Kanon der Rezensionen zu diesem Film, findet man eine Vielzahl von Texten, welche ihm ankreiden, das Thema Rassismus nicht anzuschneiden. Und allen Ernstes kriegt der Film von jenen Kritikern deshalb Abzug.
Es kann durchaus sein, dass Warner Bros. keinen Mut aufbrachte, im Zusammenhang mit dem Ku-Klux-Klan auch das Thema Rassismus aufs Tapet zu bringen; das Mordopfer im Film ist tatsächlich kein Schwarzer und auch kein Jude, sondern "nur" ein Reporter mit Insiderwissen, der zum Schweigen gebracht werden soll. Bei all ihrem zeitgeistkonformen Gejammer übersehen diese Kritiker allerdings geflissentlich, dass Rassismus gar nicht das Thema des Films ist. Und abgesehen davon weiss - nicht nur in den USA - nun wirklich jeder, welche Ideologie der Ku-Klux-Klan vertritt. Steck' jemandem eine weisse Robe und zieh' ihm eine spitz zulaufende Kapuze über, und du hast ein Symbol nicht nur für Rassismus, sondern auch für Faschismus!


Storm Warning ist eine Studie über Gesinnungsterror und Despotismus, ausgeübt von einer Gruppe, die innerhalb einer dem allgemeinen Recht und den Gesetzen verpflichteten Gemeinschaft steht; gleichzeitig ist er die psychologische Studie eines Menschen, der mit einem solchen Staat im Staat in Konflikt kommt, weil ein Mitglied seiner Familie darin verwickelt ist.
Beide Themen werden meisterhaft zu einem packenden Drama verdichtet, das aufzeigt, wie Menschen zu Mitläufern werden.
Wenn man beobachtet, wie verschiedene Gruppierungen heute wieder mit ähnlichen existenzbedrohenden Terrormethoden arbeiten, um ganze Bevölkerungsschichten einzuschüchtern, erkennt man die schwindelerregende Aktualität des Films. Unnötig, zu sagen, dass er diese wohl nie verlieren wird.
Sich vor diesem Hintergrund über das Fehlen eines für die Aussage unwesentlichen Details, das man selber gern im Film gehabt hätte (Rassismus), zu ereifern, ein grandioses Kinowerk deshalb klein zu machen, zeugt von äusserst kleingeistigem Kunstverständnis.
Es wirkt zunehmend lächerlich, wie krampfartig sich die Filmrezeption (und nicht nur sie) heute aufs Thema Rassismus versteift: In den einen alten Filmen ist den Moralaposteln zuviel Rassismus drin, so dass sie diese am liebsten verbieten möchten, in anderen - wie dem hier besprochenen - hingegen finden sie zu wenig!
Natürlich wäre der Film noch stimmiger, hätte der Klan-Mob einen Schwarzen erschossen. Er wäre dadurch aber nicht besser geworden; im Umkehrschluss wird er nicht schlechter, weil "nur" ein Weisser erschossen wird.


Kopf des Klans in Rock Point ist der Sägereibesitzer Charlie Barr (Hugh Sanders), der auch sonst im Dorf das Sagen hat. Hank und er sind die einzigen Klan-Mitglieder, die in den beiden Sequenzen am Anfang und am Schluss des Films, wo der Klan als Mob auftritt, ein Gesicht bekommen; alle anderen bleiben gesichtslos unter ihren Kapuzenmasken verborgen. Insofern ist Schlussequenz an Schauerlichkeit kaum zu überbieten, weil wir bis dahin einige der Dorfbewohner kennengelernt haben und jetzt darüber rätseln, wer von ihnen sich unter den Kapuzen verbirgt. Es könnte jeder von ihnen sein - das ist eine weitere starke Aussage des Film, welche dieser wortlos und ohne jegliches Aufhebens plaziert.
Als Rainey, der ebenfalls in Rock Point aufgewachsen ist, durch die Reihe der Kapuzenmänner geht, sagt er zu einem der Vermummten: "Hallo Burt! Wie läuft das Geschäft in der Molkerei?" Und unterstreicht die Aussage damit mit einem Augenzwinkern.


Ein toller Film - praktisch vergessen
Storm Warning
ist von A bis Z gelungen, ein hierzulande praktisch vergessener, grossartiger Film, der mehr Beachtung verdient. Das Drehbuch ist aus einem Guss, dicht und stringent, da passt kein Haar mehr dazwischen; Stuart Heislers funktionale, hervorragend nuancierte Regie stellt sich ganz in dessen Dienst und lässt dessen Qualitäten - der Ausdruck sei mir trotz der dunklen Grundtöne erlaubt - erstrahlen; und die Darstellerinnen und Darsteller sind ausnahmslos überzeugend und in ihren Rollen glänzend besetzt. Besonders Doris Day in ihrem ersten nicht-musikalischen Film legt ein erstaunliches dramatisches Können an den Tag. 

Alfred Hitchcock sagte zu ihr, als sie sich kurz nach der Premiere des Films begegneten: "Ich habe Sie in Storm Warning gesehen. Gut. Sehr gut! Ich hoffe, Sie in einem meiner Filme einsetzten zu können." Was denn auch mit The Man Who Knew too Much (dt.: Der Mann, der zuviel wusste) fünf Jahre danach geschah.
Aber auch Ginger Rogers, welche die grosse Schwester verkörpert - und die in ihren früheren Musical-Jahren Doris Days Idol gewesen war - überzeugt auf ähnliche Art und weise, indem sie die innere Zerrissenheit ihrer Figur zwischen Schweigen und Auspacken für die Zuschauer fast physisch erlebbar macht. Aber auch die männlichen Hauptdarsteller glänzen, Ronald Reagan mit einer äusserst zurückhaltenden Studie in Frustration, und Steve Cochran als in Grunde charmanter, aber durch seine Dummheit vulgarisierter Ehemann. Auch die kleinsten Nebenrollen warten mit erstklassigen schauspielerischen Leistungen auf.


Ein Film, der es definitiv wert ist, auf seine Qualitäten getestet zu werden! Leider ist das wieder einmal nicht einfach. Storm Warning ist in der 4-DVD-Box "TCM Greatest Classic Legends Film Collection - Ronald Reagan" aus den USA (RC1) enthalten, neben drei weiteren Reagan-Klassikern.
Eine deutsche DVD-Ausgabe wäre angesichts der Aktualität und der Qualität dieses Werks angezeigt.




Michael Scheck


Bewertungen: 
imdb.com: 7,1 / 10 (1511 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,4 / 5 (299 Stimmen)
Meine Wertung: 10 / 10

Freitag, 19. Juni 2020

...denn sie wissen nicht, was sie tun (Rebel Without A Cause, 1955)


Rebel Without A Cause (dt.: ...denn sie wissen nicht, was sie tun, 1955)
Mit James Dean, Natalie Wood, Sal Mineo, Jim Backus, Corey Allen, Ann Doran, Dennis Hopper u.a.
Drehbuch: Stewart Stern nach einer Geschichte von Nicholas Ray
Regie: Nicholas Ray

Musik: Leonard Rosenman
Kamera: Ernest Haller
Genre: Drama

Studio: Warner Bros.
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Kino-Premiere im März 1956
Dauer: 100 min
Farbe: color


Zu Beginn des Films landen die drei Hauptprotagonisten Jim (James Dean), Judy (Natalie Wood) und Plato (Sal Mineo) unabhängig voneinander auf der Polizeiwache von L.A., allerdings noch ohne sich zu kennen. Zwei jugendliche Delinquenten und eine Delinquentin, die aus unterschiedlichen Gründen der Unruhestiftung aufgegriffen worden sind, ins Gebet genommen werden und danach ihren Eltern übergeben werden.
Schon in dieser ersten Sequenz wird deutlich, dass die drei schwerwiegende Probleme mit ihren Eltern haben, jeder auf seine Art. Sie suchen Zuflucht in einer Parallelgesellschaft von Jugendlichen, deren Kultur darin besteht, gegen die Regeln der "Alten" zu verstossen und diese damit aktiv abzulehnen.
Während einer Mutprobe, die für einen der Jungen tödlich endet, lernen sich Jim, Judy und Plato 
näher kennen - sie flüchten vor den befürchteten Konsequenzen des Todesfalls und verkriechen sich in einer leerstehenden Villa, wo sie eine kurze Idylle erleben - bevor sie von der Bande des Verstorbenen aufgespürt werden. Die Revolution zerfleischt sich selbst...

Was ist über diesen Film noch nicht gesagt worden?
Wie schreibt man über ein Filmkunstwerk, das längst von der Allgemeinheit vereinnahmt worden ist?


Hier bleibt lediglich der Ansatz, ein kulturelles Heiligtum zu hinterfragen: Ist der Film wirklich so gut, ist seine Stellung in der Filmgeschichte wirklich gerechtfertigt?


Und auch hier: Die Frage erübrigt sich - respektive, sie darf getrost mit "ja" beantwortet werden. Rebel Without A Cause hält seinen Stellung als grosser Filmklassiker zu Recht. 
Und damit könnte man diese Filmkritik abschliessen. 

Doch soviel noch: Rebel... hatte grossen Einfluss auf nachfolgende, thematisch ähnlich geartete Filme; künstlerisch gehört er zum Besten, was ein Hollywoodstudio in den 50er-Jahren verlassen hatte - vom Drehbuch über die Regie bis zu den schauspielerischen Leistungen ist alles erstklassig. Und: Rebel Without A Cause packt sein Publikum von Anfang bis Ende. Es handelt sich dabei um einen jener wenigen unsterblichen ikonografischen Hollywood-Filme, die Generationen von Kinogänger kennen und schätzen, ähnlich wie Casablanca, Manche mögen's heiss oder Ben Hur. Einer jener "alten Filme", die nicht nur einem kleinen Häufchen von Retro-Fans heute noch geläufig ist.

Rebel Without A Cause, neben The Wild One mit Marlon Brando einer der ersten Filme, die sich mit der Jugendkultur befasste, ist stark gesellschaftkritisch. Er zeigt das Bild einer satten, selbstzufriedenen Elterngeneration, die den Kontakt zu ihrem Nachwuchs nicht herstellen kann, weil sie die eigene Werte aus den Augen verloren hat.
Jede der drei Hauptprotagonisten leidet an einer gestörten Beziehung zu den Eltern: Der eine Vater ist zu schwach, der zweite zu distanziert und der dritte ist glänzt durch Abwesenheit. Die geueigten Väter taugen nicht als die Vorbilder, nach welchen die jungen Menschen sich sehnen.

Das ist zwar etwas gar trivialpsychologisch und konstruiert, funktioniert im Film dank dem erzählerischem Geschick des Drehbuchautors aber bestens.

Ich war von James Deans Leistung überrascht. Massenphänomenen gegenüber bin ich kritisch eingestellt - und James Dean ist eines. Der Kerl war ein hervorragende

Schauspieler und man merkt, dass er während des Drehs improvisierte, was seinem Spiel eine erstaunliche Authentizität verleiht. Dean und Jim verschmelzen richtiggehend, und Rebel Without A Cause gilt denn auch als der James-Dean-Film.
Über die Jahrzehnte ist Deans Ruhm mit diesem Film ins Unermessliche gewachsen. Zur Zeit des Drehs hingegen war er in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt. Sein Unfalltod kurz nach Beendigung der Dreharbeiten, der makabererweise zum Charakter passte, den er hier verkörperte, hat dies schlagartig geändert...


Rebel Without A Cause ist erstaunlicherweise hierzulande aktuell weder auf Blu-ray noch auf DVD verfügbar - antiquarisch sind einige der vergriffenen Ausgaben noch zu finden. Im Stream ist er aber bei einigen Anbietern zu finden - hier die Liste.

Mittwoch, 20. Mai 2020

Hotel Berlin (1945)



Ein vergessener Film


USA 1945
Mit Faye Emerson, Helmut Dantine, Raymond Massey, Peter Lorre, Andrea King u.a.
Drehbuch: Jo Pagano und Alvah Bessie nach einem Roman von Vicki Baum
Regie: Peter Godfrey
Studio: Warner Bros.
Genres:Drama, Krieg

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine 
Dauer: 98 min 
Farbe: s/w

Hotel Berlin ist bei uns nicht auf Blu-ray/DVD/VHS erschienen.
In den USA ist er auf einer DVD-R (manufactured on demand) der Warner Archive Collection in sehr guter Bild- und guter Tonqualität greifbar


Dies ist die Hollywood-Verfilmung der Roman-Fortsetzung von Vicki Baums berühmtem "Menschen im Hotel":
Im deutschen "Hotel Berlin" kreuzen sich, in den letzten Tagen vor dem Fall des 1000-jährigen Reichs die Wege der unterschiedlichsten Menschen: Nazis, Dissidenten, Spione, Filmstars und eines Konzentrationslager-Flüchtlings.



Gefilmt unter Zeitdruck

Es musste alles sehr schnell gehen.
Vicki Baums in den USA verfasster Roman erschien 1944; dessen Verfilmung ein Jahr danach.
Schon zu Beginn der Dreharbeiten war deutlich, dass das dritte Reich jeden Tag fallen könnte. Die Vorgabe des Studios war: Der Film musste vorher erscheinen. Um jeden Preis.


Man merkt dem Streifen deutlich an, dass er in grösster Eile entstand: Er wirkt hingeschludert - eine Seltenheit für ein Produkt eines grossen US-Studios jener Zeit.
Bereits die Drehbuchautoren mussten unter Zeitdruck gestanden haben - die Erzählung wirkt unausgegoren, ungelenk zusammengestoppelt, wie ein nicht überarbeiteter Entwurf. Dasselbe gilt für den fertigen Film; man wird den Eindruck nicht los, als hätte der Regisseur die Auflage gehabt, für jede Szene nur ein Take zu verwenden.


Gerade noch geschafft
Hotel Berlin
erschien im März 1945 in den amerikanischen Kinos - gerade noch rechtzeitig! Einen Monat später war Hitler tot.
Man hatte es geschafft, der Film war brandaktuell - aber zu welchem Preis?
Heute ist Hotel Berlin mit seinen vielen dem Tempo geschuldeten Mängeln schwer auszuhalten. Es macht sich ein eklatanter Magel an konzeptioneller Vorarbeit bemerkbar, die Kulissen wirken zusammengestoppelt, die Schauplätze gleichen sich.
Der grösste Teil der Schauspielerinnen und Schauspieler sind englischsprachig; nur gerade Helmut Dantine, Peter Lorre, Helene Thimig und Kurt Kreuger stammten aus deutschsprachigen Ländern. Durchgängig sprechen alle englisch - obwohl der Film in Deutschland spielt. Die einen mit deutschem Akzent, die anderen ohne.
Besonders nervig ist in diesem Zusammenhang Faye Emerson, die in jeden zweiten Satz das Wort "Schnucki" einbaut, wohl, um besonders authentisch zu wirken.


Fazit: Hotel Berlin gehört zu jenen Filmen, die nicht ganz zu Unrecht vergessen sind.

Michael Scheck

Sonntag, 17. Mai 2020

Der Jazzsänger (The Jazz Singer, 1927)



Ein berühmter Klassiker
Dieser Artikel erschien zuerst in meinem Blog "Hauptsache (Stumm)Film"



The Jazz Singer (dt.: Der Jazzsänger)
USA 1927

Darsteller: Al Jolson, Mary McAvoy, Warner Oland, Eugenie Besserer, Otto Lederer
, Jossele Rosenblatt u.a.
Adaption: Alfred A. Cohn nach dem Bühnenstück von Samson Rahaelson

Regie: Alan Crosland
Studio: Warner Bros.
Genres: Drama, Musical
 
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Kinopremiere im November 1926 
Dauer: 90 min
Farbe: s/w


The Jazz Singer kann bei Maxdome gestreamt werden. Die deutsche DVD ist leider vergriffen.

The Jazz Singer – stets wird er als der erste Tonfilm bezeichnet. Dass es sich dabei im Grunde um einen Stummfilm mit einigen Gesangseinlagen und wenigen gesprochenen Sätzen handelt, wissen die wenigsten. Der Film dauert 90 Minuten – davon sind ca. 15  bis 20 Minuten mit Ton versehen.  Der Rest trägt sämtliche Kennzeichen eines Stummfilms: Zwischentitel, Begleitmusik, pathetische Mimik und Gestik.

Die Schallplatte im Kino
Ist das also tatsächlich der erste Tonfilm? Ich erkannte beim Ansehen, dass dieses Prädikat äusserst heikel ist. Denn Versuche, einen Film mit Gesang und gesprochenem Text zu versehen gab es schon lange vor dem Jazz Singer, der erste wurde bereits im Jahre 1893 gemacht.  Folgendes Beispiel zeigt eine Gesangszene aus einem Film aus dem Jahre 1908 (zu finden auf der DVD Discovering Cinema von Flicker Alley).

 
Genau wie im Jazz Singer wurde hier der Ton bei der Vorführung mittels Schallplatte synchron zum Film abgespielt. Der Unterschied zum Jazz Singer besteht darin, dass auf eine bereits existierende Schallplattenaufnahme zurückgegriffen wurde, die bei der Filmaufnahme im Hintergrund abgespielt wurde. Die Schauspieler passten ihre Lippen- und Körperbewegungen der Aufnahme an.
Beim Jazz Singer wurde der Gesang live und zeitgleich mit der Filmaufnahme aufgezeichnet und dann auf Schallplatte gebannt.

Aber auch dieses Verfahren war nicht neu. Warner Bros. hatte bereits im Jahr zuvor erste Versuche mit dem Tonsystem Vitaphone, einer Kombination von Film und Schallplatte, gemacht, u.a. im von mir an anderer Stelle besprochenen Film The First Auto.

Der erste Tonfilm?
So war es nicht primär der Ton, der The Jazz Singer so berühmt machte, sondern eine

Al Jolson
Verkettung verschiedener anderer Umstände.
Der riesige, ungeahnte Erfolg, den der Streifen beim damaligen Publikum erzielte, und der die Firma Warner gerade noch vor dem drohenden Ruin rettete, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass seine Geschichte den damaligen Zeitgeist traf - und dass mit Al Jolson ein Broadway-Mega-Star für die Hauptrolle verpflichtet werden konnte.
Dies und die Tatsache, dass die fortgeschrittene Technik inzwischen weitere Tonexperimente erlaubte, führte dazu, dass der Wunsch des Publikums nach klingende Filmen im Gegensatz zu früheren Jahren schneller erfüllt werden konnte. Und weil er nun immer öfter erfüllt werden konnte, wurde er immer fordernder gestellt.
Und jetzt, genau an diesem Punkt der Filmgeschichte erlaubte die Technik der Filmindustrie, auf den “Hype” aufzuspringen und dranzubleiben, bevor er wieder abklang, wie das früher stets der Fall gewesen war.
Der Siegeszug des Tonfilms war somit nicht mehr aufzuhalten.


Wenn The Jazz Singer schon nicht der erste Tonfilm war, so war er immerhin der endgültige Wegbereiter des Siegeszugs des Tonfilms. Je nach Sichtweise könnte man ihn auch den Totengräber des Stummfilms nennen.

Dabei ist der Film nicht mal besonders gut. Die Handlung ist schwülstig, absehbar, die Behandlung des darin enthaltenen Konflikts oberflächlich; der Hauptdarsteller ist aus heutiger Sicht schwer erträglich, die Jazz-Darbietungen durchschnittlich.
Damals aber schlug der Film über den abtrünnigen Sohn eines jüdischen Kantors ein wie eine Bombe. Jolson war längst und schon seit Jahren ein grosser Name am Broadway. In zahlreichen Bühnenshows riss er das damalige Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Nun war er auch im Film zu bewundern und sogar zu hören, zudem in einem, der autobiografische Parallelen zur Vita des Stars aufwies. Und weil Jolson beim Dreh improvisierte, fanden unvorhergesehenerweise auch einige Dialogstellen Eingang in den Film, in dem eigentlich nur Musik hätte erklingen sollen. Gerade diese paar Sätze sollen die Leute fast von den Sitzen gerissen haben, mehr noch als die Musiksequenzen.


Tradition versus Moderne
Jolson spielt Jacob Rabinowitz, den jazzbegeisterten Sohn des strenggläubigen Kantors Rabinowitz (hinter einem dicken Bart kaum zu erkennen: Charlie-Chan-Darsteller Warner Oland). Jacob, der dereinst in des Vaters Fussstapfen treten soll, ist gänzlich dem Jazz verfallen: Schon als Dreikäsehoch tritt er singenderweise in Cafés und Restaurants auf, was dem Vater derart missfällt, dass er ihn verstösst.
Hier finden sich - offenbar zufällig - deutliche Parallelen zum Leben des in Litauen geborenen jüdischen Kantorensohnes Al Jolson (eigentlich Asa Yoelson), der in jungen Jahren ebenfalls auf sich allein gestellt war (allerdings wegen des frühen Tods der Mutter).
Zur Mutter, die er regelrecht vergöttert, hat der verstossene Jacob Rabinowitz im Film weiterhin Kontakt. Sie ist es denn auch, die ihm erklärt, dass es dem inzwischen an gebrochenem Herzen erkrankten Vater besser gehen würde, wenn er für ihn an Jom Kippur in der Synagoge das Kol Nidre singen würde. Doch Jacob, der sich inzwischen Jack Robin nennt und unaufhaltsam zum Broadway-Star avanciert, zögert. Seine Karriere ist ihm wichtiger. Vorerst jedenfalls…


Wie bereits in The First Auto, einer weiteren Warner-Produktion, die zwei Monate vor dem Jazz Singer Premiere hatte, wird auch hier der Grundkonflikt zwischen Tradition und Moderne in ein Vater-Sohn-Drama verpackt. Hier entbrennt der Konflikt auf dem Gebiet der Musik. Er wird, wie bereits erwähnt, an der äussersten Oberfläche abgehandelt.
Bemerkenswert bleibt aber, dass er nicht als billiger Vorwand dafür dient, einfach einige populäre Jazz-Nummern auf die Leinwand zu bringen. Der “Gegenseite”, den rituellen geistlichen Gesängen der jüdischen Gemeinschaft wird fast ebensoviel Ton-Filmzeit eingeräumt! So kommt auch der damals bekannte jüdische Kantor Jossele Rosenblatt zu einem eindrucksvollen Gesangsauftritt und das Kol Nidre erklingt gleich zwei Mal, am Anfang und am Ende des Films. Den Platz, den es im Film einnimmt und seine Verdopplung weist auf die eigentliche Thematik des Films hin: Versöhnung.


Ich habe die starke Vermutung, dass jemand, der mit dem jüdischen Glauben vertraut ist, in diesem Film mehr sehen und entdecken wird, als ich dies zu tun imstande bin. Mir erscheint er oberflächlich, schwülstig. Ich könnte mir aber denken, dass meine Sichtweise – die Sichtweise der christlich geprägten Europäer – diesem Film nicht wirklich gerecht wird.

Natürlich kann man den Tradition-Moderne-Konflikt im Film – rückwirkend – auf die Meta-Ebene ausweiten: The Jazz Singer ist der Film am Scheideweg zwischen Stumm- und Tonfilm. Doch während der Produktion konnte niemand ahnen, dass er entscheidend zur Beendung des Konflikts beitragen und die Moderne im Kino einläuten würde.

Zum Schluss bleibt anzumerken, dass für die stummen Sequenzen des Films eine Musikbegleitung komponiert und ebenfalls im Vitaphone-Verfahren aufgenommen und während der Filmvorführungen damals abgespielt wurde.
Diese von Louis Silvers und James V. Monaco komponierte, sehr stimmige und stimmungsvolle Begeleitung ist auch auf der (inwischen leider vergriffenen) DVD zu hören.


Michael Scheck

Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...