Mittwoch, 27. Juli 2022

Manhattan (1979)


Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen und Marshall Brickman
Mit Woody Allen, Diane Keaton, Michael Murphy, Mariel Hemingway, Meryl Streep u.a.

Verstehe einer Woody Allen! Nach der Sichtung der Rohfassung von Manhattan, seinem bis heute erfolgreichsten Film, den viele für seinen besten halten, bekniete Allen die Produzenten, den Streifen zu vernichten; er würde dafür kostenlos ein anderes Werk für sie herstellen. Glaubt man den Geschichten, ist es seiner Cutterin zu verdanken, dass Manhatten dann trotzdem in die Kinos kam. Sie soll den Film so umgeschnitten haben, dass auch Allen am Schluss damit zufrieden war.

Der Film dreht sich um den Fernsehshow-Autor Isaac (Woody Allen) wie die Erde um die Sonne. Isaac ist mit der 17-jährigen Studentin Tracy (Mariel Hemingway) liiert; sein bester Freund, der seit Jahren verheiratete Yale (Michael Murphy) beichtet ihm, dass er eine Affäre mit der Kunstkritikerin Mary (Diane Keaton) hat. Als Isaac diese Frau trifft, beginnen sich die Konstellationen zu verschieben; Mary möchte sich von dem verheitrateten Yale lösen, Isaac von der Studentin; beide schieben jeweils moralische Gründe vor, aber meinen sie das ernst? Wissen sie selbst, ob sie es ernst meinen?

Spätestens hier merkt man, dass Isaac, Mary und Yale zwar intellektuell sehr gehoben daherreden können, dass sie aber bezüglich ihrer Gefühle völlig verunsichert sind und komplett im Dunkeln tappen. Mit der Zeit schält Woody Allen auch den Grund dafür heraus, ohne ihn explizit anzusprechen: Angst. Allen drei fehlt das Vertrauen, nicht nur in die anderen, sondern auch in sich selbst.
Dies sprich ausgerechnet die blutjunge Tracy an, die als einzige Reife zeigt. Ihr letzter Satz - und gleichzeitig der letzte Satz des Films - ist eine Bitte und gleichzeitig ein Rat an Isaac: "Have a little faith in people!" ("Habe ein wenig Vertrauen in die Menschen!")

Die eingangs zitierte Episode um das Zurückziehen des Films zeigt, dass Woody Allen wohl zu jener Zeit genau so unsicher und ängstlich war wie der von ihm im Film portraitierte Isaac. Wie anders lässt sich sein Fehlurteil bezüglich des Films erklären, der ein Riesenerfolg bei Kritikern und Publikum wurde und neue Masstäbe im Film setzte? Es gibt in Manhattan weitere Hinweise, dass Allen sich hier wie in keinem anderen seiner Filme selbst portraitiert, dass sich in Manhattan Fiktion und Biografie auf unentwirrbare Weise verflechten.


Der Film ist auch, wie der Titel schon sagt, das Portrait des wohl berühmtesten Stadtbezirks von New York, Manhattan. Allerdings muss diese oft gemachte Aussage präzisiert werden: Woody Allen entwirft hier sein Wunsch-Manhattan, ein durch grandiose Schwarzweiss-Bilder (Kamera: Gordon Willis), Montage, Musikuntermalung und Dialoge evoziertes Intellektuellen-Refugium und als Stadtneurotiker-Auffangbecken, das sich seither als geläufige Vorstellung dieses Stadtteils in den Köpfen eingenistet hat. Manhattan kreiert eine Scheinwelt, die so gut ist, dass man sie gern für bare Münze nimmt, eine Welt, in der alle stets eine clevere Antwort parat haben und witzig-gelehrte Sprüche im Akkord 'raushauen können.

Eine kleine Episode möchte ich als Beleg für meine obige Behauptung anführen. Alle kennen das Poster zum Film (s.oben), es gehört zu den ikonischen Bildern der Filmgeschichte, und es ist auch im Film enthalten: Woody Allen und Diane Keaton sitzen im Morgengrauen auf einer Parkbank vor der Queensboro-Bridge - eine unsterbliche Bildkomposition, das unsere Vorstellung von New York geprägt hat, ein Bild, auf dem alles stimmt.
Nur die Bank nicht. Da gab es nämlich gar keine. Sie musste für die Szene extra angeschleppt werden. Ohne die Bank wäre das Stimmungsbild gewöhnlicher, jedenfalls weniger beeindruckend.

Manhattan ist zudem jener Film Woody Allens, in dem er sein fiktives Selbstportrait mit dem fiktiven Portrait "seiner" Stadt untrennbar verquickt und daraus ein Lebensgefühl destilliert, das auch vielen seiner späteren Werken anhaftet und sie einzigartig macht.
Und obwohl die Intelligenzija der Stadt, die da portraitiert wird, nur mit sich selbst beschäftigt ist, d.h. jeder einzelne ausschliesslich mit sich, macht der Film grosse Freude. Das liegt zum einen an den lebendig gezeichneten und nur leicht überspitzten Figuren und zum anderen am omnipräsenten Witz, der auch die besinnlichsten Passagen immer wieder konterkariert und ridikülisiert. Gleichzeitig ist Manhattan überschattet von sanfter Melancholie, evoziert von der Unmöglichkeit der Figuren, aus ihrer bindungscheuen Einsamkeit auszubrechen und eine tragfähige Bindung einzugehen. 

Wie in den meisten Woody-Allen- Filmen geht es in Manhattan um die Liebe zwischen Mann und Frau, respektive um deren Komplexität. Ganz anders als in den Hollywood-Filmen der goldenen Aera, die Allen so liebt, welche nach der einfachen Formel "Boy meets girl - and they lived happily ever after" gestrickt waren, ist die Liebe bei diesem Filmemacher immer mit Agonie, Irrungen, Täuschungen und Enttäuschungen und vor allem mit Zweifeln und Ängsten, kurz, mit Problemen verbunden. Die Unmöglichkeit, vorbehaltlos und in romantischer Eintracht zu lieben, evoziert eine Melancholie, oft auch eine Bitterkeit, der stets mit bisweilen absurdem Humor, mit Sarkasmen und unvergesslichen, bissigen "one-linern" begegnet wird. Das ergibt eine umwerfende, unwiderstehliche Wirkung!
Woody Allens beste Werke sind Problemfilme, in denen man sich königlich amüsiert - und Manhattan ist der Prototyp davon.

Manhattan ist im deutschsprachigen Raum auf Blu-ray und DVD erschienen; beide sind antiquarisch noch erhältlich. Im Stream ist er bei den hier aufgeführten Anbietern verfügbar.
Man kann ihn auch hier - in der englischsprachigen Originalfassung online ansehen - ohne Werbung und Gebühren.

Woody Allen mit einer damals gerade aufstrebenden jungen Schauspielerin in Manhattan

 

Ferner liefen:
Unter diesem Titel werden hier andere von mir geschaute Filme kurz besprochen, Filme, die in meinem Empfinden gegenüber dem oben beschriebenen weniger gut abschnitten. Doch Achtung: Auch hier können Perlen dabei sein!
Wer sich näher über die einzelnen Werke informieren möchte, möge auf den jeweiligen Link klicken, der zur englischsprachigen Internet Movie Database führt.

Eine Entdeckung: Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
Als dem von seinem Vorgesetzten über Gebühr ausgebeuteten Investigativjournalisten George Stroud (Ray Milland) die Ehefrau dazulaufen droht, weil er nie Zeit für ihre seit Jahren anstehenden Flitterwochen hat, begibt dieser sich im Frust auf eine nächtliche Sauftour mit einer Kollegin - im Unkenntnis darüber, dass diese die Geliebte seines Chefs ist. Nachdem er sie heimgebracht hat und gerade geht, kreuzt sich Strouds Weg mit dem seines Chefs, dem ruchlosen Verleger Janoth (Charles Laughton), der gerade nach Hause kommt. Beide erkennen sich allerdings auf die zu grosse Distanz nicht. In dieser Nacht erschlägt Janoth seine Mätresse im Streit.
Sofort erinnert er sich an den Mann, den er das Apartement hat verlassen sehen und plant mit seinem Geschäftspartner Hagen (George Macready), dem Unbekannten die Schuld in die Schuhe zu schieben. Da das Magazin, für welches Stroud schreibt, sich um ungelöste Morde dreht, betraut Janoth Stroud und dessen Stab mit der Aufgabe, die Identität dieses Mannes, des "unbekannten Mörders" aufzudecken.
Es dauert nicht lange, bis Stroud klar wird, dass die Tote seine Kollegin von letzter Nacht ist und dass er somit gegen sich selbst ermittelt. Da die Sauftour mehrere Stationen hatte, finden sich immer mehr Zeugen ein, welche die beiden vor dem Mord zusammen gesehen haben. Das Netz zieht sich immer enger um Stroud zusammen...
Die ausgeklügelte Story entstammt einem damals sehr populären Roman von Kenneth Fearing - sie ist so gut, dass sie sich praktisch von selbst verfilmt. In der Tat ist die konventionelle Regie (von Mia's Vater John Farrow) die schwächste Komponente in diesem Film. Das hervorragend aufgebaute, spannungsorientierte und streckenweise auch höchst witzige Drehbuch zusammen mit den beiden tollen Hauptdarstellern machen aus The Big Clock einen der erinnerungswürdigsten Krimis aus dem Hollywood der späten Vierzigerjahre.
Unnötig zu sagen, dass Charles Laughton, einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler, ein Fest aus seiner fiesen Hauptfigur macht; Earl Janoth gehört für mich zu seinen denkwürdigsten und prägnantesten Rollen.
Im deutschsprachigen Raum ist der Film als Spiel mit dem Tode auf DVD erschienen, die noch antiquarisch erhältlich ist.
Ansonsten kann man den Film hier in der englischsprachigen Originalfassung und in HD ansehen (ohne Werbeunterbrüche oder Gebühren).

Eine Überraschung: Jurassic Park III (2001)
Der dritte Teil der von Steven Spielberg begonnenen Jurassic Park-Trilogie ist bei weitem nicht so schlecht, wie die Fans behaupten. Spielberg hat die Regie hier an Joe Johnston abgegeben, und der liefert eine absolut solide Arbeit ab; nicht so raffiniert wie der Meister selbst in Teil 1, aber immerhin etwa auf demselben Level wie Spielbergs lustlose Inszenierung des zweiten Teils.
Plus Jurassic Park III liegt ein sehr gutes, teils wunderbar witziges Drehbuch zugrunde (an welchem Alexander Payne mitgewirkt hat!). So erscheint Jurassic Park III streckenweise wie eine Parodie des Originals, und das ist gut so, denn die Serie hatte sich schon im zweiten Teil totgelaufen.
Hier wird der gute alte Dr. Grant (Sam Neill) wieder rekrutiert; er soll mithelfen, einen auf der verbotenen Dinosaurier-Insel Sorna verschollenen Jungen zu suchen. Mit von der Partie: Eine kleine Söldner-Truppe, Dr. Grants Assistent Billy (Alessandro Nivola) und die geschiedenen, dschungel-unerprobten Mittelstands-Eltern des Jungen (Téa Leoni und William H. Macy). Und natürlich alle Riesenechsen der Insel plus ein Schwarm Archaeopteryxe. Eine fröhliche Jagerei und Cliffhangerei beginnt, die nie nachlässt und die mir fast soviel Spass gemacht hat wie der Originalfilm. Das hatte ich angesichts der vielen mauen Kritiken nicht erwartet - eine angenehme Überraschung!
Der Film kann bei zahlreichen Online-Diensten gestreamt werden - er ist auch auf Blu-ray und DVD erhältlich.

Ein "Stinker"
: Freundinnen (Beaches, 1988)

Und hier noch ein Reinfall!
Beaches erzählt von der langjährigen Freundschaft zweier Frauen (Bette Midler und Barbara Hershey), die eine aus armem Haus, die andere aus reichem, die eine kampfgewohnt, die andere verwöhnt.
Nur schon die Konstellation funktioniert nicht: Sie ist komplett unglaubwürdig, einerseits, weil wir nie sehen, wie sich diese Freundschaft entwickelt (der Film ist eine lange, episodenhafte Rückblende), und weil die beiden Hauptcharaktere papieren und alles andere als glaubhaft-lebendig gezeichnet sind. So bleibt die Freundschaft in diesem Film einfach eine Behauptung.
Kommt erschwerend dazu, dass sowohl Bette Midler als auch Barbara Hershey viel zu alt für ihre Rollen sind, vor allem, was die Anfangsjahre ihrer Freundschaft betrifft.
Und es kommt noch weiter erschwerend dazu, dass beide entsetzlich schlecht schauspielern. Bette Midler nervt mit ihrer zur Stereotype erstarrten Bette-Midler-Routine und Barbara Hershey - nun, sie ist einfach schlecht!
Am Schluss wird zusätzlich auf die Tränendrüse gedrückt ...
Ich fand den schon damals, bei seiner Kinopremiere nicht gut, jetzt, bei der zweiten Sichtung 34 Jahren später, fand ich ihn richtig grottig.
Wer ihn trotzdem anschauen will - hier der Link dazu (Werbe- und Gebührenfrei).

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