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Freitag, 11. September 2020

Cincinnati Kid (The Cincinnati Kid, 1965) - Kurzkritik

 
The Cincinnati Kid
(dt.: Cincinnati Kid, 1965)
Mit Steve McQueen, Edward G. Robinson, Karl Malden, Tuesday Weld, Ann-Margret, Joan Blondell, Rip Torn, Jack Weston, u.a.
Drehbuch: Ring Lardner Jr. und Terry Southern nach dem Buch von Richard Jessup
Regie: Norman Jewison
Produzent: Martin Ransohoff

Kamera: Philip H. Lathrop
Musik: Lalo Schifrin

Kino/TV/DVD-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Januar 1966
Dauer: 102 min

Farbe: color


 
Bewertungen: 
imdb.com: 7,3 / 10 (14'958 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,5 / 5 (2'662 Stimmen)
Meine Wertung: 4 / 10

 


Nun habe ich ihn endlich gesehen, diesen vielgerühmten Spielerfilm, in welchem sich Steve McQueen und Edward G.Robinson ein Pokerduell liefern, der junge den alten König herausfordert, weil er der beste sein will.
Das junge Poker-As Eric (Steve McQueen) wird vom Poker-Veteranen Shooter (Karl Malden) gegen den ungeschlagenen Spieler-König Lancey Howard (Edward G. Robinson) aufgestellt. Shooter wird vom rachsüchtigen Slade (Rip Torn) genötigt, das Spiel zu Gunsten des "Kid" zu manipulieren, denn Slade will Howard eine Niederlage heimzahlen. Es kommt zum "Showdown der Giganten"... wenn man das stundenlange Sitzen zweier Männer am Kartentisch so nennen will.

The Cincinnati Kid ist vor allem eins: Ein enttäuschend leeres und langweiliges Filmchen!
Abgesehen davon, dass einem die Hauptfigur des "Cincinnati Kid" (Steve McQueen) völlig egal ist, weil es das Drehbuch nicht schafft, seine Figur mit Leben auszupolstern, ergeht sich der Film immer wieder in langezogenen, aufs Ganze gesehen völlig überflüssigen und nichtssagenden Sequenzen, ein Fehler, der ebenfalls - zumindest partiell - dem Drehbuch anzurechnen ist. Die Restschuld geht an den Regisseur.

Ich kann das hohe Ansehen, das dieser Film in unseren Breitengraden geniesst, nicht nachvollziehen, auch wenn ich mich noch so bemühe. Ausser leerem, oberflächlichem  Gedöns ist nichts dran. Jewisons Regie ist, wie immer, bestenfalls solide, er versteht es aber nicht, Spannung adäquat aufzubauen.

Einzig das Staraufgebot erstklassiger Schauspieler und Schauspielerinnen vermag dem Film etwas Glanz zu verleihen. Neben McQueen und Robinson trumpfen neben Karl Malden, Joan Blondell, Ann-Margaret, Cab Calloway,  Rip Torn und Tuesday Weld auf; doch auch sie vermögen den leeren Hüllen, die sie verkörpern müssen, kein Leben einzuhauchen. 
Ausser Edward G. Robinson. Er ist der einzige, der es schafft, seine Figur zum Leben zu bringen, mittels seiner herausragenden Schauspielkunst - Worte hatte er dazu vom Drehbuch keine zur Verfügung. Das geht sogar soweit, dass man hofft, er möge am Schluss gewinnen, anstelle des Titelhelden. Falls es einen Grund gibt, diesen Film zu schauen, ist es Edward G. Robinson. Dank ihm kriegt der Film von mir überhaupt vier Punkte - statt nur drei.

Vielleicht schätzt man den Film, wenn man etwas von Poker versteht. Als Uneingeweihter fand ich jedenfalls keinen Einstieg in die Welt des Kartenspiels - noch habe ich davon irgend etwas verstanden...


Dienstag, 8. September 2020

Das Königsspiel (Searching for Bobby Fischer, 1993) - Kurzkritik



Searching for Bobby Fischer (dt.: Das Königsspiel, 1993)
Mit Max Pomeranc, Joe Mantegna, Ben Kingsley, Joan Allen, Laurence Fishburne, Robert Stephens, David Paymer u.a.
Drehbuch: Steven Zaillian nach dem Buch von Fred Waitzkin
Regie: Steven Zaillian
Produzent: William Horberg und Scott Rudin

Kamera: Conrad L. Hall
Musik: James Horner
Studio: Mirage Enterprises

Kino/TV/DVD-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Juni 1994
Dauer: 109 min

Farbe: color


Bewertungen: 
imdb.com: 7,4 / 10 (28'814 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,5 / 5 (4'935 Stimmen)
Meine Wertung: 3 / 10



Josh Waitzkin (Max Pomeranc) ist sieben Jahre alt, als er sich plötzlich nicht nur für Schach zu interessieren beginnt, sondern darin auch gleich erstaunliche Fähigkeiten an den Tag legt. Im Park spielt er Schnellschach gegen den Arbeitslosen Vinnie (Laurence Fishburne) - und gewinnt. Als Vater Fred (Joe Mantegna) beim Schachgenie Bruce Pandolfini (Ben Kingsley) um Unterricht für seinen scheinbar genialen Sprössling anfragt, ahnt er noch nicht, dass dies für Josh praktisch das Ende seiner Kindheit bedeutet. Pandolfini sieht in ihm nämlich einen zweiten Bobby Fischer und eröffnet ihm die Welt der Junior-Schachturniere.

Searching for Bobby Fischer ist ein frühes Beispiel der Junior-Genie-Filme wie etwa Gifted (dt.: Begabt - Die Gleichung eines Lebens, 2017), wie sie in der neueren Filmgeschichte immer mal wieder auftauchen. Sie stellen einen Kinderdarsteller in den Mittelpunkt, der neben gestandenen Schauspieler-Stars zu bestehen hat. Dass dies nicht immer gut geht, zeigt dieser Film. Der zur Zeit der Dreharbeiten neunjährige Max Pomeranc macht wenig mehr als grossäugig in die Gegend starren, ab und zu mal lächeln und seinen Text relativ emotionslos herunterlispeln. Natürlich ist er noch ein Kind. Aber damit trägt man keinen Film. Und auf seinen Schultern ruht die gesamte Last des Drehbuchs.

Offenbar wurde Pomeranc gewählt, weil er tatsächlich Schach spielen konnte. Somit wirkt immerhin sein Schachspiel authentisch (was ich als Nicht-Spieler nicht überprüfen kann). Weil er nicht überzeugend schauspielern konnte, wurde er angewiesen, so wenig wie möglich zu machen. Das ergibt allerdings eine langweilige Hauptfigur mit Schlaftabletten-Wirkung.
Was die anderen Figuren des Film anbelangt: Sie sind allesamt eindimensional gezeichnete Plattitüden. Der ehrgeizige Vater, die besorgte Mutter, der genialische Schachmeister... Mehr als Abziehbilder sind die Figuren, die Drehbuchautor Steve Zaillian zum Leben zu erwecken versucht, nicht.

Damit sind wir beim Drehbuch. Ich würde es als durchwegs problematisch bezeichnen. Ja, ich weiss, dass auch der vielgelobte The Irishman (2019) von Martin Scorsese aus Zaillians Feder stammt. Ich kenne den Film nicht und kann mich dazu nicht äussern. Schindler's List - ebenfalls von Zaillian - kenne ich; deshalb war ich so erstaunt über die gravierenden Schwächen, die Searching for Bobby Fischer aufweist. 
Bis der zentrale Konflikt der Geschichte endlich erkennbar wird, vergehen 50 zähe Minuten, während derer man sich mehrmals fragt, worauf der Film eigentlich hinauswill. Zaillian schafft es bis dorthin nicht, Joshs erstaunliche Fähigkeit in irgendeiner Weise glaubhaft zu machen. Er kann einfach plötzlich Schach spielen. Punkt. Vielleicht ist das ja möglich. Aber dann hätte ein guter Drehbuchautor einen Weg gefunden, uns das zu verkaufen. Zaillian verlässt sich zu sehr auf die Tatsache, dass sein Film auf einer wahren Geschichte beruht. Weiss er nicht, dass die Realität und die artifizielle Film-Wirklichkeit sich nicht vertragen?

Als der zentrale Konflikt im Film endlich etabliert ist, lässt Zaillian ihn nebulös mal aufscheinen und mal wieder wegdämmern. Am Schluss, nicht zuletzt dank dem Happy-End, bleibt unklar, was das jetzt eigentlich war: Ein Film über die Wichtigkeit, sich die Kindheit zu bewahren? Über den Leistungsdruck der modernen Gesellschaft? Über die Willkürlichkeit und Rätselhaftigkeit von Genialität? Man darf sich von allem etwas aussuchen, der Film macht keine Aussage.
Er wirkt, als hätte der Autor aus übertriebenem Respekt oder vorauseilendem Gehorsam vor den noch lebenden Vorbildern sich auf keine Äste hinauswagen wollen.
Zusammen mit der profillosen, bisweilen konfusen Regieführung ergibt das einen Film, den man sich als Normalsterblicher getrost schenken kann.
Schachexperten werden vielleicht ihre Freude daran haben. Wie man hört, soll Zaillian zahllose Schach-Interna eingebaut haben.
 
Hierzulande kann der Film im Stream geschaut werden - hier die Liste der Anbieter.



Mittwoch, 19. August 2020

It! Der Schrecken lauert im All (It! The Terror Beyond Space, 1958) - Kurzkritik




It! The Terror Beyond Space (dt.: It! Der Schrecken lauert im All, 1958)
Mit Marshall Thompson, Shirley Patterson, Ann Doran, Ray Corrigan, Kim Spalding, Dabbs Greer, Richard Benedict u.a.
Drehbuch: Jerome Bixby
Regie: Edward L.Cahn
Produzent: Robert E. Kent

Kamera: Kenneth Peach
Musik: Paul Swatell, Bert Shefter
Studio: Robert E. Kent Productions

Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine
Dauer: 69 min

Farbe: schwarzweiss



Bewertungen: 
imdb.com: 6,1 / 10 (4366 Stimmen)
Letterboxd.com: 2,9 / 5 (1098 Stimmen)
Meine Wertung: 4 / 10


Damit dies schon mal klar ist: Ich bin kein Fan billiger Trash-Streifen aus den 50er-Jahren. Es gibt darunter durchaus gelungene Filme – doch der hier gehört nicht dazu! Auch die Tatsache, dass er möglicherweise die Inspiration zu „Alien“ lieferte, macht ihn nicht besser.

Eine Marsexpedition ist gescheitert, weil alle Mitglieder ausser des Captains verschwunden sind. Captain Carruthers (Marshall "Daktari" Thompson) soll nun zurück zur Erde gebracht werden, damit er dort wegen Mordes an seiner Crew vor Gericht gestellt werden kann. Deshalb schickt man eine zweite, mit neun Leuten bemannte Rakete hinterher, um Carruthers zu holen. Dieser behauptet, ein unheimliches Wesen hätte seine Mannschaft geholt.
Erst als während des Rückflugs Crewmitglieder auch vom zweiten Schiff verschwinden, gewinnt Carruthers Story langsam an Glaubwürdigkeit. Bald wird klar: „Es“ befindet sich an Bord… Und es hat Hunger. Oder etwas gegen Menschen.
Oder ist es nur schlecht gelaunt?

Das Geschichte von Drehbuchautor Jerome Bixby ist nicht mal schlecht; Bixby war auf fantastische Stoffe spezialisiert – er schrieb mehrere Folgen für die allererste „Raumschiff Enterprise“-Serie, und die Originalstory von Richard Fleischers Science-Fiction-Klassiker „Fantastische Reise“ stammt auch von ihm.
Leider konnte er keine glaubhaften Charaktere entwickeln – jedenfalls nicht für diesen Film. Die Crew ist nur so zahlreich, damit sie vom Mars-Monster dezimiert werden kann – ausgearbeitet sind die Charaktere jedenfalls nicht. Und weil sie von mittelmässigen Schauspielern verkörpert werden, war mein Interesse schnell weg. 


Unnötig zu sagen, dass das Monster lächerlich wirkt… Man hätte es besser im Dunkeln gelassen. B-Regisseur Edward L. Cahn glänzt hier nicht gerade mit einem adäquaten Konzept. Das Gefühl von echter Klaustrophobie könnte man auch mit kleinem Budget evozieren – es stellt sich hier kaum einmal ein. Und auch sonst weiss Cahn nicht so recht etwas anzufangen mit dem schönen Set. 

Humor ist reichlich vorhanden, allerdings nur der unfreiwillige. Das Waffenarsenal an Bord des High-Tech-Gefährts setzt sich aus Pistolen und Handgranaten zusammen, wie man sie in alten Western- und Kriegsfilmen sieht, die noch älter sind als dieser Streifen. Und je nach Aufnahme ziehen die Sterne mal langsamer vorbei und mal schneller. Wenn zwischen den zwei Standpunkten hin- und hergeschnitten wird, ändern sie ständig das Tempo.

Der Film ist seit Mai 2020 in limitierter Edition (1300 Stück) als Blu-ray/DVD im deutschsprachigen Raum erhältlich. Auch in einer Sonderedition mit Sammlerbox.
Angesichts solch künstlerisch minderwertigen Quatschs fragt sich der Filmfreund, wo die Blu-rays all der wirklich guten alten Filme bleiben!




Sonntag, 26. Juli 2020

Seh-Empfehlung 5: Lizzie (1957)




Lizzie (1957)
Mit Eleanor Parker, Joan Blondell, Richard Boone, Hugo Haas, Ric Roman, Johnny Mathis u.a.
Drehbuch: Mel Dinelli nach einem Roman von Shirley Jackson
Regie: Hugo Haas
Kamera: Paul Ivano
Musik: Leith Stevens
Studio: Bryna Productions
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine
Dauer: 81 min

Farbe: schwarzweiss


Die mausgraue, zurückgezogene Büroangestelle Elizabeth Richmond (Eleanor Parker) wohnt bei ihrer ständig angetüdelten, scharfzüngigen Tante Morgan (Joan Blondell), die immer an Elizabeth herummäkelt. Nach einer harmlosen Auseinandersetzung zu Beginn des Films schleppt sich die kopfschmerzgeplagte Elizabeth die Treppe hinauf und bleibt plötzlich stehen. Wir sehen sie in der Totale, von hinten. Und obwohl die Schauspielerin nichts tut - sie steht einfach da - merken wir, dass etwas mit ihr geschieht. Etwas verändert sich. Mit plötzlich fester und gehässiger Stimme krakeelt sie: "You drunken old slut!" ("Du besoffene alte Schlampe!").
"What did you just say?", fragt die überrumpelte Tante. Elizabeth dreht sich um, jetzt wieder ganz ihr vorheriges, mäuschenhaftes Selbst und fragt verwirrt, was sie meine; sie hätte doch gar nichts gesagt.


Eleanor Parker!
Es ist mir ein Rätsel, wie Eleanor Parker diese Verwandlung sicht- oder besser: spürbar gemacht hat. Der Effekt wird ohne Lichtveränderung, drohend anschwellende Musik oder Sprecial-Effects erreicht - allein schauspielerisch. Obwohl wir Miss Parker nur von hinten sehen und noch bevor die Thematik des Films angesprochen wird, nehmen wir die Veränderung, die in Elizabeth vorgeht, wahr. Es ist der erste Moment im Film, in dem "die Andere" sich zeigt. Er erzeugt Gänsehaut, etabliert das Thema (multiple Persönlichkeit) und saugt einen richtiggehend in den Film hinein. Er etabliert den Ton von Lizzie: Das Thema wird handfest angegangen, mit den Mitteln des Unterhaltungsfilms. Kein politisch korrekter Schlingerkurs.
Das kann man Lizzie vorwerfen, trotzdem ist er damit ehrlicher als der ihm verwandte The Three Faces of Eve (dt.: Eva mit den drei Gesichtern), auf den hier noch näher eingegangen wird. Letzterer geht dieselbe heikle Thematik mit Glacéhandschuhen an und gibt sich einen wissenschaftlichen Anstrich - obwohl er im Grunde auch nichts anderes tut, als den Defekt zu Unterhaltungszwecken auszubeuten. Da ist Lizzie direkter, und das ist gut so.


Im Mittelpunkt steht besagte Elizabeth Richmond, eine unscheinbare Frau, die ohne es wahrzunehmend an einer multiplen Persönlichkeitsstörung (heute: dissoziative Identitätsstörung) leidet: Drei Seelen wohnen in ihrer Brust. Eine davon, die titelgebende Lizzie, will sich befreien. Sie ist wild, laut und verrückt nach Abenteuer (mit Männern). Lizzie schreibt Drohbriefe an Elizabeth und kündigt an, sie umzubringen – was die hoch sensible Elizabeth zutiefst verstört. Unter psychiatrischer Behandlung taucht später noch eine dritte Person auf, Beth, das Kind, das sich seit einem verstörenden Erlebnis nie mehr gemeldet hat, das "untergetaucht" und das Feld Elizabeth und Lizzie überlassen hat. Die Vorlage zum Film beruht auf einem wahren Fall, doch auch dazu später mehr.

Es ist fast unheimlich, wie die heute zu Unrecht kaum mehr bekannte Eleanor Parker zwischen den drei Persönlichkeiten hin und her wechselt und jeder der drei Glaubwürdigkeit verleiht. Einmal mehr (nach der Sichtung des Gefängnisdramas Caged) musste ich mir ob der Verwandlungsfähigkeit Parkers die Augen reiben. Trotz einiger Ausrutscher ins Overacting ist ihr Spiel atemberaubend. Es gibt Szenen in diesem Film, wo sie praktisch übergangslos von einer Persönlichkeit in eine andere hinübergleitet, ohne Schnitt, mitten in einer Einstellung. Es scheint, als würde sie mitten im Spiel das Gesicht wechseln. Parkers verblüffende Darstellung allein würde einen schon an die Leinwand fesseln. Doch auch die anderen Darsteller, insbesondere Joan Blondell und Hugo Haas, der auch Regie führte, überzeugen. 

Hugo Haas

Lizzie macht deutlich, dass Haas ein durchaus begabter Regisseur war – Schauspielerführung war vielleicht nicht sein Ding, doch seine effektive Inszenierung mit kleinsten Mitteln kann sich sehen lassen. Auch er ist heute vergessen. Allerdings nicht in allen Teilen der Welt: In seiner alten Heimat hat der aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammende Schauspieler und Regisseur noch heute einen Namen. Dort sind zumindest jene Filme noch zu sehen, mit denen er es vor seiner Flucht vor den Nazis zu beträchtlichem Ruhm gebracht hatte.
In den USA fing er wieder bei Null an, arbeitete sich nach oben, zuerst als Filmschauspieler in zahlreichen Nebenrollen, bis er die finanziellen Mittel für eine eigene, winzige Produktionsfirma beisammen hatte. Als unabhängiger Produzent konnte er als Autor, Regisseur und Darsteller in Personalunion mit kleinstem Budget und fernab der grossen Studios Filme herstellen -
insgesamt 15 wurden es zwischen 1951 und 1962. Viel später einmal wurde er von irgendeinem schreibenden Simpel mit Ed Wood verglichen (wahrscheinlich weil auch dieser gleichzeitig produzierte, Regie führte, die Drehbücher schrieb und in seinen Filmen schauspielerte). Dann könnte man Haas aber genauso gut auch mit Orson Welles vergleichen, der tat all das auch. Und es wäre genauso falsch: Haas reichte künstlerisch nicht Orson Welles heran. Derart grottenschlecht wie Ed Woods Werke waren die seinen aber beileibe nicht - wie man nach der Visionierung von Lizzie feststellen kann.

Lizzie ist einer von drei Filmen, die von Haas heute noch auf DVD zugänglich sind. Er ist als eine Art fiktionalisierender Aufklärungsfilm konzipiert, der versucht, dem Publikum das Phänomen der multiplen Persönlichkeitstörung näher zu bringen. Dabei orientiert er sich an einem Roman von Shirley Jackson, welche sich über die Verfilmung mit dem Verdikt „Abbott & Costello Meet Multiple Personality“ mockiert haben soll. Dass im selben Jahr mit The Three Faces of Eve ein grosses Studio einen gefälligeren, stromlinienförmigeren Film zum selben Thema herausbrachte der Lizzie in den Schatten stellte - nicht zuletzt, weil er mit einem Oscar dekoriert wurde - war Pech; Lizzie verschwand im Schlund des Vergessens. 

Lizzie vs Eve
Allerdings ist ein Vergleich der beiden Filme höchst interessant!

Genau wie Lizzie erzählt The Three Faces of Eve von einer jungen Frau, die zunächst ohne es zu wissen an einer dissoziative Identitätsstörung leidet und ebenfalls drei Persönlichkeiten hat. Die «Alltagsversion» von Eve ist zudem ebenfalls eine mausgraue, zurückgezogene Frau; hier ist sie Hausfrau und hat eine kleine Familie. Die «andere Eve», die nur sporadisch zum Vorschein kommt, ist eine vergnügungs- und männersüchtige Göre – genau wie in Lizzie. Und ebenfalls wie in Haas' Werk kommt am Ende eine dritte Persönlichkeit zum Vorschein – das lange verschüttete Original. Doch damit nicht genug: Three Faces of Eve folgt auch noch genau derselben Dramaturgie wie Lizzie!

Dass die Parallelen purer Zufall sind, schliesse ich aus; dafür sind es zu viele. "Aber laufen nicht alle Fälle von dissoziativer Identitätsstörung nach demselben Muster ab?", fragt man sich als psychologisch Unbedarfter. Doch diese These lässt sich nach einigen Internet-Recherchen ausschliessen.
Liegt demnach also irgendwo auf dem Weg von den beiden Buchvorlagen zu den Filmen eine Plagiatsgeschichte verborgen?

Shirley Jackson veröffentlichte den Roman, auf dem «Lizzie» basierte in demselben Jahr, wie die beiden Psychiater Corbett H. Thigpen und Hervey M. Cleckley ihre Untersuchungen jenes Falls publizierten, auf dem The Three Faces of Eve (Regie: Nunally Johnson) basierte. Jacksons Roman erschien nach der Studie.
Drehbuchautor/Regisseur Nunally Johnson brachte seinen Film in demselben Jahr heraus, in dem auch Hugo Haas' Film in die Kinos kam. 

Die Bücher: beide 1954; die Filme: beide 1957.
The Three Faces of Eve folgt wie erwähnt genau derselben Dramaturgie wie Lizzie. Er kam nach Lizzie in die Kinos. War Nunally Johnson das Drehbuch des anderen Films vielleicht bekannt, bevor er in die Kinos kam? Studiospionage war zwar nicht üblich, kam aber vor. Johnson müsste das Drehbuch gekannt haben, bevor Lizzie in Produktion ging und es dann ab- oder umgeschrieben haben.
Eine andere Vermutung klingt plausibler: Beide Vorlagen (die Bücher) beruhten auf demselben Fall. Shirley Jackson, eine Autorin von Horror- und Schreckensromanen, könnte denselben Fall gekannt haben, oder ihr Roman kupferte bei der Studie der beiden Psychiater ab– was in meinen Augen wahrscheinlicher ist, nicht zuletzt, weil die Studie vor dem Roman erschien und der Fall vorher öffentlich ziemlich sicher nicht bekannt war.
Anzeichen von Plagiarismus sind also nicht von der Hand zu weisen.

Wie auch immer der Fall gelagert gewesen sein mochte - wir stehen vor dem seltenen Phänomen, zwei Filme desselben Jahrgangs zur gleichen Geschichte zu haben - der eine ein Klassiker, der andere vergessen. 

Lizzie ist heute ist auf einer DVD der „Warner Archive Collection“ aus den USA wieder
greifbar – zum Glück, denn schlecht ist er keinesfalls!
Natürlich kenne ich die Romanvorlage nicht, aber ich glaube, man darf sagen, dass der Film, für sich genommen, gelungen ist. Der Zugang zum Thema überzeugt, das Thema steht nackt, ohne in überflüssigen konventionellen Schnickschnack wie Lovestory oder Krimihandlung verpackt zu sein, im Mittelpunkt.
Lizzie wirkt, das wurde bereits erwähnt, wie ein Aufklärungsfilm zum Thema - freilich ohne die distanzierende Haltung dieses Genres.
Sein grösster Pluspunkt aber ist dies: Er handelt das schwierige Thema auf einer den Zuschauer involvierenden, zutiefst menschlichen Ebene ab. Am Ende steht die Erkenntnis, dass die menschliche Seele
ein zerbrechlicher Schatz ist. Der Schluss kommt, jenseits des Aufklärungsduktus und ganz unaufdringlich, einem Appell an die zwischenmenschliche Achtsamkeit gleich. Dieser geht unter die Haut und wirkt nach.
Und dieser Aspekt ist es, der The Three Faces of Eve abgeht und ihn somit vom Verdacht, sein Thema auszubeuten, nicht befreit.





 Michael Scheck

Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...