Mittwoch, 18. November 2020

Film der Woche: Another Earth (2011)


Originaltitel: Another Earth
Deutscher Titel: Another Earth (Deutsche Kinopremiere: November 2011)
Mit Brit Marling, William Mapother, Kumar Pallana, Diane Ciesla, Richard Berendzen u.a.
Regie: Mike Cahill
Drehbuch: Mike Cahill und Brit Marling
Dauer: 92 min

Warnung: Dies ist kein Science-Fiction-Film! Ich wiederhole: Dies ist KEIN Science-Fiction-Film (jedenfalls kein typischer)!
Soweit mein Versuch, Star-Wars- und Transformer-Fans von einem für sie frustrierenden Filmerlebnis abzuhalten, denn in Mike Cahills subtilem Drama „Another Earth“ gibt es weder Aliens noch Weltraumschlachten, auch auf den Einsatz von Laserschwertern wartet man vergebens.


Sondern: Eines Tages taucht am Himmel ein blauer Punkt auf. Im Radio mutmassen Wissenschaftler darüber, dass es sich dabei um einen erd-ähnlichen Planet handle, der sich uns nähere. Die 17-jährige Rhoda Williams (Brit Marling) fährt gerade angetrunken von der Feier ihres neuen Jobs nach Hause - sie ist am MIT (Massachusetts Institute of Technology) als Weltraumforscherin angenommen worden - und beobachtet vom Steuer aus den blauen Punkt. Dabei kommt sie von der Fahrbahn ab, rammt einen anderen Wagen und löscht so die Familie des Komponisten John Burroughs (William Mapother) aus, der Unfall überlebt.

Rhoda und John versinken in einer tiefen Depression. Das eigentliche Thema des Films ist, wie die beiden Protagonisten langsam wieder ins Leben zurückfinden.
Der blaue Punkt stellt sich indessen tatsächlich als unserer Erde ähnlicher Planet heraus, später wird er sogar als zweite Erde bezeichnet, und er scheint ebenfalls bewohnt zu sein. Langsam nähert sich die Wissenschaft des Rätsels, welches das Phänomen beinhaltet. Existieren dort oben Abbilder von uns?
 

Primär zeigt der Film die langsame Annäherung zwischen Rhoda und John, und das allein ist schon fesselnd. Rhoda, von Schuldgefühlen zerfressen, sucht John zu Hause auf und will sich ihm erklären. Angesichts seines jämmerlichen Zustands verliert sie an der Tür den Mut und gibt sich als Putzfrau aus. Fortan kommt sie jede Woche, um die vernachlässigte Wohnung des Komponisten in Stand zu setzen; dabei kommen sich die beiden näher und schöpfen aus dem gegenseitigen Kontakt langsam neuen Lebensmut. Doch über allem hängt wie ein Damoklesschwert der schreckliche Unfall von damals - John weiss nicht, dass Rhoda dessen Verursacherin ist, wir wissen aber, dass er es erfahren wird. Das ergibt eine unglaubliche Spannung, die den ganzen Film über nie abreisst. 

Und falls man sich fragt, was denn die zweite Erde für eine Funktion hat: Sie ist der Punkt der Hoffnung in der Geschichte. Cahills Film dreht sich nicht nur um Depression, sondern auch um die Möglichkeit, aus einer solchen wieder herauszufinden. Die zweite Erde ist ein Symbol für diese Möglichkeit. Es ist hervorragend in die Handlung eingebaut, indem es die Handlung vorantreibt, weiterträgt und abschliesst.

Das augenfälligste Plus ist die Beziehungskonstellation zwischen Rhoda und John, die ohne Action für grösstmögliche Spannung sorgt. Die Beziehung zwischen den beiden, das langsame sich Wieder-Öffnen gegenüber dem Leben wird mit zahlreichen Details und Gesten subtil und glaubhaft aufgebaut.
Die Drehbuchautoren vermögen zudem, ihren Figuren Leben einzuhauchen und die psychologischen Komponenten, die zwischen den beiden spielen, nachvollziehbar darzulegen. Dadurch werden diese lebendig und ermöglichen den Zuschauenden eine Identifikation.

Weiter glänzt Another Earth durch eine starke Bildsprache, welche Worte an vielen Stellen überflüssig macht.
Für einen Erstlingsfilm ist die darin erreichte Meisterschaft beeindruckend! Das bedeutet, dass Another Earth ein eher stiller, leiser Film ist. Er appelliert an die Intelligenz und die Auffassungsgabe des Zuschauers, er schmiert ihm nicht alle Folgerungen und Erkenntnisse dick aufs Butterbrot. Es handelt sich um ein Werk, das sich an ein denkendes Publikum richtet, vieles lässt sich aus den Bildern und Andeutungen entschlüsseln. Die letzte Einstellung ist diesbezüglich exemplarisch: Sie ist unglaublich simpel und unprätentiös, doch sie beantwortet sämtliche noch offenen Fragen und knüpft die losen Enden zusammen.
Die Geschichte ist als Ganzes hervorragend ausgearbeitet, sie geht am Ende wunderschön auf. Der starke Zug ins Surreale, der immer mitschwingt, wird mittels eines simplen, immer wiederkehrenden Bildes erzeugt: In vielen Aussenaufnahmen ist der Planet Erde am Himmel zu sehen. Das ist einerseits wunderschön anzusehen und funktioniert andererseits als Symbol der Hoffnung.

Und nicht zuletzt seien die starken schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller erwähnt, die oft nur mit ihrer Mimik auskommen müssen und in diesem Bereich Eindrückliches leisten.

Fazit: Ein grandioses Werk, das sich den gängigen Genres entzieht, deren es sich bedient, ein hoch origineller und zugleich tief berührender Film!

Bei uns ist Another Earth auf Blu-ray und DVD erschienen und noch im Handel erhältlich.
Auch online kann er angeschaut werden, in Deutschland bei Amazon, Maxdome, Magenta TV, Microsoft, Google Play und youtube. In der Schweiz bei

youtube und Google Play. In Oesterreich bei Amazon, Maxdome, youtube und Google Play.


 

Meine Wertung:
10 / 10


 


1 Kommentar:

  1. Ich war ebenfalls sehr beeindruckt und freue mich, dass auch Du ihn für Dich entdeckt hast. Kein typischer Film für seine Entstehungszeit und deswegen um so willkommener. :)

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