Montag, 12. Oktober 2020

Seh-Empfehlung 10: Gaslicht (Gaslight, England 1940)


 

Originaltitel: Gaslight
Deutscher Titel: Gaslicht (hierzulande erstmals gezeigt 1990, als TV-Ausstrahlung)
Grossbritannien 1940
Mit Anton Walbrook (Adolf Wohlbrück), Diana Wynyard, Frank Pettingell, Cathleen Cordell, Robert Newton u.a.
Regie: Thorold Dickinson
Drehbuch: A.R. Rawlinson und Bridget Boland nach dem gleichnamigen Theaterstück von Patrick Hamilton
Kamera: Bernard Knowles
Musik: Richard Addinsell
Dauer: 84 min
Farbe: schwarzweiss

Bewertungen: 
imdb.com: 7,3 / 10 (3'775 Stimmen)

Letterboxd.com: 3,6 / 5 (1'383 Stimmen)
Meine Wertung:
9 / 10

Der Filmklassiker Das Haus der Lady Alquist mit Ingrid Bergman und Charles Boyer dürfte Filmfreunden wohl bekannt sein. Sein US-Orgialtitel ist Gaslight.
Vier Jahre vorher erschien eine britische Produktion unter demselben Titel - es war eine Verfilmung des erfolgreichen 1939 in England uraufgeführten Bühnenstücks des britischen Dramatikers Patrick Hamilton. Als Hamiltons Stück 1941 am Broadway zum riesigen Hit wurde, sicherten sich MGM die Filmrechte. Alle Kopien des englischen Vorgängerfilms hätten zerstört werden sollen; glücklicherweise war dem abscheulichen Vorhaben kein durchschlagender Erfolg beschieden: Thorold Dickinson, der Regisseur der englischen Filmversion soll selbst noch eine Kopie von seinem Werk gezogen haben, bevor die Negative gänzlich vernichtet waren. Nun kann der tolle Film in einer hervorragenden restaurierten, digitalen Fassung glücklicherweise wieder gesehen werden.

Die Handlung beider Versionen ist natürlich dieselbe: Paul Mallen und seine Frau Bella (Anton Walbrook und Diana Wynyard) sind die neuen Mieter in Haus 12, wo vor Jahren ein schrecklicher Mord geschah. Nach und nach wird dem Publikum klar, dass Mallen der Mörder von damals ist; er ist in das Haus zurückgekehrt ist, weil er nach seiner abscheulichen Tat das wertvolle Schmuckstück nicht finden konnte, hinter dem er her war. Nun will er es ungestört und in aller Ruhe suchen. Mit fiesen psychologischen Tricks macht er seine Frau glauben, sie werde langsam verrückt; falls er den gesuchten Schmuck findet, wäre seine einzige Zeugin eine Verrückte. 

Im Unterschied zur amerikanischen Fassung gibt es hier die Figur des pensionierten Detektivs Rough (Frank Pettingell), der sich an den Mord von damals erinnert, den Mörder zu erkennen glaubt, sich erneut in den Fall verbeisst und Mallen ausspioniert. In der US-Fassung war es der junge Joseph Cotten, der die Sache schliesslich aufklärt, was - typisch MGM - eine zusätzliche romantische Note ergab, die im Original so nicht vorgesehen ist.

Beide Filme liegen sehr nahe beieinander, was Ausstattung und Atmosphäre betrifft. Punkto Besetzung übertrifft Dickinsons Film allerdings den amerikanischen Nachfolger klar und deutlich. Anton Walbrook trägt als Bösewicht zwar bisweilen etwas dick auf, aber er ist damit höchst effektiv. Sein Mallen lässt einem abwechslungsweise die Galle hochkommen oder das Blut in den Adern gefrieren. Er spielt ihn als elegantes Scheusal, das höchst charmant sein kann, um Sekunden später sein wahres, hässliches Gesicht zu zeigen. Mit seinem präzisen, changierenden Spiel ist er dem hölzernen Charles Boyer der US-Fassung weit überlegen. Seine Partnerin Diana Wynyard ist zwar blass, doch das passt perfekt zu ihrem Part. Man glaubt ihr das devote Weibchen, was für die Glaubwürdigkeit der Handlung entscheidend ist. Ingrid Bergman war zwar auch gut, doch sie musste sich dafür sichtlich anstrengen, während der Zustand bei Wynyard natürlich erscheint. Und somit ist auch die psychologische Glaubwürdigkeit der Figuren gegeben.


Bleibt zu sagen, dass Thorold Dickinsons Regie von Anfang bis Ende überzeugt - sowohl in der sorgfältigen Inszenierung, welche immer auch die Bilder sprechen lässt, als auch in der Schauspielerführung. Dickinson war ein Meister seines Fachs; ausserhalb Englands ist er heute leider vergessen.

Fazit: Gaslight der erste ist vorbehaltlos zu empfehlen - einer jener Filme, die man hierzulande gerne zur DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung vorschlagen möchte.
In England ist er auf einer DVD/Blu-ray-Doppelausgabe des British Film Institutes (BFI) erhältlich.
Und - kurios - in der Schweiz kann er im Stream geschaut werden: Bei Google Play, in der englischen Originalfassung mit englischen Untertiteln.



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