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Sonntag, 23. August 2020

Seh-Empfehlung 7: Stürmische Höhen (Wuthering Heights, 1939)



Wuthering Heights (dt.: Stürmische Höhen, 1939)
Mit Merle Oberon, Laurence Olivier, Flora Robson, David Niven, Geraldine Fitzgerald, Leo C. Carroll, Hugh Williams, Donald Crisp, Cecil Kellaway u.a.
Drehbuch: Charles MacArthur und Ben Hecht nach dem Roman von Emily Brontë
Regie: William Wyler
Produzent: Samuel Goldwyn

Kamera: Gregg Toland
Musik: Alfred Newman
Studio: The Samuel Goldwyn Company
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Juli 1950
Dauer: 104 min

Farbe: schwarzweiss


Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. Sie konnenten beisammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.
- Volkslied

Diese uralte Ballade ging mir beim Betrachten dieser Verfilmung von Wuthering Heights nicht mehr aus dem Sinn.
Das eine Königskind, Cathy (Merle Oberon), wächst als Tochter eines begütertern Vaters
(Cecil Kellaway) auf dem Hof "Wuthering Heights" auf. Das andere wird Heathcliff genannt (Laurence Olivier) - ein Junge, den der Vater eines Tages auf den Strassen Liverpools aufliest und adoptiert.
Cathy und Heathcliff spüren von Beginn weg eine starke Verbindung; im felsigen Umland spielen die beiden Königskinder - noch als junge Erwachsene - und tun so, als wäre Heathcliff von adligem Geschlecht, der verlorene Sohn eines indischen Königs.

Als Erwachsene steht Cathy zwischen Heathcliff, der seit dem Tod des Vaters als Stallbursche auf dem Hof arbeiten muss und Edgar (David Niven), einem adligen Gentlemen aus der Nachbarschaft, der sie umwirbt. Heathcliff ist überzeugt, dass Cathy und er eins sind und sie zusammengehören, während sie von ihren Launen hin und her gerissen wird.
Wegen eines dummen aber fatalen Missverständnisses, glaubt Heathcliff, Caty verloren zu haben und verschwindet just in dem Moment, als sie sich für ihn entschiedet. Als er nach Jahren reich, aber verbittert aus Amerika zurückkehrt, ist Cathy längst Teil der oberen Gesellschaftsschicht, unentrinnbar gefangen und verstrickt in deren Konventionen.


Sternstunde
In der Nacherzählung klingt das trivial. Die Vorlage ist es bestimmt nicht - und der Film, obwohl er sich stark von
Emily Brontës Roman entfernt, auch nicht. Er nimmt den Geist der Vorlage auf, befreit dessen tragische Liebesgeschichte von einigen Nebenhandlungen und -figuren und erzählt sie so meisterhaft, dass sie mehr ist als eine weitere Hollywood-Liebesschnulze. 
Liebhaber des Romans schütteln möglicherweise den Kopf über all die Änderungen, doch wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird einen unvergesslichen Filmabend erleben. Im Fall von Wuthering Heights ist es besser, man liest den Roman erst nach der Sichtung des Films.
Angesichts der komplexen und figurenreichen Vorlage grenzt es an ein Wunder, dass es in Wylers Film zu keinen nennenswerten Unstimmigkeiten kommt. Einzig die Figur des Hindley, Cathys versoffener und übellauniger Bruder, sorgt für kurzfristige Irritationen, weil einerseits kein Grund für die Alkoholsucht dieses verlorenen Charakters erkennbar wird, und weil er andererseits plötzlich für eine geraume Zeit von der Bildfläche verschwindet und man sich zu fragen beginnt, wo er denn eigentlich steckt.


Trotz dieser kleinen Irritationen:
Ich kann mir keine bessere Verfilmung als diese vorstellen - und es gibt deren etwa 20 (Fernsehfilme und Miniserien mit eingeschlossen). Auch wer die Vorlage kennt, wird vom perfekten Zusammenspiel aller am Film Beteiligten verzaubert werden. Dank des Gestaltungswillens des Regisseurs haben sie etwas erschaffen, was ich eine Sternstunde des Kinos nennen möchte
Vertieft man sich allerdings in dessen Entstehungsgeschichte, dann wundert man sich, wie es überhaupt soweit kommen konnte! Bis jedes Steinchen in dem grossen Mosaik, das diesen Film ausmacht, schliesslich am genau richtigen Ort lag, brauchte es einige Umwege und Irrungen.

Mosaiksteinchen
Am Anfang war das Drehbuch. Produzent Walter Wanger konnte nichts damit anfangen und wollte es loswerden. Star-Regisseur William Wyler erkannte das Potential des Stoffes und drängte den Produzenten zum Kauf. Damit war er als Regisseur gesetzt.
Wyler wollte die Vorlage mit Bette Davis in der Hauptrolle verfilmen. Doch Goldwyn schlug Merle Oberon vor - damit lag ein weiteres Steinchen am richtigen Platz.
Die Besetzung des Heathcliff war schwieriger. Ronald Colman, Douglas Fairbanks Jr. und Robert Newton waren im Gespräch - nicht auszudenken, was der Film mit einem von ihnen in der Rolle geworden wäre!
Da kam Goldwyn auf Laurence Olivier. Der britische Schauspieler hatte nach einem Misserfolg in Hollywood beschlossen, sich vom Film ab- und sich ausschliesslich der englischen Bühne zuzuwenden, wo er inzwischen zum Star avanciert war. Er war überzeugt, dass die Bühne sein Zuhause war. Zudem war er gerade in eine heftige Affäre mit der britischen Schauspielerin Vivien Leigh involviert und wollte England nicht verlassen.

Wyler, der auf Goldwyns Vorschlag nach England gereist war, um sich Olivier auf der Bühne anzusehen und der in diesem seine Idealbesezung des Heathcliff gefunden zu haben glaubte, schlug Goldwyn vor, Vivien Leigh eine Nebenrolle im Film anzubieten, um Olivier über den grossen Teich zu locken. Doch diese schlug das Angebot aus. Sie wollte die Hauptrolle oder gar nichts. 
Schliesslich war sie es, die Olivier überzeugte, "die einmalige Gelegenheit zu ergreifen", welche dieses Filmprojekt in ihren Augen bot. Olivier gab nach - ein weiteres wichtiges Steinchen lag an seinem Platz.
Mirakulöserweise fand dadurch ein Steinchen zu einem anderen Film-Mosaik seinen Platz: Als Vivien Leigh ein paar Monate später in die USA reiste, um Olivier zu besuchen, wurde sie dem Produzenten David O. Selznick vorgestellt. In ihr fand Selznick endlich die lang gesuchte Hauptdarstellerin für ein ambitioniertes Grossprojekt namens Gone With the Wind (dt.: Vom Winde verweht)! Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden...

Hinter den Kulissen
Von Harmonie am Set von Wuthering Heights kann nicht berichtet werden - obwohl der fertige Film diesen Eindruck erweckt. Einvernehmlich ging es offenbar nur zwischen Regisseur Wyler und Kameramann Gregg Toland zu und her - die beiden hatten bereits mehrere Filme miteinander gedreht und verstanden sich ohne Worte.
Mit Wyler zu arbeiten war für die Schauspielerinnen und Schauspieler zu allen Zeiten schwierig, weil der Perfektionist Szenen bis zu 40 Mal in verschiedenen Variationen wiederholen liess, um danach am Schneidetisch eine gute Auswahl zu haben. Als Laurence Olivier deswegen einmal ausrastete und Wyler anschrie, er solle ihm endlich sagen, was er denn eigentlich wolle, überlegte dieser kurz und antwortete dann ganz ruhig, er wolle die Szene eigentlich nur besser.
Olivier sass zu jener Zeit auf dem hohen Ross und hielt sich für unglaublich gut. Einmal schleuderte er Wyler nach einer weiteren Intervention entgegen: "Ich vermute, dieses blutleere kleine Medium verträgt sich nicht mit hervorragendem Schauspiel!"
Seine Filmpartnerin Merle Oberon beschimpfte der junge britische Star-Schauspieler, nachdem sie sich über seine feuchte Aussprache beschwerte, mit "you amateur little bitch" und "you bloody little idiot, how dare you speak to me?"

Produzent Sam Goldwyn holte Olivier eines Tages von seinem hohen Ross herunter, indem er ihm vor versammelter Crew die Leviten las und ihm mit Entlassung drohte, falls er weiterhin nicht bereit sei, an seinem Spiel zu arbeiten.
Jahre später gab Olivier zu, dass Wyler ihm mit der Arbeit an diesem Projekt die Augen für die Möglichkeiten des Films geöffnet habe und er von diesem Wichtiges gelernt habe. Olivier wünschte sich Wyler gar als Regisseur für seine Shakespeare-Adaption Henry V (1944), für die er wegen Wylers Unabkömmlichkeit schliesslich selbst die Regie übernahm. Und 1953 stand Olivier für den Film Carrie nochmals vor Wylers Kamera.

William Wyler
Wylers Perfektionismus war gefürchtet und gehasst - doch er hat damit eine Fülle von wunderbaren, grossartigen Kinowerken geschaffen und zählt heute zu den geschätztesten US-Regisseuren vieler Cinéasten. Er bohrte und schraubte so lange an jedem Detail, bis alles bis ins Kleinste stimmte. Man wird in seinen Filmen nicht eine einzige schlechte schauspielerische Leistung finden - auch nicht in kleinen Nebenrollen!
Für Wuthering Heights arbeitete er mit einer Truppe ausschliesslich britischer Akteuren und Aktricen. Dem Verdikt einiger Kritiker, die Merle Oberons Leistung in der Hauptrolle als inadäquat bezeichnen, wiederspreche ich nach der Sichtung vehement: Sie fügt sich mit ihrem Spiel nahtlos ein ins hohe Niveau der restlichen Crew, ja sie trägt Wesentliches dazu bei, die Zuschauer emotional zu involvieren. Und die Chemie mit Laurence Olivier erscheint perfekt - man glaubt kaum, dass die beiden sich hinter den Kulissen nicht grün waren.


Dank Wylers Gestaltungwillen gehört Wuthering Heights heute zu den grössten Liebesdramen des Kinos. Und auch wenn Produzent Samuel Goldwyn gegen den Willen des Regisseurs einen eigenen Schluss hinzufügte, schadete er dem Film keineswegs; Goldwyns Schluss passt zwar nicht zur Vorlage, dafür perfekt zur Stimmung des Films.

Wuthering Heights ist hierzulande auf DVD erhältlich.



Michael Scheck


Bewertungen: 
imdb.com: 7,6 / 10 (15 973 Stimmen)
Letterboxd.com: 3,5 / 5 (4609 Stimmen)
Meine Wertung: 10 / 10

Dienstag, 14. Juli 2020

Nimm, was du kriegen kannst (Come and Get It, 1936)



Come and Get It (dt.: Nimm, was du kriegen kannst, 1936) 
Mit Edward Arnold, Frances Farmer, Walter Brennan, Joel McCrea, Mary Nash, Mady Christians, Andrea Leeds u.a.
Drehbuch: Jane Murfin und Jules Furthman nach dem Roman von Edna Ferber
Regie: Howard Hawks und William Wyler

Kamera: Rudolph Mathé und Gregg Toland
Musik: Alfred Newman
Genre: Drama

Studio: The Samuel Goldman Company
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: Februar 1978
Dauer: 99 min

Farbe: s/w


Ein Film aus dem amerikanischen Holzfäller-Milieu von 1884 - wie kann sowas heute noch interessant sein?

Barney Glasgow (Edward Arnold) ist Chef einer Holzfäller-Truppe, die über die Wälder Nord-Wisconsins herfällt wie die Termiten: Alles wird abgeholzt, an Wiederaufforstung denkt damals niemand. Barney verliebt sich unsterblich in die Saloon-Dame Lotta (Frances Farmer), heiratet aber aus Karrieregründen die Tochter eines reichen Holzbarons, dessen Firma er dann wie geplant übernehmen kann.
Lotta heiratet Barneys Compagnon Swan Bostrom (Walter Brennan), stirbt aber ein paar Jahre nach der Hochzeit.
Jahre später folgt Barney einer Einladung seines alten Kumpels Swan, reist in den Norden, ihn zu besuchen, und stellt fest, dass dessen Tochter das Ebenbild seiner alten Flamme ist. Sofort ist es um den alten Haudegen geschehen, was er die anderen aber nicht merken lässt. Statt dessen lädt er Swan, dessen Schwester und Tocher ein, in seiner Nähe ein neues Quartier zu beziehen - unter dem Vorwand, Swans Tochter eine gute Ausbildung in Chicago ermöglichen zu wollen. Als diese sich in Barneys Sohn Richard (Joel McCrea) verliebt, bahnt sich ein Familiendrama an...


Die eingangs gestellten Frage kann getrost mit "ja" beantwortet werden. Mit den richtigen Leuten vor und hinter der Kamera könnte man wahrscheinlich auch aus einem Einkaufszettel einen interessanten Film machen.
Die "richtigen Leute" bei diesem Projekt waren: Jules Furthman und Jane Murfin; sie destillierten aus dem ein Jahr zuvor erschienen Bestseller von Edna Ferber (die selbst auch Drehbücher schrieb) eine packende, mit Witz und Spannung garnierte Film-Erzählung. Es waren - auf dem Regiestuhl - die zwei Regie-Giganten Howard Hawks und William Wyler; Hawks überliess seinen Platz nach zwei Dritteln der Dreharbeiten dem Kollegen Wyler. 


Zwei der Top-Kameramänner jener Zeit, Rudolph Mathé und Gregg Toland fassten das Ganze in herrliche Bilder von grosser Tiefenschärfe.
Und sämtliche Ausführenden vor der Kamera; sie sorgten ausnahmslos für packende, überzeugende schauspielerische Leistungen.
Wem das nicht reicht, dem ist auch nicht zu helfen...!


Trotzdem all der grossen Qualitäten kommt man nicht umhin, sich im Verlauf des Films über die Richtung zu wundern, welche Handlung einschlägt. Worauf Come and Get It eigentlich hinaus will, entzieht sich einem bis kurz vor Schluss, wo er praktisch mit der letzten Einstellung doch noch die Kurve kriegt. Der Film dreht sich mehrheitlich um das verpasste Leben eines Erfolgssüchtigen und um die Tragik des Älterwerdens.
Der Grund für dies lang andauerende Richtungslosigkeit des Films ist in einem Konflikt begründet, der während der Dreharbeiten zwischen Studioboss Samuel Goldwyn und Howard Hawks entbrannte.
Goldwyn musste dem Studio wegen zwei Operationen eine geraume Zeit fern bleiben. In dieser Zeit liess Hawks das Drehbuch völlig umschreiben (ursprünglich war der zentrale Konflikt darin der Raubbau an den Wäldern), überschritt das Budget und engagierte den spindeldürren Walter Brennan für die Rolle des schwedischen Holzfällers Swan, der im Roman ein wahrer Hüne ist.
Goldwyn war geschockt, als er nach seiner Rückkehr entdeckte, was aus dem Film geworden war, und feuerte Hawks, als dieser sich weigerte, Änderungen vorzunehmen. Zu retten war nun nicht mehr viel, der Film musste auf den Markt.


William Wyler, der zu jener Zeit gerade das Drama Dodsworth fertigstellte, war sich zu schade, etwas zu beenden, was ein anderer angefangen hatte, doch Goldwyn drohte ihm mit Entlassung. In zwei Wochen beendete Perfektionist Wyler den Film; weil er nicht die Kontrolle über das ganze Werk gehabt hatte, wollte er seinen Namen nicht damit in Verbindung gebracht sehen. Er betrachtete Come and Get It auch nie als Teil seiner Filmografie.
Die Autorin der Vorlage war übrigens ganz angetan von dem Umstand, dass aus dem Chaos der Produktion etwas Neues aus ihrem Roman entstanden war.

Und wie bereits erwähnt, kann der Film sich sehen lassen. Unvergesslich bleiben die drei grandiosen Hauptdarsteller, sie helfen einen mit ihren hervorragenden Leistungen über die unentschlossenheit der Handlung hinweg und halten einen die ganze Zeit über bei der Stange. Edward Arnold, unvergessen als Nebendarsteller der besten Capra-Filme (Lebenskünstler, John Doe, Mr Smith geht nach Washington), spielte in den Dreissigerjahren einige Hauptrollen, bevor er sich auf prägnante Nebencharaktere festlegte. Arnold hatte eine starke Ausstrahlung und konnte einen Film mühelos tragen. Frances Farmer, deren Karriere später eine tragische Wendung nahm, verblüfft in der Doppelrolle als Mutter und Tochter mit einer Wandlungsfähigkeit, die man in Frauenrollen jener Zeit selten zu sehen bekam. Und Walter Brennan als schwedischer Holzfäller gelang hier eine der denkwürdigsten Leistungen seiner langen Karriere. Wie er den Alterungsprozess seiner Figur mit schauspielerischen Mitteln glaubhaft macht, ist bemerkenswert. Darüber hinaus sorgt er mit seiner kauzigen Art immer wieder für komische Momente. Brennan erhielt für diese Rolle anlässlich der 9. Oscarverleihung 1937 den ersten Academy Award, der für den besten Nebendarsteller vergeben wurde.
Nach diesem Oscar rutsche Brennans Name auf den Filmwerbeplakaten nach oben; hier wurde er noch (auf beiden abgebildeten Plakaten) an fünfter Stelle genannt, obwohl er deutlich mehr zu tun hat als Joel McCrea oder Mady Christians, die beide vor ihm aufgelistet sind. Brennan wurde im Lauf der Jahre zu einem der bekanntesten, beliebtesten und besten Charakterdarsteller Hollywoods.


Come and Get It gibt es bei uns weder auf Blu-ray noch auf DVD. Er ist aber als DVD der "Warner Archive Collection" (USA, REC0) erschienen.


Michael Scheck

Montag, 1. Juni 2020

The Devil to Pay (1930)


Eine vergessene Filmkomödie  

The Devil to Pay (USA 1930)
Mit Ronald Colman, Loretta Young, Frederick Kerr, David Torrence, Myrna Loy, Florence Britton, Paul Cavanagh u.a.
Drehbuch: Frederick Lonsdale und Benjamin Glazer
Regie: George Fitzmaurice
Genre: Komödie
Studio: The Samuel Goldwyn Company
Kino/TV-Auswertung im deutschsprachigen Raum: keine
Dauer: 72 min
Farbe: s/w

Willie Hale (Ronald Colman), ein charmanter Lebemann aus reichem Londoner Hause, ist das schwarze Schaf der Familie. Dank seinem Charme und seinen kommunikativen Fähigkeiten gelingt es ihm nach jedem Fehltritt, alle Geschädigten wieder zu besänftigen - inklusive des unnachgiebigen Familienpatriarchen (Frederick Kerr).
Als er die bezaubernde Dorothy Hope (Loretta Young) kennenlernt und sich verliebt, nimmt sein Leben plötzlich eine irritierende Wendung: Es geht in Richtung Momogamie...


Das Interessante an diesem Film ist nicht die Handlung; so oder ähnlich verlaufen viele romatische Komödien. Obwohl das Drehbuch mit geschliffenen Dialogperlen glänzt, obwohl die gesamte Schauspieltruppe ihre Sache ausnahmslos hervorragend macht, stehen auch sie nicht im Zentrum des Interesses. Wohl ist der Film höchst amüsant und von Anfang bis Ende unterhaltsam, von grosser Bedeutung ist er aber nicht.

Das Interessanteste an The Devil to Pay ist die Handhabung der damals noch in den Kinderschuhen steckenden Tontechnik. 

Wer Filme aus jener chaotischen Periode kennt, weiss, wie unglaublich statisch und gleichzeitig geschwätzig sie sein konnten.
Dies war dem Umstand geschuldet, dass die klobigen Mikrophone praktisch unbeweglich waren und irgendwo direkt vor den Akteuren aufgebaut werden mussten, dies
aber
möglichst versteckt. Was dazu führte, dass die Schauspieler - im Gegensatz zum Stummfilm - plötzlich nur noch wenig Bewegungsfreiheit hatten. Das Bild gefror zu Beginn der Tonfilmaera zum statischen Tableau. Und der Wunsch des Publikums nach dem gesprochenen Wort führte zu unglaublicher Geschwätzigkeit. Erschwerend kam hinzu, dass die Kameras in schalldichte Kabinen verpackt wurden, damit ihr Gesurre auf der Tonspur nicht zu hören war.Auch von dieser Seite war also kaum Bewegung möglich.
Ambitioniertere Regisseure versuchten, gegen die Statik, die der Stummfilm übrigens kurz zuvor mit einigen signifikanten technischen Verbesserung überwunden hatte, anzukämpfen, und wenn man sich diesen Film anschaut, kommt man zum überraschenden Schluss, dass der heute kaum mehr bekannte George Fitzmaurice zu diesen gehört haben musste. 

The Devil to Pay wirkt moderner als viele der Lichtspiele aus demselben Jahr. Es gibt Kamerafahrten, Uebergänge von drinnen nach draussen und es gibt sogar Begleitmusik. Man könnte glauben, der Film sei 1935 entstanden, wären da nicht einige Irritationen, die aber samt und sonders mit der noch unausgereiften Tonqualität zu tun haben. So werden etwa die Dialoge immer, wenn Begleitmusik zu hören ist, fast unverständlich. Die frühe Tontechnik konnte die Gleichzeitigkeit zweier verschiedener Tonquellen noch nicht bewältigen, weshalb man in den meisen Streifen jener Zeit einfach die Musik wegliess. Es wurde aber experimentiert und so dauerte es nicht lange, bis eine Lösung gefunden war. Es gibt eine Sequenz, in welcher die Hauptprotagonisten im offenen Cabriolet durch eine stark befahrene Strasse holpern und singen. Der Gesang klingt unnatürlich hohl, weil er offensichtlich über den Verkehrslärm drübersynchronisiert wurde. Die Abmischung beider Tonquellen dürfte für die damalige Zeit ein deutlicher Fortschritt gewesen sein - aus heutiger Sicht wirkt die Sequenz eher dürftig.
Das Bestreben, die Statik zu vermeiden, die mit Aufkommen des Tons plötzlich im Film Einzug hielt, ist in The Devil to Pay deutlich zu spüren, ebenso die Kompromisse, die auf verschiedenen Ebenen gemacht werden mussten, um dieses Ziel zu erreichen. Und doch ist die Tonqualität, bis auf die erwähnten Ausnahmen, im Durchschnitt deutlich besser als in anderen "Talkies" jener Zeit, gerade in den bewegten Sequenzen.


Regisseur Fitzmaurice hatte immerhin zwei heute durchaus noch bekannte Filme auf seinem Konto. Zum einen den Stummfilm Son of the Sheik mit Rudolf Valentino (1926), zum anderen den Garbo-Klassiker Mata Hari (1931) - ganz so unbekannt wie ich zuerst dachte, ist er also nicht. Immerhin hatte er zwischen 1914 und 1940 über 80 Filme gedreht. Die meisten davon sind heute vergessen oder nur noch den eingefleischen Fans des alten Hollywood bekannt. The Devil to Pay ist somit eine kleine Entdeckung, die ein Schlaglicht auf einen Regisseur wirft, der gemeinhin unter dem Radar der Filmhistorie bleibt. Dass er der Wiederbelebung der damals kurzzeitig in Vergessenheit geratenen cinèmatografischen Errungenschaften des Stummfilms Vorschub leistete, dürfte nicht bekannt sein - und lässt ihn in keinen schlechten Licht erscheinen.


Zu dieser Thematik (frühe Tonfilme) werde ich mir demnächst auch Ernst Lubitschs ein Jahr vorher entstandenes Musical The Love Parade vornehmen. Bin mal gespannt, wie Lubitsch die Ton-Probleme gemeistert hatte...


The Devil to Pay ist dank der witzig-prickelnden Dialoge des britischen Theaterautors Frederick Lonsdale (der hiermit sein erstes Drehbuch verfasste) ein Film geworden, der bereits die Screwball-Komödien der mittleren Dreissigerjahre ankündigt. Interessant ist zudem, dass er in England spielt und die männlichen Rollen alle mit britischen Schauspielern besetzt sind - während die drei Hauptdarstellerinnen aus den USA stammten. So wirkt der Film tatsächlich wie eine importierte britische Gesellschaftskomödie.
Zur Frühzeit des Kinos (vom Stummfilm bis etwa zur Mitte der Dreissigerjahre) war es nichts Aussergewöhnliches, wenn ein amerikanischer Film in einen anderen Land spielte: Ob Deutschland, Russland, Frankreich, China oder England - es gab im Filmgeschäft Hollywoods genügend Immigranten aus jenen Ländern, die zumindest hinsichtlich des nationalen Kolorits für eine gewisse Authentizität sorgen konnten. Später konzentrierte sich das US-Kino dann stärker auf amerikanische Themen, möglicheweise aus Renditegründen.

Ohne die erwähnten Tonprobleme liesse sich The Devil to Pay als entspanntes Lust-Spiel durchaus noch heute geniessen. So ist er immerhin noch für filmhistorisch Interessierte von Belang. Trotz seiner geringen Bekanntheit ist er auf einer DVD zu haben, genauer: einer DVD-R (manufactured on demand) der Warner Archive Collection. Regionalcode 0.
Die Bild- und Tonqualität sind ganz gut, aber die Vorlage war wohl ein 35mm- oder gar 16mm-Dupe. Was Angesichts der sonst sehr guten Bildqualität der Warner Archive-DVDs zur Vermutung führt, dass keine Originalkopie des Films mehr auffindbar war.


Michael Scheck

Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...