Freitag, 11. März 2022

Seh-Empfehlung 34: Cast Away - Verschollen (Cast Away, 2000)


Diesmal ging es schnell - schon der erste Film nach meinem letzten Artikel war ein Treffer. Diesmal also eine Rezension ohne die obligate "Liste der abgebrochenen Filme" am Schluss.

Cast Away
war nach dem Klassiker Forrest Gump (1994) die zweite erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Robert Zemeckis und dem Star-Schauspieler Tom Hanks. Das Drehbuch stammt aus der Feder von William Broyles Jr., der bereits früher für einen Tom Hanks-Klassiker als Drehbuchautor fungierte:
Apollo 13 (1995).
Eine bemerkenswerte Massierung von Talent also, und tatsächlich überzeugt Cast Away während seiner gesamten Laufzeit: Der Film packt von Anfang an, bereits die Vorgeschichte, welche das Alltagsleben der Hauptfigur zeigt, ist spannend - weil man weiss, was da bald auf sie zukommt.

Chuck Noland (Tom Hanks), ein hohes Tier bei der Zustellfirma FedEx, ist derart in seine Arbeit eingespannt - eben wurde eine Dependance in Moskau eröffnet - dass er kaum Zeit für seine Verlobte Kelly (Helen Hunt) findet. Die geplante Heirat muss warten, nicht zuletzt, weil auch sie zeitlich eingespannt ist - in ihr Studium.
Als Chuck sich vor einem weiteren seiner vielen Flüge von Kelly verabschiedet, ahnen beide nicht, dass es erst Jahre später zu einem Wiedersehen kommen wird: Chucks Maschine stürzt über dem Südpazifik ab, als einziger Überlebender landet er auf einer verlassenen Insel. Ohne jede Aussicht auf Rettung, wie sich bald zeigt. Er muss sich alleine durchkämpfen und klammert sich dabei gegen alle Widrigkeiten und Wahrscheinlichkeit ans letzte, was ihm geblieben ist: sein Leben.

Zemeckis' Film wartet mit einigen visuellen Überraschungen im ansonsten minimalistisch gestalteten Überlebensepos auf. Auf der Insel gibt es kaum Dialog, wenig Handlung, dafür umso mehr einfallsreicher herbeigeführte Wendungen:
Pakete aus der verunglückten Luftfracht werden angeschwemmt; ein bemalter Volleyball wird zu Chucks Gesprächspartner, was dessen geistige Gesundheit rettet; scheinbar nutzlose angeschwemmte Videokassetten finden später eine wichtige Verwendung...
Das Drehbuch sorgt geschickt und ohne Sensationslüsternheit für permanente Spannung.

Cast Away erzählt von einem, der alles verliert und sich selbst an einem fremden, unwirtlichen Ort neu erfindet. Den er am Ende aufgibt, indem er nach mehreren einsamen Jahren ins Ungewisse aufbricht. Im Grunde wird hier die Geschichte eines langen Abschieds erzählt, an dessen Ende unser Protagonist vor dem Nichts steht. Doch wer ganz zu Beginn des Films genau aufpasst, kann erahnen, wie der Film enden wird. Dies bleibt zwar offen, aber in diesem Moment übernimmt das Wunschdenken des Zuschauenden die Rolle des Erzählers. Und deshalb gibt es ein Happy End. Das spricht sehr für den Film, denn die Hauptfigur wächst einem in den fast zweieinhalb Stunden der Filmdauer so ans Herz, dass man ihm am Ende des Weges nur das Beste wünscht.

Cast Away - Verschollen gibt es hierzulande auf Blu-ray, DVD und bei zahlreichen Anbietern online.


 

Sonntag, 6. März 2022

Seh-Empfehlung 33: Das unheimliche Fenster (The Window, 1949)

Nach vielen vergeblichen Versuchen, einen guten Film zu sehen (siehe Anhang unten), ist es mir nun endlich gelungen, wieder einmal ein empfehlungswürdiges Kinowerk auszumachen: The Window von Ted Tetzlaff (Regie) und Mel Dinelli (Drehbuch).
Er bringt eine (weitere) Variation jener sattsam bekannten Geschichte des Jungen, der spasseshalber das Dorf vor dem Wolf warnte, und dem niemand glaubte, als der Wolf dann wirklich kam. 

Tommy, ein phantasiebegabter Junge aus dem New Yorker Arbeitermilieu der späten Vierzigerjahre (Bobby Driscoll) hat seine Eltern (Arthur Kennedy und Barbara Hale) schon öfters mit seinen Lügengeschichten in Schwierigkeiten gebracht. Als er Zeuge wird, wie das als nett geltende Ehepaar Kellerson (Paul Stewart und Ruth Roman), das im selben Block wohnt, einen Mann ermordet, glaubt niemand seiner Erzählung.
So weit, so bekannt. Auch "so langweilig"? Nein, denn nun kommt eine Kette von Ereignissen in Gang, welche dazu führt, dass die bislang ahnungslosen Kellersons von Tommys Mitwisserschaft erfahren. Als Tommy eine Nacht allein zu Hause verbringen muss, sehen sie die Gelegenheit für gekommen, den Zeugen aus dem Weg zu räumen.

Die grösste Stärke des Filmes ist das Erzählen aus der Kinderperspektive. Sämtliche Erwachsenen, sogar die eigenen Eltern, erscheinen dabei als übermächtige Gegenspieler und Feinde. Alle sind auf die eigene Reputation bedacht, die in ihren Augen darunter litte, würden sie den Spinnereien eines Kindes Glauben schenken. Auf seinem eigenen Spielplatz - einem halb verfallenen mehrstöckigen Nachbarhaus, in dem er sich auskennt - gelingt es Tommy schliesslich ohne Hilfe der "Grossen", seine Verfolger unschädlich zu machen.

Man merkt dem Film an, dass Regisseur Tetzlaff früher Kameramann war - seine Schwarzweisskompositionen sind eine Augenweide und erzeugen mittels oft ungewohnter Perspektive eine untergründige Spannung.
Die Figuren sind gut gezeichnet und vor allem hervorragend gespielt, wobei in erster Linie Kinderstar Bobby Driscoll hervorzuheben ist, der hier eine erstaunlich reife und glaubhafte Leistung abliefert (er wurde dafür 1950 mit einem Spezial-Oscar für Kinderdarsteller
ausgezeichnet), aber auch Paul Stewart und Ruth Roman als zwieliechtiges Paar liefern präzise und absolut wasserdichte Leistungen ab.

The Window ist ein kleiner Film (er dauert gerade mal 73 Minuten), der mit bescheidenem Budget grösstmögliche Wirkung erzielt. Obwohl er lange Zeit in Vergessenheit geraten war, zählt er zu den stärksten Vertretern des amerikanischen Film-Noir.

For the record:
Bevor ich bei The Window hängen geblieben bin, habe ich folgende Filme abgebrochen: 

- Belfast (2021)
Ich finde es problematisch, noch nicht weit zurückliegende historische Ereignisse, über die Dokumentarfilmmaterial und detaillierte schriftliche Berichte zu Hauf existieren, zu einem Spielfilm zu verarbeiten. Erstens: What's the point? Zweitens wirkt hier alles künstlich und gestellt. Gut inszeniert, aber komplett sinnlos...

 - Finch (2021)
Schlecht gemacht ist dieser Weltuntergangs-Science-Fiction ja nicht; Tom Hanks spielt sehr gut und der Roboter Jeff ist bisweilen köstlich. Aber der depressive Grundton des Films ging mir dann je länger je stärker derart gegen den Strich, dass ich aufhörte, gegen meine Zweifel anzukämpfen und abbrach.

- The Girl on the Train (2016)
Die Verfilmung von Paula Hawkins' gleichnamigem Erfolgsroman ist eine frustrierende Angelegenheit. Auf Effekte getrimmt, gibt er sämtliche Geheimniss der Hauptfiguren schon zu Beginn preis und krempelt so die Struktur der Vorlage - zugunsten billiger Effekthascherei - komplett um. Was den Roman so interessant macht, wird hier einfach über Bord geworfen.

- Rush: Alles für den Sieg (Rush, 2013)
Die Rivalität zwischen den beiden Formel1-Fahrern
James Hunt and Niki Lauda als Film - das mag vielleicht für Formel1-Fans von Interesse sein. Ich fand's aufgrund plakativer Charakterzeichnung nur langweilig. Im übrigen gilt hier im Prizip dasselbe, was ich schon bei meiner Kritik an Belfast geäussert habe (s. oben)...

- Der Mann, der König sein wollte (The Man Who Would Be King, 1975)
Vielgelobter Abenteuerfilm von John Huston. Ich hatte keine Lust, den beiden grund-unsympathischen Hauptfiguren über zwei Stunden durch ihre menschenverachtenden Betrügereien zu folgen.


- Der siebte Geschworene (Le septième juré, 1962)
Ein mit prätentiösem Gebaren kredenzter französisches Psycho-Drama um einen bislang respektablen Apotheker, der im Affekt eine junge Frau umbringt. Unsäglich hochtrabend, schon nach 15 Minuten hatte ich das artifizielle Getue satt. Einmal zeigt sich hier: Wer keine Geschichte erzählen kann, nimmt Zuflucht in die Kunstbeflissenheit...

- Repeat Performance (1947)
Eine seltsame Mischung aus Fantasy und Film-Noir. Nachdem eine juge Frau am Sylvesterabend ihren Ehemann erschossen hat, erhält sie die Chance, das alte Jahr nochmals zu durchleben und begangene Fehler zu vermeiden.
Hier wurde ein interessantes Thema durch mangelndes Talent auf allen Ebenen verschenkt.

- Topper - das blonde Gespenst (Topper, 1937)
Schlichtweg zu albern! Constance Bennett und Cary Grant als reiches Screwball-Paar, das ihre Umgebung mit kindischem Gehabe nervt und nach einem Unfall als Geister einen Bankdirektor auf den "richtigen" Weg bringen will... So ein Film glänzt natürlich nicht gerade durch nuancierte Figurenzeichnung.


Mittwoch, 9. Februar 2022

The Naked Jungle (Der nackte Dschungel, 1954)

Nach einer langen Reihe von Film-Abbrüchen bin ich doch wieder einmal an einem Streifen hängen geblieben - bezeichnenderweise wieder an einem, der nur wenig bekannt ist. Es kommen südamerikanische Eingeborene drin vor, ein weisser Grossgrundbesitzer, der auch noch im Zentrum der Handlung steht und allerlei gefälschte Ureinwohner-Folklore. Mit anderen Worten: Ein Graus für jeden Journalisten-Gutmenschen! Und: Ein Nazi, wer solch überkommenen rassistischen Kulturmüll überhaupt zu schauen in Betracht zieht! 

Dazu sage ich nur: "Sauft Benzin, Ihr Himmelhunde!"

Man kann einen solchen Film auch schauen, ohne in der Seele korrumpiert zu werden. Wer sich diesbezüglich gefährdet fühlt, kann sich ja einen Memo-Zettel auf den Bildschirm kleben, den er/sie immer dann, durchliest, wenn der Film beginnt, Spass zu machen:
"Dieser Film enthält negative Darstellungen und/oder eine nicht korrekte Behandlung von Menschen oder Kulturen. Diese Stereotypen waren damals falsch und sind es noch heute. [...] ist es wichtig, ihre schädlichen Auswirkungen aufzuzeigen und aus ihnen zu lernen und Unterhaltungen anzuregen, die es ermöglichen, eine integrativere gemeinsame Zukunft ohne Diskriminierung zu schaffen."
(
© The Walt Disney Company)
Alternativ kann in kritischen Momenten auch zur Flagellanten-Geisel gegriffen werden.

Ich fand es jedenfalls erfrischend, einen Hollywood-Film ohne gutmenschentümelnde Haltung, ohne überhebliches Oberlehrertum zu schauen. Sowas gibt es heute kaum noch. The Naked Jungle entstand aus dem Geist seiner Zeit heraus. Dass die Indios nicht im Zentrum des Geschehens stehen, sondern der atmosphärischen Unterfütterung der Haupthandlung dienen, war damals im Abenteuer-Genre Usus. Auch dass Weisse im Zentrum stehen. Damit kann jeder vernünftig denkende Zuschauer umgehen, ohne gleich Schaden zu nehmen. Die anderen sollen sich halt dem betreuten Denken à la Disney-Disclaimer (siehe oben) ergeben. Nach Ansicht dieser Arm..., pardon, Irrlichter ist jeder weisse Zuschauer irgendwie rassistisch und hat Betreuung nötig.
So gesehen, hat die Visionierung dieses Film etwas Befreiendes.

Es war aber etwas anderes, das mich für ihn eingenommen hat: Die Zeichnung der beiden Hauptcharaktere. Da ist auf der einen Seite der rohe, selbstherrliche Plantagenbesitzer (im Mainstream-Jargon: Ausbeuter) Leiningen (Charlton Heston), auf der anderen Joanna, eine Frau aus guter Gesellschaft, an die er sich unbekannterweise und per Fernheirat gebunden hat und die nun auf seinem (ausbeuterischen) Gut im Dschungel eintrifft (Eleanor Parker).
Zwei starke Charaktere prallen hier aufeinander, dass die Funken fliegen, denn Joanna ist nicht gewillt, sich von dem herrischen (ausbeuterischen, frauenfeindlichen, weissen, rassistischen, macho-schweinischen) Ehemann unterbuttern zu lassen. Die verbalen Schlagabtausche zwischen dem linkischen, ungehobelten (thumben) Plantagenboss und der gebildeten Frau aus gutem (bildungschauvinistischem) Hause gehören zu den Höhepunkten von The Naked Jungle - schauspielerisch wie dialogtechnisch.

Charlton Heston ist zwar wie immer steif und ungelenk, hier passt sein Typ allerdings perfekt. Fast fühlt man Mitleid mit diesem ungehobelten Klotz, weil er sich einfach nicht richtig an menschliche Umgangsformen halten kann. In einer ganz anderen Kategorie spielt Eleanor Parker, der man die innere Stärke schon anmerkt, bevor sie ihre erste Dialogzeile spricht. Parker ist eine jener grossen Schauspielerinnen, die stets zu Unrecht im Schatten viel berühmterer (aber nicht notwendigerweise talentierterer, dafür usurpatorischer) Konkurentinnen standen und die heute praktisch vergessen ist.

Als in der zweiten Filmhälfte dann unvermittelt eine Katastrophe in Form einer alles niederfressenden riesigen Ameisen-Armee losbricht, eine Plage biblischen Ausmasses, die mit vereinten Kräften bekämpft werden muss, flacht die Charakterstudie zwar ab, dafür gibt es eine tricktechnisch beeindruckende Action-Strecke (der geniale Trick-Techniker George Pal steckte hinter dieser Produktion). Im Angesicht der Gefahr kommen sich die beiden weissen Hauptprotagonisten schliesslich und endlich näher.
Das erhellende Fazit des Films: "Manchmal braucht es eine Horde Killerameisen, um zwei Menschen zusammenzubringen."

Regie führte Byron Haskin, ein wenig bekannter Name, der Filmfreaks allerdings zumindest bekannt vorkommen sollte. Tatsächlich - von ihm stammt die vielgerühmte Disney-Verfilmung von R.L. Stevensons Schazinsel (1950), der ebenso viel gerühmte Sixties-Science-Fiction-Trip Robinson Crusoe auf dem Mars (1964) und - die Mutter aller Alien-Filme - The War of the Worlds (1953) nach H.G. Wells.

Herrliche Bilder in schönstem Technicolor hübschen The Naked Jungle zusätzlich auf, so dass unterm Strich ein sehenswerter Unterhaltungsfilm herauskommt, den man noch heute gern gefallen lässt - ausser wenn man pausenlos Haltung zeigen muss/will/kann.

For the record:
Bevor ich bei The Naked Jungle hängen geblieben bin habe folgende Filme wegen "nicht gut" abgebrochen: 
- Rita will es endlich wissen (Educating Rita, 1983)
Damals ein Kinohit, heute veraltet, verstaubt und lahm. Auch Michael Caine und die mit diesem Film zu Ruhm gekommene Julie Walters können die einfallslose Bühnenverfilmung nicht retten.
- Journey of Love (Safety Not Guaranteed, 2012)
Eine Zeitreisegeschichte, deren Zeitreise so lange durch inhaltsloses Teenie-Geplänkel hinausgeschoben wird, bis der Geduldsfaden reisst...

 

Montag, 17. Januar 2022

Seh-Empfehlung 32: Encanto (2021)

 

Beim neusten Computeranimationsfilm aus dem Hause Disney zog ich bereits nach den ersten fünf Minuten die Flucht in Erwägung. Da wird in einer kurzen Rückblende die tragische Geschichte des vor bösen Eroberern flüchtenden Ehepaares Madrigal berichtet. Als der Ehemann vor ihren Augen umgebracht wird und seine Gattin Alma mit drei Babys allein zurückbleibt, ereignet sich sogleich ein Wunder, welches dafür sorgt, dass Almas Nachkommen beschützt und behütet bleiben. Das wird mittels einer sinnlähmenden bildnerischen Kitsch-Explosion so explizit dargestellt, dass man kaum mehr dran denkt, sich zu fragen: Woher? Weshalb? Wozu? Und wieso schliesst das Wunder ein selbständig denkendes, lebendes Haus mit ein?
Diese Fragen werden auch später, im Verlauf der Handlung, nicht beatwortet.

Ich wollte mich schon aus dem Kinositz erheben, da wurde der erste Song geschmettert. Ach ja, ich vergass, Encanto ist ein Musical. Ganz in der guten, alten Disney-Tradition.
Im Lied "The Family Madrigal"  werden die einzelnen Familienmitglieder und deren Wunderkräfte vorgestellt. Und plötzlich platzt eine entwaffnende Verspieltheit der Inszenierung, eine Einfälle-Fülle und ein Witz ins Geschehen hinein, der mich das Vorhaben des Mich-Erhebens auf später verschieben liess.

Um es kurz zu machen: Ich bin dann bis zum Abspann sitzen geblieben.

Hat man lebendige Häuser und unerklärliche Wunder einmal akzeptiert - und der Film erleichtert einem diesen Schritt mit einer in hohem Tempo vorwärts dreschenden Handlung (will heissen: er lenkt damit geschickt von der Schwachstelle ab) - dann kann man sich dem entwaffnenden Charme nicht mehr entziehen.
Disneys Leute entfachen ein visuelles Feuerwerk, das wohl nicht zufällig an den Disney-Klassiker The Three Caballeros von 1943 erinnert, der auch in Südamerika spielte. Über den Zuschauer wird ein Füllhorn von Einfällen, Gags und Bildern ausgeleert, das schlicht wehrlos macht. Muss man das bemängeln?

Nein, die Lebensfreude in Encanto ist ansteckend und tut gut. Man kann zurücklehnen, den Film geniessen und sich am Einfallsreichtum der Inszenierung freuen (Jared Bush, Byron Howard & Charise Castro Smith) - im Wissen, dass am Ende sowieso alles gut kommt.

Bevor ich bei Encanto hängen geblieben bin habe folgende Filme wegen "nicht gut" abgebrochen:
- Ghostbusters
(1984)
Der originale Ghostbusters - mir gefiel der schon damals nicht: Ich fand ihn weder lustig noch originell. Der gleiche Effekt stellte sich bei der erneuten Visionierung fast 30 Jahre später wieder ein. Wieder empfand ich die Hauptfiguren als unsympathisch (Bill Murray) und fad (Dan Ayckroyd und Harold Ramis), und Sigourney Weaver erachte ich in diesem Film noch immer als fehl am Platz.
Schade. Es gibt Filme, die gewinnen mit den Jahren - Ghostbusters gehört nicht dazu.

Encanto läuft zur Zeit noch in einigen Kinos - die Blu-ray/DVD erscheint am 22. Februar.

Donnerstag, 3. Juni 2021

Children of Divorce (1927)


Mit Clara Bow, Esther Ralston, Gary Cooper, Einar Hanson, Norman Trevor, Hedda Hopper, Edward Martindel u.a.
Drehbuch: Hope Loring und Louis D. Lighton
Regie: Frank Lloyd, Josef von Sternberg (uncredited)
Premiere im deutschsprachigen Raum: bislang keine


Paris war in den Zwanzigerjahren offenbar der Ort, wo reiche amerikanische Paare sich scheiden lassen konnten. Unser Film setzt jedenfalls in einem Heim für geschiedene Kinder in Paris ein, wo mit der kleinen Kitty Flanders gerade ein Neuankömmling eintrifft. Sie schliesst dicke Freundschaft mit der etwas älteren Jean Waddington, und eines Tages treffen die beiden auf Ted Larrabee, auch er ein Kind geschiedener Eltern. Ted und Jean schwören, sich später einmal zu heiraten.
Jahre später: Alle drei sind Teil der amerikanischen High Society. Jean (Esther Ralston) ist durch Erbschaft unermesslich reich geworden, Kitty (Clara Bow), für die das Leben eine einzige Party ist, hat dagegen kein Geld mehr. Jean und Ted möchten immer noch heiraten. Kitty willl den jungen Prinzen Ludovico ehelichen, der sie zwar abgöttisch liebt, selber aber auch kein Geld hat. Er soll sich zwecks Finanzaufbesserung auf Geheiss seiner Familie mit der reichen Jean liieren.
Den Scheidungskindern stellt sich nun die Frage: Machen wir es ebenso falsch wie unsere Eltern und heiraten des Geldes wegen - oder pfeiffen wird auf den schnöden Mammon und versuchen, mit dem richtigen Partner glücklich zu werden?


Der heute nur noch Filmenthusiasten bekannte Stummfilm Children of Divorce handelt seinen etwas theoretisch klingenden Themenkomplex dank lebendiger Figuren erstaunlich spannend und interessant ab. Ständig neue Wendungen im Liebesreigen halten das Publikum bei der Stange und das ganze ist ausgesprochen elegant, oft zwischen Drama und Komödie changierend, in Szene gesetzt. Kostüme und Kulissen sind eine Augenweide, die beiden Hauptdarstellerinnen überzeugen in ihrer Gegensätzlichkeit. Auch Gary Cooper spielt nicht schlecht, fällt aber in den Sequenzen, in welchen er den Verzweifelten mimen muss, deutlich ab.
Cooper war damals mit dem Star des Films, Clara Bow, liiert; die Rolle in diesem Film erhielt er auf ihr Geheiss. Pläne, ihn zwischenzeitlich zu feuern, konnte sie mit ihrem Einfluss vereiteln. Und so wurde Children of Divorce für Cooper zu einem wichtigen Moment auf seinem Weg nach ganz oben.

Leider fällt auch der letzte Akt dieses Films ab; was vorher so geschmackvoll umgesetzt wurde, gerät plötzlich zum Schmierentheater. Er wirkt so, als hätte punkto Drama zum Schluss noch so richtig auf die Tube und die Tränendrüse gedrückt werden müssen, damit das Publikum was kriegt für sein Geld. Offenbar geht dieser missglückte letzte Akt auf das Konto von Starregisseur Josef von Sternberg, der nach Beendigungen von Frank Lloyds Dreharbeiten vom Produzenten für "Nachbesserungen" einbestellt wurde. Diesbezügliche Information erscheinen mir plausibel, denn es ist überdeutlich, dass dieser Akt eine gänzlich andere inszenatorische Handschrift trägt als der Rest des Films.
Das ist schade, denn bis dorthin kann sich Children of Divorce wirklich sehen lassen. Der finale Abgang von Clara Bow ist grandios und bildsprachlich subtil inszeniert - dort hätte man den Schlusspunkt setzen müssen. So war es möglicherweise auch gedacht, denn alles was nachher kommt, wirkt aufgepfropft, stillos und überflüssig. 


Children of Divorce kann bei youtube angesehen werden - allerdings mit einer gewöhnungsbedürftigen Musikbegleitung...


 

 



 

Montag, 31. Mai 2021

Der Fremde / Die Spur des Fremden (USA 1946)


Originaltitel: The Stranger
Mit Orson Welles, Edward G. Robinson, Loretta Young, Philip Merivale, Konstantin Shayne, Richard Long u.a.
Drehbuch: Anthony Veiller
Regie: Orson Welles
Premiere im deutschsprachigen Raum: 1977


Handlung:
Der KZ-Mörder Franz Kindler (Orson Welles) ist nach dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands in einer US-Kleinstadt untergetaucht und hat dort die Identität des harmlosen Historikers Charles Rankin angenommen. Am Vorabend seiner Hochzeit mit Mary Longstreet (Loretta Young) kommen zwei Männer in die Stadt: Konrad Meinike, ein ehemaliger Kollege Kindlers und der Nazi-Jäger Wilson (Edward G. Robinson). Der ehemals inhaftierte Meinike wurde von Wilson freigelassen, damit er ihn zu Kindler führe. Doch Kindler/Rankin ist schlau genug, Wilsons Spiel zu durchschauen: Er ermordert und verscharrt seinen Ex-Kollegen in einem Wäldchen, bevor dieser den Nazi-Jäger auf seine Spur bringen kann. In dem idyllischen Kleinstädtchen beginnt ein tödliches Katz- und Mausspiel...


Orson Welles vierter langer Spielfilm ist zwar monströs und bisweilen lächerlich, trotzdem fasziniert The Stranger in mehrfacher Hinsicht.
Der Anfang, der die Hauptfiguren und ihre Motivationen etabliert und der zeigt, wie Detective Wilson den gefangenen Nazi-Kumpel Kindlers freilässt,  wurde vom Produzenten leider weggekürzt. Das Filmmaterial gilt als verloren. So wirkt der Filmbeginn wie ein leicht wirrer Torso, der bis heute nicht restauriert werden konnte.
Erst als die Filmhandlung in der Kleinstadt Norman ankommt, wird die Narration einigermassen schlüssig.


Interessant ist Welles Inszenierung des film-noir-ähnlichen Stoffes: Er verwendet die im Film-Noir damals gängige, an den Expressionalismus angelehnte Bildsprache und treibt diese in die Extreme, so dass The Stranger bisweilen wie eine Parodie auf dieses Genre wirkt. Die überzogene Inszenierung korreliert dergestalt mit der leicht überkandidelten und daher kaum glaubhaften Geschichte (Massenmörder tarnt sich in einer harmlosen US-Kleinstadt als braver Lehrer - und nicht mal seine Braut schöpft Verdacht), dass der Streifen bisweilen monströse, oder manische Züge aufweist.
Er schafft aber damit auch eine unwirkliche Stimmung, deren innerer Spannung man sich nur schwer entziehen kann.
Ein faszinierender, aus der Produktion des damaligen Hollywood herausragender Film, der den schwachen Plot Kraft seiner Inszenierung in etwas transzendiert, das sämtliche Genres und Konventionen sprengt. Ob das gut oder schlecht ist, möge jeder für sich entscheiden.

Der vollständige Film (oder das, was nach den Kürzungen durch das Studio noch davon übrig ist) kann in HD-Qualität bei youtube angeschaut werden (englischsprachige Originalversion mit deutschen Untertiteln):







Sonntag, 23. Mai 2021

Seh-Empfehlung 31: Osterspaziergang (1948)

Originaltitel: Easter Parade
Mit Fred Astaire, Judy Garland, Peter Lawford, Ann Miller, Clinton Sundberg, Jules Munshin u.a.
Drehbuch: Sidney Sheldon, Frances Goodrich und Albert Hackett
Regie: Charles Walters

 

Kommt die Besprechung eines Osterfilms jetzt nicht etwas spät...?
Doch, aber zum Glück ist Easter Parade gar kein echter Osterfilm! Die titelgebende, bis heute begangene alljährliche New Yorker Osterparade ist lediglich Anfangs- und Endpunkt einer musikalischen Liebesgeschichte, eines liebesgeschichtlichen Musicals - und sie fungiert als Aufhänger und Symbol für die glücklich endene Romanze zwischen dem Tänzer Don Hewes (Fred Astaire) und seiner Schülerin/Tanzpartnerin Hannah Brown (Judy Garland).

Und damit ist über die Handlung praktisch schon alles gesagt.
Easter Parade ist eines jener typischen Musicals aus dem Hause MGM (Metro-Goldwyn-Mayer), die das Minimum an Handlung mit maximalem Kostüm- und Kulissen-Prunk wettmachzumachen versucht, mit fantasievoll inszenierten Musik- und Tanznummern und mit zahlreichen Songs bekannter amerikanischer Liedermacher (hier: Irving Berlin). In den meisten Fällen scheiterte besagter Versuch und das das Zuschauerinteresse erlahmt nach etwa 40 Minuten. Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, und Easter Parade ist eine davon.

Einer der Gründe hierfür liegt im Drehbuch und dessen lebendigen Dialogen - der spätere Spannungsautor Sidney Sheldon hatte seine Finger drin. Auch die elegante, harmonisch dahinfliessende Regieführung von Musical-Spezialist (damals noch - anfänger) Charles Walters trägt Wesentliches zum Gelingen des Unternehmens bei. Der Hauptgründe aber sind Fred Astaire und Judy Garland!

Auch wenn der Handlungsfluss wegen einer Musiknummer wieder mal stehenbleibt: Egal wobei, man sieht den beiden Musical-Stars einfach zu gerne zu. Mit ihrer lebendigen Präsenz, ihrem Engagement elektrisieren sie die Leinwand - sämtliche Nebendarsteller verblassen neben ihnen. Wenn Astaire und Garland im Bild sind, ist eine Energie spürbar, welche weckt, ansteckt und begeistert. Die Chemie zwischen den beiden Stars stimmt, man nimmt ihnen die gegenseitige Zuneigung ab. Ein Jammer, dass dieser Film ihre einzige Zusammenarbeit blieb! 


Easter Parade
spielt in den Zehnerjahren des letzten Jahrhunderts, im Milieu reicher weisser Leute und wäre somit im heutigen Hollywood ein Unding, denn diese Leute waren ja gemäss gerade gängiger Ideologie schon damals irgendwie durch und durch rassistisch - weil sie eben weiss waren. Und es tauchen auch noch schwarze Bedienstete auf - natürlich wieder nur in winzigen Nebenrollen! Das muss man den woken Ton-Angebern als Journalist doch nachplappern, dass sowas verboten gehört! Auch wenn man weder genau weiss noch begründen kann, weshalb; denn die grossen Vorplapperer liefern keine Begründungen, sie erteilen sttdessen Befehle. 



Aber zurück zum Film. Easter Parade ist Sorg- und Arglos, keine Bösewichte stören das ausstattungsbesoffene Glück - auch das ist im heutigen Kino kaum mehr möglich, dafür haben linke Moralapostel von den Achtundsechzigern an aufwärts
auch in Hollywood gesorgt. Natürlich war die Welt auch zur Entstehungszeit dieses Films nicht in Ordnung, doch damals hatte der Eskapismus, dieser auf keiner Realität basierende positive Gegenentwurf zur Wirklichkeit, noch seinen Platz und seine Berechtigung im Kino. Und er entfaltet auch heute, 63 Jahre später, noch seine volle Wirkung. Fred Astaire und Judy Garland erwachen auf der Leinwand zu neuem Leben und nehmen uns an der Hand in eine Welt, wo man mitten auf der Strasse in ein Lied ausbricht - begleitet von einem vollbesetzen Orchester - und wo einem fremde Passanten auf der Strasse ungeniert den Refrain zurufen, in reinstem Ton und in harmonischem Gleichklang. Das war auch ein Statement, eine gesungene und getanzte Utopie des harmonischen menschlichen Zusammenlebens. Es entlarvt die miesepetrige Hetze um rassistische Untertöne bis zur Lächerlichkeit.

 
Fazit: Easter Parade ist ein ansteckend lebensfrohes Gegengift zum Elend heutiger politischer Verwirrtheit. Es bietet Erholung und hilft, dem Verzagen zu trotzen.

Zu sehen ist er hierzulande online bei mehreren Streaming-Anbietern - siehe hier. (davon empfehle ich GooglePlay, denn dieser Dienst hat den Film als einziger in der untertitelten englischen Originalafassung).
Aktuell ist er auch auf Blu-ray erhältlich - in der deutschen und englischen Fassung mit zuschaltbaren Untertiteln in mehreren Sprachen (auch Deutsch).




Sonntag, 16. Mai 2021

Seh-Empfehlung 30: Der Seewolf (1941)


Originaltitel: The Sea Wolf
Mit Edward G. Robinson, Ida Lupino, John Garfield, Alexander Knox, Barry Fitzgerald, Gene Lockhart, u.a.
Drehbuch: Robert Rossen nach dem Roman von Jack London
Regie: Michael Curtiz
Dauer: 100 min

Inhalt:
The Sea Wolf
ist eine Hollywood-Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jack London.
Er erzählt die Geschichte des Schriftstellers Humphrey van Weyden (Alexander Knox), der nach einem Fährschiffunglück an Bord des Handelsschiffs "Ghost" gelangt, dessen hartherziger Kapitän Wolf Larsen (Edward G. Robinson) mit eiserner Hand als Alleinherrscher über eine Mannschaft grobschlächtiger Seemänner regiert und mit seiner brutalen Art und Angst und Schrecken verbreitet. So entsteht im Verlauf der Handlung ein spannender Diskurs über Herrschertum und dessen Grenzen, der ganz im Geist der damaligen Epoche steht und sich zudem als zeitlos erweist.


Hintergrund:
Der Film wurde von A bis Z im Studio gedreht; trotzdem ist er atmosphärisch derart dicht, dass man das Meerwasser auf der Zunge zu schmecken glaubt.

Der Film kam 1947 - zusammen mit dem Errol Flynn-Vehikel The Sea Hawk von 1940 - nochmals in die Kinos. Auf Geheiss von Studioboss Jack Warner wurde er um 15 Minuten gekürzt. Seit dieser Verstümmelung galt die ursprüngliche Version im originalen Kinoformat (35mm) als verloren. Vor drei Jahren tauchte die komplette 35mm-Version dann überraschend im Archiv des Museum of Modern Art in New York wieder auf.

Bei uns kam der Film erst nach dem Krieg, im Jahr 1949 und unter dem Titel Der Seewolf, in die Kinos.


Deshalb lohnt sich das Ansehen:
Dem Film gelingen gleich drei Kunststücke:
Die Vorlage ohne Substanzverlust auf das vereinfachende Kinoformat herunterzubrechen, den Inhalt zu straffen und das Problem des Einheits-Schauplatzes (der ganze Film spielt praktisch ausschliesslich an Bord von Larsens Schiff) zu einem Vorteil umzumünzen. So ist The Sea Wolf zum intim-klaustrophobischen Kammerspiel geworden, und wie bei jedem Kammerspiel steht und fällt der Film mit der Wahl der Schauspieler - und der Schauspielerin.
Und auch da bleibt die Begeisterung erhalten. Niemand anders als Ida Lupino (sie ist heute noch bekannt als eine der wenigen Filmregisseurinnen des klassischen Hollywood) konnte eine geflohene Strafgefangene noch unter glamouröser Schminke, mit noch im Sturm gestylter Frisur und in schöner Kleidung derart glaubwürdig abgehärmt und desillusioniert verkörpern. Alexander Knox und John Garfield glänzen ebenso, sie scheinen mit ihren Rollen aufgewachsen zu sein. Und auch Nebendarsteller wie Barry Fitzgerald als frettchenhafter Schiffskoch und Gene Lockhart als versoffener Bordarzt haben unvergessliche Momente.

Aber über allen thront Edward G. Robinson; Wolf Larsen ist möglicherweise die grösste schauspielerische Leistung seiner Hollywoodkarriere. Der kleine, untersetzte Mann füllt die Rolle des im Buch als blonder, muskulöser Hüne beschriebenen Kapitäns derart überlebensgross aus, dass sich Kenner des Romans in keinem Augenblick an dessen Erscheinung stören. Sobald Robinson die Szenerie betritt, gibt es keinen Zweifel mehr: Er ist Wolf Larsen, der gefürchtetste Kapitän seiner Zeit. Sieht man sich diesen Film an, kann man kaum glauben, was für ein liebenswürdiger, humorvoller Mensch Robinson privat war.





Samstag, 8. Mai 2021

Morgen ist die Ewigkeit (1946)


Originaltitel: Tomorrow is Forever
Mit: Claudette Colbert, Orson Welles, George Brent, Lucile Watson, Natalie Wood, Richard Long, John Wengraf u.a.
Drehbuch: Lenore Coffee nach einem Roman von Gwen Bristow
Regie: Irving Pichel



Inhalt:
Jahre nachdem der Ehemann von Elisabeth Hamilon (Claudette Colbert) im ersten Weltkrieg gefallen war, gibt sie dem Werben ihres Chefs (George Brent) nach und heiratet ihn.
In Wahrheit hat Gatte John (Orson Welles) allerdings überlebt. Doch weil eine Verwundung ihn zum Krüppel gemacht hat, belässt er Elisabeth in ihrem Glauben an sein Ableben und nimmt in Wien eine neue Identität an. Als Erik Kessler reist mit der kleinen Margaret Ludwig (Natalie Wood), die ihre Eltern im Krieg verloren hat, zurück in die USA. Dort findet er eine Anstellung als Chemiker - ausgerechnet in der Firma von Elisabeths neuem Ehemann...


Hintergrund:
Dies ist der erste Film, in welchem die damals achtjährige Natalie Wood eine grössere Rolle spielte und dafür auch in den Credits erwähnt wurde.

Orson Welles und die kleine Natalie Wood in einer Drehpause


Deshalb lohnt sich das Ansehen:
Ein ungewöhnlicher Film, der nicht so richtig in die Melodrama-Schublade passen will, in den man ihn aufgrund des Handlungsverlaufs gern steckt. In Grunde ist Tomorrow is Forever ein Antikriegsfilm, der seine starke Botschaft - ganz ohne Kriegsbilder - über eine Beziehungsgeschichte vermittelt.
Das Werk hat einige Schwächen, die sich aber auf mirakulöse Weise aufheben. So drückt Orson Welles, der den verlorenen Ehemann spielt, als einziger ziemlich auf die Melodrama-Tube. Zudem wirkt seine dick aufgetragene Maske heute befemdend. Welles spielt seine tragische Rolle aber mit soviel schauspielerischer Kraft, dass sämtliche anderen Akteure (ausser Natalie Wood) neben ihm verblassen. Er schafft es, die menschliche Grösse seiner Figur glaubhaft zu vermitteln, er ist das Herzstück des Films, und man merkt, dass er sich dessen voll und ganz bewusst war.
Es gibt eine Szene, in der auch Claudette Colbert leuchtet - möglicherweise die beste ihrer Karriere: Als sie Kessler zu erkennen gibt, dass sie ihn als ihren totgeglaubten Ehemann identifiziert hat. Sie spielt diese zentrale Szene ohne jeden Anflug von Sentimentalität und verhindert damit, dass sie zum Rührstück gerät.
Der ganze Film bezieht seine Wirkung aus einer ähnlichen emotionalen Zurückhaltung. Nur der Schluss ist leider zu dick aufgetragen.




 



Dienstag, 4. Mai 2021

Seh-Empfehlung 29: Ehemänner und Ehefrauen (1992)


Originaltitel: Husbands and Wives
Mit Woody Allen, Mia Farrow, Judy Davis, Sydney Pollack, Liam Neeson, Juliette Lewis, Lysette Anthony u.a.
Drehbuch und Regie: Woody Allen


Inhalt:
Jack und Sally (Sydney Pollack und Judy Davis), ein verheiratetes Paar in mittleren Jahren, kündigen ihre Trennung an - was Gabe und Judy, ein ebenfalls verheiratetes Paar in mittleren Jahren, in eine Krise stürzt. Sie sehen die ganze Selbstverständlichkeit, mit der sie bisher zusammen -, respektive aneinander vorbeigelebt haben, plötzlich in Frage gestellt. Was folgt, ist ein tragikomischer Beziehungsreigen, der die Instabilität, Unsicherheit und mangelnde Selbstbewusstheit der vier New Yorker Intellektuellen auf komische und dramatische Weise blosslegt.  



Hintergrund:
Husbands and Wives war jener Film, der bei seiner Premiere vollkommen überschattet wurde von der Trennung und der von den Medien sensationsgeil aufbereiteten Schlammschlacht zwischen Mia Farrow und Woody Allen; diese war von der Affäre Allens mit Mia Farrows Adoptivtocher Soon-Yi ausgelöst worden. Pikanterweise hat der von Allen gespielte Literaturprofessor eine Affäre mit einer seiner viel jüngeren Studentinnen (Juliette Lewis), was viele als Indiz für den autobiographischen Charakter des Films sahen (den Allen aber bestreitet). Die letzten Drehtage waren bereits von dem besagten Streit überschattet. Husbands and Wives war die letzte Zusammenarbeit zwischen Farrow und Allen, und die Schlammschlacht nahm später noch üblere Dimensionen an. Die Presse schlug sich auf Farrows Seite und sorgte mit verleumderischen Berichten dafür, dass Woody Allen bei vielen seiner Fans in Misskredit geriet. Tatsächlich war meine Rezeption bei der Premiere von Enntäuschung getrübt und ich konnte den Film nicht als den Wurf schätzen, der er tatsächlich ist.

Kritik:
Eigentlich ist der Film eine schonungslose Betrachtung des Älterwerdens. Zwei Paare finden sich unversehens in einem Lebensabschnitt wieder, der Neudeutsch als "midlife crisis" bezeichnet wird. Sie verlieren den gegenseitigen Halt, geraten dank gesellschaftlichem Druck zur Überzeugung, ihr Leben müsse doch mehr sein als die ereignislose "traute Zweisamkeit" und der ewig gleiche gemeinsame Freundeskreis. Und so werden wir Zeuge von brachialen und zaghaften Ausbruchsversuchen, von kleinen und grossen Erschütterungen, von Zusammenbrüchen und passiver Aggression.
Einmal mehr destilliert Woody Allen aus der Nabelschau menschliche Wahrheiten über den Lauf der Welt und das Strampeln der Menschen darin. Scheinbar nebenbei schafft er faszinierende, glaubhafte Charaktere, denen er mit viel psychologischem Gespür und Empathie Leben einhaucht.
Husbands and Wives lebt ganz stark von Allens brillianten Dialogen, die ständig zwischen schneidend und witzig changieren.
Das mit unruhiger Handkamera gefilme Werk macht die Visionierung nicht einfach, spiegelt aber den unsicheren Zustand der vier Hauptfiguren perfekt.

Wo ansehen:
Husbands and Wives findet man hierzulande online bei verschiedenen Stream-Anbietern - siehe hier.



Samstag, 1. Mai 2021

Seh-Empfehlung 28: Topaze (1933)

Originaltitel: Topaze
Mit John Barrymore, Reginald Mason, Myrna Loy, Jobyna Howland, Jackie Searl, Albert Conti, Louis Alberni u.a.
Drehbuch: Ben Hecht nach einem Theaterstück von Marcel Pagnol
Regie: Harry d'Abbadie d'Arrast

 


Inhalt:
Der sozialistisch-idealistische Grundschullehrer Auguste Topaze (John Barrymore) wird wegen seiner "marxistischen" Einstellung vom Dienst suspendiert und kommt darauf bei einem betrügerischen Grossindustriellen (Reginald Mason)
als Chefchemiker zu Ruhm und Ehre. In seiner idealistischen Begeisterung sieht er zunächst nicht, dass er vom seinem kapitalistischen Arbeitgeber missbraucht wird, und als es ihm bewusst wird, zeigt sich, dass er das System zu seinem Vorteil auszunützen gelernt hat.
Intelligentt und mit sarkastischem Witz servierte Gesellschaftssatire um Idealismus und dessen Zusammenprall mit der Realität.


Hintergrund:
Marcel Pagnols gleichnamiges Theaterstück wurde 1928 uraufgeführt und bereits 1933 wurde es verfilmt - und zwar gleich zwei Mal: Einmal in Frankreich, mit Louis Jouvet in der Hauptrolle, und einmal in Hollywood. Weil das Stück in Frankreich ein grosser Erfolg war, fand es seinen Weg auch in die USA - und der Schritt von dort auf die Leinwand war so gut wie sicher. Dass beide Filmversionen fast gleichzeitig erschienen, war Zufall.
Marcel Pagnol inszenierte drei Jahre später eine eigene Filmversion seines Stoffes, dem zahlreiche weitere folgten (.u, a. mit Fernandel oder Peter Sellers in den Rollen des Topaze).

Deshalb lohnt sich das Ansehen:
Die amerikanische Filmversion gehört voll und ganz John Barrymore. Und er macht das Beste daraus. Regelmässige Leser meines Blog wissen vielleicht, dass Barrymore zu meinen absoluten Lieblingsschauspielern gehört.
Sein komödiantisch-verspieltes Portrait des weltfremden Schulmeisters, der zu Ruhm und Geld kommt, ist ein einziges Vergnügen. Sein Spiel ist zwar übertrieben, doch Barrymore macht das derart gekonnt und präzise, dass es eine Freude ist. Dass er seinen Mitschauspielern auch ihren Platz lässt, ist umso sympathischer, als sich der Film ausschliesslich um seine Figur dreht. Barrymore war einer der grössten seines Fachs, und das kommt in diesem zu Unrecht vergessenen Film deutlich zum Ausdruck.
Aber auch das Drehbuch und die Regie sind erstklassig, da sie sich ganz in den Dienst der vorzüglichen, mehrschichtigen Vorlage stellenEin wunderbares Filmvergnügen!




 

 

Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...