Freitag, 12. Februar 2021

Seh-Empfehlung 22: Zwei ritten nach Texas (Way Out West, 1937)

 
Regie: James W. Horne
Drehbuch: Charles Rogers, Felix Adler und James Parrott
Mit Stan Laurel, Oliver Hardy, Sharon Lynn, James Finlayson, Rosina Lawrence, Stanley Field, The Avalon Boys, u.a.

Stan und Ollie sind im wilden Westen unterwegs nach Brushwood Gulch, um einer gewissen Mary Roberts eine wrtvolle Urkunde zu überreichen. Marys verstorbener Vater hat ihr nämlich eine reiche Goldmine hinterlassen. Als der zwieliechtige Saloonbesitzer Finn (James Finlayson) davon erfährt, bittet er seine Mätresse Lola Marcel (Sharon Lynn), sich als Mary Roberts auszugeben, ein Trick, der nur funktioniert, weil Stan und Ollie die echte Empfängerin nicht kennen. Nach der Übergabe bemerken die zwei Freunde den Betrug und versuchen, die Urkunde in einer haarsträubenden Aktion zurückzustehlen...

Die grösste Stärke dieser Westernkomödie liegt in der Figurenzeichnung: Stan und Ollie gehören zu den prägnantesten Figuren der Filmgeschichte - wenn sie im Zentrum der Handlung stehen, tragen sie mühelos einen ganzen Film. Da spielt es dann auch keine Rolle, wenn - wie hier - die Nebencharaktere eher schwach ausfallen. Laurel & Hardy schmeissen den Laden dank ihren Persönlichkeiten und dank Stan Laurels Fähigkeit, improvisierenderweise aus Nebensächlichkeiten ausgedehnte zwerchfellerschütternde Sequenzen zu kreieren. Jede Situation wird meisterhaft auf ihren komödiantischen Gehalt hin gemolken.
Zudem findet sich
in diesem Stan & Ollie-Film wohl die grösste Häufung origineller Einfälle ihrer gesamten Filmografie; fast hat man den Eindruck, die beiden hätten für Way Out West all ihre komödiantischen Spezialitäten zusammengenommen und für diesen - einen ihrer letzten Filme für Hal Roach - resümiert, was Laurel & Hardy ausmacht. Eine wunderbare Tanzeinlage und ein ebenso wunderbares Gesangsduett runden das Ganze ab und machen Way Out West zu dem Laurel & Hardy-Film schlechthin.

Vom cinèastischen Standpunkt aus betrachtet ist der Streifen nicht wirklich gut. Allzu lieblos werden die Szenen aneinandergestoppelt, es gibt zahllose Nachlässigkeiten wie Anschlussfehler und schlechte Schnitte; die Dialoge sind ausgesprochen schwach, ebenso die meisten Nebendarstellerinnen und -darsteller; und die Dialog-Gags zünden in den seltensten Fällen.
Doch die schiere Präsenz von Stan Laurel und Oliver Hardy, ihr Zusammenspiel, ihre präzise Schauspielkunst und ihr sicheres komödiantisches Timing reichen, um den Film zu etwas ganz Besonderem zu machen und ihn in die Sphären der unsterblichen Komödienklassiker zu erheben - zusammen mit e
inigen wirklich herzwärmende Sequenzen, aus welchen die tiefe Freundschaft und Vertrautheit spricht, die zwischen den beiden Hauptdarstellern herrschte.

Der Film ist hierzulande auf DVD erhältlich.


Mittwoch, 10. Februar 2021

Seh-Empfehlung 21: Reise aus der Vergangenheit (Now, Voyager, 1942)

Originaltitel: Now, Voyager
Deutscher Titel: Reise aus der Vergangenheit (TV-Premiere Juni 1978)
Mit Bette Davis, Paul Henreid, Gladys Cooper, Claude Rains, Ilka Chase, John Loder u.a.
Regie: Irving Rapper
Drehbuch: Casey Robinson nach dem Roman von Olive Higgins Prouty
Studio: Warner Bros
Dauer: 117 min

Mit gemischten Gefühlen legte ich diesen Film ein: Eine Liebesschnulze aus den Vierzigerjahren?
Begeistert schaltete ich am Ende den Beamer aus.

Gleich zu Beginn werden wir Zeugen eines Psychodramas, das sich in einer einflussreichen, alteingesessenen Bostoner Familie abspielt. Lisa Vale (Ilka Chase), älteste Tochter des Vale-Clans, besucht die verwitwete und verbitterte Mutter (Gladys Cooper) in ihrer grossherrschaftlichen Villa - mit einem Psychiater im Schlepptau und einem Hintergedanken. Sie will ihrer neurotischen Schwester Charlotte (Bette Davis) helfen, die seit ihrer Kindheit unter der lieblosen und herabwürdigende Behandlung der Mutter litt und darob zur linkischen Jungfer geworden ist. Dr. Jaquith (Claude Rains) soll Charlotte helfen, vom eisernen Regime der Frau Mama loszukommen und eine selbständige Persönlichkeit entwickeln.

Das klingt schon zu Beginn nicht nach Liebesschnulze...! Aber Geduld - es kommt schon noch soweit. 

Nach einem längeren Aufenthalt in Dr. Jaquiths Sanatorium ist Charlotte soweit, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie unternimmt eine Kreuzfahrt... und lernt dort den überaus sympathischen Jeremiah Durrance (Paul Henreid) kennen. Dieser ist allerdings verheiratet und hat zwei Töchter. Ein Ausflug, der unvermutet zum Abenteuer wird, bringt die zwei einander näher. Obwohl aus der anfänglichen Zuneigung etwas Tieferes geworden ist, beschliesst man, seiner Wege zu gehen.

Aha! Also doch eine Liebesschnulze! Die beiden trennen sich und es wird tragisch...

Wieder falsch!
Charlotte ist durch den inspirierenden Kontakt mit Jeremiah vollends gesund geworden. Sie fühlt sich kräftig genug, um zur Mutter zurückzukehren. Und nun nimmt das Psychodrama seinen Lauf, oder besser: Es wird zum Psychokrieg, denn Charlotte lässt sich nicht mehr alles gefallen...

Doch da ist der Film noch nicht fertig, und natürlich tritt Jeremiah erneut in Charlottes Leben, doch Now, Voyager hält noch einige weitere Überraschungen bereit...! 

Der von Irving Rapper gedrehte Film ist untypisch für eine grosse Hollywood-Studioproduktion der Vierzigerjahre. Doch Warner Bros. waren dafür bekannt, alles ein wenig anders zu machen als die anderen Studios. Wenn das auf harte realistische Storys spezialisierte Produktionsfirma ein Liebesdrama ankündigte, war meist mehr dahinter. Hier wächst es sich zur Reise in die Selbstbestimmung einer Frau aus, die am Schluss so weit erstarkt, dass sie sich nicht, wie zahllose Frauenfiguren jener Zeit, als Anhängsel des angeschmachteten Mannes definiert. Sie entscheidet sich für die Liebe, aber anders, als man damals dachte. Und auch heute noch verblüfft und rührt der unkonventionelle Schluss.

Bis es soweit kommt, erlebt der Zuschauer einen hervorragend gemachten Film. Drehbuch und Regie sind glänzend, aber auch die zugrundeliegende Geschichte der Romanvorlage ist stark. Die Figuren überzeugen, sie sind lebendig gezeichnet und tragen die Geschichte, sie bleibt dadurch immer spannend.

Bei uns gab's den Film sogar mal auf DVD - diese ist inzwischen nur noch antiquarisch erwerbbar.

Montag, 8. Februar 2021

Seh-Empfehlung 20: Terminator (The Terminator, 1984)


Originaltitel: The Terminator
Deutscher Titel: Terminator
USA 1984
Mit Arnold Schwarzenegger, Linda Hamilton, Michael Biehn, Lance Henriksen, Bill Paxton, Paul Winfield
u.a.
Drehbuch: James Cameron und Gale Ann Hurd

Regie: James Cameron

Aus einer düsteren Zukunft, in welcher Maschinen die Herrschaft übernommen haben und die Menschheit auszulöschen drohen, reisen zwei Gestalten durch die Zeit zurück ins Los Angeles des Jahres 1984 - die eine gut, die andere böse.
Die Böse ist ein Roboter in Menschengestalt, Terminator genannt (Arnold Schwarzenegger) - er hat es auf eine gewisse Sarah Connor (Linda Hamilton) abgesehen mit dem Auftrag, sie zu töten. Der Gute heisst Kyle Reese (Michael Biehn), ein Söldner und Wiederstandskämpfer - er hat den Auftrag, Sarah Connor vor dem Terminator zu beschützen.
Nun ist Sarah Connor nichts weiter als eine ganz gewöhnliche junge Frau - was um alles in der Welt wollen die beiden Irren aus der Zukunft bloss von ihr?

Regisseur James Cameron gehört heute zu den grössten seines Fachs, er drehte einen Blockbuster nach dem anderen: Aliens, Titanic, Avatar - die einflussreichsten Filme der letzten zwanzig Jahre stammen alle aus seiner Filmwerkstatt. Am Anfang seines Ruhms stand The Terminator. Inspiriert von einem eigenen Gemälde (ein Roboter entsteigt einem Flammenmeer) schrieb er mit seiner Studienkollegin Gale Ann Hurd eine Science-Fiction-Schnurre über einen Krieg in der Zukunft und zwei Zeitreisende, welche den Konflikt in unsere Gegenwart hineintragen. Arnold Schwarzenegger, dessen Filmkarriere zu jener Zeit schwächelte, war ursprünglich für die Rolle des Guten vorgesehen und der magere Lance Henriksen (der im fertigen Film in einer Nebenrolle als Polizist zu sehen ist) hätte den Terminator geben sollen.
Alles kam anders. Plötzlich stand die Erkenntnis im Raum, Schwarzenegger wäre der wirkungsvollere Bösewicht. Nach kurzen Image-Bedenken willigte dieser ein - und so wurde aus Arnold Schwarzenegger ein Markenzeichen: Mit schwarzer Sonnenbrille, Lederjacke und Knarre hat er einen Platz unter den Unsterblichen des Films gefunden. In dieser Aufmachung steht er heute neben Charlie Chaplin, Marilyn Monroe und James Dean - als Ikone des Kinos.

Der Film schlug damals ein wie eine Bombe, zur grössten Überraschung der Studioverantwortlichen, die glaubten, lediglich einen weiteren schnellen und billigen Action-Kracher produziert zu haben. Billig war er, aber so schnell wie sie dachten, verschwand er nicht wieder aus den Kinos. The Terminator katapultierte Arnold Schwarzenegger und Regisseur James Cameron zu Starruhm. Millionen wollten das Spektakel sehen, in welchem zwei berserkerhafte Typen aus der Zukunft durch die Grossstadt-Strassen toben und halb Los Angeles in Schutt und Asche legen. 

Der Film ist hervorragend gemacht, man sieht ihm sein kleines Budget selten an. Die Action reisst kaum ab und man kommt fast nicht zum Atem holen, geschweige denn, zur Erkenntnis, dass die Charaktere sehr flach und eindimensional gezeichnet sind. Aber es ist gerade das Holzschnittartige, welches einen Teil des Reizes von Camerons Erstling ausmacht: Hier Gut, da Böse und dazwischen das nette Mädchen von nebenan, das nicht weiss, wie ihm geschieht. Damit bestreiten Cameron und seine Mit-Autorin Gale Ann Hurd einen ganzen Filmabend.

The Terminator ist eine Art Blaupause eines guten Action-Films: Er ist einerseits spannend, laut und aggressiv - wobei sich die gezeigte Brutalität in engen Grenzen hält; andererseits liegt ihm ein handwerklich hervorragendes, erzählerisch geschickt gearbeitetes Drehbuch zugrunde. Die nötigen Hintergrundinformationen zur Handlung erhält man bröckchenweise, teils sogar während den Verfolgungsjagden, nebenbei geliefert, durch hoch konzentrierte Dialoge, die sich auf das Nötigste beschränken. Damit und mit seinem atemlosen Tempo setzte The Terminator neue Masstäbe im Actiongenre.
So primitiv, wie er bei seiner Erstaufführung hingestellt wurde, ist er nicht. Arnie ballert zwar pausenlos in der Gegend 'rum und nietet mit verwerflicher Gleichgültigkeit alle um, die sich ihm in den Weg stellen, doch ist er ja ein seelenloser Roboter und somit ein Geschöpf der blinden Technologie- und Computergläubigkeit, vor der die Autoren ausdrücklich warnen. Bei allem Raudi- und Gauditum, dem die Macher frönen, verlieren sie ihre Botschaft in keinem Moment aus den Augen.

Dass der Witz nicht zu kurz kommt, ist ein weiteres Plus: The Terminator nimmt sich nie wirklich ernst und tischt den Zeitreise-Schmarrn mit launigen Sprüchen und grotesken Einfällen auf.
Man kann sich dem kruden Charme dieses futuristischen Blödsinns einfach nicht entziehen...

The Terminator ist auf DVD und Blu-ray erhältlich; er kann bei verschiedenen Anbietern auch gestreamt werden.

 

Mittwoch, 27. Januar 2021

Filmübersicht (14. Januar - 26. Januar)

Die letzten Tage liefen hier folgende Filme:

Aufstand in Sidi Hakim (Gunga Din, 1937)
Fences (2016)
Bettler des Lebens (Beggars of Life, 1928)
Das Erbe des Henkers (Moonrise, 1948)

Ein koloniales Abenteuer frei nach einem Gedicht von Rudyard Kipling bringt Aufstand in Sidi Hakim (Gunga Din) auf die Leinwand. Leider erschöpft sich der Streifen im Herumgealbere der drei Hauptcharaktere (gespielt von Cary Grant, Douglas Fairbanks, Jr und Victor McLaglen), die ausser Humor keine weiteren Charaktereigenschaften zu haben scheinen und deshalb bald einmal langweilen.
Fences ist das Regiedebut des Schauspielers Denzel Washington - welches gründlich missglückt ist! Washington steht permanent im Mittelpunkt - nicht nur des Geschehens, aber auch des Bildes. Dabei zieht er ein regelrechtes Schmierentheater ab. Fences ist eine Selbstinszenierung der eher peinlichen Art. Zudem ist das dem Film zugrunde liegende Stück über Gebühr geschwätzig.
Auch der Stummfilm Bettler des Lebens (Beggars of Life) leidet unter der Selbstinszenierung eines egomanischen Schauspielers. Hier ist es Wallace Beery, der aus seiner Nebenrolle die Hauptrolle zu machen versucht und so die Subtilität, die William A. Wellmans Film zunächst an den Tag legt, regelrecht plattwalzt. Natürlich musste sein Name auch auf den Plakaten zuoberst stehen. Louise Brooks und Richard Arlen liefern deutlich bessere schauspielerische Leistungen ab als er.
Das Erbe des Henkers
(Moonrise) ist ein höchst interessanter Film des heute leider vergessenen hoch begabten amerikanischen Regisseurs Frank Borzage. Er erzählt von Danny Hawkins (Dane Clark), dem Sohn eines in einer US-Kleinstadt als Möder gehenkten Mannes - Zeit seines Lebens wird Danny deswegen gehänselt, ausgestossen und verlacht. Als er einen seiner Peiniger im Streit - und in Notwehr - erschlägt,
versteckt er die Leiche und duckt sich. Die Liebe zur Dorflehrerin (Gail Russell) hält ihn über Wasser, doch es ist nur eine Frage der Zeit bis die Leiche entdeckt wird...
Moonrise ist unter anderem deshalb spannend, weil er sich keinem Genre zuordnen lässt und man deshalb nie weiss, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Er ist kein Film Noir, keine Romanze, kein Kleinstadtporträit - und doch steckt von all dem etwas drin. Borzage fesselt zudem mit exquisiter Bildgestaltung, Regie- und Kameraführung; und doch überzeugt Moonrise letztlich nicht ganz und es reicht nicht zur Seh-Empfehlung. Das hat einmal mehr mit der Figurenzeichnung zu tun, die sehr schwach ist. Der Hauptcharakter ist sehr inkonsistent gezeichnet, dadurch wirkt er unglaubwürdig, künstlich. Mal ist er ein Draufgänger, dann wieder depressiv. Auch die Nebenfiguren bleiben fragmentarisch und blass.
Schade! Immerhin: Moonrise ist mit einigem Abstand der beste Film, den ich diese Woche gesehen hatte.

Samstag, 16. Januar 2021

Filmübersicht (7. Januar - 13. Januar)

Diese Woche liefen hier folgende Filme:

Rivalen (Kings Go Forth, 1958)
Fellinis Schiff der Träume (E la nave va, 1983)
Das Leben des Emile Zola (The Life of Emile Zola, 1937)
Intrige (J'accuse, 2019)
Die Maus, die brüllte (The Mouse that Roared, 1959)

Das lang ersehnte Wiedersehen mit Fellinis Schiff der Träume (E la nave va, 1983), der mir damals, bei seiner Kinopremiere, gut gefallen hatte, war leider eine grosse Enttäuschung. Teilweise konnte ich meine damalige Faszination nachvollziehen: Es gibt grandiose Momente in dem Film - doch leider ist er mehrgeitlich langfädig und richtungslos. Schöne Bilder, klar, aber Fellini stützt sich zu sehr auf sein bildnerisches Geschick - und auf die Wirkung von prägnanten Gesichtern. Das allein macht aber noch keinen Film aus. Ausser den Gesichtern haben die Figuren nichts zu bieten und die politische Botschaft des Ganzen wirkt zu naiv, zu plump und zu aufgeblasen.
Das Leben des Emile Zola
(The Life of Emile Zola), eine Hollywood-Produktion von 1937 aus dem Hause Warner, überzeugte im ersten Teil, der den Aufstieg des von Paul Muni verkörperten französischen Autors Emile Zola zeigt; in der zweiten Hälfte, der die Affäre Dreyfus behandelt, fällt er dann leider markant ab. Hier macht sich die damals übliche übersteigerte Melo-Dramaturgie negativ bemerkbar.
Intrige (J'accuse), Roman Polanskis Version derselben Affäre folgt der Romanvorlage von Richard Harris (der am Drehbuch mitgearbeitet hat), schafft es aber nicht, die im Roman vorhandene unterschwellige Spannung der komplexen Geschichte auf die Leinwand zu übertragen; dank schwacher Figurenzeichnung und dramaturgischer Schwächen dümpelt der Streifen relativ spannungslos dahin.
Enttäuschend fand ich auch Die Maus, die brüllte (The Mouse that Roared), obwohl sich die Komödie zunächst wie eine Monty-Python-Groteske anlässt (zehn Jahre vor Monty Python!). Ein winziger Stadtstaat erklärt Amerika den Krieg und sendet eine Truppe täppischer Bogenschützen über den grossen Teich. Leider flacht das Ganze - ebenfalls mangels griffiger Figurenzeichnung - und mangels zündender Ideen bald ab.
Somit bleibt als Seh-Empfehlung lediglich das heute vergessene Kriegs-Drama Rivalen (Kings Go Forth) von Delmer Daves, über das ich hier im Blog demnächst berichten werde.

Freitag, 15. Januar 2021

Seh-Empfehlung 19: Eine Braut für sieben Brüder (Seven Brides for Seven Brothers, 1954)


Originaltitel: Seven Brides for Seven Brothers
Deutscher Titel: Eine Braut für sieben Brüder
USA 1954
Mit Howard Keel, Jane Powell, Tommy Rall, Russ Tamblyn,
Jeff Richards, Julie Newmar u.a.
Drehbuch: Albert Hackett, Frances Goodrich und Dorothy Kingsley nach einer Geschichte von Stephen Vincent Benet

Regie: Stanley Donen

Über den deutschen Titel dieses US-Musicals kann man sich mal wieder nur wundern: Er macht aus sieben Bräuten (eine für jeden der sieben Brüder) eine einzige. Seven Brides for Seven Brothers ist somit kein Film über die Vielweiberei, sondern er dreht sich um eine Sippschaft von Hinterwäldlern, sieben alleinstehende Brüder, welche sich alle eine Frau wünschen - zum kochen, putzen, aufräumen. Feministinnen aufgepasst: Es ist alles ironisch gemeint (Ironie: Dabei behauptet der Sprecher etwas, das seiner wahren Einstellung oder Überzeugung nicht entspricht, diese jedoch für ein bestimmtes Publikum ganz oder teilweise durchscheinen lässt).

Zunächst konzentriert sich der Film auf den ältesten Bruder, Adam Pontipee (Howard Keel), der aus der gemeinsam mit den Brüdern bewohnten Wald-Hütte ins nächstgelegende Dorf herabsteigt, um einzukaufen. Nebst der üblichen Vorräte will er am liebsten auch gleich noch eine Frau mitnehmen, eben zum kochen und so weiter.
Mirakulöserweise findet er gleich eine,
Millie, eine junge Servierdame (Jane Powell); sie verliebt sich auf den ersten Blick in den stattlichen Adam, heiratet ihn und fährt mit ihm zur Hütte zurück. Dass da noch sechs weitere Pontipees wohnen, samt und sonders grässlich ungehobelte Burschen, davon weiss sie allerdings (noch) nichts.

Bis hierhin ist der Streifen mühsam. Die beiden Hauptdarsteller verkörpern eindimensionale Figuren, singen einige laue Songs und bewegen sich durch eine lächerliche Studiolandschaft mit im Hintergrund aufgemalten Kulissen - Seven Brides sieht zunächst nach typischer MGM-Musical-Dutzendware aus.
Als dann aber Adams Brüder auftauchen, wendet sich das Blatt, nun kommt Komödie ins Spiel. Die sechs sind strohdumm, aber treuherzig und wie eine Bande übermütiger Kinder haben sie nichts als Flausen im Kopf.

Millie verschafft sich nach einem gehörigen Schrecken Respekt und bringt der Saubande Manieren bei; dabei wirkt sie wie eine Kindergärtnerin, die ihren ihr treu ergebenen Schützlingen das richtige Leben erklärt. Nach einem Fadeout sind die Brüder soweit präsentabel, um auf Brautschau gehen können.

Mit der Einführung der Brüder in die Handlung lässt der Film plötzlich eine unbändige Spielfreude erkennen, die mitreissender wird, je länger er dauert. Es folgen Tanzsequenzen, die derart lebendig und virtuos in Szene gesetzt sind, dass man die anfäglichen Vorbehalte vergisst. Ab jetzt legt Regisseur Stanley Donen (Singin' in the Rain) so richtig los, zeigt was er kann und zieht choreografisch alle verfügbaren Register. Und deren sind viele: Man merkt deutlich, dass Donen gelernter Choreograf war. Die ausgedehnte Sequenz um das Aufrichtefest bei einem Nachbarn sprüht vor Freude, Ideen, Witz und Farben. Ihr liegt eine der kompliziertesten und artistischsten Choreografien in der Geschichte der MGM-Musicals zugrunde, man kommt aus dem Staunen und Lachen kaum mehr heraus.

Es geschieht selten, dass einzig die Inszenierung die Schwächen des Drehbuchs wettmacht, doch hier ist es der Fall. Und nicht nur das: Auch die schwache Musik fällt kaum mehr ins Gewicht.

Die sechs Brüder sind zudem herrlich anarchisch gezeichnet, dank ihrer Verrücktheit kommt Seven Brides for Seven Brothers immer wieder vom vorgezeichneten Weg der MGM-Betulichkeit ab. 

Auch wenn die Hauptcharaktere flach bleiben, Howard Keel und Jane Powell schauspielerisch gegenüber den anderen abfallen und viele Wendungen völlig unglaubwürdig bleiben, Seven Brides for Seven Brothers macht dank der Spielfreude der sechs Brüder-Darsteller, der schwungvollen Inszenierung und seinen Ausbrüchen in die Anarchie nach einigen Anfangsschwierigkeiten grossen Spass! Kein weltbewegender Film, aber gut für die Laune!

Eine Braut für sieben Brüder ist bei uns auf DVD erschienen, sie ist allerdings nur noch antiquarisch greifbar. Dafür gibt's ihn aktuell online zu sehen; mehrere Streaming-Dienste führen ihn in ihrem Programm (amazon, iTunes, Microsoft).

 

Samstag, 9. Januar 2021

Meine Film-Woche (30. Dezember 2020 - 6. Januar 2021)

In der vergangenen Woche liefen hier folgende Filme: 

Zwei ritten nach Texas (Way Out West, 1937)
Schachmatt
(Pushover, 1954)
Oliver! (1968)
Inferno und Ekstase
(The Agony and the Ecstasy, 1965)
The Illusionist - Nichts ist wie es scheint (The Illusionist, 2006)

Einzig die Laurel & Hardy-Westernkomödie Zwei ritten nach Texas (Way Out West) wird demnächst hier näher vorgestellt; alle anderen Streifen sind bei mir durchgefallen - unter anderem zwei Grossproduktionen des britischen Regisseurs Carol Reed (Der dritte Mann): Zuerst das 1968 gedrehte Musical Oliver! (nach Dickens' Roman Oliver Twist), das seine Vorlage mit quietschbunten und -fröhlichen Musicalnummern so komplett verfehlt und verrät, dass es weh tut, und danach die Michelangelo-Biografie Inferno und Ekstase (The Agony and the Ecstasy), das nach einer hervorragenden rund 20-minütigen Einführung in das Werk des genialen Bildhauers zu einer Spielhandlung wechselt, die mit ihrer platten und langfädigen Dramaturgie nach der sensiblen Einleitung richtiggehend lächerlich wirkt. 
Auch Schachmatt (Pushover) von Richard Quine vermochte einer kritischen Betrachtung nicht stand zu halten; der deutlich an Billy Wilders Meisterwerk Frau ohne Gewissen angelehnte Film Noir fällt dank unterirdischer Dialoge und schwacher Dramaturgie neben dem Vorbild deutlich ab.
Und auch mit Neil Burgers
The Illusionist - Nichts ist wie es scheint (The Illusionist) hatte ich meine Schwierigkeiten, was vor allem mit dem schablonenhaften Figurenarsenal und den doch recht plumpen Täuschungsmanövern der Drehbuchvorlage zu tun hatte.

Donnerstag, 7. Januar 2021

Seh-Empfehlung 18: Ein Meer der Gefühle (Passion Fish, 1992)


Originaltitel: Passion Fish
Deutscher Titel: Ein Meer der Gefühle
Mit Mary McDonnell, Alfre Woodard, David Strathairn, Angela Bassett, Vondie Curtis-Hall, Leo Burmester, u.a.
Drehbuch und Regie: John Sayles
USA 1992
Dauer: 135 min

May-Alice Culhane (Mary McDonnell), Star einer berühmten Soap-Opera, wird nach einem Autounfall zur Paraplegikerin. Die pflegebedürftige Schauspielerin kehrt in ihr Elternhaus in Louisiana zurück, das sie seit ihrer Jugendzeit nicht mehr besucht hat. Sie zieht sich zurück, beginnt zu trinken und verbringt ganze Nachmittage vor dem Fernseher. Eines Tages taucht die verschlossene junge afroamerikanische Pflegerin Chantelle (Alfre Woddard) bei ihr auf. Je mehr Zeit die beiden Frauen miteinander in dem einsamen Haus verbringen, desto näher kommen sie sich. Dabei wird deutlich, dass auch Chantelle ein schweres Schicksal mit sich herumschleppt. Langsam, Schrittchen für Schrittchen, öffnen die beiden Frauen sich und ihre kleine, abgezirkelte Welt der Aussenwelt. So wachsen und gesunden sie am Kontakt miteinander und an den Reibungen mit den Schatten- und Sonnenseiten des Lebens.

In Berichten zu diesem Film wird immer wieder der soziale Unterschied der beiden Protagonistinnen herausgestrichen, und in erstaunlicher Einmündigkeit wird betont, dieser sei das zentrale Thema von Passion Fish. Natürlich steht der privilegierte Status des Unfallopfers thematisch ab und zu im Raum, doch daraus eine Absicht auf Sozialkritik abzuleiten, scheint mir schon etwas gewagt und eher dem Wunschdenken klassenbewusster linker Feuilletonisten zu entspringen. 
So wohlfeil lässt sich John Sayles Film freilich nicht oder nur von simplen Gemütern 
auf eine griffige Ideologie reduzieren und man tut dem grandiosen Film damit Unrecht - es steckt weit mehr drin. Er zeigt nicht weniger als das Leben mit all seinen Mühen und Lasten, mit seinen flüchtigen Momenten der Freude und des Staunens, die es festzuhalten gilt. Und er zeigt den menschlichen Geist, der die Kraft besitzt, dem körperlichen Leiden etwas entgegenzusetzen - wenn der Wille da ist. Der erträgt und dadurch im Leid Neues entdeckt - und den Menschen so auf neue Wege führt. Der im Gegenüber Antworten findet und Freude und Trost. 
John Sayles' Kunst ist es, dies alles anzusprechen, in aller Schlichtheit vorzuführen - und dabei nicht wie ein Prediger zu klingen!

Passion Fish ist ein Film, der praktisch in jeder Nacherzählung wie eine Soap Opera klingt. Doch in John Sayles fähigen Händen wird das genaue Gegenteil daraus - ein wohltuend unsentimentaler Film. John Sayles, der inszenierte und das Drehbuch verfasste, scheint ein natürliches Flair für gebrochene Menschen zu haben: Nie kommt das Gefühl auf, er versuche die Gefühligkeit künstlich niedrig zu halten, alles an seinem Film scheint natürlich und vor allem persönlich. So erklärt sich das scheinbare Paradox, dass er sowohl unsentimental und streckenweise gar komödiantisch vorgeht und trotzdem sehr berührend ist, stellenweise gar zu Tränen zu rühren vermag.

Sayles' erzählt ohne viele Worte; Blicke, Gesten, Situationen sprechen Bände; seine Dialoge sind meisterhaft - jede seiner Figuren, auch wenn sie nur eine kleine Rolle spielt, hat ihre eigene Art, sich auszudrücken. Sayles gelingt das Kunststück, seinen Charakteren mit wenig Mitteln Leben einzuhauchen und sie mit wenigen Mitteln zu glaubwürdigen Persönlichkeiten auszumodelllieren. Ein hervorragendes Ensemble unterstützt ihn dabei - besonders die beiden Hauptdarstellerinnen glänzen mit ihren intensiven Darstellungen der beiden sperrigen Hauptfiguren.
Das einzige Minus, das ich bei diesem wunderbaren Film finden kann, ist der deutsche Titel! Ein Meer der Gefühle weckt genau die falschen Assoziationen, an etwas, was der Film nicht ist und nicht sein will. 

Passion Fish ist bei uns auf DVD erhältlich und kann bei amazon.de auch online geschaut werden.

Montag, 4. Januar 2021

Toy Story 4: Alles hört auf mein Kommando (Toy Story 4, 2019)

Regie: Josh Cooley
Drehbuch: Andrew Stanton und Stephany Folsom
Mit den Originalstimmen von Tom Hanks, Tim Allen, Annie Potts, Tony Hale u.a.

Inhalt: Im nunmehr vierten Teil der bekannten Pixar-Serie leben unsere Spielzeugfiguren im Heim der kleinen Bonnie, welche ihrem Kindergarten-Schnuppertag mit Panik entgegensieht. Als es soweit ist, bastelt sie sich dort aus Wegwerfmaterial eine Figur zusammen, die sie "Forky" nennt und zu ihrem Lieblingsspielzeug erklärt. Cowboy Woody und seine Mit-Spielzeuge führen Forky sorgsam in ihre Welt ein. Auf einer Campingfahrt kommt Forky allerdings abhanden, was für Bonnie einer Katastrophe gleichkommt. Woody schickt sich an, den verlorenen Kameraden heim zu holen, geht dabei fast verloren und gerät in seltsame Verwicklungen.

Figurenzeichnung: Woody und seine Spielzeugfreunde bleiben auch im vierten Teil eher formelhaft - allerdings wird dieser Mangel auf anderen Ebenen wettgemacht. 

Gehalt: Mit Toy Story 4 kommt ein weiterer Pixar-Film, der sich mit der Kindheit und der Psychologie der Kleinen befasst. Diesmal wird die Wichtigkeit von Spielsachen für deren Menschwerdung und die psychische Gesundheit auf anrührende Weise thematisiert. Der Film regt in dieser Hinsicht zu vertiefteren Gedanken und Einsichten an. Witzigerweise ist sich Woody dieser Wichtigkeit und der immensen Verantwortung, die er trägt, bewusst und er handelt dementsprechend verantwortsvoll und selbstlos. Dadurch erhält er Vorbildcharakter, ein Vorzug des Films, der nicht genug gewürdigt werden kann.

Detailreichtum: Man merkt auch diesem Pixar-Film die Liebe und Freude der Macher für ihr Projekt an. Es gibt zahlreiche erzählerische Vignetten und liebevoll platzierte Nebensächlichkeiten, welche überraschen, die Erzählung beleben und die Freude bereiten.

Originalität: Toy Story 4 kommt - im Vergleich zu anderen Pixar-Werken - inhaltlich und erzählerisch eher konventionell daher.

Unterhaltungswert: Dank gut aufgebautem Spannungsbogen, Detailfreude und erzählerischem Geschick wird Toy Stroy 4 keinen Moment langweilig.

Abschliessend möchte ich bemerken, dass hier - anders als in vorausgehenden Pixar-Werken - nicht wilde, cliffhanger-befrachtete Action überhand nimmt; die Erzählung bleibt in relativ ruhigen Bahnen und konzentriert sich auf ihre Kernaussage.

Toy Story 4 ist hierzulande auf DVD, Blu-ray und im Stream einfach zugänglich.

Sonntag, 20. Dezember 2020

Kurzkritiken: Greenland, Filmverrückt, Schöne Bescherung

Greenland (2020) Mit Gerard Butler, Morena Baccarin, Roger Dale Floyd, Scott Glenn u.a.
Regie: Ric Roman Waugh
Drehbuch: Chris Sparling
E
in US-Film, in dem eine weisse Familie im Zentrum steht und - das gibt es also noch, obwohl Hollywood sich gerade im Diversity-, Gender-, Frauenquoten- und Black-Lifes-Matter-Hype gefällt.
Ist der Grund für die vielen Kritiker-Verrisse vielleicht darin zu finden? Im Umstand, dass Greenland nicht ins vom Zeitgeist vorgeschriebene Gesinnungsmuster passt? Wirklich schlecht ist Ric Roman Waughs Film nämlich nicht. Es gibt darin ein paar Logiklöcher, zudem kann ich nicht überprüfen, ob der Streifen den neusten Stand der Wissenschaft wiederspiegelt oder nicht - aber das will ich auch gar nicht, da sich wissenschaftliche Exaktheit und stringente filmische Dramaturgie eigentlich gar nicht vertragen.
Greenland
 ist ein Katastrophenfilm - und somit dem Unterhaltungsgenre zuzuordnen. In seinem Zentrum steht eine amerikanische Familie, die dank Ehemüdigkeit der Eltern kurz davor steht, auseinanderzubrechen - für den neunjährigen Nathan (Roger Dale Floyd) eine Katastrophe. Die innere Katastrophe wird gespiegelt durch eine äussere - der riesige Komet, der laut Berechnungen eigentlich an der Erde hätte vorbeizischen sollen, rast direkt auf sie zu. Nichts kann ihn und seine tausende von Splittern stoppen, die Welt ins Chaos zu stürzen.
Fast von einem Moment zum nächsten kippt die saubere kleinstädtische Fassaden-Idylle in einen Albtraum aus Zerstörung und Chaos, die hirnerweichende Zufriedenheit des allgemeinen Wohlstandes weicht dem Kampf ums nackte Überleben. Für die beiden Eheleute im Streit (Gerard Butler und Morena Baccarin) zählt, nachdem jegliche Sicherheit und Perspektive weggebröckelt ist, plötzlich nichts anderes mehr als der Zusammenhalt der Familie und die Unversehrtheit ihrer Mitglieder. Die Beziehungskrise erscheint vor dem Hintergrund des drohenden Weltenbrandes als Luxusproblem.
Man rauft sich zusammen und durchlebt all die schrecklichen Momente, die so eine existentielle Bedrohung mit sich bringt - die meisten haben mit Mitmenschen zu tun, denen die drohende Katastrophe Tugenden wie Nächstenliebe und Mitgefühl ausgetrieben hat. Jeder ist sich selbst der nächste - davor sind auch unsere beiden Hauptfiguren nicht gefeit, und das ist auch gut so, denn alles andere wäre unglaubwürdig.
Greenland
ist somit auf zwei Schienen spannend: Einerseits dank der inneren Entwicklung der Hauptfiguren, andererseits dank der Action, die so ein Katastrophenszenarium mit sich bringt. Und diese ist hier sehr gut in Szene gesetzt!
Natürlich bleibt vieles oberflächlich, was in erster Linie mit der Kürze zu tun hat, mit der das schwierige Thema in einem Kinofilm abgehandelt werden muss. Als TV-Miniserie hätte derselbe Stoff wesentlich tiefer und umfassender ausgearbeitet werden können.
Greenland ist gut geschrieben und gespielt und solide inszeniert. Kein schlechter Film!
Greenland
lief vor dem Lockdown in den Kinos; dort würde er noch immer laufen...
 

Filmverrückt (Movie Crazy, 1932)
Mit Harold Lloyd, Constance Cummings, Kenneth Thomson, Spencer Charters u.a.
Regie: Clyde Bruckman & Harold Lloyd
Drehbuch: Vincent Lawrence
Der filmverrückte Tollpatsch Harold Hall (Lloyd) fährt nach Hollywood, im Irrglauben, für den Film entdeckt worden zu sein. Dort hinterlässt er nichts als Chaos und verliebt sich in eine hübsche Schauspielerin...
Harold Lloyds dritter Tonfilm zählt für viele zu seinen besten Nicht-Stummfilmen. Das mag sein, aber einem Vergleich zu seinen grandiosen Stummfilm-Komödien hält er trotzdem nicht stand; die Gründe dafür habe ich in meiner Besprechung seines ersten Tonfilms (Welcome Danger) bereits erläutert. Drei Jahre danach besann er sich zwar verstärkt auf seine Fähigkeiten im visuellen Bereich und es gibt Sequenzen, die funktionieren, doch die grandios inszenierte dialoglose Prügelsequenz am Schluss leidet darunter, dass jegliche Musikuntermalung fehlt. Der fast lautlos ausgefochtene Kampf erscheint auf diese Weise ernsthaft statt komisch und das Fehlen von Prügelgeräuschen - die 1932 noch nicht entdeckt worden waren - bremst seine Dynamik erheblich.
Wie bereits Welcome Danger krankt zudem auch Movie Crazy an zu vielen und zu langen schlechten Dialogsequenzen, welche den Film künstlich in die Länge und in die Langeweile ziehen. So ist die Liebesgeschichte zwischen Lloyd und Constance Cummings ein unergiebiges, ermüdendes Hin- und Her ohne wirkliche Komik.
Movie Crazy befindet sich in der hierzulande erschienen, inzwischen aber vergriffenen 10-DVD-Box "Harold Lloyd Edition", in welcher neben fast allen Tonfilmen des Komikers auch die grandiosen Stummfilm-Klassiker zu finden sind.

Schöne Bescherung (National Lampoon's Christmas Vacation, 1989)
Mit Chevy Chase, Beverly D'Angelo, Juliette Lewis, Johnny Galecki, Randy Quaid, Diane Ladd, E.G. Marshall u.a.
Regie: Jeremiah Chechik
Drehbuch: John Hughes
Im Jahre 1929 erschien ein Film namens Big Business, in welchem Stan Laurel und Oliver Hardy als Weihnachtsbaumverkäufer auftraten. Trotz der weihnachtlichen Thematik handelt der Film von Chaos und Zerstörung. Genau 70 Jahre später entstand mit
National Lampoon's Christmas Vacation ein Film im Geiste des alten Stan & Ollie-Klassikers. Hier versucht ein braver Familienvater (Chevy Chase), eine schöne Familienweihnacht auf die Beine zu stellen - am Schluss liegt das Haus praktisch in Trümmern. Gekonnt inszenierter Slapstick à la Stan & Ollie ist in dieser Komödie ebenso zu finden wie feines schauspielerisches Understatement, hier wie dort halten sich das Grobe und das Feine die Waage. Das funktioniert wunderbar, nicht zuletzt dank eines gut gearbeiteten Drehbuchs, das mit einigen köstlichen Episoden und einer guten Portion anarchischem Humor aufwartet, hervorragenden schauspielerischen Leistungen und einer Regie, die das alles inszenatorisch schnörkellos auf den Punkt bringt.
In den USA gehört der Film zu den Festtagsklassikern - ein Blick lohnt sich auch für Nicht-Amerikaner. Er ist bei uns auf DVD und Blu-ray erhältlich, zudem führen ihn mehrere Streaming-Dienste in ihrem Programm. Fröhliche Festtage!


Montag, 14. Dezember 2020

Seh-Empfehlung 17: Dido Elizabeth Belle (Belle, 2013)


Originaltitel: Belle
Deutscher Titel: Dido Elisabeth Belle
Mit Gugu Mbatha-Raw, Tom Wilkinson, Sam Reid, Emily Watson, Sarah Gadon, Penelope Wilton, Miranda Richardson, Matthew Goode, u.a.
Regie: Amma Asante
Drehbuch: Misan Sagay
Grossbritannien 2013
Dauer: 100 min

Das Plakat zu diesem Film ist simpel und trotzdem äusserst wirkungsvoll. Es zeigt eine junge Frau in einem teuren, mit Stickereinen reich verzierten pfirsichfarbenen Kleid, die mitten in einem eleganten Salon steht. Eine Jane Austen-Verfilmung, denkt man auf den ersten Blick. Doch dann bemerkt das Auge, dass die junge Frau dunkelhäutig ist. Das Interesse ist geweckt.

Das Plakat ist in seiner Simplizität hervorragend, denn es fasst den Film zusammen: Im Stil der Jane-Austen-Verfilmungen gehalten, vermittelt er ein Bild jener Epoche und der Sitten und Gebräuche der damaligen feinen Gesellschaft - und im Zentrum steht eine dunkelhäutige Frau, die in dieser Gesellschaft eigentlich nichts verloren hatte.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, orientiert sich an historischen Persönlichkeiten und wurde durch ein Gemälde inspiriert (siehe unten).
Dido Elisabeth Belle (Gugu Mbatha-Raw), die Tochter eines englischen Admirals und einer dunkelhäutigen Sklavin,
von ihrem Vater rechtmässig anerkannt, wächst nach dessen Tod im Haus des Englischen obersten Richters Lord Mansfield (Tom Wilkinson) auf. Nach anfänglichen Widerständen gegen die "Mulattin" schliesst die Familie Belle allmählich ins Herz und sie wächst in der feinen Gesellschaftsschicht auf. Darüber rümpft natürlich der Rest des Adels die Nase - Dunkelhäutige waren in den noblen Häusern bestenfalls als Bedienstete geduldet, zudem war der Sklavenhandel damals noch in vollem Gange.
Belles Geschichte wird im Film mit einem in England berühmten Gerichtsfall verwoben, der dort das Ende der Sklaverei einläutete. Lord Mansfield muss dabei entscheiden, ob ertrunkene (oder ersäufte?) Sklaven als "verlorenes Frachtgut" zu einem Versicherungsfall werden können oder nicht. Als Belle von dem Fall erfährt, vertieft sie sich immer mehr darin. Ihre Bekanntschaft mit einem jungen Anwalt (Sam Reid), der sich auch für den Fall interessiert, gewinnt durch das gemeinsame Interesse an Intensität...

Amma Asantes Film ist ganz und gar auf Schönheit angelegt - in Wort und Bild. Die Regisseurin legte Wert darauf, die besten Ausstatter des Gewerbes für ihr Werk zu gewinnen, was ihr zweifellos gelang: Ausstattung, Kostüme, Bauten und Kamera sind vom Feinsten, Belle ist eine einzige Augenweide! Damit knüpft Asante bewusst an das Austen-Feeling der bekannten einschlägigen Verfilmungen an, was die thematische Diskrepanz zu jenen Werken noch stärker hervorgeben sollte. Belle bildet den "schönen Schein" ab, der zu dieser Zeit und dieser Gesellschaftsschicht gehörte. Die Abgründigkeit fehlt den Bildern, aber nicht dem Text - auch das hervorragende Drehbuch kopiert gekonnt den Ton bekannter Jane Austen-Verfilmungen, und die Inszenierung folgt diesem Ansatz.
Das Drehbuch entlarvt anhand des Widerspruchs-in-sich, einer farbigen Adligen, die Absurdität der Konventionen jener Zeit - noch deutlicher als die bekannten Jane-Austen-Verfilmungen und es zeigt auf, dass auch Weisse ausgegrenzt wurden, wenn sie nicht zur richtigen Schicht gehörten oder wenn sie als Adlige die Konvention gebrochen hatten. Damit wird die Kernaussage des Films unterstrichen: Alle Menschen sind gleich. Belle beschränkt sich nicht nur auf das Thema Rassismus, sondern beweist einen weiteren Horizont, indem der Film Rassismus als eine mögliche Variante von Ausgrenzung zeigt, einer von mehreren, deren Ursprünge er in der Mischung von Engherzigkeit, Konventionszwang und Selbstgerechtigeit verortet.
Belles Geschichte wird auf packende Weise mit der Abschaffung der Sklaverei in England verknüpft.
Ein zusätzliches Plus sind die durchs Band hervorragenden schauspielerischen Leistungen - allen voran Tom Wilkinsons und Gugu Mbatha-Raws, aber auch die zahlreichen Nebendarsteller glänzen und machen Belle zu einem rundum erfreulichen Filmerlebnis.

Belle nimmt, wie natürlich auch die oben erwähnten Jane-Austen-Geschichten, Bezug auf und schöpft seinen Inhalt aus der sog. Regency-Zeit Grossbritanniens. Er entspringt der spezifisch Britischen Kultur, was für ein Britisches Publikum durchaus starke Relevanz hat, kulturell und entwicklungsgeschichtlich. Für uns Kontinentaleuropäer fehlt diese. Wir schauen einem berückend schönen Kostümdrama zu, dessen gesellschaftliche Komponente für uns allerdings leer bleibt. Immerhin gelangt mit dem erwähnten Gerichtsfall eine gesellschaftspolitische Komponente in den Film, die im weitesten Sinn universell ist und Asantes Film davor bewahrt, einfach ein weiteres schmuckes Kostümdrama zu sein.

Das Originalportrait von Dido Elizabeth Belle und ihrer Cousine Lady Elizabeth Murray, das die Inspiration zum Film lieferte.


Anschauen:
Der Film ist im deutschsprachigen Raum auf Blu-ray und DVD erhältlich. Als Download ist er u.a. bei Amazon, Maxdome, iTunes, youtube und Google Play erhältlich.

Meine Wertung: 8 / 10

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