Montag, 25. April 2022

Casablanca (1942)

Keine Überraschung: Wie vermutet kommt von den vier im Voraus zur Sichtung auserkorenen Filmen Casablanca die Ehre zu, als bester Film hier an prominenter Stelle vorgestellt zu werden.
Aber...
Es ist mir, ehrlich gesagt, ein Rätsel, wie er zu seinem Status ("einer des besten Filme aller Zeiten") kommt!

Doch zuerst zum Inhalt: Casablanca, ein Fleck neutralen Frankreichs mitten in Marokko, wird zur Zeit des "Dritten Reichs" Sammelbecken für Flüchtlinge vor Hitlers Terror. Speziell "Rick's Café" ist zum Umschlagplatz für Schlepper und Flüchtende geworden. Der zwielichtige Amerikaner Rick, Besitzer des Lokals (Humphrey Bogart) kommt unverhofft in den Besitz zweier von General DeGaulle persönlich unterzeichneten Visas, um die in der Folge - mit dem Besuch eines hohen Nazis (Conrad Veidt) ein Streit entbrennt.
Als der teschechische Widerstandskämpfer Victor Laszlo (Paul Henreid) in Begleitung seiner Gattin Ilsa (Ingrid Bergman) bei "Rick's" eintrifft, reissen Ricks alte Wunden wieder auf: Er war in Paris mit Ilsa liiert, sie hatte ihn auf der Flucht vor den Deutschen aber sitzen lassen.

Casablanca
ist einer der gefeiertsten Filme überhaupt; deshalb schauen wir genau hin:
Casablanca
ist ein überdurchschnittlicher Hollywood-Film, der sein Hauptthema, wie damals üblich, an eine sülzige Liebesgeschichte zu verschenken droht. Zum Glück rettet ihn das hervorragende Drehbuch (von Julius J. und Philip G. Epstein und Howard Koch, nach einem Theaterstück von Murray Burnett und Joan Alison) immer wieder vor dem Absturz.

Jedoch: Die Liebesgeschichte, so gut sie ins Ganze eingebettet ist, funktioniert nicht - und das ist die eigentliche Crux des Films. Humphrey Bogart und Ingrid Bergman sind die beiden schwächsten Schauspieler der gesamten Truppe. Zwischen den beiden funkt nichts. Bogart erstarrt im Understatement seiner üblichen Rolle, die Bergman versucht zwar, Emotionen zu mimen, aber die Mühe, die sie dabei hat, ist deutlich sichtbar.
Man sieht zwei Ikonen des Kinos interagieren und denkt: "Wie toll, zwei Ikonen in einem ikonischen Film". Wer aber seine Ikonengläubigkeit zügelt und kritisch hinguckt, bemerkt, dass die Liebe zwischen den beiden reine Behauptung bleibt, und diese Unglaubwürdigkeit droht den ganzen Film zu kontaminieren. Ich musste mich bemühen, die durchaus vorhandenen Pluspunkte des Films trotzdem zu sehen.

Dazu zähle nicht einmal die vielzitierten "one-liner", die mache für "denkwürdig" halten; ich meine in erster Linie den herausragenden Rest der Besetzung (obwohl Paul Henreid hier unter seinem Wert verkauft wird) das grandiose Drehbuch und die ebenso grandiose Regieführung. Es ist meisterhaft, wie prägnant manche Figuren eingeführt werden, und vor allem ist es für jene Zeit erstaunlich, wie scheinbar mühelos mehrere Handlungen parallel geführt werden. Das war im Mainstream-Kino revolutionär.
Es gibt auch ein paar Holprigkeiten und Logiklöcher, und die Bühnenherkunft des Stoffes tritt bisweilen deutlich zu Tage (es wird sehr viel geredet), aber das erscheint mir als eher nebensächlich.

Zur Wirkung des Films bleibt abschliessend zu bemerken, dass er heute vor allem als Fenster in eine andere Zeit funktioniert. Zu sagen hat er uns Heutigen eigentlich nicht viel. Casablanca ist ein Abenteuer- und Liebesfilm, der seinen Grundstoff aus den Ereignissen der damaligen Zeit schöpfte und so zu einer Art Manifest des Widerstandes gegen Nazideutschland wurde.
Zu sagen, dass im Hollywood jener Zeit keine besseren Filme gedreht wurden als Casablanca ist allerdings ungerecht und schlichtweg falsch.

Ferner liefen
Unter diesem Titel werden jene drei anderen im Voraus zur Sichtung erkorenen Filme kurz angerissen, die gegenüber dem oben beschriebenen weniger gut abschnitten. 

Rush Hour (1998)
Weil das FBI verhindern möchte, dass ihm in einem Entführungsfall ein Ermittler aus Hong Kong in die Quere kommt (Jackie Chan), heuert es den grössten Deppen des LAPD (Chris Tucker) an, der den fremden Ermittler ablenken und mit Lappalien beschäftigen soll. Doch der Depp vom LAPD  hat grosse Ambitionen und vermasselt natürlich zunächst alles...
Eine typische Culture-Clash-Actionkomödie aus der Feder des bewährten Jim Kouf (Stakeout - Die Nacht hat tausend Augen), die geschickt Action mit Slapstick mixt und von der Chemie der beiden gut aufgelegen Hauptdarsteller lebt.
Sehr unterhaltsam, solide inszeniert - aber nichts, was haften bleibt.

Schrei der Grosstadt (Cry of the City, 1948)
Zwei Italoamerikaner, die zusammen aufgewachsen sind (Victor Mature und Richard Conte), einer wurde zum Polizisten (Mature), der andere zum Verbrecher (Conte). Beide treffen im Zusammenhang mit einem Polizistenmord wieder aufeinander.
Die Figurenkonstellation dieses von Robert Siodmak gedrehten Film-Noir weckt hohe Erwartungen - die leider nicht erfüllt werden. Schuld trägt das Drehbuch (Richard Murphy), welches sämtliche Charaktere nur oberflächlich zeichnet und es nicht schafft, ihnen Leben einzuhauchen. Obwohl die gesamte Schauspieler-Truppe ihr Bestes gibt, die Tatsache, dass zu wenig Fleisch am Knochen ist, können sie nicht übertünchen. Einzige Ausnahme: Die wunderbare Hope Emerson als monströse Gangsterbraut; leider ist ihr memorabler Auftritt nur von kurzer Dauer.
Cry of the City erzählt eine spannende Geschichte und glänzt durch hervorragende Regieführung, ist aber weit davon entfernt, der interessanten Prämisse (zwei Freunde auf verschiedenen Seiten des Gesetzes) gerecht zu werden. Das haben spätere Filme auf eindringlichere Art nachgeholt...

Mary Stevens M.D. (1933)
Weshalb habe ich diesen Film ausgewählt? Im Grunde ahnte ich, worauf er hinausläuft. Aber man gibt die Hoffnung ja nie auf...
Die Hoffnung: Der Film bringe ein ernstzunehmendes Drama zur Thematik "Frauen in Männerberufen" auf die Leinwand.
Im Mittelpunkt steht Mary Stevens (der damalige weibliche Superstar Kay Francis), eine Ärztin mit eigener Praxis, welche die Vorurteile der damaligen Zeit zu spüren bekommt. Das Thema wird in der hervorragend inszenierten Anfangssequenz etabliert, in der Dr.Stevens zu einer dramatisch verlaufenden Hausgeburt ins Arme-Leute-Viertel gerufen wird, wo ein fuchsteufelswilder Ehemann sie wieder wegzuschicken droht, weil sie kein Mann ist.
Im Verlauf der Handlung gerät zudem ihr ehemaliger Komilitone, Dr. Andrews (Lyle Talbot) auf die schiefe Bahn und droht seine Karriere zu ruinieren.
Das klingt eigentlich alles ganz gut, und weil ich gespannt war, wie diese Themen vor rund 90 Jahren angegangen wurden, gab ich dem Film eine Chance.
Doch nach 30 ganz interessanten Minuten geschah, was in diesen frühen Tonfilmen fast immer geschieht und was ich von Beginn weg geahnt oder gefürchtet hatte: Eine sülzige Liebesgeschichte drängt sich ins Zentrum und legt alle anderen Themen lahm. Und ruiniert den ganzen Rest des Films.
Ich weiss nicht, was die Leute damals mit Liebesgeschichten hatten - mich interessieren die einfach nicht. In den frühen Jahren des Film gehörten die im US-Kino aber einfach dazu.
Mary Stevens M.D. beruht auf einem schwachen Drehbuch (Rian James & Robert Lord) und ist - mit Ausnahme der hervorragenden Anfangssequenz - steif inszeniert (von Lloyd Bacon) und mittelmässig gespielt.

Coming Attractions:
Für den nächsten Blog-Artikel habe ich wieder vier Filme gewählt, die ich mir ansehe - der beste der vier bekommt eine ausführliche Rezension.
Die vier Filme heissen:
Die Sage von Anatahan (Anatahan, 1953)
Stirb Langsam (Die Hard, 1988)

Die Muppets 2: Muppets Most Wanted (Muppets Most Wanted, 2014)
Den Sternen so nah (The Space Between Us, 2017)
Ihr meint, der Fall sei klar? Wir werden sehen - ich habe in dieser Hinsicht schon viele Überraschungen erlebt...
Und notfalls kriegt mehr als einer eine ausführliche Rezension.

 

Mittwoch, 20. April 2022

Dancing With Crime (UK, 1947)

 


Manchmal macht es Spass, einen völlig unbekannten oder vergessenen Film zu entdecken. Dieser hier, ein britischer Nachkriegs-Krimi, war im deutschsprachigen Raum nie zu sehen. Es ist kein Film, den ich empfehlen würde, aber er ist kurzweilig genug für einen unterhaltsamen Filmabend - und der beste Film, den ich in den letzten Tagen und Wochen zu sehen bekam.
Richard Attenborough spielt einen jungen Taxifahrer, der die Leiche seines zwielichtigen Army-Kumpels findet und der darauf zusammen mit seiner Freundin (Sheila Sim, Attenboroughs Ehefrau) den Mord aufklärt.
Gut gespielt, atmosphärisch dicht und mit einigen schlauen Wendungen, vermag der von John Paddy Carstairs inszenierte und von Brock Williams geschriebene Streifen auch heute noch gut zu unterhalten.
Dancing With Crime ist ein respektabler Streifen, insgesamt allerdings etwas gar harmlos und zum Schluss leider etwas simpel in der Auflösung.
Von diesem Film existiert eine sehr gute englische DVD-Edition von Simply Media.
Man kann ihn - in der Originalversion - aber auch (in hervorragender Bildqualität)  bei youtube anschauen.
 

Ab dem nächsten Post geht es hier wie folgt weiter:
Ich wähle vier Filme, die ich mir ansehe - und der beste der vier bekommt eine ausführliche Rezension.
Folgene Filme stehen auf meiner Liste:
Mary Stevens M.D. (1932)
Casablanca (1941)

Schrei der Grossstadt (Cry of the City, 1948)
Rush Hour (1998)
Ihr meint, der Fall sei klar? Wir werden sehen - ich habe in dieser Hinsicht schon viele Überraschungen erlebt...
Und notfalls kriegt mehr als einer eine ausführliche Rezension.

For the record:
Bevor ich auf der Suche nach einem rezensionswürdigen Film bei Dancing With Crime hängen geblieben bin, habe ich folgende Filme ausprobiert:  

The Adam Project (2022)
Auf der Suche nach seiner mutmasslich verstorbenen Freundin landet ein Pilot aus der Zukunft (Ryan Reynolds) im Jahre 2022, wo er sich selbst begegnet und mit Hilfe seines Kinder-Selbst einige Zeit-Weichen anders zu stellen versucht.
Klingt interessant, doch Shawn Lewis Film ist leider ziemlich missraten. Er wirkt, als hätte jeder der vier beteiligten Drehbuchautoren - alle unterschiedlich talentiert - an je einem Teilstück gearbeitet und diese seien danach in Eile zusammengebebbt worden. 
Da gibt es dümmliche Crash-Sequenzen neben sehr berührenden Momenten. Die Inkohärenz des Handlungsverlaufs nervt und die pausenlose Zitiererei anderer Science-Fiction-Filme ebenso. Die Witze zünden in den seltensten Fällen.
Lieb- und sinnloser Science-Fiction-Abklatsch, der wohl nur den schnellen Reibach im Blick hatte...

Die Gangster-Gang (The Bad Guys, 2022)
Der neuste (Computer-)Animationsfilm von Dreamworks ist eine durchwachsene Sache: Laut, hektisch, mit wenig Zwischentönen, die im Action-Getöse und der permanenten, hyperaktiv-nervigen Grimassiererei der animierten Viecher praktisch untergehen.
Es geht um eine Bande böser Buben (pardon: Tiere), die zum Schein gut werden wollen und zu diesem Zweck vom Obergutmensch (pardon: -tier) Professor Marmelade umerzogen werden sollen. The Bad Guys laviert zwischen den Polen "gut" und "böse", betrachtet sie von allen Seiten, ohne jedoch zu einem vernünftigen Schluss zu kommen. Im Gegenteil: In der finalen halben Stunde geht alles mit ziemlich behämmerten Wendungen den Bach 'runter.
Ein Film für die Kids, die nicht nach Hintergrund, Sinn, Zweck und dramturgischen Kniffen fragen, sondern sich einfach anderthalb Stunden zudröhnen lassen wollen.

Gosford Park (2001)
Dieser Film von Robert Altman ist der Vorläufer und die Inspiration der Serie Downton Abbey. Drehbuchautor Julian Fellowes wirkte bei beiden mit, die Idee und die Struktur stammen aber von Altman und dem Schauspieler Bob Balaban.
Obwohl Gosford Park fast zweieinhalb Stunden dauert, wird deutlich, dass der Stoff in der Serie besser untergebracht ist: Der Film wirkt gehetzt, der Inhalt verknappt bis an die Grenze der Auffassungsgabe, bisweilen laufen zwei Handlungen gleichzeitig im Bild ab, mit sich überlappenden Dialogen. Das ist zwar Altmans Markenzeichen, in anderen Werken funktioniert das durchaus, aber hier verliert man vor lauter Namen, Titeln und Gesichtern den Überblick.
Die Charaktere scheinen die Macher nicht zu interessieren - der Grund liegt wohl in erster Linie darin, dass für eine Vertiefung aufgrund der schieren Übervölkerung mit wichtigen Personen schlicht keine Zeit war; dabei lastet auf den Charakteren das ganze Gewicht dieses praktisch handlunglosen Films.
Die von Anfang an intendierte Gesellschaftskritik wirkt bemüht und herbeikonstruiert, auch sie bleibt an der Oberfläche, was sie umso ärgerlicher macht.
Gosford Park ist aus den genannten Gründen eines der schwächsten Werke, das ich vom von mir sonst sehr geschätzten Robert Altman kenne.

Das Böse kommt auf leisen Sohlen (Something Wicked this Way Comes, 1983)
Von Ray Bradburys gleichnamigem Roman war ich als Jugendlicher total begeistert, und als ich Anfangs der Achzigerjahre hörte, dass er verfilmt wird - nach einem von Bradbury selbst verfassten Drehbuch - beschloss ich: Den Film muss ich sehen!
Dazu kam es allerdings erst jetzt, denn Jack Claytons Verfilmung lief nie in den deutschsprachigen Kinos.
Um es kurz zu machen: Ich bin von dem Film bitter enttäuscht! Natürlich ist es schwierig, Bradburys zwischen Poesie und Horror angesiedelte Stimmung aufs bewegte Bild zu übertragen. Aber hier wurde dabei derart gestümpert und mit darart vielen Fehlbesetzungen gearbeitet, dass ich mich über die vielen guten Bewertungen bei imdb nur wundern kann.
Bradbury in Ehren, aber Drehbücher waren wohl nicht sein Ding. Oder aber die zahlreichen Änderungen, die das Disney-Studio am Film vornahm, sind schuld an der eiernden Dramaturgie. Weder Clayton noch Bradbury sollen zuletzt mit dem Resultat zufrieden gewesen sein.

Die Bären sind los (The Bad News Bears, 1976)
Walter Matthau als mieser Coach einer miesen Knaben-Baseball-Mannschaft... Den Reiz dieses Films schnalle ich leider nicht. Wer will denn 100 Minuten lang naseweis nölenden Kindern zuschauen, die ihren abgewrackten Trainer (und die Zuschauer) nerven?
Zudem habe ich das Spiel Baseball noch nie verstanden (nicht, dass es mich die Bohne interessieren würde!) und somit bekam ich auch einen Grossteil der Anspielungen und Witze in diesem vielgelobten Streifen nicht mit. Ich fand ihn nur lang, langatmig und belanglos...

König der Könige (King of Kings, 1961)
Der Jesus-Film, den ich schon lange mal sehen wollte. Doch oh weh! Was für ein pompöser Schinken! Grässlich!
Zu seiner Zeit dank seiner politischen Optik bestimmt was ganz Neues auf dem Sektor Bibelfilm... Aber heute? Judäa made in Hollywood - das ist heute kaum mehr auszuhalten.
Tolle Bilder, das gestehe ich zu, aber viiiiel zu lang!

Das Messer im Wasser (Nóz w wodzie, 1961)
"Erzähl' mir eine gute Geschichte - und fessle mich damit!" - Das ist mein Anspruch an jeden Film.
Kunsthandwerk, Originalität, Regieführung, Schauspiel... das ist mir alles zweitrangig.
Roman Polanskis erster, in Polen entstandener abendfüllender Spielfilm erfüllt meine zentrale Anforderung nicht.
Ich muss Das Messer im Wasser nicht gut finden, weil er wichtig und bedeutsam ist; ich bin weder Filmhistoriker noch Filmwissenschaftler - ich schaue Filme zu meinem Vergnügen.
Dieser hat mir kein Vergnügen bereitet. Er ist strunzlangweilig. Wenn wenigstens die Figuren plastisch und fassbar gezeichnet wären, aber es ist alles absichtlich nebulös gehalten.
Ok, nennt mich einen Banausen - es ist mir völlig egal!

Das Dschungelbuch (The Jungle Book, 1942)
Die berühmte Live-Action-Verfilmung Zoltan Kordas von Kiplings gefeiertem Roman vermochte dem Lauf der Zeit leider nicht Stand zu halten. Er wirkt trotz seiner bisweilen grandiosen Bilder und dem fantastischen Production Design verstaubt. Das hat vor allem mit der Erzählweise zu tun (durch schlechten Schnitt vorgegaukelte Tier- und Menscheninteraktion, behäbige Voice-Over-Narration); die braun angemalten, "ausländisch" radebrechenden weissen Schauspieler, die hier als Inder durchgehen sollen, wirken zudem störend und lächerlich.
Damals mag der Film gefeiert worden sein, heute ist  er kaum mehr geniessbar.

Dienstag, 12. April 2022

Der Mann aus Laramie (The Man from Laramie, 1955)


Stärkste Eindrücke:
- James Stewart! In diesem Film zeigt sich deutlich, was für ein fantastischer Schauspieler er war, noch besser, als ich bislang gedacht hatte! In der Rolle des einsamen, abgehärteten Westerners zeigt er - vollkommen überzeugend - ein komplett anderes Gesicht als jenes, das man aus seinen vielen leichteren Filmen kennt.
- Sämtliche Co-Schauspieler in diesem Film sind ebenfalls hervorragend - ausser Cathy O'Donnell, die aber zum Glück nur wenige Auftritte hat.
- Die Einbettung der Handlung in spektakuläre Landschaftsbilder ergibt zum Teil atemberaubende Sequenzen (Kamera: Charles Lang).
- Der Titelsong ist grottenschlecht, der Text richtiggehend lächerlich.

Ein Mann - genauer: derjenige aus Laramie - kommt auf der Suche nach dem Mörder seines Bruders in eine Kleinstadt in New Mexico. Dort führt der Rancher Alec Waggoman (Donald Crisp) das Regime und eh' der "Mann aus Laramie" (James Stewart) sich's versieht, ist er in die mörderischen Händel von dessen Familie verwickelt. Waggomans Sohn Dave (Alex Nicol) ist ein frei herumlaufender und vor allem -schiessender Irrer, der vom im Dorf allmächtigen Vater protegiert wird.

Oft wird im Zusammenhang mit den Western dieses Regisseurs (Anthony Mann) angeführt, sie würden sich an Shakespeares Dramen orientieren, dieser Film insbesondere an King Lear. Ich wage dies stark zu bezweifeln - da haben die Kritiker mal wieder voneinander abgeschrieben. Dahinter steht die Einstellung europäischer Kritiker, der Hollywoodfilm per se sei nichts wert und könne nur im Zusammenhang mit europäischen kulturellen Errungenschaften etwas gelten.
Ich sehe, wenn überhaupt ein Vorbild ausgemacht werden muss,
viel eher ein Echo auf die Dramen des Tennessee Williams darin, dessen überdimensionierte Vaterfiguren und deren halbwahnsinnige Söhne zur Zeit des Filmdrehs in den amerikanischen Theatern und Kinos gerade Furore machten.
Alec und Dave Waggoman könnten direkt einem von Williams' Stücken entsprungen sein: Der Übervater und sein degenerierter, verhätschelter und gewalttätiger Sohn.

The Man from Laramie hat aber eigentlich keine Vergleiche nötig. Der Film steht für sich allein, und da steht er ganz gut. Solide und sicher.
Diese letzte Zusammenarbeit zwischen Anthony Mann und James Stewart gehört zu den besten Western, die ich kenne. Die Charaktere werden sorgfältig entwickelt, sie bleiben lebendig, nicht zuletzt dank einer hervorragenden Schauspieler-Truppe (zu der auch Arthur Kennedy als eifersüchtiger Waggoman-Vertrauter und Aline MacMahon als hemdsärmlige Nachbars-Rancherin gehört).
Das Drehbuch von Philip Yordan & Frank Burt ist neben den Schauspielern wohl das stärkste Element des Streifens: Es lässt die Handlung als logischen Ablauf erscheinen, der sich aus den Reaktionen und Interaktionen der Charaktere ergibt: Stimmig, zwingend und unausweichlich.

So nimmt einen dieser Western von Beginn weg gefangen und lässt einen auch hinterher eine Weile nicht mehr los.
Da ich Western nicht zu meinen Lieblingsgenres zähle und ihnen in der Regel eher kritisch gegenüberstehe, darf ich wohl sagen, The Man from Laramie bereite auch Western-Muffeln schönsten Film-Genuss. 

Der Film kann als Der Mann aus Laramie im deutschsprachigen Raum auf Blu-ray bezogen werden (die DVD ist inzwischen ausverkauft). Bei einigen Anbietern kann er auch online geschaut werden.


For the record:

Bevor ich auf der Suche nach einem rezensionswürdigen Film bei The Man from Laramie hängen geblieben bin, habe ich folgenden Film ausprobiert:  

Bernie (2011)
Mit diesem von Richard Linklater geschriebenen und inszenierten Film konnte ich rein gar nix anfangen!
Es geht um einen Leichenbestatter (Jack Black), der sich in einer texanischen Kleinsatadt einnistet und die Gunst der älteren Einwohner und vor allem einer verhärteten Witwe (Shirley MacLaine) gewinnt.
Black spielt seine Rolle so, als sei er ein Betrüger und seine Bigotterie ist derart triefend, dass einem dabei übel werden könnte. Man weiss nicht, handelt es sich hier um eine Satire oder nicht. Soll dieser Bernie nun ein Sonnenschein sein oder ein Zyniker? Die Position des Filmemachers ist völlig undurchsichtig, so dass mir die Freude ziemlich bald verging und ich mich mit der Zeit gar verschaukelt fühlte. Das war dann das Aus für Bernie - auf halbem Weg.

Sonntag, 10. April 2022

Das Doppelleben des Dr. Clitterhouse (The Amazing Dr. Clitterhouse, 1938)

Ein renommierter Arzt der feinen Gesellschaft (Edward G. Robinson) arbeitet an einem Buch, das einem Standardwerk für Kriminologen werden soll und das sich mit den Persönlichkeitsveränderungen befasst, welche das Ausüben von Verbrechen auf den Menschen zur Folge hat. Zu Forschungszwecken beginnt dieser Arzt als Selbstversuch, Verbrechen zu begehen. Wie das Leben so spielt, gerät er an eine Verbrecherbande, als deren Kopf er bald fungiert - sehr zum Unmut von deren Möchtegern-Anführer "Rocks" (Humphrey Bogart)...

Imdb.com listet den Film auf seiner Seite unter "Crime" und "Drama". Es gibt aber so deutliche komödiantische Elemente, dass man Dr. Clitterhouse durchaus auch als Komödie bezeichnen könnte - so besteht etwa die von Doktor Clitterhouse angeleitete Gaunerbande aus lauter treuherzigen Doofköppen, ähnlich der Gangster in Frank Capras Die unteren Zehntausend. Der gebildet daherredende Doktor inmitten der im Gossen-Slang daherredenden Gorillas ergibt einen zusätzlichen, unglaublich witzigen Kontrast.
Und die abschliessende Gerichtsverhandlung hat auch heute noch als sarkastischer Kommentar auf die Praktiken einer parteiischen Gerichtsbarkeit Bestand.

Bei diesem von Anatole Litvak inszenierten Film stimmt von der Regie übers Drehbuch (John Wexley und John Huston) bis zu den schauspielerischen Leistungen alles: Edward G. Robinson überzeugt auf ganzer Länge als feinsinniger Upper-Class-Arzt mit leicht irrem Einschlag (eine fürs damalige Publikum überraschende Rolle, die seinem etablierten Gangster-Image diametral entgegenlief). Claire Trevor als Gangsterbraut und Anführerin der Bande überzeugt mit ihrem Standard-Repertoire genauso wie Humphrey Bogart als Robinsons gefährlicher, lauernder Gegenspieler.

The Amazing Doktor Clitterhouse macht dank immer neuer Wendungen und einer aussergewöhlichen Ausgangslage richtig Spass.
Er kann bei Amazon prime video und AppleTV als Das Doppelleben des Dr. Clitterhouse online geschaut werden. Die deutsche DVD ist vergriffen.

For the record:
Bevor ich auf der Suche nach einem rezensionswürdigen Film bei Dr. Clitterhouse hängen geblieben bin, habe ich folgende Filme ausprobiert: 

Verflucht, verdammt und Halleluja (E poi lo chiamarono il magnifico, Italien 1972)
Was für ein poetischer Deutscher Titel...!
Etwa ähnlich grobschlächtig ist die Regie dieses komödiantischen Terence Hill-Western, ebenso die englische Nachsynchronisation. Zum grössten Teil von schlechten Schauspielern ausgeführte zähflüssige Klamotte mit ein paar durchaus witzigen Sequenzen. Verstaubt - nur für Fans der "Spaghetti-Western" zu empfehlen... 

Das Dschungelbuch (The Jungle Book, 1967)
Der letzte abendfüllende Zeichentrickfilm, den Walt Disney noch selbst überwacht hatte (die Premiere erlebte er allerdings schon nicht mehr) gilt vielen als sein bester. Mir nicht.
Bezüglich der Qualität der Animation kann man durchaus von höchster Meisterschaft sprechen: Es ist schier unglaublich, wie flüssig und überzeugend sich die gezeichneten Figuren bewegen. Auch die Hintergründe sind herrlich anzuschauen.
Der zeichnerischen Meisterschaft steht leider eine enttäuschende, träge und holprige Dramaturgie entgegen, welche keinen Spannungsbogen richtig auszuführen vermag und die Erzählung immer wieder mit unnötigem, mehr oder minder komischen Episoden und Songs unterbricht und verlangsamt, und dadurch das Interesse an den Charakteren einschlafen lässt.

Königliche Hochzeit (Royal Wedding, 1951)
Fred Astaire und Jane Powell als tanzendes Geschwisterpaar in einem beschwingten MGM-Musical von Stanley Donen.
Da die Handlung aus gleich zwei Reissbrett-Liebesgeschichten besteht, wird sie schnell öd und langweilig. In diesem Fall bringen die ständigen Unterbrechungen durch
Tanznummern die Rettung, denn diese sind grösstenteils hoch originell, einfallsreich und witzig - wie etwa Astaires berühmter Tanz an den Wänden und der Decke eines Hotelzimmers oder die gestörte Tanzroutine an Bord eines schaukelnden Schiffs in stürmischer See.
Der gelungene, innovative Musicalteil lässt die Handlungdramaturgie allerdings nur noch älter aussehen, als sie es tatächlich ist.

Freitag, 8. April 2022

Mütter und Töchter (Mother and Child, 2009)


Die verbitterte mittelalterliche Pflegerin Karen (Annette Bening) wohnt im Haus ihrer betagten Mutter, pflegt diese bis zu ihrem plötzlichen Tod und geht danach zaghaft eine Beziehung mit ihrem Arbeitskollegen Paco (Jimmy Smits) ein.

Die smarte junge Anwältin Elizabeth (Naomi Watts) verzichtet auf ihrem rasanten Weg nach ganz oben auf zeitraubende emotionale Bindungen und erwartet nach einigen kurzen Affären ein Kind.
Die junge Lucy (Kerry Washington) möchte ein Kind adoptieren und lässt sich auf eine nervenaufreibende Verhandlung mit einem schwangeren Teenager (Shareeka Epps) ein.

Diese Film-Nacherzählung klingt lapidar und zunächst einmal alles andere als interessant. Ein Filmemacher mit Talent und Gespür für Zwischentöne kann allerdings etwas daraus machen. Rodrigo García ist so ein Filmemacher! Je länger Mother and Child dauert, desto packender wird die Erzählung, desto mehr Interesse weckt er mit geschickt platzierten erzählerischen Details für seine drei Hauptfiguren. Plötzlich werden Zusammenhänge erahnbar, welche die drei Einzelschicksale verbinden. Irgendwann wird deutlich, was das gemeinsame Thema der drei Geschichten ist - und dass diese sich auf einander zu bewegen.

Mich hat dieser Film in Staunen versetzt. Mit so wenig Mitteln lässt sich grosses Kino machen. Es braucht ein gutes Skript, einen guten Regisseur und gute Schauspieler. Alle drei Komponenten verschmelzen hier zu einem Ensemblestück von seltener Feinheit, von schlichter Schönheit und anrührender Menschlichkeit.
García enthüllt zunächst nur wenig von seinen emotional scheinbar vertrockneten Hauptprotagonisten Karen und Elizabeth. Doch je länger der Film dauert, desto deutlicher treten ihre Hintergründe zu Tage und desto verständlicher werden ihre seltsamen Verhaltensweisen.

Wie die drei Frauenschicksale zusammenhängen, das soll hier nicht verraten werden. Mother and Child ist zur gleichen Zeit ein stiller, melancholischer Film und eine emotionale Achterbahnfahrt, traurig und hoffnungsvoll, mit einem wunderschönen Schluss. Eigentlich ein unmöglicher Film.
Umso schöner, dass sowas entgegen aller Logik und Erwartung auf solch hohem Niveau möglich ist.

Garcías Film ist bei uns als Mütter und Töcher auf Blu-ray und DVD erschienen. Einige Anbieter führen ihn auch in ihrem Online-Sortiment.

Sonntag, 3. April 2022

Jurassic Park (1993)


In Bezug auf Haltbarkeit gibt es drei Arten von Filmen: Solche, die schlecht altern (die Mehrzahl), jene, die trotz ihre Alters frisch und knackig bleiben und solche, deren Zeit erst später kommt (einige ganz wenige).
Steven Spielbergs Jurassic Park kann zu den letzten beiden Gattung gezählt werden. Er erzählt von den Gefahren biologischer Forschung und deren Ergebnissen. 

Im geheimen Biolabor des reichen Briten John Hammond (Richard Attenborough) ist es Forschern gelungen, eine ausgestorbene Lebensform durch klonen wieder zum Leben zu erwecken. Doch das ist Hammond nicht genug. Er will die Errungenschaft seiner Wissenschaftler in einem "Amusement Park" zugänglich machen. Dieser heisst "Jurassic Park" und will wiedererweckte Dinosaurier gegen Eintrittsgeld zur Schau stellen. 

Damit nahm sich der Film (und vor ihm Michael Crichtons Buchvorlage) warnend zwei bereits 1993 vorhandene problematische gesellschaftliche und wissenschaftlichen Tendenzen vor: Verantwortungsloses Herumbasteln an den Grundbausteinen der Schöpfung und blinde Vergnügungssucht. Beide haben sich inzwischen, mit Ausbruch des künstlich gezüchteten Covid-Virus, als fatal erwiesen.
Dass Covid in einem biologischen Forschungslabor in Wuhan "designt" wurde, steht heute zwar zu 99% fest, doch eine mit Brot und Spielen blöd und willfährig gehaltene Mehrheit lässt sich von Anthony Fauci
und Christian Drosten im Verbund mit den staatlich finanzierten und gesteuerten Medien noch immer den Bären mit den Fledermäusen aufbinden und erzählen, Wuhan sei eine "Verschwörungstheorie".

In Spielbergs Film (Drehbuch von Michael Crichton selbst, ergänzt von David Koepp) sind die gezüchteten Viecher zwar ungleich grösser als die heutige Menschheitsbedrohung aus dem Biolabor, doch die Gefahr bleibt dieselbe. Wie Dr. Malcolm (Jeff Goldblum) an einer Stelle im Film zu bedenken gibt: Es war von der Schöpfung nicht gedacht, dass Menschen und Dinosaurier zusammen existieren - und das hatte gute Gründe.

Jurassic Park führt denn auch anschaulich vor Augen, weshalb: Für die paar Besucher, denen Hammond seinen Park vor der Eröffnung vorführen möchte, wird der Aufenthalt wegen eines Stromausfalls zum Alptraum. Die plötzlich frei gekommenen Biester stellen punkto Fressgier, List und Masse alles in den Schatten, was der Mensch zu bewältigen im Stande ist. Mit anderen Worten: Er hat keine Chance.
Den Hauptpersonen (zwei Paläontologen, ein Chaostheoretiker und zwei Kinder) geschieht zwar dank eines mit vielen gütigen Vorsehungen gespickten Drehbuchs nichts, doch das anschliessende Happy End täuscht: Auf der Insel laufen noch immer raubgierige Raptoren frei herum - und dann sind da noch die Saurier-Embryonen, welche ein geldgieriger Mitarbeiter nach draussen schmuggeln und für teures Geld verhökern wollte. Auf der Flucht fiel ihm der Behälter mit den eisgekühlten Embryonen irgendwo auf der Insel in den Schlamm, wo sie sich in der Folge unentdeckt und in aller Ruhe zu wüsten Überraschungen für die Menschheit entwickeln und vermehren können...

Vieles vom Drehbuch ist sehr schön konzipiert, so etwa die menschliche Entsprechung der fressgierigen Carnivoren im geldgierigen Mitarbeiter. Der Umstand, dass der wissenschaftliche Machbarkeitswahn nicht bösen Gedanken sondern der Naivität und der Showbusiness-Mentalität des kindlichen Parkbesitzers entspringt, ermöglicht zudem eine ironische Note, mit der sich der Film und seine Macher selbst aufs Korn nehmen.

Doch leider ist das Drehbuch - oder zumindest Teile davon - auch der Schwachpunkt dieses brilliant inszenierten Films. Die Figuren sind flach und eindimensional, einige thematische Aspekte wirken unausgereift und die Erzählung holpert an einigen Stellen.
Angesichts der hervorragenden Spannungsdramaturgie, der brillianten Regieeinfälle und der Aktualität, die Jurassic Park in zunehmendem Masse hat, sind das aber eher vernachlässigbare Aspekte.

Der Film ist auf DVD und Blu-ray erhältlich, zudem haben ihn zahlreiche Online-Anbieter im Sortiment.

For the record:
Bevor ich auf der Suche nach einem rezensionswürdigen Film bei Jurassic Park hängen geblieben bin, habe ich es mit folgenden Filmen erfolglos versucht:  

Kirschblüten - Hanami (Deutschland, 2008)
Doris Dörries Film über ein altes Ehepaar (Elmar Wepper und Hannelore Elsner) kracht nach einer annehmbaren ersten Hälfte komplett in sich zusammen. Die erste Hälfte imitiert Jim Jarmush, der zweite Teil (der in Japan spielt) ist peinlich bis über die Schmerzgrenze. Die Japan-Reise, die Rudi seiner Frau jahrzehntelang versagt hat, unternimmt er nach deren Tod alleine - eine Ungeheuerlichkeit. Und dabei versucht der Film auch noch, auf die Tränendrüse zu drücken. Zum davonlaufen!

Ernst sein ist alles (The Importance of Being Earnest, 2002)
Bla bla bla... Kinoadaptionen von Theaterstücken sind oft allzu geschwätzig. Grosse Theaterstücke lassen sich zudem nur selten erfolgreich auf Kinoformat zusammenstutzen - vor allem dann nicht, wenn man sich ihnen mit übertriebenem Respekt nähert.
Diese Umsetzung von Oliver Parker ist nett, aber trotz guter Schauspielerinnen und Schauspieler nichtssagend.

Quigley, der Australier (Quigley Down Under, 1990)
Wie originell (gähn): Altbekannte Western-Versatzstücke werden in diesem Film nach Australien verschoben, die ausgebeuteten Indianer mit ausgebeuteten Aborigines ersetzt und fertig ist ein Western, der ausser der australischen Landschaft nichts Neues bringt. Der Fokus auf unterdrückte Ureinwohner ist zwar lobenswert, aber die richtige Haltung allein hat noch nie einen guten Film gemacht...

Mission (The Mission, 1986)
Das Wiedersehen mit diesem gefeierten und hoch dekorierten Film, 36 Jahre nachdem ich ihn das erste Mal gesehen hatte, hinterliess genau denselben Eindruck wie damals: Ein visuell eindrucksvolles, vordergründiges, artifiziell aufgeblasenes Geschichtsepos, das trotz wahrem Hintergrund in dieser Form unglaubwürdig wirkt und mit viel Schwulst gewaltig nervt. Gute Schauspieler, mittelmässige Regie, schlechtes Drehbuch.

Die Müssiggänger (I Vitelloni, Italien 1953)
Ein Zeitbild aus dem Italien der 50er-Jähre um eine Gruppe Männer, die dem Müssiggang frönen. Federico Fellinis erste Filmregie.
Sehr gut inszeniert, aber: So what?! Was hat uns der Film heute zu sagen? Hmm...
Wer unbedingt will, soll sich ruhig mit dem Problem "junge verantwortungsscheue Männer im Italien der Nachkriegszeit" befassen. Mich kümmern heutige Dinge stärker: Krieg, Covid, staatlich verursachter Energiemangel, gesellschaftliche Spaltung, das Verschwinden der Demokratie in europäischen Staaten, Klimawandel...
Muss ich noch mehr sagen?

Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
Olivia De Havilland in einer Doppelrolle als Zwillingsschwestern - dafür wurde sie gefeiert. Der Film enttäuscht allerdings: Nach einem interessanten Start ergeht er sich in ernst gemeintem laienpsychologischem Quark, der damals möglicherweise solide wirkte, heutigen Erkenntnissen aber nicht stand hält.
Schauspielerisch eindrucksvoll, aber effekthascherisch. Je länger der Film dauert, desto unglaubhafter wird er.

Die Frau mit der Narbe / Erpressung (A Woman's Face, 1941)
Joan Crawford mit von schlecht drapiertem Make-Up verunstaltetem Gesicht t
ritt hier als Erpresserin auf, die geläutert wird. Der von George Cukor bildnerisch toll gestaltete Film verschenkt sein Potential an eine umständliche und ermüdende, in Rückblenden und mit permanent wechselnder Szenerie operierende Erzählstruktur. Nach 20 Filmminuten tappt man über die Handlung noch immer im Dunkeln. Die mit grösstmöglicher emotionaler Distanz gezeichneten Charaktere erstickten mein permanent absterbendes Interesse vollends.

Show Boat (1936)
Die erste Filmversion des berühmten Musicals stammt von... James Whale (Frankenstein, The Old Dark House)!
Hervorragend inszeniert, doch der Film funktioniert hetue kaum mehr, er ist komplett veraltet,
obwohl er damals mit den in eine Handlung integrierten Songs Neuland betrat. Die singenden Schauspieler wirken aus heutiger Sicht steif und deplatziert.

Sonntag, 20. März 2022

The Aeronauts (2019)


Den aktuellen Quoten-Trend im Kino - Frauenquoten, ethnische Quoten, Minderheiten-Quoten - finde ich in der Regel nicht nur kontraproduktiv sondern in höchstem Masse lächerlich. Da werden Dickens-Verfilmungen entgegen jeglicher historischer Erkenntnis mit Schauspielern aus aller Herren Länder besetzt oder Männerrollen willkürlich in Frauenrollen umgemünzt. All dies geschieht in den meisten Fällen nicht aufgrund künstlerischer Gesichtspunkte, sondern aus Gründen der politischen Korrektheit.

Ab und zu kommt allerdings ein Film, der beide Aspekte unter demselben Hut vereint. Ich war überrascht, denn ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass ich The Aeronauts wegen seiner historischen Verbiegungen nicht zu Ende gucken würde.
Die Geschichte dreht sich um den Meteorolgie-Pionier James Glaisher, der zwischen 1862 und 1866 zusammen mit dem Ballonfahrer Henry Coxwell zahlreiche wissenschaftliche Ballonfahrten unternommen hatte. Coxwell wurde aber vom Filmstudio einfach eliminiert und quotentauglich durch eine Frau ersetzt. Es gab zwar zu jener Zeit ballonfahrende Frauen, etwa Sophie Blanchard, nach deren Vorbild die für den Film erfundene Figur der Amelia Wren modelliert wurde.

The Aeronauts von Tom Harper (Drehbuch und Regie) und Jack Thorn (Co-Drehbuch) geht allerdings einen Schritt weiter, indem er das historische Gerüst mittels poetisch-fantastischer Elemente künstlerisch überhöht und die Verquickung von Wissenschaftlichkeit und Kunst gleich auch zu seinem heimlichen Haupt-Thema macht. Dass dies eine Hymne auf die Magie des Kinos dessen Erzähltraditionen ergibt, haben die einander abschreibenden Mainstream-Kritiker wieder mal nicht gemerkt - The Aeronauts wurde mehrheitlich verrissen, u.a. wegen mangelnder historischer Genauigkeit. 

Ist man gewillt und in der Lage, etwas tiefer zu blicken, kommt man zur Erkenntnis, dass Tom Harpers Film ein cinèastisches Meisterstück ist. Zuzusehen, wie die beiden Hauptfiguren (gespielt von Felicity Jones und Eddie Redmayne), deren gemeinsame Szenen sich praktisch auf den engen Ballonkorb beschränken, sich im Lauf der Handlung in kleinsten Schritten aufeinander zu bewegen, ist nicht nur hoch spannend, sondern auch höchst gekonnt geschrieben und inszeniert. Für mich ein herausragender Kinostück, das sich keinem Genre zuordnen lässt und doch mit den gängigen Filmgenres von Fantasy über Action und Abenteuer bis zum Liebesdrama fast alles Revue passieren lässt, was das Kino von Anbeginn weg gross gemacht hat.

Im Zentrum von The Aeronauts steht ein Ballonflug, der in Echtzeit vorgeführt wird. James Glashier tat sich dafür mit der Schaustellerin und Ballonfahrerein Amelia Wren zusammen, um in luftigen Höhen seine von anderen Wissenschaftlern verlachten meteorologischen Studien durchführen zu können. Die Artistin und der Wissenschaftler sehen sich im Zug ihres Aufstiegs in schwindelnde Höhen mit den zahlreichen Schönheiten, aber auch mit den tödlichen Gefahren einer Natur konfrontiert, die sich die damaligen Menschen noch nicht erschlossen hatten. Beides wird zu intensiven Kinomomenten von hoher bildnerischer und emotionaler Kraft verdichtet.
Der Aufstieg wird an geeigneten Stellen immer wieder mit Rückblenden in die Vorgeschichte des Unternehmens unterbrochen, welche ausstatterisch und kostümtechnisch eine Augenweide bieten.

The Aeronauts ist nicht nur ein Film von aussergewöhnlicher Bildkraft, er vermag auch punkto Charakterzeichnung und Erzähltechnik vollends zu überzeugen.
Angesichts der vielen schlechten Rezensionen eine freudige Überraschung!

Den Film gibt es zur Zeit ausschliesslich im Stream (und da auch nur bei amazon) zu sehen.

Donnerstag, 17. März 2022

Die Frau im Morgenrock (Woman in A Dressing Gown, UK 1957)


Yvonne Mitchell - wer kennt die 1979 verstorbene britische Schauspielerin heute noch? Sie wirkte vor allem auf der Bühne, spielte aber doch in einer stattlichen Anzahl Kinofilmen gewichtige Haupt- oder Nebenrollen. Und sie war eine der wandlungsfähigsten englischen Schauspielerinnen.
Ich wurde durch die Tolstoi-Verfilmung Pique Dame (The Queen of Spades, 1949) auf sie aufmerksam - dort hatte sie ihre erste grosse Leinwandrolle. In meiner Kritik von 2016 schreib ich über sie:
Besonders die mir bislang gänzlich unbekannte Yvonne Mitchell ist mir aufgefallen – sie spielt die Lizavjeta mit einer unglaublichen Mischung aus Zerbrechlichkeit und Standhaftigkeit, und ihre Ausbrüche sind derart herzzerreissend wahrhaftig, dass man nägelkauend um ihr Schicksal bangt. 

Yvonne Mitchell & Anthony Quayle

Ich staunte nicht schlecht, als ich die Mitchell gestern Abend dann zum zweiten Mal sah, in Woman in A Dressing Gown, der acht Jahre später entstand. Was für ein Kontrast: Als verblühte leicht vulgäre Unterschicht-Hausfrau ist sie kaum wiederzuerkennen. Ist es nötig, zu erwähnen, dass sie auch diese Rolle mit grösster Bravour und Authentizität spielt? Sie erhielt dafür an der Berlinale den silbernen Bären.

Woman in A Dressing Gown ist eine Art Vorwegnahme der späteren britischen Filme des sogenannten "Kitchen Sink Realism", die in den Dokumentarfilmen nachempfundener Manier vom Leben der kleinen Leute erzählten. Die "Kleinen Leute" dieses Films sind Amy und Jim (Yvonne Mitchell und Anthony Quayle) und ihr Sohn Brian (Andrew Ray). Jim hat eine Affäre mit der jüngeren Sekretärin Georgie (Sylvia Syms), die ihn dazu drängt, seine Frau zu verlassen.
Das interessante an diesem Werk ist die Zeichnung der Hauptfigur, Amy. Der Film ist ganz auf Yvonne Mitchell und deren schauspielerische Qualitäten ausgerichtet. Ihre Darstellung ist dabei fern jeder Eitelkeit. Mitchell gestaltet die aussergewöhnliche Rolle mit viel Zwischentönen und soviel Mitgefühl, dass sie wahr und real erscheint. 

Ted Willis' Drehbuch wirkt noch heute frisch und vermochte mich mit seiner tiefgründigen Auslotung einer alltäglichen Geschichte vollkommen zu überzeugen. Regisseur J. Lee Thompson, der später mit Action-Filmen wie etwa Die Kanonen von Navarrone berühmt wurde, transferiert die fragile Geschichte mit bewundernswerter Subtilität in bewegte Bilder.
Alles in allem war dieses vergessene Werk für mich eine rundum positive Überraschung. Ein Jammer, dass es im deutschsprachigen Raum nicht auf DVD erschienen ist... In England kann der Film als DVD von Optimum Home Entertainment bestellt werden.

For the record:
Bevor ich bei Woman in A Dressing Gown hängen geblieben bin, habe ich folgende Filme abgebrochen:  

Big Jake (1971)
Konventioneller Western mit einem gealterten John Wayne, der als Zugeständnis an New Hollywood realistisch blutige Schusswunden zeigt. Aus dem Zusammenprall zwischen dem Old West und der Neuzeit vermag der träge Film aus heutiger Sicht kaum Spannung zu beziehen...

Alle lieben Pollyanna (Pollyanna, 1960)
Sympathische, aber doch recht behäbige und belanglose Disney-Produktion um ein Waisenkind (Hayley Mills), das eine graue Kleinstadt mit ihrem Charme zu neuem Leben erweckt. Sehenswert: Karl Malden hat als apokalyptischer Dorfpfarrer hier einen seiner stärksten Auftritte.

Freitag, 11. März 2022

Seh-Empfehlung 34: Cast Away - Verschollen (Cast Away, 2000)


Diesmal ging es schnell - schon der erste Film nach meinem letzten Artikel war ein Treffer. Diesmal also eine Rezension ohne die obligate "Liste der abgebrochenen Filme" am Schluss.

Cast Away
war nach dem Klassiker Forrest Gump (1994) die zweite erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Robert Zemeckis und dem Star-Schauspieler Tom Hanks. Das Drehbuch stammt aus der Feder von William Broyles Jr., der bereits früher für einen Tom Hanks-Klassiker als Drehbuchautor fungierte:
Apollo 13 (1995).
Eine bemerkenswerte Massierung von Talent also, und tatsächlich überzeugt Cast Away während seiner gesamten Laufzeit: Der Film packt von Anfang an, bereits die Vorgeschichte, welche das Alltagsleben der Hauptfigur zeigt, ist spannend - weil man weiss, was da bald auf sie zukommt.

Chuck Noland (Tom Hanks), ein hohes Tier bei der Zustellfirma FedEx, ist derart in seine Arbeit eingespannt - eben wurde eine Dependance in Moskau eröffnet - dass er kaum Zeit für seine Verlobte Kelly (Helen Hunt) findet. Die geplante Heirat muss warten, nicht zuletzt, weil auch sie zeitlich eingespannt ist - in ihr Studium.
Als Chuck sich vor einem weiteren seiner vielen Flüge von Kelly verabschiedet, ahnen beide nicht, dass es erst Jahre später zu einem Wiedersehen kommen wird: Chucks Maschine stürzt über dem Südpazifik ab, als einziger Überlebender landet er auf einer verlassenen Insel. Ohne jede Aussicht auf Rettung, wie sich bald zeigt. Er muss sich alleine durchkämpfen und klammert sich dabei gegen alle Widrigkeiten und Wahrscheinlichkeit ans letzte, was ihm geblieben ist: sein Leben.

Zemeckis' Film wartet mit einigen visuellen Überraschungen im ansonsten minimalistisch gestalteten Überlebensepos auf. Auf der Insel gibt es kaum Dialog, wenig Handlung, dafür umso mehr einfallsreicher herbeigeführte Wendungen:
Pakete aus der verunglückten Luftfracht werden angeschwemmt; ein bemalter Volleyball wird zu Chucks Gesprächspartner, was dessen geistige Gesundheit rettet; scheinbar nutzlose angeschwemmte Videokassetten finden später eine wichtige Verwendung...
Das Drehbuch sorgt geschickt und ohne Sensationslüsternheit für permanente Spannung.

Cast Away erzählt von einem, der alles verliert und sich selbst an einem fremden, unwirtlichen Ort neu erfindet. Den er am Ende aufgibt, indem er nach mehreren einsamen Jahren ins Ungewisse aufbricht. Im Grunde wird hier die Geschichte eines langen Abschieds erzählt, an dessen Ende unser Protagonist vor dem Nichts steht. Doch wer ganz zu Beginn des Films genau aufpasst, kann erahnen, wie der Film enden wird. Dies bleibt zwar offen, aber in diesem Moment übernimmt das Wunschdenken des Zuschauenden die Rolle des Erzählers. Und deshalb gibt es ein Happy End. Das spricht sehr für den Film, denn die Hauptfigur wächst einem in den fast zweieinhalb Stunden der Filmdauer so ans Herz, dass man ihm am Ende des Weges nur das Beste wünscht.

Cast Away - Verschollen gibt es hierzulande auf Blu-ray, DVD und bei zahlreichen Anbietern online.


 

Sonntag, 6. März 2022

Seh-Empfehlung 33: Das unheimliche Fenster (The Window, 1949)

Nach vielen vergeblichen Versuchen, einen guten Film zu sehen (siehe Anhang unten), ist es mir nun endlich gelungen, wieder einmal ein empfehlungswürdiges Kinowerk auszumachen: The Window von Ted Tetzlaff (Regie) und Mel Dinelli (Drehbuch).
Er bringt eine (weitere) Variation jener sattsam bekannten Geschichte des Jungen, der spasseshalber das Dorf vor dem Wolf warnte, und dem niemand glaubte, als der Wolf dann wirklich kam. 

Tommy, ein phantasiebegabter Junge aus dem New Yorker Arbeitermilieu der späten Vierzigerjahre (Bobby Driscoll) hat seine Eltern (Arthur Kennedy und Barbara Hale) schon öfters mit seinen Lügengeschichten in Schwierigkeiten gebracht. Als er Zeuge wird, wie das als nett geltende Ehepaar Kellerson (Paul Stewart und Ruth Roman), das im selben Block wohnt, einen Mann ermordet, glaubt niemand seiner Erzählung.
So weit, so bekannt. Auch "so langweilig"? Nein, denn nun kommt eine Kette von Ereignissen in Gang, welche dazu führt, dass die bislang ahnungslosen Kellersons von Tommys Mitwisserschaft erfahren. Als Tommy eine Nacht allein zu Hause verbringen muss, sehen sie die Gelegenheit für gekommen, den Zeugen aus dem Weg zu räumen.

Die grösste Stärke des Filmes ist das Erzählen aus der Kinderperspektive. Sämtliche Erwachsenen, sogar die eigenen Eltern, erscheinen dabei als übermächtige Gegenspieler und Feinde. Alle sind auf die eigene Reputation bedacht, die in ihren Augen darunter litte, würden sie den Spinnereien eines Kindes Glauben schenken. Auf seinem eigenen Spielplatz - einem halb verfallenen mehrstöckigen Nachbarhaus, in dem er sich auskennt - gelingt es Tommy schliesslich ohne Hilfe der "Grossen", seine Verfolger unschädlich zu machen.

Man merkt dem Film an, dass Regisseur Tetzlaff früher Kameramann war - seine Schwarzweisskompositionen sind eine Augenweide und erzeugen mittels oft ungewohnter Perspektive eine untergründige Spannung.
Die Figuren sind gut gezeichnet und vor allem hervorragend gespielt, wobei in erster Linie Kinderstar Bobby Driscoll hervorzuheben ist, der hier eine erstaunlich reife und glaubhafte Leistung abliefert (er wurde dafür 1950 mit einem Spezial-Oscar für Kinderdarsteller
ausgezeichnet), aber auch Paul Stewart und Ruth Roman als zwieliechtiges Paar liefern präzise und absolut wasserdichte Leistungen ab.

The Window ist ein kleiner Film (er dauert gerade mal 73 Minuten), der mit bescheidenem Budget grösstmögliche Wirkung erzielt. Obwohl er lange Zeit in Vergessenheit geraten war, zählt er zu den stärksten Vertretern des amerikanischen Film-Noir.

For the record:
Bevor ich bei The Window hängen geblieben bin, habe ich folgende Filme abgebrochen: 

- Belfast (2021)
Ich finde es problematisch, noch nicht weit zurückliegende historische Ereignisse, über die Dokumentarfilmmaterial und detaillierte schriftliche Berichte zu Hauf existieren, zu einem Spielfilm zu verarbeiten. Erstens: What's the point? Zweitens wirkt hier alles künstlich und gestellt. Gut inszeniert, aber komplett sinnlos...

 - Finch (2021)
Schlecht gemacht ist dieser Weltuntergangs-Science-Fiction ja nicht; Tom Hanks spielt sehr gut und der Roboter Jeff ist bisweilen köstlich. Aber der depressive Grundton des Films ging mir dann je länger je stärker derart gegen den Strich, dass ich aufhörte, gegen meine Zweifel anzukämpfen und abbrach.

- The Girl on the Train (2016)
Die Verfilmung von Paula Hawkins' gleichnamigem Erfolgsroman ist eine frustrierende Angelegenheit. Auf Effekte getrimmt, gibt er sämtliche Geheimniss der Hauptfiguren schon zu Beginn preis und krempelt so die Struktur der Vorlage - zugunsten billiger Effekthascherei - komplett um. Was den Roman so interessant macht, wird hier einfach über Bord geworfen.

- Rush: Alles für den Sieg (Rush, 2013)
Die Rivalität zwischen den beiden Formel1-Fahrern
James Hunt and Niki Lauda als Film - das mag vielleicht für Formel1-Fans von Interesse sein. Ich fand's aufgrund plakativer Charakterzeichnung nur langweilig. Im übrigen gilt hier im Prizip dasselbe, was ich schon bei meiner Kritik an Belfast geäussert habe (s. oben)...

- Der Mann, der König sein wollte (The Man Who Would Be King, 1975)
Vielgelobter Abenteuerfilm von John Huston. Ich hatte keine Lust, den beiden grund-unsympathischen Hauptfiguren über zwei Stunden durch ihre menschenverachtenden Betrügereien zu folgen.


- Der siebte Geschworene (Le septième juré, 1962)
Ein mit prätentiösem Gebaren kredenzter französisches Psycho-Drama um einen bislang respektablen Apotheker, der im Affekt eine junge Frau umbringt. Unsäglich hochtrabend, schon nach 15 Minuten hatte ich das artifizielle Getue satt. Einmal zeigt sich hier: Wer keine Geschichte erzählen kann, nimmt Zuflucht in die Kunstbeflissenheit...

- Repeat Performance (1947)
Eine seltsame Mischung aus Fantasy und Film-Noir. Nachdem eine juge Frau am Sylvesterabend ihren Ehemann erschossen hat, erhält sie die Chance, das alte Jahr nochmals zu durchleben und begangene Fehler zu vermeiden.
Hier wurde ein interessantes Thema durch mangelndes Talent auf allen Ebenen verschenkt.

- Topper - das blonde Gespenst (Topper, 1937)
Schlichtweg zu albern! Constance Bennett und Cary Grant als reiches Screwball-Paar, das ihre Umgebung mit kindischem Gehabe nervt und nach einem Unfall als Geister einen Bankdirektor auf den "richtigen" Weg bringen will... So ein Film glänzt natürlich nicht gerade durch nuancierte Figurenzeichnung.


Mittwoch, 9. Februar 2022

The Naked Jungle (Der nackte Dschungel, 1954)

Nach einer langen Reihe von Film-Abbrüchen bin ich doch wieder einmal an einem Streifen hängen geblieben - bezeichnenderweise wieder an einem, der nur wenig bekannt ist. Es kommen südamerikanische Eingeborene drin vor, ein weisser Grossgrundbesitzer, der auch noch im Zentrum der Handlung steht und allerlei gefälschte Ureinwohner-Folklore. Mit anderen Worten: Ein Graus für jeden Journalisten-Gutmenschen! Und: Ein Nazi, wer solch überkommenen rassistischen Kulturmüll überhaupt zu schauen in Betracht zieht! 

Dazu sage ich nur: "Sauft Benzin, Ihr Himmelhunde!"

Man kann einen solchen Film auch schauen, ohne in der Seele korrumpiert zu werden. Wer sich diesbezüglich gefährdet fühlt, kann sich ja einen Memo-Zettel auf den Bildschirm kleben, den er/sie immer dann, durchliest, wenn der Film beginnt, Spass zu machen:
"Dieser Film enthält negative Darstellungen und/oder eine nicht korrekte Behandlung von Menschen oder Kulturen. Diese Stereotypen waren damals falsch und sind es noch heute. [...] ist es wichtig, ihre schädlichen Auswirkungen aufzuzeigen und aus ihnen zu lernen und Unterhaltungen anzuregen, die es ermöglichen, eine integrativere gemeinsame Zukunft ohne Diskriminierung zu schaffen."
(
© The Walt Disney Company)
Alternativ kann in kritischen Momenten auch zur Flagellanten-Geisel gegriffen werden.

Ich fand es jedenfalls erfrischend, einen Hollywood-Film ohne gutmenschentümelnde Haltung, ohne überhebliches Oberlehrertum zu schauen. Sowas gibt es heute kaum noch. The Naked Jungle entstand aus dem Geist seiner Zeit heraus. Dass die Indios nicht im Zentrum des Geschehens stehen, sondern der atmosphärischen Unterfütterung der Haupthandlung dienen, war damals im Abenteuer-Genre Usus. Auch dass Weisse im Zentrum stehen. Damit kann jeder vernünftig denkende Zuschauer umgehen, ohne gleich Schaden zu nehmen. Die anderen sollen sich halt dem betreuten Denken à la Disney-Disclaimer (siehe oben) ergeben. Nach Ansicht dieser Arm..., pardon, Irrlichter ist jeder weisse Zuschauer irgendwie rassistisch und hat Betreuung nötig.
So gesehen, hat die Visionierung dieses Film etwas Befreiendes.

Es war aber etwas anderes, das mich für ihn eingenommen hat: Die Zeichnung der beiden Hauptcharaktere. Da ist auf der einen Seite der rohe, selbstherrliche Plantagenbesitzer (im Mainstream-Jargon: Ausbeuter) Leiningen (Charlton Heston), auf der anderen Joanna, eine Frau aus guter Gesellschaft, an die er sich unbekannterweise und per Fernheirat gebunden hat und die nun auf seinem (ausbeuterischen) Gut im Dschungel eintrifft (Eleanor Parker).
Zwei starke Charaktere prallen hier aufeinander, dass die Funken fliegen, denn Joanna ist nicht gewillt, sich von dem herrischen (ausbeuterischen, frauenfeindlichen, weissen, rassistischen, macho-schweinischen) Ehemann unterbuttern zu lassen. Die verbalen Schlagabtausche zwischen dem linkischen, ungehobelten (thumben) Plantagenboss und der gebildeten Frau aus gutem (bildungschauvinistischem) Hause gehören zu den Höhepunkten von The Naked Jungle - schauspielerisch wie dialogtechnisch.

Charlton Heston ist zwar wie immer steif und ungelenk, hier passt sein Typ allerdings perfekt. Fast fühlt man Mitleid mit diesem ungehobelten Klotz, weil er sich einfach nicht richtig an menschliche Umgangsformen halten kann. In einer ganz anderen Kategorie spielt Eleanor Parker, der man die innere Stärke schon anmerkt, bevor sie ihre erste Dialogzeile spricht. Parker ist eine jener grossen Schauspielerinnen, die stets zu Unrecht im Schatten viel berühmterer (aber nicht notwendigerweise talentierterer, dafür usurpatorischer) Konkurentinnen standen und die heute praktisch vergessen ist.

Als in der zweiten Filmhälfte dann unvermittelt eine Katastrophe in Form einer alles niederfressenden riesigen Ameisen-Armee losbricht, eine Plage biblischen Ausmasses, die mit vereinten Kräften bekämpft werden muss, flacht die Charakterstudie zwar ab, dafür gibt es eine tricktechnisch beeindruckende Action-Strecke (der geniale Trick-Techniker George Pal steckte hinter dieser Produktion). Im Angesicht der Gefahr kommen sich die beiden weissen Hauptprotagonisten schliesslich und endlich näher.
Das erhellende Fazit des Films: "Manchmal braucht es eine Horde Killerameisen, um zwei Menschen zusammenzubringen."

Regie führte Byron Haskin, ein wenig bekannter Name, der Filmfreaks allerdings zumindest bekannt vorkommen sollte. Tatsächlich - von ihm stammt die vielgerühmte Disney-Verfilmung von R.L. Stevensons Schazinsel (1950), der ebenso viel gerühmte Sixties-Science-Fiction-Trip Robinson Crusoe auf dem Mars (1964) und - die Mutter aller Alien-Filme - The War of the Worlds (1953) nach H.G. Wells.

Herrliche Bilder in schönstem Technicolor hübschen The Naked Jungle zusätzlich auf, so dass unterm Strich ein sehenswerter Unterhaltungsfilm herauskommt, den man noch heute gern gefallen lässt - ausser wenn man pausenlos Haltung zeigen muss/will/kann.

For the record:
Bevor ich bei The Naked Jungle hängen geblieben bin habe folgende Filme wegen "nicht gut" abgebrochen: 
- Rita will es endlich wissen (Educating Rita, 1983)
Damals ein Kinohit, heute veraltet, verstaubt und lahm. Auch Michael Caine und die mit diesem Film zu Ruhm gekommene Julie Walters können die einfallslose Bühnenverfilmung nicht retten.
- Journey of Love (Safety Not Guaranteed, 2012)
Eine Zeitreisegeschichte, deren Zeitreise so lange durch inhaltsloses Teenie-Geplänkel hinausgeschoben wird, bis der Geduldsfaden reisst...

 

Bernhard und Bianca - Die Mäusepolizei (The Rescuers, 1977)

Regie: Art Stevens, John Lounsbery, Wolfgang Reitherman Drehbuch: Ken Anderson, Larry Clemmens, frank Thomas u.a. Stimmen von Eva Gabor, Bo...